Moderator:
Behinderung und Wohnungslosigkeit, „Rassismus macht krank“ und transkulturelle Öffnung in der Pflege – das sind gleich drei interessante Themen, mit denen Menschen in Pflegeberufen konfrontiert werden. Der Deutsche Pflegetag ist Deutschlands führender Pflegekongress und nimmt auch in diesem Jahr die Zukunft des Pflegeberufs ganz genau unter die Lupe – vor Ort in Berlin. Und genau dort werden die Themen behandelt, die ich eben erwähnt habe. Auch die BGW ist natürlich mit verschiedenen Programmpunkten dabei. Ich bin Ralf Podszus und ich bin für euch im Hub27, zusammen mit 10.000 Besucherinnen und Besuchern. Ordentlich voll ist es hier – und das ist ein Rekord, so viele waren bisher noch nie dabei. Das liegt eben auch an den wichtigen Themen, die hier besprochen oder in Workshops erlebt werden können. Da kann man schon mal den Überblick verlieren bei so viel Programm. Und darum habe ich Unterstützung. Bei mir ist Dominik Stark, Fachgesundheits- und Krankenpfleger aus Bielefeld.
Dominik Stark:
Hi – richtig, die Stadt, die es nicht gibt.
Moderator:
Aber du bist da, also irgendwie hat es doch geklappt, das ist schön. Dominik, du arbeitest auf der Intensivstation und in der Notaufnahme, du engagierst dich auch aktiv in der Gewerkschaft und bist Vorstandsmitglied der Pflegekammer NRW. Ich habe ja auch schon mit dir ausführlich gesprochen – hört euch mal die interessante Herzschlag-Folge an: „Inspirierende Menschen im Berufsalltag“ mit Dominik Stark. Das macht voll Sinn, kann ich euch nur empfehlen, ist sehr interessant. Du zeigst deinen Berufsalltag auch regelmäßig online, zum Beispiel bei Instagram. Was hast du zum Deutschen Pflegetag bis jetzt schon gepostet?
Dominik Stark:
Tatsächlich habe ich gestern, als ich hier auf der Anfahrt nach Berlin war, einen Beitrag abgesetzt, wo ich im Arbeitsoutfit lächelnd in die Kamera blicke. Der Slogan ist: „Ich würde mich immer wieder für diesen Beruf entscheiden“ – trotz Herausforderungen und teilweise schlechten Rahmenbedingungen, weil ich den Beruf einfach unglaublich… ich sag’s mal so… unglaublich geil finde. Und ich glaube, dass wir positiv mit dieser Einstellung hier auf dem Deutschen Pflegetag auftreten sollten. Und das ist, glaub ich, auch der Spirit hier. Das war der Post, bevor es überhaupt losging. Und ansonsten war ich heute schon so busy, dass ich es noch gar nicht geschafft habe, brandaktuell vom Pflegetag zu posten.
Moderator:
Du hast jetzt deinen blauen Kasack getauscht und stehst hier mit einem netten Sakko vor mir. Auch so kann man den Herrn Pfleger mal sehen.
Dominik Stark:
Wollt grad sagen, ja. Session, ne? Wenn man moderiert… Also warum nicht mal im blauen Kasack moderieren? Würde ich auch cool finden. Aber da ich ja auch politisch aktiv bin, versucht man – leider, es ist leider immer noch so – auf Augenhöhe zu sein. Und da musst du dann auch irgendwie wenigstens ein Sakko tragen, komischerweise. Aber na ja, das ist eine andere Geschichte.
Moderator:
Dominik, du bist jetzt mein Pflegetags-Navi und bringst mich zu den interessanten Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern hier.
Dominik Stark:
O. K., auf jeden Fall. Ich habe da einige im Kopf.
Jingle: Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Wir reden heute vor allem über die Vielfalt in der Pflege. So, und jetzt geht’s los, liebes Pflegenavi. Bitte die kürzeste Route – wo geht es hin?
Dominik Stark:
Komm, wir gehen jetzt hier geradeaus, am Stand vorbei. Guck mal – das ist übrigens der Stand, wo mein Podcast beworben wird. Ach so – hier, da hänge ich auf dem Bild. Da siehst du das, da.
Moderator:
Bist du – und zwar im blauen Kasack, ne? „Pflege neu gedacht – zwei Perspektiven, zwei Podcasts, ein Thema.“ Ja, ein Satz zum Podcast?
Dominik Stark:
Also, ich hab ja auch einen Podcast, „Das Recht“. Da geht’s mir darum, die Pflege sichtbar zu machen, und für die Gesellschaft greifbar. Ein Mix aus Fachlichkeit und lockerem Plausch über Pflege und Gesundheit. Guck mal links, spannend: Hier werden Tragen aus der Notaufnahme präsentiert – brandaktuell.
Moderator:
Das sieht cool aus. So lässt man sich gerne abholen.
Dominik Stark:
Ja, ich kann dir sagen: In der Realität haben wir da viel ältere Modelle. Die kosten natürlich ein Vermögen, aber sowas erleichtert den Arbeitsalltag.
Moderator:
Ist die besonders gefedert oder bequemer?
Dominik Stark:
Ich sehe so eine moderne Variante zum ersten Mal. Sieht echt cool aus. Kopf hochlagern, verschiedene Knöpfe, alles elektrisch – top. Kann ich mir gut vorstellen.
Moderator:
Bequem und teuer. Wir gehen weiter. Wenn du was Interessantes siehst – sag Bescheid.
Dominik Stark:
Wir haben hier viele kleine Aussteller, die ihre Produkte präsentieren oder Personal werben wollen. Bei 10.000 Teilnehmenden ist das ein Markt. Da will sich jeder gut darstellen. Amboss und Novaheal – die haben z. B. eine App rausgebracht, wo sich Pflegende fortbilden können. Da kenne ich auch jemanden – sehr cool. Lass mal Hallo sagen.
Moderator:
Wir sagen mal Hallo hier.
Dominik Stark:
So, guck mal, wenn du schon gewunken hast – wir nehmen gerade einen Podcast auf. Hi! Was macht ihr denn für einen schönen Podcast?
Moderator:
Du bist mittendrin im BGW-Podcast „Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben“.
Dominik Stark:
Wow, welcome! Du bist jetzt einfach drin. Und wir gehen weiter zum DBfK – der größte Berufsverband in der Pflege. Hi, wir nehmen gerade einen Podcast auf. Wer bist du denn?
Marina Kauer:
Hallo, ich bin Marina Kauer vom DBfK Nordwest.
Moderator:
Und wer steht neben dir?
Andrea Fischer:
Andrea Fischer vom DBfK Südost.
Moderator:
Wir schlendern weiter.
Dominik Stark:
Wir gehen weiter.
Moderator:
Stadtbekannt hier, Domi.
Dominik Stark:
Man kennt die eine oder andere Person.
Moderator:
Und mir ist aufgefallen: Alle fliegen hier irgendwie rum, wenn wir hier gerade durchlaufen. Egal bei welchem Stand.
Dominik Stark:
Vielleicht einfach, weil wir lustig aussehen. Wir gehen jetzt hier weiter. Hier ist der Stand vom Deutschen Pflegerat und auch von der Pflegekammer beziehungsweise von den Pflegekammern. Und hier ist die „Pflege-to-go“-Bühne. Hier finden Programme statt. Unter anderem wird hier später eine Organisation von engagierten Pflegenden – „Pflege gegen Rechts“ – einen Vortrag halten, in dem sie sich klar positionieren gegen Rassismus, Extremismus und Ausgrenzung. Ein Thema, das uns aktuell sehr umtreibt – auch im Pflegeberuf.
Moderator:
Ja, ganz viele Menschen kommen aus Syrien, die in der Pflege tätig sind oder als Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern arbeiten. Aktuelles Thema gerade: Man kann in das sichere Herkunftsland Syrien ja auch wieder abschieben. Vielen ist das nicht bewusst. Sie sagen dann: „Sollen die doch mal selbst ihr Land aufbauen, warum sind die überhaupt hier?“ Und ich muss mich plötzlich mit Gedanken und Meinungen auseinandersetzen, die vor ein paar Jahren als rechtes Gedankengut abgetan wurden – die sich aber mittlerweile in der Gesellschaft manifestieren. Auch hohe Politikerinnen und Politiker sagen solche Dinge. Wenn man bedenkt: Ohne diese Menschen… wie viel Prozent an Pflegekräften oder Ärztinnen und Ärzten hätten wir noch? Eine zweistellige Zahl auf jeden Fall.
Dominik Stark:
In der Pflege kann man sagen: Jede fünfte Pflegefachperson hat einen Migrationshintergrund. Kannst du dir ausrechnen: Wären diese Menschen nicht da, würde unser Gesundheits- und Pflegesystem sofort zusammenbrechen. Wir hätten gar keine Versorgung mehr. Wir müssten diesen Menschen von Herzen dankbar sein, dass sie hier bei uns sind und unser System am Laufen halten.
Deswegen finde ich diese Debatte so absurd und verletzend. Ich habe viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland, die motiviert hierherkommen, mit Anerkennungsverfahren kämpfen, Deutsch lernen, Lust auf die Arbeit haben – und dann erleben sie solche gesellschaftlichen Debatten. Das ist schwierig. Ohne diese Menschen wären wir wirklich aufgeschmissen.
Moderator:
Spätestens wenn man nicht mehr drei Stunden in der Notaufnahme wartet, sondern sieben, merkt man irgendwann: Da fehlen Fachkräfte, die eigentlich hier sein sollten, die aber vielleicht keine Lust mehr haben, nach Deutschland zu kommen, weil sie sich nicht erwünscht fühlen.
Dominik Stark:
Genau. Ich glaube, es geht oft um Rahmenbedingungen. Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland kennen andere Kompetenzprofile, viele haben studiert, kommen hier in ganz andere Strukturen. Das ist ein Teil.
Aber das Wichtigste ist die Willkommenskultur. Diese Menschen müssen vernünftig integriert und willkommen geheißen werden. Sie brauchen die Möglichkeit, mit ihrer Kultur hier einen Platz zu finden. Das sollten wir als Gesellschaft möglich machen.
Moderator:
Rassismus in der Pflege. Da starten wir jetzt voll rein. Beim Wort „Vielfalt“ drehen manche total durch, schreien gegen das Gendern oder möchten, dass sich das Stadtbild verändert. Dabei ist in Pflegeberufen völlig klar: Alles funktioniert nur, wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenarbeiten. Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Polen, Rumänien, Türkei – aus diesen Ländern kommen die meisten ausländischen Pflegekräfte in Deutschland. Ohne Migration würde die Beschäftigtenzahl in der Pflege nicht wachsen. Studien sagen: Das Wachstum der letzten Jahre basiert quasi ausschließlich auf ausländischen Beschäftigten. Wenn ein Viertel des Teams aus Menschen besteht, die woanders ihre Wurzeln haben, dann ist Vielfalt Alltag. Du erlebst das hautnah, Dominik. Wie läuft das bei euch auf Intensiv und Notaufnahme?
Dominik Stark:
Bei uns gibt es viele Kulturen und Nationalitäten, und ich sehe das als total bereichernd. Ich war vor kurzem viel auf der Intermediate-Care, weil wir Personalengpässe hatten. Jetzt haben wir mehrere Kolleginnen aus Indien eingestellt – top motiviert, fachlich sehr stark. Pflege wird in Indien studiert! Viele sind fachlich wirklich krass gut. Wir tauschen uns aus: Wie läuft Pflege in Indien? Was ist anders? Das ist total spannend.
In der Notaufnahme arbeite ich mit einem Kollegen, der lange in Istanbul in einer Notaufnahme gearbeitet hat. Was der erzählt – Wahnsinn! Da müsste man eine eigene Podcast-Folge mit ihm machen. Die Menschen gehen da nicht zum Hausarzt – sie gehen in die Notaufnahme. Da ist alles vertreten: schreiende Kinder, ältere Menschen, jemand mit Mückenstich, jemand, der röntgen will … Ramba Zamba. Und trotzdem läuft es irgendwie koordiniert. Dann kommt er in eine deutsche Notaufnahme – mit farbigen Bodenmarkierungen und klaren Wegen – das ist natürlich eine riesige Umstellung.
Moderator:
Mit gelb markierten Linien. „Bitte hier entlang“.
Dominik Stark:
Genau. „Folgen Sie der grünen Markierung.“ Alles sehr strukturiert. Aber was total hilfreich ist: Wir haben ja nicht nur internationale Kolleginnen und Kollegen – auch die Patientenschaft ist vielfältig. Bei Sprachbarrieren kann man zwar mit Gesten arbeiten, aber es ist Gold wert, wenn jemand die Sprache spricht. Da sind auch schon lustige Situationen entstanden – ich gehe rein und sage auf Türkisch: „Hallo, wie geht’s?“ – und die Leute lachen sofort. Es macht die Situation entspannter. Auch beim Essen – mega. Die Kolleginnen und Kollegen bringen Essen aus ihren Ländern mit. Da gibt’s eine Vielfalt auf Station … Meine belegte Stulle wirkt dagegen manchmal etwas traurig.
Moderator:
… und auf der anderen Seite ist natürlich die traurige Wahrheit: Wir müssen diese Menschen auch schützen, die in diesem Beruf arbeiten. Sätze wie „Bringen Sie mir mal eine richtige Krankenschwester“ oder „einen richtigen Pfleger“ – und damit meinen Patientinnen und Patienten: deutsch aussehend, deutsch sprechend – da muss man einschreiten. Das sind verletzende, rassistische Aussagen. Und da muss man als Team auch aufstehen und klar Grenzen setzen.
Dominik Stark:
Absolut. Da muss man Haltung zeigen. Ich würde im Zweifel vom Hausrecht Gebrauch machen und die Leute verweisen. Wir müssen unsere Kolleginnen und Kollegen schützen.
Moderator:
Leider ist Rassismus immer mehr ein Problem – nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in Krankenhäusern und auf Stationen. Pflegekräfte sind strukturellem Rassismus ausgesetzt: durch Institutionen, Kolleginnen und Kollegen, Patientinnen und Patienten.
In einem Workshop haben Pflegende sich ausgetauscht, über ihre Erfahrungen gesprochen, sich unterstützt. Ziel: Selbstermächtigung fördern, Solidarität stärken und Impulse für eine diskriminierungssensible Pflege setzen. Nero Schönau war dabei. Sie ist Mitarbeiterin im Projekt „Rassismus macht krank“. Hi Nero!
Nero Schönau:
Hi.
Moderator:
Nero, welchen Rassismus haben die Pflegenden erlebt?
Nero Schönau:
Pflegende unterliegen häufig einer Mehrfachbelastung.
- Privat erleben sie Rassismen im Alltag.
- Auf der Arbeit erleben sie Rassismus durch Patientinnen und Angehörige.
- Sie erleben Rassismus durch Kolleginnen und durch Vorgesetzte.
- Und sie bezeugen oft, wie Patientinnen und Patienten rassistisch behandelt werden.
Das ist extrem belastend, weil sie nicht immer wissen, wie sie reagieren sollen oder dürfen.
Moderator:
Wie wichtig war es für die Teilnehmenden, darüber zu sprechen?
Nero Schönau:
Sehr wichtig. Es gibt kaum Räume, in denen Betroffene offen reden können.
Viele Arbeitgebende haben Angst vor „Politisierung“. Betroffene haben Angst, als schwierig abgestempelt zu werden oder als „zu sensibel“. Darum ist es wichtig, geschützte Räume zu schaffen, in denen sie ohne Sorge sprechen können.
Moderator:
Du bist selbst Person of Color. Was hast du erlebt?
Nero Schönau:
Der Alltagsrassismus wiegt schwer, weil er sich summiert.
Zum Beispiel:
- In akademischen Kontexten werde ich oft nicht für eine Referierende gehalten, sondern mir werden andere – vermeintlich „passendere“ – Berufe zugeschrieben.
- In Gebäuden oder Treppenhäusern werde ich misstrauisch gefragt, was ich da mache.
- Es fehlt einfach oft ein Vertrauensvorschuss.
Das alles sind Dinge, die Betroffene jeden Tag erleben und die unfassbar erschöpfend sind.
Moderator:
Laut werden gegen Rassismus – das ist wichtig. Und Robin Marks benutzt sogar das Wort „kämpfen“. Er ist der Leiter des Projekts „Rassismus macht krank“ der Arbeitsgemeinschaft Migrantinnen, Migranten und Flüchtlinge in Niedersachsen.
Robin, erklär bitte euer Projekt. Warum ist das wichtig?
Robin Marks:
Wir beschäftigen uns mit der Frage:
Wie können Migrant:innen-Selbstorganisationen dazu beitragen, Rassismus im Gesundheitswesen abzubauen?
Wir arbeiten auf zwei Ebenen:
- Im System – also in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern.
- Außerhalb des Systems – wir unterstützen betroffene Patientinnen und Patienten, geben ihnen Wissen über ihre Rechte und Handlungsmöglichkeiten.
Moderator:
Wie beeinflussen Vorurteile das Berufsleben?
Robin Marks:
Schlecht. Niemand möchte in einem Umfeld arbeiten, in dem man sich nicht sicher fühlt. Wenn man ständig auf der Hut sein muss, wirkt sich das auf das Privatleben, auf die Gesundheit und auf das seelische Wohlbefinden aus. Viele müssen zusätzlich auch außerhalb der Arbeit mit Alltagsrassismus umgehen – das ist eine hohe Gesamtbelastung.
Moderator:
Wie geht es dir selbst damit, Nero?
Nero Schönau:
Ich habe großen Respekt vor Pflegekräften. Sie leisten unfassbar viel. Mir begegnen viele Menschen, die sagen: „Ich mache die Ausbildung noch fertig, aber ich halte das nicht mehr lange aus.“ Das zeigt: Wir haben ein Problem mit Mitarbeiter:innenbindung, weil strukturelle Diskriminierung diese Menschen zermürbt. Arbeitgebende müssen endlich erkennen, wie gravierend das Problem ist.
Moderator:
Wie rassistisch ist das System heute – im Vergleich zu früher?
Robin Marks:
Das kann man schwer quantifizieren. Es gibt erst seit etwa 20 Jahren Forschung dazu – andere Länder wie die USA oder Kanada sind weiter. Ich glaube nicht, dass das Gesundheitssystem rassistischer ist als Schule oder Polizei. Aber es gibt Besonderheiten:
- Sehr viele internationale Fachkräfte.
- Sehr vulnerable Patientinnen und Patienten, die auf Hilfe angewiesen sind.
- Viele meiden medizinische Versorgung aus Angst vor Diskriminierung – das führt zu schweren gesundheitlichen Folgen.
Moderator:
Rassismus im Gesundheitswesen wirkt auf unterschiedlichen Ebenen: in Strukturen, in Abläufen und im interpersonellen Umgang. Diskriminierungserfahrungen, ungleiche Chancen, fehlende Sensibilität – all das hat negative Folgen für die Gesundheit, die Zusammenarbeit und das Vertrauen in Institutionen. Wie können sich Menschen mit Migrationsgeschichte über ihre Rechte informieren, um sich besser gegen Diskriminierung zu wehren?
Robin Marks:
Auf unserer Website www.rassismus-macht-krank.de können sich Betroffene informieren. Wir haben dort Material zusammengestellt, zum Beispiel zu Patient:innenrechten – das bauen wir auch mehrsprachig aus.
Antidiskriminierungsstellen sind ebenfalls eine Anlaufstelle. Das Problem: Viele sind speziell für den Gesundheitsbereich noch nicht ausreichend geschult. Deshalb braucht es auch Integrationsbeauftragte in Pflegeeinrichtungen, die informiert sind und Betroffene unterstützen können.
Man schaut sich eine Organisation – zum Beispiel ein Krankenhaus – strukturell an und fragt:
- Wo gibt es Abläufe oder Zustände, die Rassismus begünstigen?
- Wie sieht die Führungsebene aus? Besteht sie ausschließlich aus weißen Männern?
- Gibt es transparente Einstellungsverfahren – oder Vetternwirtschaft?
- Wird Rassismus in Leitbildern, im Beschwerdemanagement überhaupt benannt?
- Weiß eine betroffene Person: „Ich kann mich an Ralf, meinen Beschwerdemanager, wenden – und der weiß, was er zu tun hat“?
Wenn das nicht gewährleistet ist, braucht es klare Strukturen, damit Diskriminierung nicht unter den Teppich gekehrt wird.
Moderator:
Führungskräfte müssen geschult werden, oder? Seminare, klare Abläufe…
Robin Marks:
Ja, das ist ein breites Feld. Es gibt viel zu tun.
Moderator:
Welche Tipps hast du, um Sensibilität zu fördern – gerade bei Menschen, die selbst keine Rassismuserfahrung haben?
Robin Marks:
Indem man Workshops anbietet und klar macht, dass weiße Personen privilegiert sind.
Das ist nichts, was man in zwei Stunden klärt – es ist ein Prozess.
Moderator:
Nero, wie würdest du anfangen, Menschen zu sensibilisieren? Mit Zahlen? Mit persönlichen Vorfällen?
Nero Schönau:
Ich würde nicht damit anfangen, aufzuzählen, wie viele Vorfälle man täglich erlebt.
Viele Betroffene machen solche Listen für sich selbst – um dokumentieren zu können, was passiert. Bei der Sensibilisierung geht es aber zuerst darum, Offenheit zu schaffen. Viele Menschen haben Angst, dass man ihnen das Reden verbieten will oder ihnen ein neues Vokabular aufzwingt. Das stimmt nicht. Es geht darum, die Perspektive anderer einzunehmen und zu verstehen: „Ich werde gerade nicht angegriffen. Ich muss keine Angst haben, als schlechter Mensch dargestellt zu werden.“ Diese Angst blockiert viele.
Deshalb ist der erste Schritt, diese Barrieren abzubauen, bevor man an inhaltliche Themen geht.
Moderator:
Nero, Robin – vielen Dank für diese Einblicke.
Nero Schönau:
Super gerne. Danke.
Moderator:
Pflege ist vielfältig, und Rassismus nimmt leider zu. Wir haben noch viel Gesprächsbedarf und sprechen weiter über Vielfalt in der nächsten Folge.
Meine Stimme muss sich jetzt mal kurz erholen – ihr hört, ich bin etwas heiser geworden vom Moderieren und Sprechen hier vor Ort. Macht doch direkt mit der nächsten Folge weiter, auch wieder hier vom Deutschen Pflegetag.
Alle Podcast-Folgen von „Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben“ gibt es überall, wo es Podcasts gibt – und auf www.bgw-online.de/podcast. Wir hören uns gleich wieder in Teil zwei von „Vielfalt in der Pflege“.
Jingle: Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.