Geht nicht? Geht doch! – Mobil sein trotz Behinderung #123 BGW-Podcast "Herzschlag - Für ein gesundes Berufsleben"
Was bedeutet Mobilität, wenn man plötzlich auf den Rollstuhl angewiesen ist? Marcus Kietzer erzählt, wie er nach einem Skiunfall im Rollstuhl landete – und sich mit Reha, Training und mentaler Stärke ein neues, selbstbestimmtes Leben aufgebaut hat. Heute gibt er sein Wissen als Mobilitäts- und Sporttrainer weiter.
Gemeinsam mit Moderator Ralf Podszus spricht er über körperliche und mentale Hürden, defekte Aufzüge, spontane Bahnreisen – und was möglich wird, wenn man an sich glaubt und Unterstützung bekommt.
Hier kommen Sie zum Transkript dieser Folge
Moderator:
Man sieht sie überall, Menschen mit Kopfhörern im Bus, auf dem Fahrrad, auf dem Zebrastreifen. Viele nutzen dabei Noise Cancelling. Alles still, was draußen passiert, das wird abgeschirmt, Musik, Podcasts, alles klingt klarer, doch was wird aber oft vergessen? Wir verlieren einen unserer wichtigsten Sinne. Ein Auto, das wir nicht kommen hören, ein Moment der Unachtsamkeit, na, das ist gefährlich und für Menschen mit Hörschädigung ist das Alltag. Wie bewegen Sie sich sicher durch den Straßenverkehr oder über Bahnsteige? Genau darum geht es heute: Welche Unterstützung gibt es für Menschen mit körperlichen, kognitiven, psychischen oder sensorischen Einschränkungen? Wie können sie sicher und selbstbestimmt unterwegs sein?
Jingle: Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben, der BGW-Podcast.
Moderator:
Ich kann meine Kopfhörer einfach absetzen. Menschen mit Behinderung, die können das nicht. Sie entwickeln Strategien oder erhalten Unterstützung, um ihren Alltag möglichst selbstbestimmt zu meistern. Wie sich das anfühlt, Mobilität Schritt für Schritt neu zu lernen, das erzählt uns jetzt Marcus Kietzer. Nach einem Skiunfall ist er im Rollstuhl. Grüß dich, Marcus!
Marcus Kietzer:
Hallo Ralf!
Moderator:
Ja, mobil sein, welche Bedeutung hatte das für dich vor deinem Unfall und welche direkt nach deinem Unfall? Der Unfall ist jetzt 15 Jahre her – hast du dir vor deinem Unfall überhaupt jemals Gedanken gemacht zu deiner selbstverständlichen Mobilität?
Marcus Kietzer:
Ja, das ist eine gute Frage. Ich glaube, wie die meisten Menschen auch, hab ich mir darüber gar keine Gedanken gemacht. Also, ich war sehr frei in meiner Mobilität war Fahrradfahren, viel laufen. War so frei wie jeder andere auch. Oder zumindest, wie sich jeder andere auch fühlt. Und ja, nach dem Unfall vor 15 Jahren habe ich natürlich den Großteil meiner Mobilität initial verloren und musste mir wieder alles von Grund auf selbst beibringen beziehungsweise wurde mir dabei geholfen, auch im Zuge meiner Reha. Und ja, das ist verrückt, wenn man von jetzt auf gleich seine Mobilität verliert und wirklich Schritt für Schritt sich diese wieder zurückerobern muss.
Moderator:
Was ist da genau passiert beim Skifahren bist du gestürzt, irgendwo gegen gefahren?
Marcus Kietzer:
Genau. Also, es war Ende März, der Schnee war recht sulzig, wenn nicht sogar sehr wässrig, und ich bin aus einer schönen Stelle, die im Schatten lag, rausgefahren und bin dann in so eine sulzige Stelle gekommen, wollte einen Carving-Schwung nach links machen, dann hat es mich rausgetrieben, hatte gar keinen Kantengrip mehr und dann hab ich mich dazu entschieden gegen den Pfeiler gegenzufahren, um nicht einen großen Abhang dann runterzupurzeln, weil ich dachte, es wäre die beste Option in dieser Zehntelsekunde, die man dann so Zeit hat, mit den Füßen voran dann rein, und dann ja, hab ich mir nicht die Beine gebrochen, sondern tatsächlich die Wirbel, die dann explodiert sind, weil das die schwächste Stelle in der Form dann war. Und dadurch, genau, sind dann diese Fragmente an der Wirbelkörper in meinen Spinalkanal und haben dann den Rückenmark so irreparabel geschädigt, dass ich seitdem ab dem Bauchnabel abwärts komplett gelähmt bin.
Moderator:
Und Du hast es eben erwähnt, diese kurze Zeit, Millisekunden, ein Bruchteil einer Sekunde, dass du da überhaupt eine Entscheidung fällen konntest, aber das Hätte-/Wäre-/Man-weiß-es-nicht-Spiel mit dem Abhang und Co. … Der Unfall ist 15 Jahre her, dann hättest du jetzt zuerst Reha. Wie lange hat die gedauert und wie war diese Umstellung auf dein neues Leben jetzt eben anders?
Marcus Kietzer:
Das war natürlich eine große Umstellung, ist ganz klar. Du musst dir vorstellen, ich liege da und merke auch relativ schnell, dass da irgendwas nicht mehr stimmt. Ja, das heißt, ich konnte die Beine dann nicht mehr bewegen, hab das nicht mehr so gespürt, bin ins Krankenhaus gekommen, notoperiert, diese ganze Geschichte. Und dann begann tatsächlich die Reha, die sich so sechs bis sieben Monate gezogen hatte, die sehr, sehr gut war und ja, das läuft einfach so, dass man schon relativ schnell auch wieder mobilisiert wird, das heißt auch im Bett dann hingesetzt wird, was natürlich sehr unangenehm ist anfänglich; und dann nach den ersten ein, zwei Wochen auch in den Rollstuhl gesetzt wird, der sich völlig fremd anfühlt. Das kannst du dir sicher vorstellen, besonders wenn man so die Stabilität im Oberkörper noch nicht hat, wie man sie vielleicht sich dann im Laufe der Zeit erworben hat, oder zumindest ist das in meinem Fall so, und dann muss man wirklich step by step sich alles wieder neu erarbeiten. Ja, also ich kann mich noch daran erinnern, dass mir mein Stift runtergefallen war und ich mein Zimmergenossen bitten musste, dass er mir den aufhebt, weil ich es noch nicht konnte. Und so ist man Tag für Tag immer stabiler geworden, immer mobiler geworden. Und ja, im Rahmen dieser Reha mit wirklich tollen Menschen, tollen Therapeuten konnte ich mir Stück für Stück einfach meine Mobilität wieder zurückerobern, wenn man so sagen will.
Moderator:
Du hast auch eben deine Stabilität erwähnt, vor allem im Oberkörper. Wenn ich jetzt mal meinen Oberkörper angucke und jetzt deinen Oberkörper vergleiche. Also du hast erzählt, du warst laufen, Skifahren und warst schon vorher ein ziemlicher Sportler und bist es ja auch jetzt, weil ich sehe deinen Oberkörper – also das heißt, du trainierst ordentlich und hast jetzt auch deine Kräfte verschoben.
Marcus Kietzer:
Kann man so sagen. Also, bei vielen heißt es ja immer, die ins Fitnessstudio gehen „Don’t skip leg day“, also nicht das Beine trainieren vernachlässigen. Ja, ich vernachlässige das jedes Mal. Das heißt, ich trainiere natürlich nur den Oberkörper, muss dann schauen, dass ich einen guten Ausgleich finde, dass ich einfach meinen Oberkörper nicht sehr, sehr überstrapaziere, denn ich brauche meine Schultern, meine Ellenbogen, einfach mein Leben lang noch, und die werden dementsprechend natürlich härter und stärker beansprucht. Aber ja, das ist das, was sich eigentlich so geändert hat. Ja, ich versuche, viele Stabilitätsübungen zu machen und einfach auch stabil zu sein, im Alltag, natürlich an all dem teilhaben zu können, was ich gerne möchte und dafür brauchst du natürlich eine gewisse Ausdauer, auch im Oberkörper und im Rumpf.
Moderator:
Was hat dir am meisten dabei geholfen, jetzt Stück für Stück deine Mobilität zurückzugewinnen? Kraft ist wahrscheinlich der erste Schlüssel gewesen.
Marcus Kietzer:
Ja, zunächst muss man sagen, nach so einem einschneidenden Erlebnis ist es ja so, dass man viel Stabilität auch im familiären Umfeld oder von Familien, Freunden braucht, um einfach mit dieser Situation erstmal umgehen zu können, ja, und das ist ja schon wirklich gravierend: Man weiß sofort, OK, das Leben verändert sich von jetzt auf gleich. Man muss schauen, dass man damit am besten umgehen kann, ist natürlich für den Kopf auch nicht ganz so einfach. Aber wie ich schon vorhin erwähnt hatte, dass ich einfach ein gutes Therapeutenkollegium um mich herum hatte, die einfach ein gutes Gespür hatten, glaube ich, auch für meine Grenzen und an die muss man einfach häufig gehen, ansonsten wird man nicht besser. Ja, wenn du dir vorstellen willst, dass man, auch wenn man mal Ins Freibad geht, einfach aus dem Rollstuhl mal raus möchte, sich vielleicht einfach auf die Wiese legen möchte. Ja, man muss einfach lernen, auch aus dem Rollstuhl wieder rauszukommen, in den Rollstuhl reinzugehen, das ist nicht so einfach, wenn auf einmal der Po der höchste Punkt sein muss, um sich wieder reinsetzen zu können, da habe ich schon viel geflucht und meine Therapeuten müssten schon oder Therapeutinnen mussten schon viel mit mir mitmachen, aber im Endeffekt bin ich unglaublich glücklich und dankbar, dass das alles so lief.
Ja, also ich glaube, es hängt viel am Kopf und viel auch mit den Leuten, die dich umgeben. Und was man auch nicht vernachlässigen darf: Ich war in einer Querschnittstation im Krankenhaus, das bedeutet, dass man viele Frischverletzte da hatte, ja, aber auch schon einige, die schon so ein paar Monate länger im Rollstuhl sitzen und damit ihren Umgang gefunden haben. Und von denen kann man sich viel abgucken. Also, wenn man in so eine Situation kommt, sollte man versuchen, sich so ein Idol zu suchen und sich von dem einfach vieles zeigen zu lassen, und so wird man einfach schnell besser und dann merkt man auch schon, dass man auch mit Rollstuhl einfach ein erfülltes und schönes Leben haben kann, weil einfach so viel mehr möglich ist, als die meisten Menschen überhaupt denken.
Moderator:
Und ich glaube, das ist genau der Punkt, also, viele wissen gar nicht, wie man in so einer Situation dann reagiert, wie man selbst dann ist und wie man dann in die Zukunft schaut, auch positiv in die Zukunft schaut.
Marcus Kietzer:
Ja, ganz genau. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch Strategien entwickeln kann, mit solchen Situationen auch umzugehen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das klingt so trivial, auch besonders bei so einem Erlebnis, was man vielleicht hatte, aber meine Erfahrung ist, dass die meisten damit ganz gut zurechtkommen, wenn sie einfach eine Zukunftsvision aufgezeigt bekommen und auch mitbekommen, dass einfach deutlich mehr möglich ist, als man im Vorfeld vielleicht dachte. Auch ich hab gedacht, OK, jetzt muss ich mich durch die Gegend schieben lassen, aber dass ich einfach so frei und selbstbestimmt mein Leben führen kann, wieder normal Auto fahre – ich bin dann auch wieder Ski gefahren, ich geh tauchen, ich war Fallschirmspringen, hab alles Mögliche wieder probiert … Jemand hat mal gesagt, OK, wenn ich als Fußgänger so wie wir ja Menschen, die auf den Beinen unterwegs sind nennen, wenn die eine Milliarde Dinge machen können, ja, dann gehen mir vielleicht jetzt 50.000.000 Dinge verloren, aber dann sind es immer noch fast eine Milliarde Dinge, die ich auch unternehmen kann. Also, es gibt so viele Möglichkeiten und man muss schon sagen, dass meiner Meinung nach, ich fühle mich selbst nicht als behindert, aber ich komme manchmal in Situationen, in denen ich in gewisser Weise behindert werde, einfach an dem, was ich machen möchte, wenn es dann darum geht, dass ich zum Arzt gehen möchte oder ein Eis essen, und da finde ich stufen vor. Das ist was, wo ich sage, OK, da können wir noch dran arbeiten, aber das sind Dinge, die kann ich nicht beeinflussen, da muss ich schauen, wie ich mir irgendwo vielleicht Unterstützung hole.
Moderator:
Und heute bist du Sport- und Mobilitätstrainer, du hast doch eben schon das Fallschirmspringen und alles erwähnt, gibst dein Wissen an andere weiter – welche Fragen bekommst du am häufigsten gestellt?
Marcus Kietzer:
Das kommt so ein bisschen auf den Kontext an beziehungsweise wer die Frage stellt. Also, bei Menschen mit Behinderung kommen natürlich eher Fragen zu Techniken oder Technologien, was so in Zukunft vielleicht noch möglich sein wird. Also, da kommen ganz spezifische Fragen, ja, wie die ihren Alltag mobiler gestalten können. Und bei Menschen, die wiederum andere Menschen als Mobilitätstrainer unterstützen wollen, die wir ja auch schulen im Rahmen der BGW-Projekte, da geht es dann tatsächlich darum, Erfahrungen abzufragen, wie es vielleicht auch schon in anderen Einrichtungen umgesetzt wird, ja, solche Mobilitätstrainings anzubieten. Und was wir da für Tipps und Hinweise auch in die Richtung haben. Also weg von dem klassischen Hinweis direkt, ja, wie eine Technik aussehen kann, sondern eher zu den Erfahrungswerten.
Moderator:
Du hast eben den hohen Kantstein bei der Eisdiele angesprochen. Es gibt viele Hürden im Alltag und neben den Bordsteinen eben auch Treppen, kaputte Aufzüge, vor allem immer. Kann man nicht direkt beeinflussen, hast du auch gesagt. Du wirst dann behindert gemacht, weil eigentlich kommst du ganz gut zurecht im Alltag. Wie wichtig ist da jetzt der eigene Kopf, das Wissen um die eigenen Fähigkeiten und wie oft musst du dich durch den Alltag MacGyvern, weil die Begebenheiten einfach nicht so paradebeispielmäßig gut sind in Deutschland?
Marcus Kietzer:
Ja mal so, mal so. Ich sag mal, als Rollstuhlfahrer versucht man schon seinen Weg vorher so zu planen, dass man gar nicht in diese Verlegenheit kommt. Also, ich hab natürlich Ärzte, wenn ich jetzt nicht in fremden Städten unterwegs bin, in meiner Heimatstadt, wo ich weiß, dass ich zu denen reinkomme oder auch, dann suche ich mir entsprechende Eisdielen. Aber wenn das Eis natürlich bei der einen Eisdiele besonders gut schmeckt, dann nehme ich jemanden mit oder frag jemanden, der mich da unterstützt. Also ich glaube, man braucht eine gewisse Gelassenheit, einfach mit Dingen dann auch umgehen zu können, weil man bestimmte Dinge einfach nicht ändern kann, ja, aber man braucht auch manchmal so einen gewissen Ärger, um vielleicht auch Veränderungen anstoßen zu können, ja. Gelassenheit beispielsweise: Ich war schon viel in der Welt auch unterwegs und die meisten Menschen sind sehr, sehr hilfsbereit. Ja, also ich kann ja vielleicht mal erzählen, ich war in Bangkok und bin mit der S-Bahn gefahren und die haben dann irgendwann mitbekommen, der Schaffner hat mitbekommen, OK, ich möchte dann bei der und der Haltestelle raus und er wusste da gibt es keinen Fahrstuhl. Was haben die gemacht? Die haben alle Leute dort rausgeschickt, haben den Zug zurückfahren lassen, haben die Weiche umgestellt, sind auf den anderen Bahnsteig gefahren, weil dort mein Aufzug war, ja. Ist verrückt, was da alles möglich gemacht wurde.
Ein Negativbeispiel hatte ich von der Deutschen Bahn zum Beispiel. Sonst heißt es immer vier Mann, vier Ecken, wir kümmern uns nicht um Versicherungen, aber in Deutschland ist das natürlich immer ein großes Thema. Ja, also da darf zum Beispiel der Schaffner nicht helfen, wenn es mal Stufen runter geht beispielsweise, weil wenn der sich dabei verletzt, ist das nicht versichert oder wenn er mich verletzt, weil es eigentlich Optionen gibt, wie man gut von A nach B kommen kann oder zumindest kommen sollte. Aber um auf ein Beispiel zurückzukommen: Ich war 2015 mit der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft unterwegs zur Europameisterschaft, und die Deutsche Bahn nennt sich Partner des Paralympischen Spitzensports. Also bin ich davon ausgegangen, dass es eigentlich kein Problem sein sollte, dort meinen Sportrollstuhl mit zu transportieren und mit der Bahn nach Frankfurt zum Flughafen zu fahren. Aber leider war es so, dass mein Zug 07:30 Uhr abfuhr von einem kleinen Bahnhof in Jena und dort gab es keine Unterstützung, da hieß es, ich habe dort angerufen, und da hieß es erst ab 08:00 Uhr wäre da jemand zugegen, der mir helfen könnte. Quintessenz war: Ich musste dann noch eine Stadt weiterfahren mit dem Auto, hab da das Auto stehen gelassen und musste dann dort mit der Bahn weiterfahren. Ja, sowas ärgert einen, und das kommt auch immer wieder in Mobilitätstrainings zum Tragen, dass das nicht so funktioniert, wie man sich das gerne wünschen würde. Und das ist so ein Flickenteppich einfach durch die ganze Bundesrepublik, dass es noch Jahrzehnte dauernd wird eh das in irgendeiner Form möglich sein wird.
Moderator:
Wir haben es ja auch schon öfter hier im Podcast thematisiert, wie es auch in anderen Ländern ist und wo wir immer noch quasi am Anfang stehen beim Thema Inklusion und der Mobilität im Land. Es sind mitunter einfach auch die Kantstein, die ich wieder gesehen hab, die beim kompletten Neubau einer Straße schon wieder einfach hochgesetzt wurden und mir gedacht hab, Nein, da wurde ein ganzer Straßenzug gerade platt gemacht, weil irgendwelche Rohre verlegt werden mussten und alles, und dann werden doch wieder die Kantsteine, die an einer Stelle massiv hoch waren, einfach wieder hochgezogen. Das ist das, was ich einfach auch nicht verstehe, irgendwie. Ja, du hast eben gesagt, das wird ja noch Jahrzehnte dauern, das ist auch eine Einschätzung von dir, weil du eben jeden Tag hier durch die Gegend fährst und das eben auch so mal hochrechnest mit den Erfahrungen, ne?
Marcus Kietzer:
Kann man so sagen. Aber auch viele Mütter mit Kinderwagen oder Väter mit Kinderwagen haben natürlich die gleichen Probleme, ja, die gleichen Herausforderungen. Die bekommen natürlich auch mit, wie es für uns Rollstuhlfahrer sein kann. Für mich sind diese Kantsteine jetzt kein Problem, ich kann die gut überwinden bis zu einer doch sehr ordentlichen Höhe, aber das kann natürlich nicht jeder. Und jede Behinderung ist unterschiedlich und insofern sollten wir schon Voraussetzungen schaffen, dass jeder selbstbestimmt am alltäglichen Leben auch teilhaben kann. Also man wird da wirklich, ja, wie ich sage, behindert gemacht und diese sämtliche Spontanität wird einem teilweise dann auch genommen. Wobei ich ganz klar auch sagen muss, dass die Leute meistens so hilfsbereit sind, dass man in der Regel auch einfach immer Möglichkeiten findet, dann damit auch umgehen zu können und dann von A nach B zu kommen.
Moderator:
Was würdest du jetzt sagen: Wir haben ja über die Probleme gesprochen, aber wie frei bist du in deiner Mobilität heute?
Marcus Kietzer:
Schon sehr frei. Ja, einerseits weil ich meinen Rollstuhl beherrsche und weiß, was ich mir zutrauen kann und wo meine Grenzen liegen und wo ich mir vielleicht dann doch nochmal Unterstützung suche. Und andererseits, was man ja auch häufig gern vergisst, ist: Ich bin in der Lage, mir diese Unterstützung auch adäquat anzufordern. Ja, ich möchte nicht, dass mir jemand hilft und dabei dann danach sich verletzt oder währenddessen sich verletzt und dann Rückenschmerzen hat, weil derjenige oder diejenige wird nie wieder einem Rollstuhlfahrer helfen, höchstwahrscheinlich. Also, man hat da noch eine gewisse Verantwortung für seinen eigenen Körper und für den Körper des Helfenden. Aber wenn du mich so fragst, sehe ich mich ja auch eher so ein bisschen als Botschafter für Menschen mit Behinderung oder für Rollstuhlfahrer. Ja, ich erleb das immer wieder, dass die Leute staunen, was alles möglich ist, wenn ich eine Rolltreppe hoch. und runterfahre. Ja, da stolpern die Leute fast, weil sie es gar nicht glauben können, dass das so geht oder rennen hinterher „Wir haben Aufzug, wir haben Aufzug“, aber so geht es ja viel schneller.
Moderator:
Aber der stinkt nach Urin …
Marcus Kietzer:
Ja, in manchen Städten schon. Hier geht es, da, wo ich lebe, aber ja, aber selbst im Einkaufszentrum und so, da stinkt es ja im Normalfall nicht nach Urin, hoffen wir zumindest.
Moderator:
Ich kenne da Einkaufszentren … Aber das ist ein anderes Thema.
Marcus Kietzer:
Ja, aber da gibt es so viel mehr Möglichkeiten als man denkt. Ja, also man kann sich da wirklich schon viel, viel erarbeiten, ja, dafür gibt es ja auch viele Mobilitätstrainings, die einen dann immer wieder weiterbringen können und einen einfach in der Mobilität so stabilisieren, dass man sich sicher fühlt, wenn man draußen unterwegs ist.
Moderator:
Und da bist du der Experte, du bist der Mobilitätstrainer und vielen Dank Marcus, dass du Deine Geschichte geteilt hast und uns einen guten Einblick gegeben hast.
Marcus Kietzer:
Gerne, Ralf, hat mich sehr gefreut.
Moderator:
Marcus hat gezeigt, was mit Willenskraft, Training und der richtigen Unterstützung alles möglich ist. Er schult übrigens auch pädagogische Fachkräfte in Einrichtungen der Behindertenhilfe, die keine Behinderung haben und gibt dort sein Wissen und seine Erfahrung weiter. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann hört doch direkt in die nächste Folge rein. Die ist auch schon online, könnt ihr direkt im Anschluss machen. Es ist der zweite Teil zum Thema Mobilität für Menschen mit Behinderung. Ich war im Josefsheim Bigge in Nordrhein-Westfalen, dort wird Mobilität intensiv gefördert. Wie, das sagen mir die Bewohnerinnen und Bewohner und Jürgen Mies. Jürgen arbeitet dort als Mobilitätstrainer, ja, er hat mir gezeigt, wie alltagsnah und wirkungsvoll Mobilitätsförderung sein kann, und ich durfte selbst auch mal ran und mich im Rollstuhltraining probieren.
Einspieler aus dem Josefsheim Bigge:
Moderator:
Also Körper nach vorne.
Jürgen Mies:
Du musst deinen Rücken richtig in die Lehne.
Moderator:
Also nach hinten.
Jürgen Mies:
Genau und ruckartig mit deinen Händen den Greifreifen nach vorne bewegen.
Moderator:
Aha, das ist schon ein bisschen mehr Kraft.
Jürgen Mies:
Ja.
Sprecher:
Jetzt haben Sie ihm aber auch so einen richtigen AOK-Chopper gegeben, die kriegt man schwer nach oben, das ist ein bisschen böse.
Moderator:
Siehst du, Jürgen? Ich kümmere mich ja, aber es geht nicht.
Einspieler Ende
Moderator:
Das war gar nicht so einfach, hört unbedingt rein! Links zum Thema findet ihr wie gewohnt in den Shownotes dieser Podcast-Folge und wenn ihr noch kurz Zeit habt, dann lasst gerne eine Bewertung oder einen Kommentar für den Podcast da. Bis zum nächsten Mal, vielleicht ja schon bis gleich im zweiten Teil zu dieser Folge, der Reportage zur Mobilität für Menschen mit Behinderung.
Jingle: Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben, der BGW-Podcast.
Interviewgast
Marcus Kietzer
Sportwissenschaften, Sport- und Mobilitäts-Trainer
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