Betreute Beschäftigte In Werkstatt für Menschen mit Behinderungen

Sind Werkstätten eine Welt für sich oder durchlässige Gebilde?

Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust, Bundesgeschäftsführerin der Lebenshilfe, über die neue Rolle der Werkstätten, ihren Gesundheitsschutz für Beschäftigte und notwendige Veränderungen.

Die Lebenshilfe versteht sich als Selbsthilfevereinigung, Eltern-, Fach- und Trägerverband für Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Familien. Zur Bundesvereinigung Lebenshilfe gehören mehr als 100 Dienste und Einrichtungen, darunter Schulen, Kindertagesstätten, offene Hilfen und auch etliche Werkstätten.

Die Funktion der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in Deutschland wandelt sich. Zum einen sollen alle ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden – eine große Herausforderung für Fachkräfte. Zum anderen öffnet sich ein großer Teil immer mehr für den allgemeinen Arbeitsmarkt und auch für mehr gesellschaftliche Teilhabe. Was bleibt?

Die Werkstätten sind für viele nach wie vor ein wichtiger sozialer Raum.

Fachinterviews: Portrait von Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust
Dr. Jeanne Nicklas-Faust, Bundesvereinigung Lebenshilfe
Bundesgeschäftsführerin


Wie ist die Situation in den Werkstätten, wenn es um den Gesundheitsschutz der Beschäftigten geht?

Da zeichnet sich ein sehr heterogenes Bild ab. Es gibt Werkstätten mit einem breiten Angebot zum betrieblichen Gesundheitsschutz, das auch Sport und Ernährung umfasst. Und es gibt solche, die da eher zurückhaltend agieren und kaum etwas für ihr Gesundheitsmanagement tun.

Ein klarer Kritikpunkt von mir – das Essen ist oft ungenügend. Wenig Frisches, viel zu viel Fett. Die Beschäftigten achten selbst auch nicht ausreichend darauf. Wir wählen ja alle nicht immer unbedingt das gesündeste Essen aus. Im Bezug auf das Angebot in den Kantinen sollte sich allerdings wirklich etwas ändern.

Gibt es Angebote zu Coaching oder Supervision, wenn die Arbeit auch psychisch herausfordernd ist?

Häufig geht es in diesem Zusammenhang um Probleme mit der Gruppendynamik oder auch mit einzelnen Betreuern oder Betreuerinnen, manchmal sogar um Mobbing oder den Umgang mit Aggressionen. Hier kann die pädagogische Führung oder auch die Frauenbeauftragte Ansprechpartnerin sein. Der Sozialdienst kümmert sich ebenfalls um diese Themen.

Mehr als wünschenswert wäre eine stärkere pädagogische Qualifizierung der Anleiterinnen und Anleiter in den Werkstätten. Diese haben oft eine rein handwerkliche Qualifikation, sind aber nicht dafür ausgebildet, auf die individuelle Situation und die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen einzugehen. Der pädagogische Ansatz der Werkstätten umfasst die Beratung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, was eine besondere Herausforderung sein kann.

Wie gestalten die Werkstätten das Älterwerden im Beruf?

Die Werkstätten haben da Vorteile gegenüber den Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Sie können die Arbeitssituation ihrer Beschäftigten häufig viel flexibler gestalten, der Druck ist einfach geringer. Wer Teilzeit arbeiten möchte, kann das in einer Werkstatt viel eher tun und viel leichter durchsetzen. Wer lieber in einer anderen Abteilung arbeiten will, stößt ebenfalls nur selten auf Widerstand. Zusätzlich gibt es sogar eigene Seniorengruppen mit alternsgerechten Arbeitsplätzen.

Welche konkreten Angebote zum Gesundheitsschutz der Beschäftigten sind aus Ihrer Sicht sinnvoll? Gibt es Beispiele?

Für mich gehört es zu einem guten betrieblichen Gesundheitsmanagement nicht über die Köpfe der Menschen hinweg Maßnahme um Maßnahme anzuschieben, sondern die Betroffenen wo immer möglich, aktiv miteinzubeziehen. Für sehr wichtig halte ich Materialien in Leichter Sprache zum Gesundheitsschutz, auch dann wenn es um Arbeitsanweisungen geht, die den Arbeitsschutz gleich mit kommunizieren sollen.

Es gibt Werkstätten, die hier durchaus eine Vorreiterrolle übernehmen, wie zum Beispiel die Südpfalzwerkstatt, deren Gesundheitsmanagement sogar ausgezeichnet wurde.

Welche Auswirkungen hat die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) auf die Werkstätten?

Positiv ist, dass sich die Landschaft der Werkstätten insgesamt weiterentwickelt, dass sie vielfältiger und bunter wird. Schon jetzt gibt es neben traditionellen Modellen sehr moderne Betriebe. Diese zeichnen sich oft durch einen hohen Anteil an Außenarbeitsplätzen oder auch durch Spezialisierungen im Dienstleistungsbereich aus. Sie schaffen dadurch eine große Nähe zur Arbeitswelt des allgemeinen Arbeitsmarktes.

Außerdem gibt es seit dem Inkrafttreten der UN-BRK eine wachsende Anzahl von Integrationsbetrieben. Die Werkstätten selbst haben inzwischen ein breitgefächertes Dienstleistungsangebot. Sie decken unter anderem so unterschiedliche Aufgabengebiete ab wie Garten- und Landschaftsbau, industrielle Montage, Industrienäherei oder künstlerische Gestaltung und Kunstgewerbe.

Stehen Werkstatt und Inklusionsgedanke im Widerspruch zu einander?

In den Werkstätten arbeiten zurzeit etwa 300.000 Menschen. Viele davon könnten sicher auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein, wenn sie die entsprechenden Hilfen und Assistenzen erhalten. Aber das gilt eben nicht für jede dieser 300.000 Personen. Nicht jeder findet auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt einen Platz, der seinem spezifischen Bedarf entspricht. Insofern wäre es ein Fehler, die Werkstätten abzuschaffen. England hat das zum Beispiel getan.

Die Konsequenz davon ist, dass viele Menschen jetzt gar nichts mehr haben und einfach nur noch zu Hause bleiben. Kein wünschenswertes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Arbeit und auch die sozialen Kontakte, die durch sie entstehen, für alle Menschen unabhängig von ihren Fähigkeiten etwas ganz Existentielles sind.

Wie stehen Sie zu der Befürchtung, dass nur die Leistungsträger einen Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt finden, während Leistungsschwächere in den Werkstatten von der Teilhabe ausgeschlossen bleiben?

Das muss man differenzierter sehen. Klar haben es die Leistungsträger aus der Werkstatt oft leichter, mit Unterstützung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Es gibt aber auch Menschen, die vor allem deshalb leistungsstark sind, weil sie in der Werkstatt arbeiten, die die Struktur und die Ordnung dort brauchen. Und es gibt Menschen, die gar nicht mal so „leistungsstark“ sind, die sich aber trotzdem auf einem Außenarbeitsplatz wohler fühlen.

Sie können sich dort gut integrieren, weil das Umfeld zu ihnen passt. Das liegt dann häufig an ganz unterschiedlichen Faktoren. Besonders oft gelingt die Integration in kleinen Betrieben, aber es hängt ganz entscheidend davon ab, ob der Mensch mit Behinderung zu den Anforderungen und Rahmenbedingungen passt. Und ob es Menschen im Betrieb gibt, die für ihn besondere Ansprechpartner und Vertrauenspersonen sind.

Ein Problem sehe ich da, wo Menschen aufgrund des gesetzlich leider weiterhin geforderten Mindestmaßes an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung keine Möglichkeit haben in einer Werkstatt zu arbeiten. Sie haben damit kaum eine Chance auf berufliche Bildung und Teilhabe am Arbeitsleben und diese Ausgrenzung muss dringend aufhören.

Welche Rolle spielen die Werkstätten für die Rehabilitation und (Wieder-)Eingliederung ins Berufsleben?

Wer psychisch beeinträchtigt ist, hat nicht selten bereits viele Maßnahmen zur Stabilisierung durchlaufen oder auch diverse Umschulungen, um sich wieder in den allgemeinen Arbeitsmarkt einzugliedern. Die Menschen, die dann schließlich in die Werkstatt gehen, sind oft erleichtert, endlich einen Platz gefunden zu haben, an dem sie die Klarheit, die Stabilität und den Schutzraum haben, die sie brauchen.

Viele Werkstätten unterscheiden nach der jeweiligen Biografie und reagieren mit entsprechend differenzierten Angeboten. Eine geistige Beeinträchtigung, die vor dem 18. Lebensjahr auftritt, bedeutet zumeist, dass dieser Mensch ohne berufliche Qualifikation in die Werkstatt kommt. Erkrankt jemand später psychisch oder tritt die Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter auf, ist oft schon eine Ausbildung oder Qualifikation vorhanden, die dann ein ganz anderes Spektrum an Tätigkeiten ermöglicht. Natürlich haben die Werkstätten immer auch die Aufgabe Menschen nach Möglichkeit für den allgemeinen Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

Wie wirkt sich das Bundesteilhabegesetz (BTHG) auf die Werkstätten aus?

Insgesamt sorgt das BTHG für mehr Wahlmöglichkeiten, die Menschen mit Beeinträchtigungen zugutekommen.

Durch das Gesetz gibt es zum einen das Budget für Arbeit. Es ermöglicht Arbeitgebern auch Menschen zu beschäftigen, deren Arbeitsleistung nicht bei 100 Prozent von dem liegt, was sonst auf dem Arbeitsmarkt gefordert wird. Die Unternehmen bekommen dann einen entsprechenden finanziellen Ausgleich. In einzelnen Bundesländern gibt es dazu bereits positive Erfahrungen. Das Budget für Arbeit trägt sicher dazu bei, mehr Beschäftigten aus den Werkstätten den Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Ein zweites großes Thema sind die alternativen Anbieter, die im Gegensatz zu den Werkstätten keine Mindestgröße haben müssen und so flexiblere Strukturen und Angebote haben können. Und der nächste wichtige Punkt sind Assistenzleistungen, die ebenfalls mehr Partizipation ermöglichen.

Die Gesetzesentwürfe waren zunächst sehr umstritten. Wie haben sich die Verbände an der Ausarbeitung des Gesetzes beteiligt?

Es geht zwar kein Gesetz so aus dem Bundestag wie es hineingegangen ist, aber zum Bundesteilhabegesetz wurden 127 Änderungsanträge eingereicht, das ist außergewöhnlich. Die Verbände haben sich aktiv beteiligt und Forderungen an die Politik gestellt. Viele davon wurden aufgegriffen. Inzwischen ist das Gesetz sicher noch immer nicht perfekt, aber es bietet viele Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der Unterstützung für Menschen mit Behinderungen.

Wie sollten sich die Werkstätten weiterentwickeln?

Die Werkstatt der Zukunft ist ein durchlässiges Gebilde und keine abgeschlossene Welt für sich irgendwo am Rande des Geschehens. Sie ist ein offener Campus mit Serviceangeboten wie Wäschereien, Restaurants oder Cafés. Die Menschen kommen dorthin, weil sie wissen, in diesem Café ist der Cappuccino besonders gut oder die Brötchen besonders lecker, nicht etwa, weil dort behinderte Menschen arbeiten, die sie unterstützen möchten.

Der Wechsel zwischen Werkstatt und allgemeinem Arbeitsmarkt gelingt problemlos und ist unter Umständen immer wieder mal möglich.

Außerdem sollten Ausbildungen, die in den Werkstätten angeboten werden, stärker an den Bedarf des allgemeinen Arbeitsmarktes angepasst werden. Es sollte in den Werkstätten mehr pädagogisch qualifizierte Fachkräfte geben und noch mehr ausgelagerte Arbeitsplätze.

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