Prokrastination: Warum wir aufschieben – und wie wir endlich anfangen #134 BGW-Podcast "Herzschlag - Für ein gesundes Berufsleben"
Fast alle Menschen schieben Aufgaben auf, obwohl sie wichtig sind – im beruflichen Umfeld genauso wie im Privatleben. Warum tun wir das, obwohl wir wissen, dass es uns später stresst?
In dieser Folge spricht Moderator Ralf Podszus mit dem psychologischen Psychotherapeuten Hans-Werner Rückert über das Phänomen Prokrastination und darüber, was sich hinter dem vermeintlich harmlosen Aufschieben tatsächlich verbirgt. Er erklärt, worin sich Prokrastination von Faulheit unterscheidet, welche Rolle Persönlichkeitsmerkmale, Perfektionismus oder Reaktanz spielen und warum das Arbeitsumfeld entscheidend sein kann. Mit klaren Worten und vielen Beispielen zeigt er, wann Aufschieben zur Belastung wird, und welche konkreten Strategien helfen, ins Tun zu kommen.
Ob Mitarbeitende, Studierende, Führungskräfte oder Menschen mit „Aufschieberitis“ im Alltag: Diese Folge liefert psychologische Einblicke, praktische Tipps und Denkanstöße für mehr Gelassenheit und Handlungsfähigkeit.
Hier kommen Sie zum Transkript dieser Folge
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Prokrastination, also das Aufschieben von Aufgaben, obwohl eigentlich genug Zeit dafür wäre. Das ist das Thema heute. Statt loszulegen, machen wir lieber andere Dinge oder finden immer neue Ausreden, warum wir später anfangen. Ja, ich moderiere auch gleich die Folge. Erstmal müssen jedoch andere ran. Was schiebt ihr denn so auf?
Sprecherin:
Boah, also bei mir ist es immer wieder die Steuererklärung – voll überraschend – jedes Jahr aufs Neue. Die gebe ich immer wirklich kurz vor knapp ab. Das ist ganz schlimm. Die Kinästhetik-Fortbildung, die steht schon ewig auf meiner Liste, aber ich schieb’s halt immer wieder vor mir her, und am Ende ist der Kurs dann jedes Mal ausgebucht. Im Alltag weniger, aber wenn es um die Uni geht …
Moderator:
Dann wird es schon immer recht knapp mit der Abgabe von den Hausarbeiten. Ich brauche den Druck irgendwie, also ohne geht’s nicht.
Sprecherin:
Ja klar, also wer kennt es nicht? Bei mir ist es ehrlicherweise immer der Sport. Ich nehm mir vor, mehr Sport zu machen, mich besser zu ernähren, aber irgendwie, ja, schaff ich’s nicht, damit anzufangen.
Moderator:
Ah, jetzt sind die schon fertig und ich bin dran. Verdammt. O.K., dann legen wir jetzt einfach mal los. Die Steuererklärung aufschieben – ja, das kommt mir sehr bekannt vor. Grüße gehen raus an meine Steuerberaterin, die seit Jahren meine Unterlagen auf den aller-, allerletzten Drücker bekommt. Ja, ich mach das wirklich in den nächsten Tagen. Ich verspreche es. Vielleicht habe ich nach der heutigen Podcast-Folge auch sofort Lust darauf, denn gleich gibt es gute Tipps, damit wir unsere Aufschieberitis in den Griff bekommen. Mein Gast ist Hans-Werner Rückert. Er ist psychologischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Berlin und war über 20 Jahre lang Leiter der Studienberatung an der Freien Universität Berlin. Er kennt das Thema Prokrastination also aus Theorie und Praxis und hat sogar ein Standardwerk darüber geschrieben: das Buch mit dem Titel „Schluss mit dem ewigen Aufschieben! Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen“. Wir sprechen gleich über den Unterschied zwischen Prokrastination und Faulheit, die Gründe, weshalb wir Dinge immer wieder bis zum letzten Moment rauszögern und was wirklich gegen Prokrastination hilft – im Privatleben und auch im Job.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Ich glaube, bei den Beispielen eben, da haben viele innerlich genickt. Aufschieben, das kennen wir alle, besonders bei Dingen wie der Steuererklärung oder dem Vorsatz, endlich mit dem Sport anzufangen. Ich bin gespannt, was Hans-Werner Rückert gerne mal auf die lange Bank schiebt. Herzlich willkommen im Podcast.
Hans-Werner Rückert:
Ja, hallo Ralf, danke für die Einladung.
Moderator:
Zur Vorbereitung auf diese Folge wollte ich ja dein Buch lesen, aber ich habe es so lange aufgeschoben, bis es zu spät war.
Hans-Werner Rückert:
Ja, das wundert mich nicht. Das Thema lädt dazu ein, dass man von der Theorie gleich in die Praxis übergeht, und speziell, wenn man sich schon ein bisschen im Aufschieben geübt hat, dann ist es natürlich besonders leicht, dass man sagt: „Ach, das mache ich so wie immer.“ Das heißt, ich nehme mir was vor und dann mache ich stattdessen was anderes und erzeuge auf die Weise eine bestimmte Spannung, ein bestimmtes Erregungslevel, das ich je nachdem angenehm finden kann. Also, wenn ich Dinge aufschiebe, entlaste ich mich ja erstmal von einem Problemdruck. Das ist also der angenehme Teil. Wenn ich es dauerhaft mache, dann holt es mich irgendwann wieder ein. Dann sitze ich im Kino und genieße den Film gar nicht, sondern denke: Mensch, Mist, eigentlich hättest du ja deine Steuererklärung machen müssen.
Moderator:
Welche Aufgaben schiebst du denn gerne mal vor dir her?
Hans-Werner Rückert:
Also, ehrlich gesagt schiebe ich sehr wenig vor mir her.
Moderator:
Ja, du bist geläutert, natürlich.
Hans-Werner Rückert:
Ja, genau. Ich hab die Abfassung dieses Buches, das du erwähnt hast, „Schluss mit dem ewigen Aufschieben“, tatsächlich ein paar Jahre vor mir hergeschoben.
Moderator:
Ist aber auch gut geworden dann, ja.
Hans-Werner Rückert:
Ja. Die Dame vom Verlag damals sagte: „Müssen Sie unbedingt machen, also das wird ganz großartig, das wird ein Verkaufserfolg“, und ich hab es einfach nicht geglaubt. Ich dachte, das Thema interessiert keinen Menschen außer mich und warum soll sich jemand ein Buch kaufen und versuchen, gegen das Aufschieben anzugehen? Aber ein paar Jahre später, weil sie hartnäckig dran blieb, hab ich es dann doch gemacht und sie hatte recht. Also, es war ein Thema, das viele Menschen interessiert hat – und dich offensichtlich ja auch, Ralf, sonst würden wir hier nicht sprechen.
Moderator:
Auf jeden Fall auch unsere Hörerinnen und Hörer. Ab wann spricht man von Prokrastination, also pathologischem Aufschieben? Wie grenzt man das von Faulheit ab?
Hans-Werner Rückert:
Also, Faulheit ist ja die Tatsache, dass man eigentlich so gut wie gar nichts macht und auf dem Sofa liegt und Serien guckt. Das ist bei Menschen, die aufschieben, anders. Die haben meistens die besten Absichten. Die wollen gar nicht vor dem Fernseher liegen und Serien gucken, sondern die wollen stattdessen am Schreibtisch sitzen oder die Wohnung putzen oder andere Aufgaben erledigen. Dann machen sie stattdessen was anderes. Das ist das entscheidende Unterscheidungsmerkmal zu Faulheit, wo man gar nichts tut. Man macht also etwas anderes. Heutzutage, mit elektronischen Medien, hat man da ja alle Möglichkeiten – man kann seine E-Mails durchgehen und alte aussortieren, man kann seine iTunes-Bibliothek auf Vordermann bringen, früher musste man irgendwie Teppiche saugen oder Fenster putzen, aber auch das hat Menschen nicht davon abgehalten, aufzuschieben. Und das dritte Kriterium ist, dass man sich nach der ganzen Geschichte irgendeine Ausrede erzählt, mit der man sich tröstet. Die beliebteste Ausrede ist: „Ich war halt nicht in der richtigen Stimmung“, oder, wie es bei dem Einspieler vorhin hieß: „Ich nehme mir immer vor, Sport zu machen, aber ich komme dann einfach nicht dazu.“ Und dann geht das Ganze wieder von vorne los, während also der wirklich faule Mensch jetzt inzwischen vom Sofa zur Badewanne gewechselt ist und sich durchaus zufrieden fühlt damit.
Moderator:
Allerdings auch ein schönes Bild – vom Sofa in die Badewanne.
Hans-Werner Rückert:
Ja, Faulheit ist ja nicht das Schlechteste.
Moderator:
Braucht man ja auch, um mal runterzukommen. Gibt es Zahlen oder Studien dazu, wer besonders häufig aufschiebt? Also, sind bestimmte Berufsgruppen stärker betroffen oder hängt das zum Beispiel auch mit dem Alter zusammen, und welche Rolle spielt die Sozialisierung?
Hans-Werner Rückert:
Also, es gibt Studien, die zeigen, dass man dann, wenn man Freiräume hat, größere Möglichkeiten zum Aufschieben hat. Das betrifft also Studierende. Das war immer das Paradebeispiel: In der Bundesrepublik sagen ungefähr 40 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger, dass sie aufschieben und durch das Aufschieben auch schon Nachteile gehabt haben. Bei Studierenden waren es traditionell immer 70 bis 90 Prozent. Das hat sich durch die Einführung dieser strukturierten Studiengänge ein bisschen geändert, aber nach wie vor haben Studierende natürlich Freiräume. Auch Freiberufler haben Freiräume – Journalistinnen, Journalisten, alle diejenigen, die also nicht am Fließband stehen. Wer am Fließband steht und aufschiebt, steht nicht mehr lange am Fließband. Sozialisation spielt eine große Rolle, weil man kann dieses Verhalten lernen, wie alles andere auch. Und es zeigt sich aus der Forschung, dass vor allen Dingen zwei Arten von Elternhäusern das Aufschieben begünstigen. Das sind einmal chaotische Elternhäuser, wo es überhaupt keine Struktur gibt und alles drunter und drüber geht – das kann man sich dann einfach abgucken und dann macht man später so, wie die Eltern es gemacht haben. Das Gegenteil – also hochgradig strukturierte, geradezu zwanghafte Elternhäuser, wo geputzt wird, so dass man vom Fußboden essen könnte – begünstigt allerdings auch das Aufschieben. Am besten ist, dass man lernt, man sollte irgendwie Prioritäten setzen und die Dinge, die Vorrang haben, tatsächlich auch erledigen, aber sich bei anderen Dingen vielleicht auch zugestehen, dass nicht alles sofort erledigt werden muss.
Moderator:
Das gesunde Mittelmaß höre ich hier so ein bisschen raus. Warum schieben wir wichtige Aufgaben auf, obwohl wir wissen, dass wir sie irgendwann ja machen müssen und die Zeit immer knapper wird – was steckt da psychologisch dahinter?
Hans-Werner Rückert:
Also, es gibt zwei wesentliche Erklärungsmuster, die man heranziehen kann. Das eine ist das sogenannte Erregungsaufschieben. Tatsächlich kann man ja durch pünktliche Erledigung nicht besonders starke Gefühle erzeugen, durch Aufschieben aber schon. Und wenn ich weiß, ich muss irgendwie in zwei Stunden am Flughafen sein und jetzt trödele ich rum und putze erst noch mal meine Schuhe und nehme meine Tasche und packe die noch mal aus und packe andere Dinge wieder ein, dann weiß ich, ich schaff es also gar nicht mehr zum Bus. Also muss ich ein Taxi rufen, und dann habe ich schon wieder Spannung, weil der Taxistand in der Regel unbesetzt ist. Also muss ich ein Funktaxi rufen, dann gerate ich in Spannungszustände, weil ich nicht weiß, wann der Mensch kommt, dann muss ich den Taxifahrer bestechen, dass er die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Stadtautobahn ignoriert.
Moderator:
Hans-Werner, hör auf, mein Leben zu beschreiben.
Hans-Werner Rückert:
Gut, dann musst du also am Flughafen anschließend noch die Ground Stewardess bestechen, dass sie den Flügel wieder zurückfahren lässt an das Flugzeug, der ja schon abgedockt war, und dann betrittst du das Flugzeug, alle gucken dich an und hassen dich: „Da kommt Ralf.“ Sie wissen natürlich nicht, dass du Ralf heißt, aber sie wissen, du bist derjenige, der jetzt also sich die Freiheit herausgenommen hat, auf den letzten Drücker zu kommen. Und das Ganze ist begleitet von starken Gefühlen, die man durch pünktliche Erledigung gar nicht kriegen kann. Wer also rechtzeitig losfährt und dann durch die Gepäckkontrolle geht und im Warteraum sitzt, der kann höchstens erzählen: „Ich habe mir eine Zeitung gekauft“ – aber wer will das schon hören, das ist langweilig. Also: Erregungsaufschieben, auf den letzten Drücker Dinge erledigen, erzeugt eine Spannung, die tatsächlich nur dadurch zu bekommen ist, dass man Dinge rausschiebt und dann unter Druck und Spannung gerät. Und viele, die das machen, trösten sich damit, dass sie sagen: „Ja, dann kann ich auch am besten funktionieren.“ Was für manche tatsächlich zutrifft – nicht für geistige Arbeit, da gibt es genügend Beweise dafür, dass das die Qualität eher reduziert, als dass es sie steigert. Aber bei anderen Dingen ist es tatsächlich so, dass man sich beispielsweise zum Sport dadurch motivieren kann, dass man sagt: „Also, jetzt warte ich, bis die Sonne untergeht, ne, und dann gibt es die Dämmerung, da kann ich mich noch mal in den Park begeben und joggen. Danach ist es zu duster, dann stolpere ich und sehe nicht mehr, wo ich eigentlich hintrete.“ Und dann ist das Aufschieben tatsächlich irgendwie sogar ganz nützlich und dient der Motivation.
Moderator:
Vieles Interessantes hast du gesagt, ich versuch mal so ein bisschen da noch was aufzudröseln – das innere Spannungsverhältnis. Also, ich hab mich da eben wiedergefunden, bin nur der Typ, der nicht im Flugzeug sitzt, vor allem nicht innerdeutsch, und dann mit dem ICE fährt. Aber da ist es auch so: Ich weiß, der fährt eben jetzt in 40 Minuten und ich könnte entspannt losgehen. Aber dann fange ich noch Sachen an, weil ich ja weiß, es sind noch 40 Minuten und ich schaffe es auch in 10 Minuten, wenn ich fast laufe zum Bahnhof irgendwie. Warum ist denn das so, dass man dann auch noch Arbeit annimmt? Also, das ist ja quasi das umgekehrte Prokrastinieren. Ich könnte jetzt was liegen lassen und gehe schon mal rechtzeitig zum Zug, aber ich nutze jetzt noch die Zeit und schreibe noch schnell einen Text, aber habe dann den Druck, dass ich schon wieder eigentlich meinem Leben hinterherlaufen muss.
Hans-Werner Rückert:
Ja, dafür gibt es unterschiedlichste Erklärungsansätze. Der, der mir am besten gefällt, ist, dass es eine Art ist, den inneren Widerstand gegen geordnete Regeln und Strukturen zum Ausdruck zu bringen. Also, wir wissen ja, dass der Fahrplan der Deutschen Bahn früher eine höhere Verbindlichkeit hatte als heute. Also, früher wurde man bestraft, weil der Zug war dann weg, wenn man zu spät kam. Da ist uns die Deutsche Bahn entgegengekommen. Heute kann das durchaus sein, ja, dass der Zug …
Moderator:
… irgendwie noch diese acht Minuten mit einberechnet, weil ich das schon weiß und ahne, ja genau.
Hans-Werner Rückert:
Und dann kommst du und wirst bestätigt, weil tatsächlich bist du jetzt nicht etwa zu spät, sondern du bist sogar zu früh für die Abfahrt des Zuges am Bahnhof, denn der Zug hat 20 Minuten Verspätung. Also werden wir rein lerntheoretisch bekräftigt in unserem verspäteten Verhalten dadurch, dass es dafür anschließend eine Belohnung gibt beziehungsweise gar keine Bestrafung. Und tatsächlich wissen wir ja – und werden so sozialisiert –, dass bestimmte Regeln einzuhalten sind. Nehmen wir mal die Steuer: Man muss seine Steuer zahlen, wenn man es nicht tut, wird man irgendwann geschätzt, und wenn man geschätzt wird, dann wird man meistens finanziell überschätzt. Also bezahlt man mehr, als man eigentlich bezahlen müsste, das wissen wir alles. Trotzdem ist es natürlich unangenehm für die meisten von uns, Steuern zu bezahlen. Es gibt auch nicht nur die Dänen, die sagen: „Ich bezahle richtig gerne Steuern, es macht mir Spaß.“ Also man findet das unangenehm, man weiß, man muss es tun, aber es ist unangenehm. Und es gibt so eine Theorie, die sagt, dass wir gegenüber solchen Regeln, die unangenehme Folgen haben, einen inneren Widerstand entwickeln. Das nennt sich dann in der Psychologie Reaktanz. Und dann versuchen wir, unseren Freiraum wiederherzustellen. Und ich glaub, das trifft ganz gut als Erklärung darauf zu, dass wir bei Dingen, die wir irgendwie als wichtig einschätzen – weil wir nicht blöd sind, weil wir wissen, wir müssen es machen, also du musst deinen Termin in Köln wahrnehmen, also musst du mit der Bahn fahren und du weißt in etwa, wann der Zug fährt und also musst du dich dahin begeben –, und gleichzeitig erzeugt dieses ganze Korsett von Verpflichtungen einen inneren Widerstand. Es sei denn, man ist eine Sklavennatur, dann beugt man sich dem und sagt: „Ein Glück, ich weiß, ich muss das alles machen, und ich mach es gerne.“ Aber wer dann ein bisschen aufsässiger ist, wer ein bisschen renitenter innerlich ist, wehrt sich gegen dieses Regelkorsett. Und ein Weg, sich dagegen aufzulehnen, ist zum Beispiel, sich zu verspäten, zu trödeln, Verabredungen nicht termingerecht einzuhalten, sondern ein bisschen was hinten dranzuhängen. Und das hat dann irgendwann auch vielleicht – bevor es pathologisch wird – etwas Spielerisches, also eine Art Gambling mit dem Schicksal und mit dem Leben.
Moderator:
Lass uns Russisch Roulette spielen, als die nächste Stufe, dann irgendwie, ja.
Hans-Werner Rückert:
Das wär die harte Stufe.
Moderator:
Wenn man einfach auf den letzten Drücker kommt, da muss man nicht warten – und wenn man Warten hasst, auch als vertane Zeit vielleicht –, dann ist das ja auch eine gewisse Belohnung. Ja, das ist aber natürlich sehr arrogant gedacht für alle anderen.
Hans-Werner Rückert:
Ja, das spielt in dem Fall meistens ja für uns keine so große Rolle, sondern diese Motivation „Ich komme zu einer Verabredung zu spät“ ist ja etwas sehr, sehr egoistisch Individuelles. Wenn ich jetzt die Situation meines Gegenübers mit einbeziehe und mich in die Person hineinversetze und denke: Gut, diese sitzt jetzt da im Café und wartet und wartet und wird unruhig und denkt sich: „Was ist denn das für ein Idiot?“, dann würde mir das vielleicht helfen, etwas pünktlicher zu kommen. Aber wer möglicherweise sowas gerne betreibt und genussvoll zu spät kommt, denkt nicht an die anderen und an diejenigen, die vielleicht darunter leiden.
Moderator:
Jetzt schiebe ich schon die ganze Zeit die nächste Frage auf – über die Aufschieberitis. Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen dem Aufschieben im Beruf und im Privatleben, also prokrastinieren wir anders, wenn es um die Arbeit geht, als bei privaten Aufgaben?
Hans-Werner Rückert:
Also grundsätzlich ja, weil es im Privatleben in der Regel nicht so scharf akzentuierte Aufgabenstellungen gibt wie im Berufsleben. Man denkt, das Aufschieben entsteht irgendwie so an einer Schnittstelle zwischen Motivation, Persönlichkeitsmerkmalen und der Art der Aufgaben. Und Motivation, denkt man, ist im Privatleben vielleicht anders gelagert als beruflich. Also Motivation bedeutet die Bereitschaft, sein persönlich Bestes zu geben. Das kann man privat auch wollen, aber im Privatleben ist es in der Regel anders akzentuiert und nicht so ausgeprägt wie jetzt in beruflichen Kontexten, wo man Karriere machen möchte oder irgendwie auf sich aufmerksam machen möchte, berufliche Erfolge haben möchte. Die Persönlichkeitsmerkmale bleiben natürlich. Man ist im Beruf genauso gewissenhaft vielleicht oder wenig gewissenhaft wie im Privatleben. Man ist genauso extrovertiert oder introvertiert wie zu Hause. Aber die Aufgabenstellungen unterscheiden sich sehr. Im Haushalt gibt es bestimmte Aufgaben, die möglicherweise in der Komplexität nicht so anspruchsvoll sind wie im beruflichen Leben. Es gibt vielleicht weniger Ungewissheit und weniger Rumtasten im Job als im Privatleben, wo man sich möglicherweise erstmal aneinander gewöhnen muss und bestimmte Lebensweisen abgleichen muss, wenn man mit jemandem zusammenlebt. Deswegen: Ja, das Persönliche spielt vielleicht eine entscheidende Rolle in beiden Bereichen, aber die Aufgabenstellungen unterscheiden sich – und die Motivation auch.
Moderator:
Inwieweit spielt Perfektionismus eine Rolle, wenn es um Prokrastination geht? Also mein Beispiel: Ich will mich auf einen Job bewerben, feile tagelang an jedem Satz im Anschreiben, weil es perfekt sein soll, gehe immer noch mal drüber, am Ende schicke ich die Bewerbung fast zu spät, ja, oder sogar gar nicht ab.
Hans-Werner Rückert:
Ja, das ist natürlich so, weil wenn man perfektionistisch drauf ist, dann geht es nicht darum, dass man irgendwie ein erträgliches Ergebnis erzielen will, sondern dann will man das Beste aller Zeiten erreichen. Und das bedeutet – da niemand von uns in der Lage ist, eine perfekte Bewerbung in zehn Sekunden oder zehn Minuten auf Papier zu bringen –, dass das eben Frustration bedeutet. Und Perfektionisten mögen keine Frustration. Wer weniger perfektionistisch ist, weiß: Man schreibt wahrscheinlich 20 Entwürfe, die landen alle im Papierkorb, irgendwann hat man ein Ergebnis, mit dem man halbwegs zufrieden ist, und das schickt man dann ab und drückt die Daumen. Aber Perfektionisten funktionieren anders. Und noch schlimmer als der als selbst empfundene Perfektionismus ist der von außen zugeschriebene Perfektionismus. Das heißt, wenn andere um einen herum – Eltern in der Sozialisation beispielsweise – das Beste aller Zeiten von einem erwarten, dann hat man ganz schlechte Karten. Dann kommt man nach Hause und hat irgendwie eine Zwei plus als Zeugniszensur mitgebracht und kriegt zu hören: „Ja, ganz schön, aber warum ist es keine Eins?“
Moderator:
Sind denn vielleicht gerade die Perfektionisten die, die am meisten prokrastinieren?
Hans-Werner Rückert:
Nö, das kann man, glaube ich, nicht sagen. Also, es gibt verschiedene Risikogruppen, und die Perfektionisten sind sicherlich eine Risikogruppe. Aber die Menschen beispielsweise, die eher zwanghaft strukturiert sind, die also so ein hohes Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis haben, haben bei der Abfassung von wissenschaftlichen Abschlussarbeiten die allergrößten Schwierigkeiten, weil dort ein bestimmtes Ausmaß an Mut zur Lücke benötigt wird. Man muss damit leben, dass man vielleicht nicht die gesamte Literatur des Fachgebietes komplett überschaut. Das ist für jemanden, der zwanghaft ist, eine Herausforderung und führt dann eher dazu, dass jemand sagt: „Also, ich muss noch mal genau meine Quellen durchgehen, ich muss zum dritten Mal überprüfen, ob die Seitenangaben, die ich da zitiere, korrekt sind“, und dann verschiebt sich alles eben endlos nach hinten.
Moderator:
Die Studentin am Anfang, die meinte ja, sie brauche den Druck, um ihre Arbeiten rechtzeitig fertig zu bekommen. Ist das wirklich so? Macht Druck uns tatsächlich produktiver oder ist das nur eine Ausrede, damit wir uns besser fühlen? Du hast vorhin ja schon den Druck erwähnt.
Hans-Werner Rückert:
Ja, es gibt sicherlich Menschen, die das nicht als Ausrede benutzen. Es gibt Leute, glaube ich, die sich selber so kennen, dass sie ein optimales Level an Druck, an Motivation brauchen, um überhaupt in die Gänge zu kommen. Aber für die meisten von uns ist – das, was du vorhin als diesen Weg der goldenen Mitte bezeichnet hast – das bessere Rezept: Also die Dinge irgendwie zu planen, sich eine Übersicht zu verschaffen, sich zu überlegen: Wann fange ich denn an, wie fange ich denn an mit meinem Vorhaben? Dabei vielleicht irgendwie nicht perfektionistisch und nicht zwanghaft zu sein, also sich schon einzuräumen, dass, wenn ich sage „Ich fange Mittwoch an“, es vielleicht auch Donnerstag oder Freitag werden kann, ohne dass das ein Beinbruch ist. Aber in dieser Woche, bevor sie zu Ende geht, werde ich angefangen haben. Und dann mache ich die ersten Schritte und überprüfe das – und das hat natürlich dann auch viel zu tun mit realistischer Planung. Wer plant, gerät halt nicht in diesen Druck, und die Drucksituation führt oft dazu, dass Menschen nachher nicht mehr die Zeit haben, Arbeiten zu überprüfen, beispielsweise. Es ist erstaunlich, wie viele Arbeiten auch in der Uni abgegeben werden, ohne dass da jemand noch mal die Rechtschreibkorrektur hat drüberlaufen lassen, weil die Zeit einfach nicht mehr da war. Man ist dann froh: Irgendwann ist der letzte Satz geschrieben, und dann wird das Ding im Sekretariat abgeliefert, und die Menschen, die das bewerten müssen, verdrehen die Augen und fragen dann später: „Warum zum Teufel haben Sie denn nicht noch mal die Rechtschreibkorrektur drüberlaufen lassen?“ Und die Antwort ist dann: „Ich hatte keine Zeit mehr.“
Moderator:
Wenn Menschen bei der Arbeit ständig Dinge aufschieben – ist es dann eher ein individuelles Problem oder kann das auch mit dem Team oder der ganzen Arbeitskultur zusammenhängen?
Hans-Werner Rückert:
Ja, Letzteres ist mit Sicherheit der Fall, dass es mit der Arbeitskultur zusammenhängt. Wir sehen ja immer mal wieder in Untersuchungen aus der Arbeitswelt, dass das Führungsverhalten stark kritisiert wird. Wir hören von motivationalen Defiziten, wir hören von pathologisch strukturierten Führungskräften, die also eher mit Druck und Strafe arbeiten als mit Belohnung und Motivation. Und wenn man so eine Chefin oder einen Chef hat und wenn man in so einem Team ist, das vielleicht von Rivalität und Konkurrenz geprägt ist, dann begünstigt das natürlich das Aufschieben. Da braucht man dann schon eine sehr starke Selbstüberzeugung, dass man alles super schaffen wird, um sich in so einem Milieu gut zu fühlen. Wer da ein bisschen ängstlicher ist und an sich selber zweifelt, wird unter solchen Arbeitsverhältnissen leiden.
Moderator:
Also man kann sagen: Ein autoritäres Arbeitsverhältnis, eine autoritäre Struktur bei der Arbeit fördert Prokrastination.
Hans-Werner Rückert:
Außer bei denen, die zum Kadavergehorsam neigen. Also die Sklavenseelen, die sich gerne unterwerfen, die froh sind, dass sie die Hacken zusammenklappen können und angeschnauzt werden, weil ihnen das Orientierung gibt – für die ist das vielleicht förderlich. Aber wer ist das schon?
Moderator:
Kann es vielleicht auch ein Zeichen von Über- oder sogar Unterforderung sein? Also zielt es damit auf die Dimension von Arbeitsinhalt und Arbeitsaufgabe. Das würde dann bedeuten, dass dies in die G.B.U. Psyche mit einfließen muss, also in die Gefährdungsbeurteilung Psyche. Dann müsste der Arbeitgeber Maßnahmen ergreifen.
Hans-Werner Rückert:
Ja, das ist eine schöne Vorstellung. Tatsächlich ist es so, dass Überforderung – also auf der individuellen Ebene erlebt „Ich hab zu viel um die Ohren und ich weiß nicht, wie es geht“ – nahezu zwangsläufig dazu führt, dass man aufschiebt. Denn wenn ich nicht weiß, wie es geht, muss ich ja erstmal tatsächlich Vorarbeiten machen und dann gerate ich vielleicht schon unter Druck oder werde zum Gegenstand der Kritik von Chefinnen oder Chefs. Unterforderung – dass ich mich langweile auf der Arbeit, dass ich meine Aufgaben im Handumdrehen erledige und anschließend irgendwie erlebe, dass es nicht angenehm spannend weitergeht, sondern dass ich mich entleert fühle und wertlos und nicht weiß, was ich tun soll – ist natürlich auch per se ein Merkmal von Prokrastination. Deswegen wäre das eine schöne Vorstellung, dass man so etwas bei Job Descriptions mit reinnimmt und sich das von vornherein überlegt: Wie ist denn die Passung zwischen dem Motivationslevel der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters und den Aufgaben, mit denen ich diese Person konfrontiere?
Moderator:
Prokrastination muss jetzt auch nicht immer schlecht sein. Also, wenn eine Pflegekraft zum Beispiel monatelang überlegt, ob sie die Intensivpflege-Weiterbildung machen soll und dann merkt, wie wohl sie sich eigentlich in der Geriatrie fühlt und dass dies genau der richtige Platz für sie ist, dann war das Lassen ja eine gute Wahl.
Hans-Werner Rückert:
Ja, absolut. Es geht nicht immer nur darum, Dinge zu tun und linear das, was man sich vorgenommen hat, umzusetzen, sondern die Irritationen, das Zögern enthalten Botschaften an uns, die absolut wichtig sein können. Wie zum Beispiel in deinem Beispiel, dass sich zeigt: „Ich bin eigentlich am richtigen Platz. Meine Gedanken, ich müsste hier mal wechseln und in die Intensivpflege gehen, entsprechen gar nicht der wirklichen Realität, mit der ich mich eigentlich ganz wohlfühle.“ Das Gleiche ist, wenn Leute sich terrorisieren und sagen: „Also, ich muss unbedingt einen neuen Computer kaufen, bevor ich hier ins Arbeiten kommen kann“, machen das aber nicht und schieben es raus. Das könnte man auch daraufhin überprüfen, ob das nicht vielleicht ganz nützlich ist – weil, wenn ich in einem halben Jahr mir diesen neuen Computer kaufe, dann kriege ich viel mehr Leistung für viel weniger Geld. Also auch da ist Aufschieben ein Beispiel dafür, dass es durchaus nützlich sein kann. Aber das ist etwas anderes als das pathologische Aufschieben, ne. Das pathologische Aufschieben führt zu Leid und führt zu vermeidbarem Leid – und das ist dann eine ganz andere Hausnummer.
Moderator:
Außer Hans-Werner schieben wir alle ja gelegentlich mal Aufgaben auf. Ab wann wird es problematisch, wenn die Essensreste auf dem Teller mit uns anfangen zu sprechen?
Hans-Werner Rückert:
Ja, das ist ein schönes Bild, das ist in der Tat so. Also, es gibt objektive Kriterien dafür, wann es belastend und lästig und beschwerlich wird. Das ist, wenn man – wie in deinem Beispiel – damit konfrontiert ist, dass man feststellt: „Ich werde jetzt allmählich verrückt, die Essensreste sprechen mit mir.“ Wenn man feststellt: „Ich muss ausziehen, weil ich messimäßig meine Wohnung vollgemüllt habe und nichts mehr reingeht, und ich habe Angst, dass die Hausverwaltung kommt und sich diese Wohnung anguckt, bevor ich hier ausziehen kann und dass ich dann Ärger kriege“, das ist beschwerlich durch die äußeren Umstände. Aber aus psychologischer Sicht ist natürlich das noch Interessantere, dass Menschen in selbst verursachtes Leid geraten, weil sie sagen: „Ich verstehe mich eigentlich nicht mehr, ich will das doch wirklich tun, es ist mir wichtig, diesen Roman zu schreiben oder diesen Studienabschluss zu machen, ich nehme es mir immer wieder vor und dann mache ich es nicht und ich glaube mir meine Ausreden auch nicht mehr, dass ich nicht in der richtigen Stimmung bin. Ich verstehe es einfach nicht, und ich finde mich selber unausstehlich – meine Umwelt auch. Ich verspreche ständig, dass ich irgendwas mache, und bleibe schuldig, sodass ich unter sozialen Druck gerate, den ich nicht haben will.“ Und diese Dimension, dass jemand dann gewissermaßen psychisch ans Ende kommt und sagt: „Ich verstehe mich einfach nicht mehr, ich bin nicht Herr im eigenen Haus, ich weiß nicht, was da los ist“, das ist natürlich ein Zustand, bei dem das Selbstwertgefühl dann allmählich Schaden nimmt – und spätestens dann braucht man Hilfe.
Moderator:
Das sind deutliche Warnzeichen. Welche Tipps kannst du uns geben? Wie bekomme ich es hin, das nächste Mal meine Unterlagen eher bei der Steuerberaterin einzureichen? Liebe Grüße noch mal.
Hans-Werner Rückert:
Ja, ich würde denken, es ist wichtig, in diesen Ablauf der Geschehnisse Belohnungen einzubauen. Weil, wenn man sich das anguckt – du würdest wahrscheinlich, wenn du das ernsthaft ändern wolltest, dich mit einem Blatt Papier hinsetzen, Ralf, und würdest überlegen: Wie läuft das eigentlich ab? Ja, also: Wann nehme ich Kontakt auf zur Steuerberaterin? Wann nehme ich meine Belege raus und sortiere sie? Wie viel Zeit wende ich darauf auf, und wie ist die Umgebung, wenn ich das tue? Ist das angenehm, oder ist das Ganze schon von vornherein total unangenehm? Und wenn es meistens bei aufschiebenden Menschen total unangenehm ist, würde man versuchen, erstmal an der Szenerie etwas zu verändern. Also, bekanntes Beispiel ist jetzt vielleicht nicht die Steuererklärung, aber etwas Ähnliches: Das Aufräumen des Kellers ist für die meisten von uns eine unangenehme Vorstellung. Da ist Kraut und Rüben und wir denken, wir müssten irgendwie heroisch da reingehen und alles alleine machen. Das ist aber gar nicht zutreffend, sondern die Szenerie ändert sich sofort, wenn ich sage: „Ich mache eine Kellerentrümpelungsparty. Ich lade alle meine Freunde und Bekannten ein, die können in den Keller gehen und dann …“
Moderator:
… zünden wir einfach alles an.
Hans-Werner Rückert:
Ja, vielleicht auch das. Aber erstmal können die alles nehmen, was sie interessant finden, und raustragen und mir zeigen. Ich sitze draußen vor dem Keller in meinem Regiestuhl und gucke mir die Sachen an und entscheide: Was will ich behalten, und was kann weg? Und was weg kann, können die anderen mitnehmen oder können – also wie du es vorgeschlagen hast – damit ein Feuerchen starten. Sprich: Aus dieser heroischen einzelkämpferischen Aktion in meiner Fantasie „Ich muss mich dem stellen, mutterseelenallein“ wird ein soziales Event, mit dem Nebeneffekt, dass der Keller hinterher ein bisschen aufgeräumter ist als vorher.
Moderator:
Also, wir brauchen ein Belohnungsmanagement.
Hans-Werner Rückert:
Ja, wir brauchen solches Aufgabenmanagement, genau. Also du müsstest vielleicht jetzt jemanden finden – eine Partnerin, einen Partner –, die oder der mit dir zusammen diese Belege sich anschaut, dich tröstet, dich belohnt, dich unterstützt. Vielleicht könnte das auch deine Steuerberaterin. Vielleicht, statt dass du bei ihr einen Hausbesuch machst, könnte sie zu dir kommen, du könntest für sie kochen, und ihr könntet gemeinsam irgendwie die …
Moderator:
… dieses Date jetzt auf einmal – ich und meine Steuerberaterin –, ja, warum nicht? Was können jetzt Führungskräfte tun, wenn sie beobachten, dass Mitarbeitende regelmäßig Aufgaben vor sich herschieben? Also, welche Möglichkeiten gibt es zu unterstützen, ohne jetzt zu kontrollieren oder Druck aufzubauen? Wir haben ja vorhin auch gemerkt: Autorität ist hier völlig falsch am Platz, Druck ist völlig falsch.
Hans-Werner Rückert:
Ja, es ist dann die Frage des Mitarbeitergesprächs aufgeworfen. Also, ich müsste mich in einer respektvollen, aber doch problemorientierten Weise mit dieser Mitarbeiterin oder diesem Mitarbeiter hinsetzen und sagen, was mir aufgefallen ist, und mich erkundigen, ob die Person darin auch ein Problem sieht. Hoffentlich tut sie es. Wenn sie es nicht sieht, dann sage ich: „Es tut mir leid, also Sie scheinen darin überhaupt kein Problem zu sehen, aber es ist ein Problem aus meiner Sicht. Wir haben also erstmal keinen gemeinsamen Nenner, auf den wir aber kommen müssten, um eine Veränderung herbeizuführen.“ Und wenn die Person glücklicherweise auch darin – wie ich – ein Problem sehen sollte, würde ich als Nächstes noch gucken: Welche Art von Unterstützung braucht sie denn? Es gibt zwei wesentliche Unterstützungsdimensionen. Das eine ist die Wiederherstellung von Autonomie. Es kann sein, dass die Mitarbeiterin sich viel zu sehr eingeschränkt fühlt durch Vorgaben, Regeln, Regularien – da sind wir wieder bei der Reaktanz, über die wir vorher gesprochen haben – und dass deswegen das Trödeln und das Aufschieben eine Art von Wiederherstellung der persönlichen Freiheit ist. Dann müsste man das Korsett ein bisschen lockern. Aber es gibt auch die Dimension, dass es tatsächlich Unterstützungsangebote technischer Art geben könnte oder sozialer Art – dass man also für eine bestimmte Zeit oder für bestimmte Aufgaben Teamarbeit implementiert oder dass man ein neues technisches Gerät beschafft, mit dem diese Mitarbeiterin die Arbeit viel besser und schneller erledigen kann als mit dem alten Equipment.
Moderator:
Und so erkennen dann auch Führungskräfte, ob jemand etwas wirklich nicht kann oder einfach nur vermeidet.
Hans-Werner Rückert:
Ja, das Entscheidende ist die Kommunikation darüber, weil das liegt ja auch nicht von vornherein auf der Hand. Und die Perspektiven von Mitarbeitenden und Chefinnen, Chefs sind ja oft sehr unterschiedlich – und das geht nur dann durch Kommunikation, dass man dort den Common Ground verbreitert.
Moderator:
Und da ist wieder mal das Stichwort Kommunikation. Das Leben könnte viel einfacher sein, wenn man einfach miteinander spricht – erfahren wir immer wieder in dieser Podcast-Serie. Stichwort Zeitmanagement noch einmal: Ich habe mal von der sogenannten Fünf-Minuten-Regel gehört, da gibt es tatsächlich zwei Varianten. Die erste: alles, was weniger als fünf Minuten dauert, einfach sofort erledigen. Und dann zweitens: Egal wie groß oder nervig jetzt eine Aufgabe wirkt, sich einfach fünf Minuten damit beschäftigen, sich da so reinzwingen. Oft ist das dann der Trick: Sobald man einmal angefangen hat, bleibt man dran und macht weiter und dann lässt sich unser Gehirn damit austricksen. Stimmt das?
Hans-Werner Rückert:
Jein, jein. Das unterschlägt die Dimension Schwierigkeit. Also, es ist ja – wir hatten ja vorhin drüber gesprochen – oft so, dass an dieser Schnittstelle zwischen Aufgaben und Aufgabenschwierigkeit dann eben auch Motivation und Persönlichkeit ins Spiel kommen. Einfache Tricks helfen da nicht. Deswegen: Man kann das natürlich probieren, solche Fünf-Minuten-Regeln, oder man kann sich auch irgendwie versuchen, an den Schreibtisch zu setzen und das leere Blatt anzugucken – wenn es funktioniert, prima. Aber ich würde anders vorgehen. Ich würde immer empfehlen, dass man anfängt, die Situation, das Problem, das Aufschieben zu analysieren. Und dazu braucht man ein Blatt Papier und einen Stift und fünf Minuten Zeit, um sich hinzusetzen und sich zu fragen: „Was zum Teufel geht hier eigentlich vor? Ja, warum mache ich das nicht? Ist mir langweilig? Bin ich überfordert? Weiß ich nicht, wie es geht? Habe ich einfach keinen Bock? Habe ich was anderes im Kopf? Bin ich gestresst? Was ist los?“ Weil das Entscheidende am Erledigen versus Aufschieben ist doch, dass ich zu schnell aus dem Felde gehe. Die Sache ist in der Regel unangenehm. Also, wenn man nicht Erregungsaufschieber ist, dann ist man Vermeidungsaufschieber. Das heißt, mit der Aufgabe sind irgendwie unangenehme Gefühle verbunden, denen man entkommen möchte, und deswegen findet man sich statt am Schreibtisch nach fünf Minuten in der Küche wieder – am Kühlschrank.
Moderator:
Völlig überrascht, doch im Kino auf einmal.
Hans-Werner Rückert:
Ja genau – „Wie bin ich hier eigentlich hergekommen?“ Und wenn man das ein paar Mal erlebt hat, dann kommt man weiter, indem man sich hinsetzt und sagt: „Was ist los, ja, was für ein Film läuft hier eigentlich ab? Also, warum mache ich das nicht? Sind da wirklich unangenehme Gefühle im Spiel? Was ist denn das Problem an meinem Schreibtisch?“ Und sich klarmacht: Wenn ich jetzt also nach fünf Minuten in der Küche bin und mich durch den Verzehr von Joghurt belohne, dann belohne ich mich verflucht vom Schreibtisch weg. Und je mehr ich mich belohne, desto mehr entwickelt sich eine Gewohnheit, die schwer veränderlich ist. Deswegen komme ich dann irgendwann vielleicht auch auf den Gedanken: „Es ist vielleicht unangenehm, heroisch, aber letzten Endes wirksamer zu sagen: Ich bleib einfach mal 20 Minuten am Schreibtisch sitzen – egal, ob ich einen Einfall habe, egal, ob ich einen Text entwerfe. Ich nehme mir das Beste vor und halte auf jeden Fall durch – und dann gehe ich in die Küche und esse diesen Joghurt und belohne mich ganz bewusst fürs Durchhalten.“
Moderator:
Aber so ein bisschen Werbung für Essen am Schreibtisch während der Arbeit hast du jetzt auch gemacht, Hans-Werner.
Hans-Werner Rückert:
Nein, nicht für Essen am … Nein, nein. Ich bin ganz stark dafür, diese Lebensbereiche zu trennen: also 20 Minuten Askese am Schreibtisch mit dem weißen Blatt – und dann in die Küche und dann irgendwie das volle Belohnungsprogramm.
Moderator:
Welche Rolle spielen psychische Belastungen, Schicksalsschläge oder auch plötzliche Lebensveränderungen in Bezug auf die Prokrastination? Das kann ja alles Mögliche verändern. Müssen ja auch Führungskräfte dann irgendwie im Blick haben, dass es vielleicht an sowas liegen kann.
Hans-Werner Rückert:
Ja, klar. Also belastende Lebensereignisse, die unvorhersehbar einen aus der Bahn werfen, kommen natürlich immer in Frage. Deswegen sind wir dann wieder bei der Kommunikation. Wenn ich in einem Unternehmen eine gute Mitarbeiterführungskultur habe, dann werde ich das erfahren – und nicht nur einfach registrieren, dass meine ehemals so tüchtige Mitarbeiterin plötzlich irgendwie die Termine verpennt. Dann werde ich das sowieso erfahren oder spätestens dann ins Gespräch kommen. Und dann ist wieder die Frage, ob Entlastung und Unterstützung organisierbar ist, in einer mitarbeiterzentrierten Kultur. Man würde jetzt vielleicht für die Phase, wo die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter belastet ist, die Anforderungen reduzieren oder Unterstützungsangebote organisieren. Aber das Problem der hartnäckigen Aufschieber ist eigentlich nicht so sehr, dass es situative Schicksalsschläge sind, sondern das ist dann mehr das gewohnheitsmäßige Aufschieben, an das sich Personen vielleicht schon gewöhnt haben – dass sie sagen: „Das gehört eben zu mir.“ Und dann stellt sich die Frage: Ist das in einem akzeptablen Rahmen – gerade wenn man jetzt an Arbeitsverhältnisse denkt? Kann ich also damit leben, dass ich weiß: Dieser Mitarbeiter liefert nie zur Deadline, der kommt aber irgendwie drei Wochen später, und die Qualität ist meistens so gut, dass ich denken kann: „Na ja, gut, dann hat er diese drei Wochen auch gut genutzt, um das Ganze noch zu überarbeiten.“ Oder ist es wirklich eine subversive Strategie, mit der diese Person im Team Aufmerksamkeit erzeugt und auf sich lenkt und dafür sorgt, dass man sich also ständig mit ihr beschäftigen muss – als der „Problem-Mitarbeiterin“ in Anführungszeichen, die auf diese Weise zusätzliche Aufmerksamkeit generiert?
Moderator:
Ich fass noch mal zusammen: Aufschieben ist menschlich. Wenn es zum Dauerzustand wird, dann kann es richtig stressen. Druck ist nicht die richtige Hilfe – und wer ständig unter Strom steht, der braucht auf jeden Fall neue Strategien. Danke, Hans-Werner, für die interessanten Einblicke und vor allem für die Tipps.
Hans-Werner Rückert:
Gerne, Ralf, danke an dich für die Einladung – und allen Zuhörenden viel Erfolg.
Moderator:
Und man kann dann insgesamt auch noch zusammenfassen: Am meisten prokrastiniert die Deutsche Bahn.
Hans-Werner Rückert:
Das ist wohl wahr.
Moderator:
Bleibt nur noch abschließend die Frage an dich: Möchtest du meine Steuersachen raussuchen, bitte, Hans-Werner, bitte?
Hans-Werner Rückert:
Also, wenn du für mich kochst, komme ich vorbei und helfe dir.
Moderator:
Joghurt habe ich immer im Kühlschrank, das ist kein Thema. Ja, wenn euch die Folge gefallen hat, dann habe ich jetzt noch zwei Hörtipps: Mit Katrin Hansmeier habe ich in einer Folge darüber gesprochen, wie Humor bei der Arbeit helfen kann, und auch richtig inspirierend war das Gespräch mit Motivationsforscherin und Neurowissenschaftlerin Prof. Michaela Brohm-Badry. Mit ihr habe ich über positive Psychologie gesprochen. Die Folgen findet ihr alle auf www.bgw-online.de/podcast, und die direkten Links dazu findet ihr auch in den Shownotes dieser Podcast-Folge.
Herzschlag läuft überall, wo es Podcasts gibt. Ja, lasst gerne mal fünf Sterne bei der Bewertung da. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert den Podcast, damit ihr keine weitere Folge verpasst. Wir hören uns in zwei Wochen wieder – wenn ich bis dahin soweit bin. Tschüss, bis zum nächsten Mal.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Interviewgast
Hans-Werner RückertPsychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Supervisor
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