Thomas Viehl fährt mit dem Handbike.

"Seinen Applaus muss sich jeder selbst abholen"

Wer nach einem Unfall querschnittgelähmt ist und einen Herzschrittmacher trägt, wird kaum von sportlichen Meisterschaften träumen. Das tat auch Thomas Viehl nicht, nachdem er als 20-Jähriger auf dem Weg zur Gesellenprüfung von einem Bus erfasst worden war und mit einem Querschnittsyndrom in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Frankfurt am Main behandelt wurde. Das war 1985. Heute hat er gute Chancen, mit seinem Liegehandbike bei den Paralympics zu starten.

Vor 15 Jahren habe ich den Sport für mich entdeckt, erzählt Thomas Viehl. Er nahm an Rollstuhl-Marathons teil, hegte jedoch keine internationalen Ambitionen. Das änderte sich mit einem "Speedy-Fahrrad", das mit einer Handkurbel betrieben wird und Querschnittgelähmten eine hohe Mobilität verleiht. Mit dem Bike kommt Viehl auf Geschwindigkeiten von bis zu 70 Stundenkilometern. Ich bin im Alltag stark gehandicapt und auf Hilfe angewiesen, so Viehl. Sport macht mich selbstständiger, da liegt meine Fitness einige Punkte über dem Durchschnitt.

Hartes Training: Auf dem Weg zum Profi

Bild vergrößern Thomas Viehl bei einem Rennen mit dem Handbike

Auf die Plätze ... - volle Konzentration vor dem Start.

Die BGW, die seit dem Unfall die medizinische und soziale Rehabilitation Viehls fördert, beteiligte sich auch an den Kosten für ein Liegehandbike – die schnellste Variante für ein handgetriebenes Rad. Nach und nach wird Viehl professioneller, stattet sein Rad renntauglich aus, baut im Sportstudio und auf einem Hometrainer Kraft und Ausdauer konsequent aus.

Trotzdem hatte ich noch nicht viele Rennen gefahren, als ich mich bei Dr. Ralf Schuster vorstellte, erzählt Viehl. Der Coach hat mich mit seinem strengen Trainingsplan fit gemacht.

Seither lebt Viehl das Leben eines Topsportlers: täglich zwei bis fünf Stunden Kraft- und Ausdauertraining nach engen Vorgaben, ebenso wie Essen und Trinken – inklusive Kalorienzählen. Alle Ergebnisse werden im Zwei-Wochen-Rhythmus analysiert. Dann kommt vom Trainer das Update meines Trainingsplans und weiter geht es, berichtet Viehl.

Technische Probleme: Kein Grund zum Aufgeben

Nach einem Jahr Vorbereitung, 2019, war es so weit: Thomas Viehl ging in Frankreich an den Start seines ersten Eurocup-Rennens. Da er nicht die Finger bewegen kann, trägt Viehl Handmanschetten, mit denen er die Kurbel antreiben und Fahrt aufnehmen kann. Doch die Manschetten hielten nicht, ich musste aufgeben und meinen Karrierestart verschieben, blickt er zurück. Danach bereitete er sich noch intensiver vor. Ein weiteres Rennen läuft besser, wird jedoch durch einen Feuerwehreinsatz gestört. Frust baut sich auf. Viehl macht trotzdem weiter.

Nächster Start: Der Marathon in Berlin mit internationaler Beteiligung. 300 Handbiker gehen an den Start des Straßenradrennens, viele von ihnen, um Weltcuppunkte für die Paralympics zu sammeln. Ihre Zeiten werden je nach Grad der funktionalen Behinderung in unterschiedlichen Divisionen gewertet.

Viehl startet als "H1", in seinem Fall "Vollständiger Verlust der Beinfunktionen und der Rumpffunktionen sowie eingeschränkte Ellenbogenfunktion und eingeschränkte Handfunktion".

Weltbestzeit: Es hat sich gelohnt

Thomas Viehl lädt das Handbike aus dem Auto.

Nicht aufgeben! Thomas Viehl hat sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen lassen.

Viehl reist frühzeitig in der Hauptstadt an, macht sich mit der Strecke vertraut, ist bestens trainiert. Das Rennen selbst läuft optimal, Kilometer für Kilometer bewältigt er liegend und mit den Armen kurbelnd.

Nach dem Jahr, in dem alles schieflief, hatte ich mir vorgenommen, meine Bestzeit zu fahren, blickt er auf das Rennen im Spätsommer des vergangenen Jahres zurück. Das gelang. Und viel mehr, als er selbst erwartet hätte: Viehl fährt nach 1:30:23 Stunden am Brandenburger Tor ins Ziel und stellt eine Weltbestzeit in der Division H1 auf.

Zukunft: Paralympics

Es dauerte eine Weile, bis ich das glauben konnte, erzählt er. Nach diesem Erfolg geht es Schlag auf Schlag: Er kann sich nun für die Paralympics qualifizieren – sobald die Rennen nach dem Veranstaltungsstopp wegen des Corona-Virus stattfinden. Der Bundestrainer hat mich gemeldet, sagt er mit Stolz.

Was treibt ihn an? Die Chance, Grenzen auszutesten. Für mich ist Sport das integrative Moment. Hier machen die Leute aus ihrer Behinderung kein großes Thema. Ich fühle mich als Sportler, kämpfe, blute, schwitze wie jeder andere. Das zeichnet einen Spitzensportler aus. So kann ich mich in eine Leistungskette einbringen, das ist enorm wichtig in Deutschland.

Peer-Beratung: Eigene Erfahrungen teilen und Beistand leisten

Die BGW ist als verlässliche Partnerin seit dem Unfall an seiner Seite, was Viehl sehr zu schätzen weiß. Die Rehamanager und Berufshelfer sind nach einem Unfall, wie ich ihn hatte, die entscheidenden Leute. Ohne sie kommt man nicht weiter, berichtet er. Sie haben mir Wege aufgezeigt und bereitet, konnten sich in meine Situation hineindenken. Die Realität spielt sich oft am Schreibtisch vorbei ab. Viehl konnte seine Schulausbildung abschließen, sich zum Diplom-Sozialarbeiter qualifizieren.

Diese Erfahrungen wird er weitergeben. Er hat sich bei der BGW als "Peer" angemeldet und wird Menschen, die nach einem Unfall mit einer ähnlichen Diagnose wie er damals zu sich kommen, zur Seite stehen.

Ob man aus den Chancen, die sich dann ergeben, etwas macht, hängt von einem selbst ab – egal ob als Mensch mit oder ohne Behinderung, lautet sein Credo. Seinen Applaus muss sich jeder selbst abholen. Vielleicht noch bei den nächsten Paralympics. Auf jeden Fall als Mensch, der seine besondere Lebenserfahrung mit anderen teilt, um ihnen zu helfen.

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