Moderator:
Einen Moment nicht aufgepasst, ein Schritt zu viel oder ein Griff ohne Hilfsmittel. Und plötzlich ist es passiert. Ein stechender Schmerz schießt in den Rücken, man stolpert und fällt hin oder man sticht sich an einer Nadel.
Genau solche Momente passieren jeden Tag. In Kitas, in Pflegeeinrichtungen, in Krankenhäusern, in Friseursalons. Überall in der Arbeitswelt. Und genau deshalb ist der Arbeitsschutz so wichtig.
Vor knapp fünf Jahren haben wir hier im Podcast schon einmal über die Arbeitsschutz-Basics gesprochen. Und das Thema ist aktueller denn je.
Sprecher:
Eine Befragung der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie zeigt: Viele Unternehmen sind beim Arbeits- und Gesundheitsschutz besser aufgestellt als noch vor zehn Jahren. Doch vor allem bei kleineren Unternehmen gibt es weiterhin großen Nachholbedarf.
Rund ein Drittel der Betriebe erstellt nach wie vor keine Gefährdungsbeurteilung. Die Unternehmen geben an, dass sie mögliche Gefährdungen mündlich im Team besprechen, dass es keine relevanten Gefährdungen gibt oder dass die Beschäftigten Risiken selbst erkennen können.
Außerdem sagen 26 Prozent der Betriebe, dass es keine Folgen hätte, wenn arbeitsschutzrechtliche Vorgaben nicht eingehalten werden.
Moderator:
Grund genug für uns, noch einmal in die Folge zu den Basics im Arbeitsschutz reinzuhören und darüber zu sprechen, worauf Arbeitgebende, Führungskräfte und Beschäftigte in Sachen Arbeitsschutz achten können.
Damals waren wir übrigens noch beim „Sie“ hier im Herzschlag-Podcast – das ist schon eine ganze Weile her. Die Tipps und Infos der beiden Experten sind heute allerdings noch genauso relevant wie damals.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Oliver Reim ist von der BGW. Er leitet die Bezirksstelle Bochum und arbeitet am Projekt „kommmitmensch“ der Unfallkassen und Berufsgenossenschaften mit. Dabei geht es darum, Menschen dafür zu begeistern, Sicherheit und Gesundheit als zentrale Werte bei ihren Entscheidungen und Aktivitäten zu berücksichtigen. Schön, dass Sie mit dabei sind. Hallo.
Oliver Reim:
Hallo.
Moderator:
Und ich spreche mit Dr. Turgay Göksu, ärztlicher Leiter am Betriebsarztzentrum Rhein-Neckar. Als Betriebsarzt ist er eine wichtige Säule des Arbeitsschutzes, denn seine Aufgaben sind die Förderung und der Erhalt der Gesundheit der Beschäftigten – und natürlich auch die Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit, wenn diese durch eine Krankheit längere Zeit nicht möglich war. Schön, dass Sie dabei sind. Hallo.
Dr. Turgay Göksu:
Hallo.
Moderator:
Herr Reim, wir haben gerade gehört, dass viele Betriebe beim Arbeitsschutz noch Nachholbedarf haben. Warum ist Arbeitsschutz aus Ihrer Sicht trotzdem – oder gerade deshalb – so wichtig?
Oliver Reim:
Arbeitsschutz ist deshalb so wichtig, weil er Menschen schützt. Es geht ganz konkret darum, Unfälle zu vermeiden und Krankheiten vorzubeugen. Und zwar bevor etwas passiert.
Viele denken beim Arbeitsschutz erst mal an Vorschriften oder an Bürokratie. Aber im Kern geht es darum, dass Beschäftigte gesund nach Hause kommen und langfristig arbeitsfähig bleiben.
Moderator:
Also nicht nur um das Vermeiden von Unfällen, sondern auch um langfristige Gesundheit?
Oliver Reim:
Ganz genau. Arbeitsschutz ist mehr als Helme und Handschuhe. Er umfasst auch psychische Belastungen, ergonomisches Arbeiten, Organisation von Arbeit und Führung. Und je früher man sich damit beschäftigt, desto besser lassen sich Risiken minimieren.
Moderator:
Herr Dr. Göksu, wie erleben Sie das aus arbeitsmedizinischer Sicht?
Dr. Turgay Göksu:
Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist Arbeitsschutz ein zentrales Instrument, um Erkrankungen vorzubeugen. Wir sehen in der Praxis sehr häufig Beschwerden, die sich über Jahre entwickeln. Rückenprobleme, Hauterkrankungen, Atemwegserkrankungen oder auch psychische Belastungen. Viele dieser Probleme lassen sich durch gute Prävention vermeiden oder zumindest deutlich reduzieren.
Moderator:
Warum wird Arbeitsschutz dann trotzdem oft vernachlässigt?
Dr. Turgay Göksu:
Ein Grund ist sicherlich der Zeitdruck. Viele Betriebe stehen unter wirtschaftlichem Druck und haben das Gefühl, keine Zeit für zusätzliche Themen zu haben.
Ein weiterer Punkt ist, dass Gefährdungen oft nicht unmittelbar sichtbar sind. Wenn nichts passiert, denkt man schnell: Es läuft doch alles gut.
Moderator:
Bis dann etwas passiert.
Dr. Turgay Göksu:
Genau. Und dann ist es oft zu spät oder deutlich aufwendiger, gegenzusteuern.
Moderator:
Herr Reim, Sie haben gerade das Stichwort Gefährdungsbeurteilung angesprochen. Warum ist die so zentral im Arbeitsschutz?
Oliver Reim:
Die Gefährdungsbeurteilung ist das Herzstück des Arbeitsschutzes. Sie ist die Grundlage für alle weiteren Maßnahmen. Nur wenn ich weiß, welche Gefährdungen es in einem Betrieb gibt, kann ich gezielt Maßnahmen ergreifen, um diese Gefährdungen zu reduzieren oder zu beseitigen.
Moderator:
Viele Betriebe sagen ja: Wir sprechen das im Team mündlich ab. Reicht das nicht?
Oliver Reim:
Nein, das reicht nicht. Gespräche im Team sind wichtig, aber sie ersetzen keine systematische Gefährdungsbeurteilung. Die Gefährdungsbeurteilung muss dokumentiert werden. Nicht, um jemanden zu kontrollieren, sondern um sicherzustellen, dass nichts vergessen wird und dass Maßnahmen auch überprüft werden können.
Moderator:
Herr Dr. Göksu, welche Rolle spielen Betriebsärztinnen und Betriebsärzte bei der Gefährdungsbeurteilung?
Dr. Turgay Göksu:
Wir unterstützen die Betriebe dabei, Gefährdungen zu erkennen und zu bewerten. Das betrifft zum Beispiel physische Belastungen, Gefahrstoffe, Lärm oder auch psychische Belastungen. Wir bringen die medizinische Perspektive ein und können Empfehlungen geben, welche Maßnahmen aus gesundheitlicher Sicht sinnvoll sind.
Moderator:
Also ein Zusammenspiel verschiedener Akteure?
Dr. Turgay Göksu:
Ja, Arbeitsschutz ist Teamarbeit. Arbeitgeber, Führungskräfte, Beschäftigte, Betriebsärzte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit – alle haben eine Rolle.
Moderator:
Herr Reim, viele Betriebe empfinden die Gefährdungsbeurteilung als aufwendig oder kompliziert. Was würden Sie denen sagen?
Oliver Reim:
Ich würde sagen: Ja, es ist Aufwand. Aber es ist sinnvoller Aufwand. Eine Gefährdungsbeurteilung muss nicht perfekt sein, sie muss gemacht werden. Es geht darum, strukturiert vorzugehen und sich ehrlich zu fragen: Wo liegen bei uns Risiken? Das kann man Schritt für Schritt angehen. Und man muss das Rad auch nicht neu erfinden.
Moderator:
Was meinen Sie damit?
Oliver Reim:
Es gibt viele Hilfsmittel. Checklisten, branchenspezifische Vorlagen, Angebote der Berufsgenossenschaften. Die BGW stellt zum Beispiel konkrete Arbeitshilfen zur Verfügung, die Betriebe nutzen können. Wichtig ist, überhaupt anzufangen und das Thema ernst zu nehmen.
Moderator:
Herr Dr. Göksu, welche typischen Gefährdungen sehen Sie in den Betrieben, die häufig unterschätzt werden?
Dr. Turgay Göksu:
Sehr häufig werden ergonomische Belastungen unterschätzt. Also falsche Arbeitshaltungen, monotone Bewegungen, schweres Heben und Tragen. Auch Hautbelastungen spielen eine große Rolle, zum Beispiel durch häufiges Händewaschen oder den Umgang mit Desinfektionsmitteln. Und psychische Belastungen werden oft noch nicht ausreichend berücksichtigt.
Moderator:
Warum gerade psychische Belastungen?
Dr. Turgay Göksu:
Weil sie schwerer zu greifen sind. Man sieht sie nicht sofort. Stress, Zeitdruck, Konflikte im Team oder hohe emotionale Anforderungen wirken oft schleichend. Und viele Betriebe tun sich noch schwer damit, diese Themen offen anzusprechen.
Moderator:
Herr Reim, wie kann man psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen?
Oliver Reim:
Zunächst einmal, indem man anerkennt, dass sie Teil des Arbeitsschutzes sind. Psychische Belastungen sind gesetzlich genauso relevant wie körperliche. Dann kann man zum Beispiel Befragungen durchführen, Workshops anbieten oder Gespräche im Team führen. Wichtig ist, dass daraus auch Maßnahmen abgeleitet werden.
Moderator:
Also nicht nur erfassen, sondern auch handeln?
Oliver Reim:
Ganz genau. Eine Gefährdungsbeurteilung, die in der Schublade verschwindet, bringt niemandem etwas. Entscheidend ist, dass man Maßnahmen umsetzt und überprüft, ob sie wirken.
Moderator:
Herr Dr. Göksu, welche Rolle spielen Führungskräfte beim Arbeitsschutz?
Dr. Turgay Göksu:
Eine sehr große Rolle. Führungskräfte prägen die Kultur im Betrieb. Wenn Arbeitsschutz ernst genommen wird und vorgelebt wird, dann steigt auch die Akzeptanz bei den Beschäftigten.
Wenn hingegen Signale gesendet werden wie: Dafür haben wir keine Zeit oder das ist nicht so wichtig, dann wird Arbeitsschutz schnell zur Nebensache.
Moderator:
Das heißt, Arbeitsschutz ist auch eine Frage der Haltung?
Dr. Turgay Göksu:
Ja, absolut. Arbeitsschutz ist nicht nur ein Regelwerk, sondern auch eine Haltung. Eine Haltung, die sagt: Die Gesundheit der Beschäftigten ist uns wichtig.
Moderator:
Herr Reim, Sie arbeiten am Projekt „kommmitmensch“. Worum geht es dabei?
Oliver Reim:
„kommmitmensch“ ist ein Präventionsprogramm der gesetzlichen Unfallversicherung. Ziel ist es, eine Kultur der Prävention zu fördern. Es geht darum, Sicherheit und Gesundheit als Werte im Betrieb zu verankern – im Führungsverhalten, in der Kommunikation und im täglichen Handeln.
Moderator:
Also über Regeln hinaus?
Oliver Reim:
Ja. Regeln sind wichtig, aber sie reichen allein nicht aus. Entscheidend ist, wie Menschen im Betrieb miteinander umgehen und wie sie Entscheidungen treffen.
Moderator:
Wenn wir jetzt noch einmal auf die Beschäftigten schauen: Welche Rolle spielen sie selbst beim Arbeitsschutz?
Oliver Reim:
Eine sehr wichtige. Arbeitsschutz funktioniert nur dann gut, wenn alle mitmachen. Beschäftigte kennen ihre Arbeitsplätze und ihre Tätigkeiten am besten. Sie wissen, wo es hakt und wo Risiken liegen. Deshalb ist es wichtig, sie einzubeziehen, ihnen zuzuhören und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen.
Moderator:
Herr Dr. Göksu, was können Beschäftigte konkret tun, um zum Arbeitsschutz beizutragen?
Dr. Turgay Göksu:
Sie können zum Beispiel Gefährdungen ansprechen, Verbesserungsvorschläge machen und Schutzmaßnahmen nutzen. Ganz wichtig ist auch, dass sie Auffälligkeiten frühzeitig melden, also zum Beispiel Beschwerden oder Belastungen, bevor daraus ernsthafte Erkrankungen werden.
Moderator:
Manche haben vielleicht Sorge, als unbequem zu gelten, wenn sie auf Probleme hinweisen.
Dr. Turgay Göksu:
Das ist leider ein reales Thema. Deshalb ist es so wichtig, dass Betriebe eine offene Kultur fördern. Beschäftigte müssen das Gefühl haben, dass ihre Hinweise erwünscht sind und ernst genommen werden.
Moderator:
Herr Reim, wie kann man diese Kultur fördern?
Oliver Reim:
Zum Beispiel durch regelmäßige Gespräche, durch Beteiligungsformate und durch klare Signale der Führungskräfte. Wenn Führungskräfte zeigen, dass Arbeitsschutz wichtig ist, dann trauen sich auch Beschäftigte eher, Probleme anzusprechen. Auch Fehler dürfen thematisiert werden, ohne dass sofort Schuldige gesucht werden.
Moderator:
Also eher Lernen statt Schuldzuweisung?
Oliver Reim:
Genau. Fehler sind Hinweise auf Verbesserungspotenzial. Wenn man sie nutzt, kann man viel gewinnen.
Moderator:
Herr Dr. Göksu, welche Unterstützung bietet die BGW Betrieben konkret an?
Dr. Turgay Göksu:
Die BGW bietet eine Vielzahl von Unterstützungsangeboten. Dazu gehören Beratung, Schulungen, Informationsmaterialien und auch spezielle Programme zur Prävention. Außerdem unterstützen Betriebsärztinnen und Betriebsärzte sowie Fachkräfte für Arbeitssicherheit die Betriebe direkt vor Ort.
Moderator:
Also niemand muss das Thema alleine stemmen?
Dr. Turgay Göksu:
Nein, ganz und gar nicht. Es gibt viele Unterstützungsangebote, die Betriebe nutzen können. Wichtig ist, dass sie diese Angebote auch annehmen.
Moderator:
Herr Reim, wenn Sie einen zentralen Punkt nennen müssten, worauf es beim Arbeitsschutz ankommt – welcher wäre das?
Oliver Reim:
Der zentrale Punkt ist aus meiner Sicht: Dranbleiben. Arbeitsschutz ist kein Projekt mit einem Enddatum. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Man muss regelmäßig hinschauen, überprüfen, anpassen und verbessern.
Moderator:
Herr Dr. Göksu, Ihr Fazit?
Dr. Turgay Göksu:
Mein Fazit ist: Prävention lohnt sich. Für die Beschäftigten, für die Betriebe und für die Gesellschaft insgesamt. Gesunde Beschäftigte sind motivierter, leistungsfähiger und bleiben länger im Beruf.
Moderator:
Vielen Dank an Oliver Reim von der BGW und Dr. Turgay Göksu vom Betriebsarztzentrum Rhein-Neckar für dieses Gespräch.
Oliver Reim:
Vielen Dank.
Dr. Turgay Göksu:
Danke.
Moderator:
Arbeitsschutz betrifft uns alle – ob als Arbeitgebende, Führungskräfte oder Beschäftigte. Und er beginnt oft mit kleinen Schritten: Hinschauen, ansprechen, handeln. Einen passenden Hörtipp findet ihr in den Shownotes dieser Podcast-Folge. Wir hören uns in zwei Wochen wieder. Bis dahin: bleibt gesund.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.