Praxisanleitungen: Mehr bewirken BGW magazin 1/2026

In Pflege- und Gesundheitsberufen dienen Praxisanleitungen dazu, Auszubildende fachlich fit zu machen. Sie tragen auch dazu bei, den Nachwuchs an sicheres und gesundes Arbeiten heranzuführen. 

Weibliche Person weist mit den Händen in Richtung eines Infusionsständers. Sie blickt über ihre Schulter zurück auf eine weitere Person.

Praxisanleitungen sind ein zentraler Baustein der Pflegeausbildung. Mindestens zehn Prozent der zu leistenden praktischen Ausbildungszeit sollen auf die Praxisanleitung verwendet werden.

Eine junge Frau und ein Mann in medizinischer Kleidung, beide erheben ihren Daumen zur "Ok"-Geste

Wichtig ist, neben dem rein Fachlichen auch Sicherheits- und Gesundheitsthemen einzubauen, sagt Birgit Waterstrat, die im Auftrag der BGW Praxisanleitende schult. So könne erreicht werden, dass Auszubildende schon früh bei allen beruflichen Tätigkeiten ihren Selbstschutz berücksichtigen. Birgit Waterstrat ist überzeugt, dass dies allen Beteiligten nützt: Azubis, die auf ihre Gesundheit achten, können ihren Beruf länger und motivierter ausüben. Das ist gut für alle Beschäftigten im Unternehmen – und für die Menschen, um die sie sich kümmern.

Vielfältige Themen 

Welche Gesundheits- und Sicherheitsaspekte können in Praxisanleitungen vorkommen? Grundlegende, einfach zu vermittelnde Themen sind zum Beispiel: dass man im Brandfall den Sammelpunkt außerhalb von Gebäuden kennt. Oder dass gutes Schuhwerk gegen Stolpern und Stürzen hilft. Anderes ergibt sich aus dem Arbeitsalltag – zum Beispiel, wie die sogenannten kleinen und technischen Hilfsmittel beim Bewegen von Menschen unterstützen: Gleithilfen, Bettzügel, Rutsch- und Rollbretter machen nicht nur Pflegekräften das Leben leichter, sondern aktivieren zusätzlich die zu pflegenden Personen. 

Manches Praxisthema ist in fast jedem Gesundheitsberuf relevant. Und oft geht es ums Ausprobieren und Üben, denn erst die Routine sorgt dafür, dass Schutzmaßnahmen selbstverständlich werden. Das gilt für den Einsatz von persönlicher Schutzausrüstung ebenso wie für den Umgang mit Nadeln, Lanzetten, Kanülen, Skalpellen und Ähnlichem. 

Hinzu kommen branchen- oder betriebsspezifische Themen: Wie vermeide ich im Laborbetrieb den Kontakt mit Gefahrstoffen? Wie beugen Hebammen am besten Infektionsrisiken vor? Was ist im hektischen Alltag einer Notaufnahme zu beachten? Das lernen Auszubildende am besten schon ab Tag eins.

Der Umgang mit Stress, Gewaltpräven­tion oder Themen wie wertschätzende Kommunikation und die Fehlerkultur im Betrieb gehören selbstverständlich zum Themenspektrum von Praxisanleitungen

Dennis Petz
Dennis Petz
BGW-Pflegefachmann sowie Referent und Dozent für Gesundheitsthemen

An die Psyche denken 

Komplexe, vermeintlich schwierige Themen lassen sich in Praxisanleitungen ebenfalls aufgreifen, weiß Dennis Petz, Pflegefachmann sowie Referent und Dozent für Gesundheitsthemen bei der BGW. Der Umgang mit Stress, Gewaltpräven­tion oder Themen wie wertschätzende Kommunikation und die Fehlerkultur im Betrieb gehören selbstverständlich zum Themenspektrum von Praxisanleitungen. Hier gehe es darum, dass die Auszubildenden mit einem hohen Arbeitspensum und stressigen Situationen gut umzugehen lernen. Das Ziel sei klar: Neben dem Körper solle auch die Psyche langfristig gesund bleiben, so Petz. 

Praxisanleitungen dürfen – ja sie sol­len – Spaß machen. Wie im Klinikalltag ein Thema originell vermittelt werden kann, berichtet Susann Groth. Sie arbeitet im BG Klinikum Hamburg als hauptamtliche Praxisanleiterin für angehende operationstechnische Assistentinnen und Assistenten. Alle Auszubildenden machen an einem ihrer ersten Tage den "Operationstisch-Führerschein". Dabei lernen sie, die fahrbaren Untersätze sicher durch Gänge und Türen zu schieben – und legen sich auch selbst darauf, um die Unterschiede im Umgang mit den Geräten am eigenen Körper zu spüren, erzählt Susann Groth.

Einen guten Rahmen schaffen 

Damit Praxisanleitungen gut funktionieren, müssen die Voraussetzungen stimmen. Genug Zeit ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Unternehmen tun gut daran, dies organisatorisch zu lösen, meint BGW-Experte Dennis Petz. Unternehmensleitung und Führungskräfte müssen dahinterstehen und die Anleitenden stärken. Eine Selbstverständlichkeit sollte es sein, dass ausreichend Räume und Materialien zur Verfügung stehen. 

Praxisanleitende benötigen neben fachlicher Kompetenz ein Herz für ihre Arbeit mit Auszubildenden. Petz nennt Empathie und Respekt sowie die Fähigkeit, Menschen abzuholen, als wichtige Eigenschaften aufseiten der Praxisanleitenden.

Unsere Nachwuchskräfte haben sich durch den Wandel der Zeit, auch in der Erziehung, im Vergleich zu früher verändert und sollten da abgeholt werden, wo sie stehen.

Ines Jachniak
Ines Jachniak
Pflegedienstleiterin in der Seniorenresidenz Twistringen

Auszubildende bringen unterschiedliche Hintergründe, Persönlichkeiten und Voraussetzungen mit – das fordert Praxisanleitende mitunter heraus. Wenn eine junge Praxisanleiterin eine viel ältere Pflegehilfskraft zur Pflegefachkraft ausbildet, prallen schon mal Welten aufeinander, berichtet Dennis Petz von einem konkreten Fall. Weiterhin können Sprachbarrieren erschweren, dass etwas hängenbleibt.

Runtertouren und "Lern-Nuggets" anbieten 

Und dann ist da noch der Generationswechsel. Der beeinflusst stark, wie zum Beispiel Ines Jachniak ihre Praxisanleitungen gestaltet. Sie ist Pflegedienstleiterin in der Seniorenresidenz Twistringen, einem Haus der Specht Residenzen in Bremen. Unsere Nachwuchskräfte haben sich durch den Wandel der Zeit, auch in der Erziehung, im Vergleich zu früher verändert und sollten da abgeholt werden, wo sie stehen. Was allen, unabhängig vom jeweiligen Hintergrund, helfe: Details in einfachen Worten zu erklären, statt immer gleich ein umfangreiches Thema zu behandeln. "Runtertouren" nennen das die Profis, also zunächst mit klein zugeschnittenen Themenpaketen anfangen und in einfachen Worten sprechen.

Ein weiterer Tipp kommt von Dennis Petz: einzelne Gesundheitsaspekte in Kurzform – so genannten Lern-Nuggets – vermitteln.

So kann man sogar zwischen Tür und Angel wichtige Themen anschneiden, zum Beispiel das Abschalten nach getaner Arbeit. Sicherlich lässt sich mithilfe von Nuggets nichts Weitreichendes umfassend oder abschließend behandeln, aber Impulse können gegeben werden.

Den Austausch suchen 

Hilfreich für Praxisanleitende sei es zudem, sich zu vernetzen, betont Petz. Das gehe im eigenen Unternehmen oder indem man sich Ansprech­personen außerhalb sucht. Auch die BGW hilft dabei, Interessierte zusammenzubringen. Beim Seminar Qualifizierung für Praxisanleitungen ist – neben der Wissensvermittlung – viel Zeit für Kleingruppenarbeit und Erfahrungsaustausch eingeplant.

BGW-Fachmann Petz rät Praxisanleitenden zudem, auf im Betrieb vorhandenes Know-how zum sicheren und gesunden Arbeiten zuzugreifen. Ansprechpersonen sind etwa Führungskräfte, Sicherheitsbeauftragte aus der Mitte der Belegschaft oder Fachkräfte für Arbeitssicherheit, die die Unternehmensleitung bei der betrieblichen Arbeitssicherheit unterstützen. Die betriebliche Interessenvertretung, Hygiene-, Brandschutz- und andere Beauftragte könnten ebenfalls einbezogen werden, wenn es um Anleitungen im spezifischen Fachgebiet geht.

In Ines Jachniaks Seniorenpflegeheim ziehen viele Personen beim Anleiten der Auszubildenden an einem Strang. Den Nutzen guter Praxisanleitungen sieht sie so: Wir sorgen dafür, dass diese jungen Menschen lange arbeiten können. Wer weiß? Vielleicht stehen sie dann irgendwann an unseren Betten, wenn wir Pflege brauchen. Und dann möchten wir fachlich kompetent, aber auch menschlich betreut werden.

Von: Hermann Bach