36 Grad und mehr: richtiger UV-Schutz in Kitas für die nächste Hitzewelle #152 BGW-Podcast "Herzschlag – Für ein gesundes Berufsleben"
Pädagogische Fachkräfte kümmern sich draußen oft vorbildlich um den Sonnenschutz der Kinder, vergessen dabei aber nicht selten sich selbst. Dabei kann UV-Strahlung gerade für Beschäftigte in Kitas, Waldkindergärten und Naturkitas zu einem relevanten Arbeitsschutzthema werden.
In dieser Folge spricht Ralf Podszus mit Dr. Valeska Buder darüber, wie hoch die UV-Belastung im Kita-Alltag sein kann, warum der UV-Index mehr Beachtung verdient und welche Schutzmaßnahmen Beschäftigte und Arbeitgebende kennen sollten. Grundlage ist unter anderem eine BGW-Studie zur UV-Belastung in Waldkindergärten.
Es geht um Schatten, Kleidung, Sonnencreme, Angebotsvorsorge und die Frage, was Arbeitgebende beim Schutz ihrer Beschäftigten konkret tun müssen. Die Folge zeigt: Wer Kinder gut schützt, sollte die Gesundheit der pädagogischen Fachkräfte genauso konsequent mitdenken.
Hier kommen Sie zum Transkript dieser Folge
Moderator:
Bei Gefahren in der Kita, da denken die meisten wahrscheinlich zuerst an aufgeschlagene Knie oder an Hinweisschilder, auf denen dann steht: Wir haben Hand-Fuß-Mund, Läuse und Magen-Darm. Ja, an UV-Strahlung, da denken vermutlich die wenigsten. Dabei verbringen Kinder und pädagogische Fachkräfte oft viele Stunden draußen auf dem Spielplatz, im Garten oder im Wald. Und ja, das Spielen in der Sonne ist gefährlich. Wie die Zeit im Freien gesund gestaltet werden kann und was pädagogische Fachkräfte konkret tun können, darüber spreche ich mit Doktor Valeska Buder. Sie ist Fachärztin für Dermatologie und Venerologie und Weiterbildungsassistentin in der Arbeitsmedizin bei der BGW in Hamburg. Valeska hat untersucht, wie groß die Gefahr von UV-Strahlung für Beschäftigte in Waldkindergärten tatsächlich ist. Ja, die sind da fast immer draußen.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Herzlich willkommen, Valeska.
Dr. med. Valeska Buder:
Hallo Ralf, ich freue mich, mal wieder hier zu sein.
Moderator:
Ja, welcome back, du warst schon mal dabei. Du beschäftigst dich beruflich mit Gesundheit, Hautschutz und Sonne. Was hättest du in Bezug auf Hautschutz und UV-Strahlung gerne schon früher gewusst?
Dr. med. Valeska Buder:
Also, da fällt mir jetzt der UV-Index zum Beispiel ein. Das ist ja ein ganz toller Parameter, den wir uns sowohl beruflich als auch privat zunutze machen können, um einfach zu schauen: Wie verhalte ich mich denn jetzt, wenn ich draußen unterwegs bin? Und den kann ich mir tagesaktuell abrufen, zum Beispiel beim Bundesamt für Strahlenschutz oder beim Deutschen Wetterdienst oder auch bei zahlreichen Wetter-Apps wird einem immer der UV-Index angezeigt und der tagesaktuelle Verlauf. Und da sehe ich dann zum Beispiel: Heute für Hamburg ist ein UV-Index von 7 zu erwarten um die Mittagszeit. Da ist dann ja auch der Sonnenstand am höchsten und tatsächlich ist es so, dass wir uns abhängig von dem UV-Index auch anders schützen müssen. Also ein UV-Index von 0, 1 oder 2 bedeutet für uns: kein weiterer Schutz notwendig. Ab einem UV-Index von 3 wird es dann spannend, dann müssen wir anfangen, uns zu schützen mit Textilien, mit Sonnensegel, Sonnenschirm, wir sollten uns also im Schatten aufhalten. Wir sollten unseren Körper gut schützen mit entsprechenden Textilien, also lange Ärmel, lange Hosen, ein guter Hut mit breiter Krempe und Nackenschutz und eine Sonnenbrille und alles, was dann noch frei ist und freigetragen ist. Das sind dann in der Regel Handrücken und Gesicht, wenn man es dann tatsächlich so anwendet. Das sollte ich dann mit einem guten Lichtschutzpräparat eincremen. Und das sollte einen Lichtschutzfaktor von mindestens 30 und höher haben. Und wenn das dann so ist, so wie heute zum Beispiel in Hamburg, dass wir einen UV-Index von 7 erwarten, dann muss ich sogar noch mehr tun.
Moderator:
Da muss man ja gleich so ’n ganzen Imkerschutzanzug anziehen, ne, wenn das eben alles schon bei 3 gemacht werden muss.
Dr. med. Valeska Buder:
Nee, dann halt ich mich tatsächlich in der Mittagszeit, also in der Zeit von 11 bis 16 Uhr, am besten gar nicht draußen auf, sondern bleibe drinnen. Das und dann zusätzlich zu den anderen Maßnahmen. Nun gibt es natürlich Beschäftigungsgruppen, die können das nicht so wie wir, wir sind ja sogenannte Indoorworker, also Innenraumbeschäftigte, wir können das so machen und so handhaben. Andere Berufsgruppen können das teilweise nicht so umsetzen, da sollte man dann wirklich drauf achten, dass dann die anderen Maßnahmen stimmen.
Moderator:
Hab ich gleich wieder ganz viel gelernt. Erst mal: Die Mittagszeit ist von 11 bis 16 Uhr, ich muss da dringend mit meinem Chef noch mal reden wegen der Mittagspause. Und dann sag noch mal für alle die Seite, wo man genau das nachschauen kann, wie hier gerade die UV-Belastung ist.
Dr. med. Valeska Buder:
Also du kannst das beim Bundesamt für Strahlenschutz nachschauen oder beim Deutschen Wetterdienst. Du kannst aber auch auf eine Wetter-App schauen, da wird das in der Regel auch angezeigt. Also du darfst da Google bemühen und UV-Index heute und dann deinen Standort angeben und dann erhältst du einen Wert, nach dem du dich dann richten kannst.
Moderator:
Sehr interessant. Ich werd wahrscheinlich nur noch auf dieser Seite jetzt herumsurfen und immer wieder aktualisieren. Valeska, ihr habt bei der BGW in einer Studie untersucht, wie es um die UV-Belastung von Beschäftigten in Waldkitas steht. Was ist da los? Warum Waldkitas?
Dr. med. Valeska Buder:
Also, wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie Beschäftigte solar belastet sind, also durch die Sonne belastet sind, dann stößt man ziemlich schnell auf eine sehr renommierte Studie, das ist die sogenannte Genesis-UV-Studie, die ist vom Institut für Arbeitsschutz der DGUV durchgeführt worden und da wurden über 1000 Beschäftigte aus ganz unterschiedlichen Außenberufen schon mal untersucht. Die wurden alle mit einem sogenannten UV-Dosimeter ausgestattet, das haben die am Oberarm getragen und das nicht nur ein, zwei Tage, sondern tatsächlich richtig lang. Also über eine ganze Messperiode, die ging von April bis Oktober, da haben die das jeden Tag getragen und jeden Tag wurde dann die UV-Belastung aufgezeichnet und dann konnte man am Ende einen sogenannten Jahresexpositionswert ermitteln. Und da das ja alle gemacht haben aus ganz unterschiedlichen Berufen, konnte man diese Jahresexpositionswerte auch ganz toll miteinander vergleichen und da hat man dann schon bestimmte Berufsgruppen feststellen können, die sehr, sehr stark solar belastet waren. Und das waren insbesondere Berufsgruppen aus der Bauwirtschaft, Berufsgruppen aus der Landwirtschaft. Das kann man sich gut vorstellen, das ist auch das, was die Allgemeinbevölkerung unter Außenbeschäftigten versteht, ne, also der Erntehelfer zum Beispiel oder der Dachdecker, das wären so für die Allgemeinbevölkerung klassische Außenberufe.
Dr. med. Valeska Buder:
Die Erzieher in konventionellen Kindertagesstätten – und ich sage jetzt konventionell, weil ich damit meine, die haben ein ummauertes Haus, in das sie sich mittags zurückziehen können. Also diese Erziehergruppe, die über so ein Haus verfügt, die wurden auch bereits schon einmal vermessen und die haben im Vergleich zu diesen anderen Außenbeschäftigten sehr viel niedrigere Werte. Aber dann haben wir uns gefragt, und wir gehen davon aus, dass circa 10.000 bis 15.000 Beschäftigte in Deutschland in sogenannten Wald- und Naturkitas arbeiten. Da haben wir uns gefragt: Die haben ja ein ganz anderes Berufsumfeld, also ein ganz anderes Setting, in dem sie arbeiten. Da müsste doch eigentlich die solare Belastung sehr viel höher sein. Das hatte aber bis zum damaligen Zeitpunkt noch niemand untersucht. Insofern haben wir uns gedacht: Ach Mensch, wir fragen mal beim Institut für Arbeitsschutz, ob die das nicht mit uns zusammen untersuchen wollen. Und das fanden die auch ’ne super Idee und dann haben wir das einfach mal gemacht. Wir haben also Mitarbeiter in Waldkindergärten auch mit so einem UV-Dosimeter ausgestattet, was sie dann am Oberarm getragen haben, und die haben dann auch gemessen von April bis Oktober. Das war im Jahr 2024. Und dann konnten wir auch wieder so einen Jahresexpositionswert ermitteln und der war tatsächlich doppelt so hoch wie der von Erzieherinnen und Erziehern in konventionellen Kitas. Das war schon mal sehr eindrucksvoll.
Dr. med. Valeska Buder:
Und dann haben wir noch mal geschaut, das waren nämlich Beschäftigte, die in unterschiedlichen Gruppen arbeiten. Also, die eine war eine Vorschulgruppe, die war im Wald, das andere war eine Elementargruppe, also Kinder von drei bis sechs. Die waren am Rand von diesem Wald stationiert, sag ich mal, und die andere Gruppe, die war auch am Rande von diesem Wald lokalisiert und von dort aus sind sie immer aufgebrochen in den Wald und wieder zurückgekehrt. Aber die haben auf einem Gelände ihren Standort gehabt, der sehr stark sonnenexponiert war, also sehr stark der Sonne ausgesetzt war. Da gab es nämlich so gut wie keine natürlichen Schattenquellen, der war auf einem sogenannten Kleingartengelände verortet und da gab es zwar Sonnensegel und auch Unterstandmöglichkeiten, aber eben halt sehr wenig natürliche Schattenquellen und die hatten noch viel mehr solare Belastung. Das heißt, man muss sich auch immer die Standorte sehr genau anschauen. Und das war also sehr interessant und sehr eindrucksvoll und deswegen hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung auch gesagt beziehungsweise das Institut für Arbeitsschutz: Mensch, wussten wir ja gar nicht, die Waldkitas scheinen ja wirklich teilweise sehr viel stärker sonnenbelastet zu sein. Wir messen jetzt noch mal 40 weitere Standorte in Deutschland und gucken mal, was wir dabei rausfinden. Und diese Messung läuft derzeit noch, da können wir also gespannt sein. Vielleicht wissen wir Ende des Jahres ja schon mehr, aber ja, das war schon eine interessante Erkenntnis.
Moderator:
Auf jeden Fall. Und der Unterschied zwischen Waldkita und ich sag mal einer herkömmlichen Kita ist eben einfach, es gibt nicht so diesen großen Rückzugsort, wo man immer drinne sein kann.
Dr. med. Valeska Buder:
Genau richtig. Also der klassische Waldkindergarten, der zeichnet sich ja dadurch aus, dass er ja keinen festen Standort hat. Mit Glück gibt es dort einen Bauwagen, manchmal gibt es tatsächlich auch nur einen Unterstand und dann gibt es andere Standorte, die haben dann noch ’ne Hütte, da kann man dann tatsächlich auch mal reingehen, aber das ist eher der Einzelfall tatsächlich. Und zu den sogenannten Naturkindergärten gehören ja teilweise, das habe ich ja im Rahmen meiner Recherche rausgefunden, auch noch ganz andere Kitas. Also ich hab da ’ne Strandkita gefunden, ich hab ’ne Wattkita gefunden, also das sind dann schon noch mal wieder ganz andere Einflussfaktoren, aber alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie über dieses ummauerte Gebäude, in das man sich in anderen Kitas in der Mittagszeit gut zurückziehen kann, dass das eben halt nicht vorhanden ist.
Moderator:
Ja, das einzige Sonnensegel bei der Wattkita ist dann vielleicht das Segel vom gestrandeten Segelboot. Ich war für Herzschlag auch schon mal vor Ort in einer Waldkita. Hört euch diese Podcastfolge gerne mal im Anschluss an, sie heißt: Ab in die Natur, Konzept Waldkita. Ja, die einzige Toilette, die es dort draußen gab, die hat mich echt beeindruckt. Da ist das kleine oder große Geschäft eben mal ganz anders. Valeska, bevor wir beide über die Ergebnisse der Studie sprechen, wie misst man UV-Strahlung eigentlich im Arbeitsalltag?
Dr. med. Valeska Buder:
Genau, das ist ein sogenanntes UV-Dosimeter, was jetzt dort verwendet wurde und das zeichnet UVA- und UVB-Strahlung auf und dann werden da Halbstundenwerte gemessen, Tagesmittelwerte gemessen und die werden alle zusammengerechnet zu einem sogenannten Jahresexpositionswert.
Moderator:
Bei der Studie hast du und dein Team herausgefunden, dass natürlich der sonnigste Standort gefährlich ist. Was habt ihr sonst noch rausgefunden?
Dr. med. Valeska Buder:
Also tatsächlich war interessant zu sehen, wie gut Laub, wenn es denn ausgebildet ist, und das war in den Monaten Juni, Juli und August tatsächlich der Fall, wie gut Laub da eine Gruppe an Beschäftigten geschützt hat. Also die hatten diese Gruppe, das war die Vorschulgruppe, die war da im Wald ansässig und haben sich da im Wald vornehmlich aufgehalten. Die war tatsächlich sehr gut geschützt, anscheinend durch das ausgebildete Laub und hatte die niedrigsten Werte selbst in den Hochsommermonaten Juli und August. Das hat mich sehr beeindruckt. Und interessanterweise gab es dann sogenannte Tagesprotokolle. Da konnte man sehen, wie hoch an dem jeweiligen Tag die Belastung war. Die Gruppe Wald hat immer am niedrigsten abgeschnitten, bis auf einen Tag. Da gab es so einen massiv hohen Wert. Und da konnte man aber in das Wochenprotokoll reinschauen und konnte sehen, da haben dann die Mitarbeiter am Ende der Woche immer eingetragen, wo waren wir, was haben wir gemacht, pädagogische Arbeit im Wald und so weiter. Und da konnte man sehen, dass die an dem Tag einen Ausflug gemacht haben und der war tatsächlich zum Elbstrand. Und da gab es auch Fotos von, die mir da zur Verfügung gestellt wurden. Und da sah man, dass diese Gruppe da am Elbstrand war und auch kein Sonnensegel dabei hatte, leider. Man sah auch ein Bild von den Wolken. Also, es war auch bewölkt, aber trotzdem haben die Wolken nicht schützen können und haben da zu so einem hohen Tageswert geführt, und das war sehr eindrucksvoll.
Moderator:
Denkt man ja immer nicht, denkt so, so richtig schön schattig, super cool, heute spar ich mir mal das Arme und Gesicht eincremen und einfach ein Trugschluss, ne, ganz heikel. Dann für viele beginnt das Eincremen mit Sonnencreme auch erst im Sommer, irgendwann dann im Juni oder Juli, wenn die Sonne von oben runterbrennt. Ich hab mal gelernt, dass es Anfang April gefährlich ist, wenn es noch gar nicht warm ist.
Dr. med. Valeska Buder:
Ja, super, Ralf, da hast du auf jeden Fall schon mal mehr gelernt als der Großteil der Bevölkerung. Denn die, das kann ich auch verstehen, freut sich natürlich nach der langen Winterzeit, es war lange dunkel, es war kalt und ungemütlich und dann kommt die Sonne raus und dann setzen sich einfach viele privat und beruflich auch gerne noch mal der Sonne konkret aus und schützen sich aber leider zu wenig, lassen sich vielleicht davon täuschen, dass erst April ist und dass die Temperaturen auch noch gar nicht so warm sind. Aber dennoch, und da kann ich nur wieder auf den UV-Index verweisen, checkt bitte den UV-Index und zwar jeden Tag. Denn es gibt auch im Hamburger Raum und im Süden wird es genauso sein und in Mitteldeutschland, Ost und West, es gibt Tage auch im April, wo der UV-Index auch in den frühen Monaten des Jahres, also im März und April, schon wahnsinnig hoch ist, so dass wir uns schützen müssen und das vergessen die Leute. Und ja, setzen sich einfach ungeschützt der Sonne aus. Also bitte immer den UV-Index tagesaktuell abrufen und sich dahingehend dann auch verhalten.
Moderator:
Und da muss man auch noch bedenken, nur weil die Haut jetzt nicht rot ist, ist ja das absolute Warnsignal, alles falsch gemacht, da ist schon der Sonnenbrand da. Auch wenn alles gut geht und man einfach weiter blass ist und man einer hohen UV-Strahlung ausgesetzt wird, ist das trotzdem nicht gut.
Dr. med. Valeska Buder:
Genau, das ist dann die sogenannte kumulative UV-Belastung, die einfach über eine lange Zeitperiode, teilweise über Jahre und Jahrzehnte, auf die Haut einwirkt. Und wir wissen mittlerweile, der Außenbeschäftigte ist einer zwei- bis dreifach höheren UV-Lebenszeitdosis ausgesetzt und hat daher leider auch ein erhöhtes Risiko an einer sogenannten Berufskrankheit Nummer 5103 zu erkranken. Das ist das Plattenepithelkarzinom und die aktinischen Keratosen durch UV-Strahlung und da wollen wir natürlich jetzt ansetzen und die Mitarbeiter jetzt schützen, damit sie später eben halt keinen beruflich bedingten Hautkrebs entwickeln.
Moderator:
Ich nehme auf jeden Fall auch schon mal voll mit, nur der Schatten hilft eben leider auch nicht. Auch wenn man danach dann auch gar keinen Sonnenbrand oder eine Rötung hat, es ist doch nicht so gut gewesen, wenn man sich nicht eingecremt hat, wenn die UV-Belastung so hoch ist. Ja, auch die Industrie, der Handel, da werden ja Sonnencremes erst auch im Sommer beworben, jetzt im Angebot oder auf einmal siehst du das überall, wenn es nach vorne gestellt wird, Plakate. Kaufen Sie Sonnencreme im März oder April: Fehlanzeige. Da müssen wir alle insgesamt umlernen.
Dr. med. Valeska Buder:
Also auch im März und April gibt es schon Sonnenschutzpräparate zu kaufen. Wichtig wäre mir an dieser Stelle noch mal zu betonen, bevor wir jetzt zu viel über das Eincremen sprechen, können vorher ganz tolle andere Maßnahmen greifen, damit wir uns gut schützen können, nämlich das sogenannte TOP-Prinzip, so nennt man das: technische Maßnahmen. Also, wir bauen ein Sonnensegel auf, wir stellen den Sonnenschirm auf, wir halten uns im Schatten auf. Organisatorische Maßnahmen: Können wir es irgendwie schaffen, uns nicht permanent der Sonne auszusetzen, wenn wir im beruflichen Umfeld zum Beispiel daran denken? Können wir das sogenannte Rotationsprinzip anwenden? Also ein Mitarbeiter im Kita-Bereich jetzt zum Beispiel ist mit den Kindern im sonnigen Umfeld, ein anderer Mitarbeiter ist im Schatten und wir wechseln uns ab stündlich, dass da nicht ein Mitarbeiter permanent der Sonne ausgesetzt ist. Das könnte man machen. Leider kann man ja die Kernarbeitszeit des Kita-Beschäftigten nicht anpassen und sagen, wir arbeiten nur von 8 bis 11 und dann wieder von 16 bis 20 Uhr, da wird natürlich dann die Betreuungszeit nicht bedient, die die Eltern sich wünschen, das ist mir schon klar. Aber mit so kleinen und feinen Maßnahmen können wir schon mal richtig viel erreichen. Und dann geht es natürlich darum, personenbezogene Maßnahmen, wie kann ich mich kleiden, auch als Kitabeschäftigter. Meine Erfahrung ist, die Mitarbeiter kümmern sich richtig toll um die Kinder, sorgen dafür, dass die von Kopf bis Fuß gut ausgestattet sind, die haben ihren Hut auf, die haben ’ne Sonnenbrille auf, die sind eingecremt, tippi toppi. Aber es geht ja jetzt an dieser Stelle auch um die Mitarbeiter selber, auch die sollten sich bitte schützen und das kann man auch mit Textil wunderbar tun. Auch die sollten aus unserer Sicht einen Hut tragen, wenn sie draußen sind, die sollten eine Sonnenbrille tragen, die sollten sich gut mit luftigen Textilien bedecken und alles dann, was dann noch freigetragen ist, das wird dann eingecremt mit einer ausreichend guten Creme, Lichtschutzfaktor 30, 30 plus, also gerne 50, wasserfest sollte sie sein, und dann sind die Mitarbeiter richtig gut ausgestattet.
Moderator:
Jetzt sagen da vielleicht aber auch einige: Na ja, wir sind in unserer Einrichtung ja nur so zwei Stunden am Tag draußen, ne. Haben das wirklich alle auf dem Schirm, auf dem Sonnenschirm?
Dr. med. Valeska Buder:
Also, es haben zumindest was die Betreuung der Kinder angeht, alle auf dem Schirm. Denn da wird ja schon das Risiko wahrgenommen, dass die Sonne gefährlich sein kann, aber es wird eben halt nicht übertragen auf die eigene Person oder auf die erwachsene Person. Also, es gibt eine sogenannte Angebotsvorsorge für Beschäftigte, die draußen arbeiten, und die beschreibt, dass jeder Mitarbeiter, der eine Stunde am Tag an 50 Tagen im Jahr in der Zeit zwischen April bis Oktober in der Sonne arbeitet oder zwei Stunden im Schatten, dass der eine sogenannte Angebotsvorsorge zur solaren Belastung oder UV-Belastung wahrnehmen kann. Das heißt, da dürfen Sie zum Betriebsarzt gehen, zu Ihrem Betriebsarzt, und der berät Sie dann noch mal, der schaut sich noch mal das individuelle Risiko an, was die Person hat, der schaut sich noch mal den Arbeitsplatz an oder lässt sich davon berichten und der schaut sich dann auch die Stellen an der Haut an, die freigetragen sind, also die sogenannten Sonnenterrassen, also Gesicht, Nacken, Dekolleté, Unterarme, Scheitel und guckt dann eben, ob da Auffälligkeiten sind hinsichtlich Hautkrebsvorstufen und berät auch, wie die Mitarbeiter sich gut schützen können.
Moderator:
Das sind doch schon mal richtig gute Tipps und du hast vorhin ja auch die Sonnensegel erwähnt, super wichtig. Und jetzt schaut man mal auf sämtliche Kinderspielplätze in den Städten, auch öffentliche, ganz, ganz viele, die sind oft vollkommen auf freier Fläche und die Sonne ballert gnadenlos drauf. Warum wird das nicht gleich mitgebaut? Ja, wenn es natürlichen Schutz durch Bäume nicht gibt, das ist doch dann fahrlässiges Rutschen und Schaukeln. Und solche großen Segel kann man, finde ich, direkt beim Kinderspielplatz mitbauen, mitdenken, oder?
Dr. med. Valeska Buder:
Also Sonnensegel im ländlichen, im städtischen Bereich sollten aus meiner persönlichen Sicht natürlich noch viel mehr Einzug finden. Und wenn wir jetzt wieder Richtung Berufsgruppe Erzieher gehen, schützt es natürlich nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen, also die Beschäftigten auf den öffentlichen Spielplätzen, ja auch, ne. Man kann also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Moderator:
Jetzt finden ja einige Jugendliche das Eincremen lästig und verzichten da drauf. Die Sonnencreme, die zerstört die gute Frisur, die ewig gestylt wurde, und durch die Sonnencreme dann glänzt die Haut auch noch so eklig. TikTok-Videos propagieren, dass man sich gar nicht eincremen braucht oder dass dies einfach uncool ist. Also gerade Kinder, Jugendliche, denen muss das ja auch klargemacht werden. Ich weiß, in der Pubertät ist sehr viel sehr Sinnvolles dann einfach abgemeldet. Aber gefühlt gehen wir gerade wieder so einen Schritt zurück, weil wir ja eigentlich schon sehr verantwortungsvoll in den letzten Jahren das Thema Sonnencreme, Sonnenschutz, Kopfbedeckung, Sonnenbrille so aufgenommen haben. Ne, als ich Kind und Jugendlicher war, da war das völlig egal. Ja, da gab es auch eine Brandblase auf der Schulter, mei, Pech gehabt diesmal, da sind wir ja eigentlich schon von weg. Aber siehst du so eine Entwicklung gerade bei den jetzigen Kindern und Jugendlichen? Müssen wir noch mal wieder ein bisschen mehr arbeiten und aufklären?
Dr. med. Valeska Buder:
Also, es gibt ganz tolle Programme, die nennen sich zum Beispiel Clever in Sonne und Schatten, das ist von der Deutschen Krebsgesellschaft. Es gibt auch tolle andere Programme, sowas wie Smart Sun von den Landeskrebsgesellschaften, die sich tatsächlich damit beschäftigen: Wie können wir schon früh Kinder und auch Jugendliche aufklären über die Gefahren der Sonne, ohne da jetzt lehrend zu wirken, sondern die das ganz spielerisch machen und ganz toll nach Altersgruppen konzipiert. Also es gibt tatsächlich schon Infomaterial, was Kitas sich kostenfrei bestellen können für den U3-Bereich, also für die Krippenkinder. Dann geht es weiter mit anderen Lehrmaterialien für die Kinder ab drei, von drei bis sechs, und dann geht es weiter mit den Grundschulen. Und um auf deine Frage zurückzukommen, Ralf, was wir jetzt mit den Kindern und Jugendlichen machen: Es gibt die sogenannte SunPass-Zertifizierung, das ist von den jeweiligen Landeskrebsgesellschaften entwickelt worden, und da kommt eine Person in die Einrichtung, zum Beispiel die Schule, und führt dort eine Art Workshop durch und klärt eben halt auf und schult Kinder dazu, wie sie sich gut vor der Sonne schützen können, insbesondere diese Altersgruppe Jugendliche.
Moderator:
Klasse, also hier wird präventiv schon einiges gemacht. Nur englische Fußballfans, die bleiben feuerrot, da kann man glaube ich auch nichts machen, die sind einfach unbelehrbar, oberkörperfrei, glutrot. Was jetzt eine Einrichtung tun kann, um die Belastung durch UV-Strahlung so gering wie möglich zu halten, das haben wir vorhin schon geklärt. Welche dieser Maßnahmen sind für Arbeitgebende verpflichtend, also was müssen sie im Bereich UV-Schutz tatsächlich umsetzen?
Dr. med. Valeska Buder:
Also der Arbeitgeber hat ja eine sogenannte Gefährdungsbeurteilung durchzuführen und kommt dann beim Beispiel einer Kita zum Beispiel zu dem Schluss, dass die Mitarbeiter von der Sonne belastet sind und vor der Sonneneinstrahlung geschützt werden müssen. Und dann geht es natürlich darum, dass der Arbeitgeber am Ende, wenn er denn schon andere Maßnahmen umgesetzt hat, also die technischen Maßnahmen: Er hat die Einrichtung mit einem Sonnensegel ausgestattet, hat für Beschattungsmaßnahmen gesorgt. Der Arbeitgeber könnte auch, wenn er jetzt neue Standorte einrichtet, darauf achten, dass gleich gewisse Baumarten oder Buschwerk angepflanzt wird, die einfach mehr Schatten spenden als andere. Da gibt es zum Beispiel den sogenannten Fächerahorn oder anderes, was einfach von jeher mehr Schatten spendet als andere Baumarten. Da könnte er auf die Bepflanzung achten, er könnte Pergolengänge anlegen, er könnte Fassadenbegrünung machen, sowas alles. Dann kümmert er sich um organisatorische Maßnahmen, wir hatten ja schon gesagt, die Kernarbeitszeit des Kita-Mitarbeitenden, die lässt sich so nicht verändern, aber er könnte versuchen, das Rotationsprinzip zu etablieren. Und dann geht es ja um die personenbezogenen Schutzmaßnahmen. Der Mitarbeiter muss eben halt auch mit einer sogenannten PSA, also einer persönlichen Schutzausrüstung, ausgestattet sein. Und die umfasst unter anderem geeignete Textilien, die umfasst einen Hut mit vorne einer Krempe und hinten einem Nackenschutz im besten Fall. Und die umfasst auch die Sonnenbrille, die der Arbeitnehmer dann draußen tragen kann. Und das sehen wir auch häufig, das wird auch noch nicht so flächendeckend umgesetzt, die umfasst auch die Bereitstellung einer Lichtschutzcreme, also einer Sonnencreme mit einem Lichtschutzfaktor 30 oder höher und aus unserer Sicht sollte die auch wasserfest sein.
Moderator:
Ich bin ein Fan vom Fächerahorn jetzt. Und welche Gefahren gibt es in der Kita sonst noch, wenn Kinder und pädagogische Fachkräfte draußen unterwegs sind, also abgesehen jetzt mal von UV-Strahlung? Da gibt es ja einiges, da kann man zum Beispiel auch noch über Zecken reden. Das Thema, das ist noch groß und weit und ich glaube, Valeska, wir werden auf jeden Fall noch mal zusammen hier im Podcast sprechen.
Dr. med. Valeska Buder:
Ja, würde ich mich sehr freuen, das Thema Zecken ist tatsächlich auch echt interessant und da haben wir bestimmt viel, was wir zusammen beschnacken können, wie wir bei uns im Norden so schön sagen.
Moderator:
Ja, also wenn wir über Gefahren in der Kita sprechen, dann kommen wir noch mal zusammen, das werden wir auf jeden Fall hier noch bei Herzschlag wieder machen. Vielen Dank, Valeska, für deinen Besuch und deine hilfreichen Tipps und gutes Eincremen.
Dr. med. Valeska Buder:
Sehr gerne. Und natürlich vor dem Eincremen alles schön bedecken und sich im Schatten aufhalten und den UV-Index nicht vergessen, meine lieben Leute.
Moderator:
Den hab ich jetzt abgespeichert, da guck ich jetzt jede Minute nach. Das ist eine neue Lieblingsseite von mir, weiß ich jetzt schon. UV-Strahlung gehört zum Alltag draußen dazu und sollte auch in Kitas fest mitgedacht werden. Wichtig ist, Schutzmaßnahmen konsequent umzusetzen. Ja, das ist immer bei Gefahren wichtig, die man eben nicht direkt spürt, wie eine heiße Herdplatte, das tut gleich weh. Einige Jahre später rächt sich dann der laxe Umgang mit der Haut ohne Schutz. Noch mal der kurze Reminder zu meinem Besuch in der Waldkita. Hört euch die Folge gerne jetzt im Anschluss an. Dort hört ihr dann, wie das Konzept dort in einem Wald bei Kassel im Alltag umgesetzt wird und ihr erfahrt, vor welchen besonderen Herausforderungen die Mitarbeitenden stehen. Und wenn euch diese Folge gefallen hat, dann empfehlt sie gerne weiter. Bis zum nächsten Mal. So, ich such jetzt mal hier Schatten.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Interviewgast
Dr. med. Valeska Buder
Fachärztin für Dermatologie und Venerologie, Allergologie,
Weiterbildungsassistentin Arbeitsmedizin
BGW Hamburg (Abt.: Arbeitsmedizin, Gefahrstoffe und Gesundheitswissenschaften)
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