Darm gut, alles gut? Dr. Viola Andresen von den Ernährungs Docs räumt mit Ernährungsmythen auf #155 BGW-Podcast "Herzschlag – Für ein gesundes Berufsleben"
Der Darm ist zum Trendorgan geworden: Zwischen Influencer-Tipps, Mikrobiom-Tests und Werbeversprechen für Kapseln, Kuren und Wunderlösungen ist es gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten. Aber was hilft der Verdauung wirklich und was ist eher Mythos?
In dieser Folge spricht Moderator Ralf Podszus mit Dr. Viola Andresen, Fachärztin für Innere Medizin und Ernährungsmedizin, bekannt aus dem NDR-Format „Die Ernährungs-Docs“.
Gemeinsam räumen sie mit Darm-Mythen auf und klären, welche Rolle Ernährung, Stress, Ballaststoffe, fermentierte Lebensmittel und Kaffee wirklich für unsere Verdauung spielen. Außerdem gibt es alltagstaugliche Tipps für Menschen mit wenig Zeit, Schichtdienst oder stressigen Pausen: Welche Kantinengerichte sind darmfreundlich? Warum sollte man Ballaststoffe langsam steigern? Wann sind Probiotika sinnvoll und wann eher nicht? Und warum sind Espresso und ein Spaziergang nach dem Essen meist die besseren Ideen als der Schnaps?
Hier kommen Sie zum Transkript dieser Folge
Moderator:
Fibermaxing, Gut-friendly oder auch 'So heilst du deinen Darm in drei Wochen' auf TikTok und Co. Da scheint es gerade ein großes Thema zu geben, der Darm. Ja, sogar Städte biedern sich da an, jetzt heißt es schon eine Stadt Darmstadt. Also, es wird immer wahnsinniger und damit gibt es auch jede Menge Influencer, die scheinbar genau wissen, was unseren Darm gesund und glücklich macht. Mal soll man bestimmte Lebensmittel weglassen, mal gezielt andere essen, dazu dann noch Drinks, Kuren, Routinen, wie soll man da noch durchblicken? Ja, und genau dieser Mix aus Trends und Unsicherheiten landet dann oft mitten im Alltag. Da gibt es dann schnelle Mahlzeiten in der Pause, Kantinenessen, Schichtdienst, Stress und da meldet sich dann der Bauch schon mal mit Blähungen, Grummeln oder auch richtigen Krämpfen. Ich bin Ralf Pozzus und heute schauen wir uns an, was dran ist an diesen ganzen Ernährungsmythen rund um einen gesunden Darm und wenn ich „wir“ sage, dann meine ich natürlich auch unsere Expertin Dr. Viola Andresen. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin und Ernährungsmedizin. Ja, und viele kennen sie bestimmt aus dem NDR-Format 'Die Ernährungs-Docs'.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Viola, schön, dass du heute bei mir bist. Grüß dich.
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, grüß dich auch. Vielen Dank für die Einladung.
Moderator:
Warum ist der Darm gerade so ein Trendorgan auf Social Media? Und gefühlt kommt das auch immer wieder so in Schüben, wie mitunter auch der Darm Probleme macht. Also auch vor ein paar Jahren hatten wir schon mal so eine Darm-Influencer-Geschichte, wo alle irgendwie drüber geredet haben.
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, ich wollt grad sagen, so ganz neu ist das eigentlich nicht. Das kommt in Wellen, wie du so schön sagst, und ich glaube, der Ursprung liegt eigentlich daran, dass man vor noch gar nicht allzu langer Zeit, vielleicht so 20 Jahren, erstmals erkannt hat, dass diese Darmbakterien, die in uns leben und davon haben wir ja 100 Billionen Keime, nicht nur irgendwie da sind, um Unrat wegzuschaffen, sondern dass sie eine ganz entscheidende zentrale Rolle für unsere Darmgesundheit, aber auch für unsere gesamte Gesundheit spielen. Und plötzlich gab es ein völlig neues Umdenken, der Darm wird das zentrale Organ für unsere Gesundheit, was man lange überhaupt nicht im Blick hatte. Und ich glaub, das ist so 'n bisschen der Ursprung für die ganzen Hypes.
Moderator:
Und wenn wir jetzt genau über die Darmgesundheit sprechen, du hast es ja schon anklingen lassen, was meinen wir damit eigentlich genau?
Dr. med. Viola Andresen:
Auch das ist durchaus zu debattieren. Es gibt viele Menschen, die fühlen sich völlig gesund und machen dann irgendwelche Stuhlanalysen, um zu gucken, ob ihr Darm gesund ist. Das ist überhaupt nicht sinnvoll, aber natürlich wissen wir, dass bestimmte Zustände im Darm auch Krankheiten mitauslösen und verursachen können. Wir können das nur halt nicht so richtig messen und natürlich gibt es auch richtige Darmkrankheiten. Es gibt Darmentzündungen, es gibt Divertikelerkrankungen, es gibt natürlich bis hin zu Darmkrebs, also auch da gibt es auch viele Dinge, wie ein Darm auch wirklich erkranken kann.
Moderator:
Und Stichwort Influencer, Influencerinnen, da ist mitunter auch gefährliches Halbwissen am Start, man hat irgendwie registriert, der Darm ist sehr wichtig und man bekommt ganz viel im Internet vorgeschlagen, gerade Algorithmen, die schlagen dann ja erbarmungslos zu, man hat sich ein-, zweimal im Internet informiert und auf einmal wird einem der Darm überstülpt quasi und man bekommt ganz viele Posts dazu. Wie kann ich jetzt ganz schnell erkennen, was ist da richtig?
Dr. med. Viola Andresen:
Also ganz schnell erkennen ist immer schwierig, aber grundsätzlich würd ich immer so 'n bisschen skeptisch sein, wenn das immer gekoppelt ist daran, dass man irgendein Produkt anschließend kauft. Das ist ja oft so, dass dann irgendwie Nahrungsergänzungsmittel oder irgendwelche bestimmten Testverfahren da eigentlich gekoppelt sind an diese Information. Da wär ich immer sehr vorsichtig. Ich glaub, ganz wichtig ist es vielleicht für das Verständnis, dass wir den genauen Zustand des Darmmikrobioms, ob das Mikrobiom für uns gesund ist oder krank ist, nicht wirklich messen können. Diese Stuhltests werden ja auch wahnsinnig verbreitet angeboten inzwischen. Da ist 'ne große Industrie dahinter. In Deutschland haben wir das Problem, dass solche Testverfahren im Grunde genommen nur beweisen müssen, dass sie nicht schädlich sind, aber sie müssen in keinster Weise beweisen, dass sie irgendetwas Sinnvolles messen, dass man daraus irgendeine therapeutische Konsequenz ziehen kann. Das heißt, jeder kann sich hinstellen und diese Tests anbieten und die Ergebnisse dieser Tests, die sehen ja auch immer irgendwie schick aus. Da kommen dann so bunte ampelförmige Gebilde, irgendwelche Keime sind zu viel, irgendwelche sind zu wenig. Und das ist wissenschaftlich überhaupt nicht seriös, muss man sagen. Und alle Leute, die sich wirklich fachlich damit beschäftigen, also wissenschaftlich warnen vor diesem Mikrobiomtests, muss ich sagen. Es gibt auch Stuhltests, die relevant sind und wichtig sind, aber diese klassischen Bakterientestungen, die sind aus einer Vielzahl von Gründen nicht wirklich sinnvoll und auch beim Gesunden schon gar nicht geeignet zu sagen, okay, er müsste jetzt dieses und jenes Ergänzungsmittel nehmen, um den Darm zu heilen.
Moderator:
Heute gibt es auf jeden Fall klare Antworten, auf jeden Fall von dir, Viola, und nicht von einem TikTok-Video. Und wir klären jetzt mal so ein paar Mythen über unseren Darm auf. Lass uns direkt mal einsteigen in den ersten Ernährungsmythos.
Einspieler:
Der Darm steuert unsere Psyche.
Moderator:
Ein kranker Darm macht uns gestresst, traurig oder sogar depressiv. Und ein gesunder Darm, der sorgt für gute Laune. Hm, Viola, stimmt das wirklich so?
Dr. med. Viola Andresen:
Na ja, das stimmt schon in Teilen auf jeden Fall. Also wir wissen ja, dass das Darmnervensystem und das zentrale Nervensystem, also quasi ja in dem wir auch die Psyche lokalisieren, extrem eng gekoppelt sind. Das heißt, die tauschen sich ständig aus und es gibt schon klare Belege dafür, dass psychische Zustände den Darm beeinflussen können, aber eben auch umgekehrt. Ich glaube, es ist zu weit, das so simpel darauf zu reduzieren, dass wir nur dann depressiv sind, wenn unser Darm 'n Problem hat und nur dann glücklich sind, wenn unser Darm glücklich ist. Aber es spielt sicherlich mit rein, also das scheint auf jeden Fall zu stimmen.
Moderator:
Viele sagen ja auch, Stress schlägt mir auf den Magen. Was ist denn da dran?
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, das sind genau diese Phänomene. Man kann wirklich messen, dass durch den Anstieg von Stresshormonen tatsächlich auch Veränderungen im Magen-Darm-Nervensystem stattfinden, Darmbarrierestörungen auftreten, motorische Veränderungen stattfinden. Und es kennt ja eigentlich auch jeder, jeder kennt doch irgendwie vor Prüfungen, da kriegt man irgendwie nichts runter oder man muss dauernd zur Toilette rennen. Manche bekommen auch das Gegenteil, die müssen besonders viel essen, wenn sie gestresst sind. Also da gibt es schon Reaktionen, die eigentlich jeder auch normal kennt. Also diese Verbindung gibt es, aber es gibt, wie gesagt, auch durchaus Studien, die belegen, dass bestimmte Veränderungen im Darmmilieu, kann man so sagen, auch vermehrt bei Betroffenen mit Depressionen auftreten, bei Ängstlichkeit. Also da scheint schon was dran zu sein.
Moderator:
Also wenn es mit dem Darm gut läuft, dann ist der auf jeden Fall nicht depressionsfördernd.
Dr. med. Viola Andresen:
Genau, aber es schützt auch nicht vor Depressionen, das ist, glaube ich, wäre zu weit gegriffen.
Moderator:
Es gibt also jede Menge Faktoren, die unsere Darmgesundheit beeinflussen und ein Baustein ist tatsächlich die Ernährung. Deshalb schauen wir uns mal an, mit welchen Lebensmitteln wir unseren Darm glücklich machen und ich befürchte, der Curry King und 'n Schokoeis gehören jetzt nicht unbedingt dazu. Damit insgesamt was für unser allgemeines Wohlbefinden jetzt dabei herauskommt, bin ich mal gespannt, was du da sagst, denn hier ist der nächste Mythos:
Einspieler:
Je mehr Ballaststoffe, desto gesünder der Darm.
Moderator:
Auf Social Media heißt es oft: Mache diese eine Sache und dein Darm läuft wieder wie geschmiert. Oder auch viel hilft viel, vor allem bei Ballaststoffen. Ja, da gibt es dann Trends wie Fibromaxing, klingt erst mal wie so ein Name für einen Proteinshake, bedeutet aber was ganz anderes, möglichst viele Ballaststoffe am Tag essen. Eher so ein Proteintrend, in dem wir gerade leben, sagen uns ja alle möglichen Plakate ständig, noch mehr Proteine. Erst mal zur Klärung, was sind Ballaststoffe eigentlich ganz genau?
Dr. med. Viola Andresen:
Also Ballaststoffe sind unverdauliche Bestandteile der pflanzlichen Ernährung. Also die kommen auch nur in pflanzlicher Ernährung vor, nicht in tierischen Produkten. Und die sind tatsächlich total zentral wichtig für die Ernährung unserer Darmbakterien. Also diese Ballaststoffe sind für uns nicht zu verdauen, aber für die Darmbakterien wichtige Nahrungsgrundlage. Dadurch erhalten wir eben ein gesundes Mikrobiom und Ballaststoffe haben tatsächlich vielfältige, kann man sagen, gesundheitsfördernde Wirkungenen. Also sie fördern wieder das Darmmikrobiom, machen einen glücklichen Darm, wenn man so will. Aber sie haben auch noch andere Effekte auf die Verdauung. Sie machen zum Beispiel satt, also wenn man viele Ballaststoffe isst, dann isst man insgesamt weniger dickmachende Nährstoffe, wenn man so will. Sie verlangsamen die Magenentleerung, was auch dazu führt, dass der Blutzuckerspiegel nicht so rasch ansteigen kann, was extrem förderlich ist für diese ganzen Themen, viszerales Fett, hohe Insulinspiegel. Das heißt, auch da sind die Ballaststoffe ganz zentral wichtig und sie sind auch antientzündlich wirksam, also die sind wirklich toll. Und insofern ist dieses Fibermaxing letztendlich auch nur ein moderner Hype-Begriff für etwas, was wir Ernährungsmediziner schon lange sagen. Ballaststoffe gehören absolut zur Ernährung und sollten ein großer Bestandteil sein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt ja 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag. Das ist sogar schon relativ viel und es darf auch gerne 'n bisschen mehr sein für die allermeisten Menschen. Es gibt natürlich Menschen mit speziellen Erkrankungen, die gerade auch zum Beispiel im Darm lokalisiert sein können, wo wir sagen, Okay, zu viele Ballaststoffe ein Problem sind, also wenn man bekannte Engstellen im Darm hat, massiv voroperiert ist, da muss man sicherlich im Einzelfall mal gucken, wie viel Ballaststoffe gehen überhaupt und wenn ja, welche Ballaststoffe. Da unterscheiden wir auch so 'n bisschen zwischen den löslichen und den unlöslichen, die löslichen sind erfahrungsgemäß besser verträglich. Das heißt, da muss man im Einzelfall gucken, aber ansonsten gilt tatsächlich so viele Ballaststoffe wie möglich.
Moderator:
Und ganz konkret, also Müsli, Brot, was alles so.
Dr. med. Viola Andresen:
Genau, also Ballaststoffe in der pflanzlichen Ernährung, das heißt zum Beispiel, wenn man Getreideprodukte isst, eher die Vollkornvariante, Müsli super, dann natürlich vor allen Dingen halt ganz viel Gemüse, Gemüse, Gemüse, das sagen wir ja immer, Hülsenfrüchte haben sehr viel Ballaststoffe, man kann auch Ballaststoffe zusetzen mit den berühmten Flohsamen, Chiasamen, Hanfsamen, da sind auch überall Ballaststoffe drin, Nüsse haben Ballaststoffe, Mandeln, Walnüsse, da haben wir gleich doch die guten Öle mit dabei, also 'ne klassische gesunde mediterrane Ernährung beispielsweise, die viel Gemüse hat und Vollkorn und Nüsse, die hat Ballaststoffe und ich hatte ja selber auch gerade die Freude, ein Ballaststoff-Masterplan-Buch mit auf den Weg zu bringen, in dem auch wirklich genaue Tipps stehen, wie man den Ballaststoffgehalt der Lebensmittel auch ermittelt, wie man selber auch ballaststoffreiche Gerichte zaubern kann, weil viele Menschen haben vielleicht gar nicht so die Vorstellung, wie viele Ballaststoffe esse ich überhaupt, wo kann ich eigentlich noch mal die Stellschraube drehen, um Ballaststoffe zu vermehren, aber ansonsten Hauptbotschaft ist Gemüse, Vollkorn, das ist glaub ich so das.
Moderator:
Genau, du hast es angesprochen, das ist dein neues Buch, „Mein Ballaststoff“, ja, ist auch ein Wälzer, also das ist auch Ballast, auf jeden Fall, was man dann da mit sich rumschlägt, nein, das kann man ganz gut durchblättern, viele praktische Hinweise und Tipps, das ist das neue Buch von Doktor Viola Andresen, könnt ihr mal reinblättern, ich stell mir das ja in unserem Körper immer so vor, wir brauchen viele Ballaststoffe und ich möchte immer die richtigen nehmen, also woher weiß ich das denn jetzt, du hast ja auch eben die Beispiele gegeben, was die guten Ballaststoffe sind, aber woran erkenne ich jetzt, jetzt ist gut, man kann sich ja auch mit Ballaststoffen irgendwie überversorgen.
Dr. med. Viola Andresen:
Wichtig bei der Ballaststoffsteigerung ist erst mal, glaub ich, ermitteln, wie viele Ballaststoffe esse ich eigentlich ungefähr und dann sollte man das eben so steigern, dass man auf diese empfohlenen 30 Gramm kommt, das wäre schon sehr gut und da ist eine große Empfehlung, dass man das nicht von jetzt auf gleich macht, weil der Darm natürlich diese Ballaststoffe, die Darmbakterien verstoffwechseln die, es entstehen Gase, es entstehen osmotisch wirksame Substanzen, das kann schon mal Bauchbeschwerden, Blähungen, auch mal vielleicht 'n bisschen Stuhlgang, weicher Stuhlgang fördern. Das heißt, das wird manchmal schlecht vertragen, deswegen sagen ja auch viele Leute, nee, also Hülsenfrüchte geht gar nicht und Zwiebeln, Knoblauch, also alles was eigentlich gesund wäre, macht natürlich auch Blähungen. Das heißt, da würden wir immer empfehlen, langsam steigern.
Moderator:
Und das heißt nicht absetzen, wenn man dann merkt, ach herrje, jetzt hab ich hier so Magengrummeln und nein, das ist eben normal, da nicht aufhören.
Dr. med. Viola Andresen:
Genau, also idealerweise geht man mit der Dosis wieder ein bisschen runter und versucht sich langsam wieder ranzutasten. Der Darm gewöhnt sich dann nach und nach an die anderen Ballaststoffe. Das Schöne ist, dass Ballaststoffe sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung wirken können. Das wird auch so eingesetzt. Bei Durchfall binden sie den eher flüssigen Stuhl und bei Verstopfung ist es ja eine der Basismaßnahmen überhaupt bei Verstopfung, um den Stuhl eben einfach großvolumiger zu machen und die Darmtätigkeit dadurch anzuregen. Aber es ist eben von der Verträglichkeit sehr individuell und da muss man eben vorsichtig steigern. Und ich hab es vorhin schon kurz angesprochen, Quellende Ballaststoffe, dazu gehören zum Beispiel Flohsamen, sind oft besser verträglich als nur die zum Beispiel Kleieprodukte, die eher so faserbasiert sind. Da muss man auch individuell gucken, wie man es verträgt. Es gibt auch natürlich paar Tipps, zum Beispiel bei Hülsenfrüchten, die gut zu kochen, nicht unbedingt jetzt immer nur ganz roh im Salat essen, das kann die Wirksamkeit verbessern. Auch generell Rohkostsalate sind oft schlechter verträglich, als wenn man das Gemüse kocht. Das heißt, da kann man so ein bisschen die Verträglichkeit auch steigern.
Moderator:
Und die Zusätze sind ja auch entscheidend, jetzt ist Müsli gut, ne, aber mit der Milch soll man auch wieder nicht übertreiben.
Dr. med. Viola Andresen:
Jein, also die Milch ist ein, würde ich sagen, auch in der Ernährungsmedizin kontrovers diskutiertes Thema, weil Milchprodukte einfach auch sehr, sehr viele positive Eigenschaften haben. Also es gibt auch gerade 'ne aktuelle Studie, die zeigt, dass viele Milchprodukte auch vor Darmkrebs schützen können, wahrscheinlich aufgrund des Calciumgehaltes. Osteoporosebetroffene sollen ja viel Calcium zu sich nehmen und wir sagen ja immer, vielleicht nicht zu viel reine Milch, sondern eher Milchprodukte, Joghurt, Quark und so weiter. Aber das ist schon auch in Maßen in Ordnung. Es sollte sicherlich nicht jetzt das Grundgetränk sein, weil es natürlich auch kaloriendicht ist, aber ein bisschen Milch und Milchprodukte sind in jedem Fall gut. Aber ich glaub, viel wichtiger ist, dass viele Müslimischungen natürlich unglaublich viel Zucker und sowas enthalten. Da sollte man gucken, idealerweise mischt man sich das selber zusammen aus Naturhaferflocken, schmeißt Nüsse rein, vielleicht 'n paar Beeren, also Früchte. Also wenn man sich die Müslimischungen selber macht oder aber man guckt gezielt beim Kauf, dass es eben möglichst ohne Zuckerzusatz ist.
Moderator:
Sind ja immer noch bei, je mehr Ballaststoffe, desto gesünder der Darm. Was bedeutet das jetzt für die Ernährung im Alltag? Also gerade im Job, wenn es mal schnell gehen muss oder nur Zeit für kleine Snacks bleibt, müssen dann wirklich die Selleriesticks am Start sein oder ist der Griff zum Schokoriegel auch mal okay? Also gerade Menschen im Gesundheitswesen, die haben mitunter nur stressige Esszeiten.
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, ich stamm ja nun auch aus diesem Bereich und das ist sicherlich ein Problem und natürlich kann man auch mal einen Schokoriegel essen, das ist jetzt kein besonders wertvolles Nahrungsmittel, aber es geht ja nicht darum, dass man immer 100 Prozent der Zeit nur gesunde Lebensmittel isst. Das ist ja auch nicht nötig.
Moderator:
Aber die Selleriesticks sehen so uncool aus, einfach.
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, aber die können ja auch gut schmecken, ne? Oder Möhrensticks, also ich persönlich tatsächlich muss mich ja outen, ich hab jeden Tag so eine Box mit Rohkost dabei.
Moderator:
Zeig mal eben, kannst du mal aufmachen, was du da alles schon ballaststoffmäßig eingepackt hast.
Dr. med. Viola Andresen:
Ich habe drin, ihr könnt es ja eh nicht sehen, ich kann es nur beschreiben, ne? Genau, ich hab Möhren, Radieschen, Ich liebe Radieschen. Ich hab solche kleinen Minipaprika.
Moderator:
Oh ja, die guten Bio-Paprikastücke.
Dr. med. Viola Andresen:
Und einen Apfel. Und das bringt mich so ein bisschen durch den Tag. Und klar, ich hab auch hier ehrlich gesagt kaum Zeit zum Essen, das geht halt zwischendurch, aber die Mühe hat man halt zu Hause, das vorher zu schnibbeln. Die Zeit muss man sich halt dann nehmen und gesunde Ernährung ist schon etwas aufwendiger, als wenn man immer nur Fertigprodukte isst, aber es lohnt sich, weil man einfach sehr viel für seine Gesundheit tut.
Moderator:
Und dieses zwischendurch immer mal ein Happen essen. Ich hab jetzt früher mal gelernt, nee, mach mal lieber nur feste Mahlzeiten und eben nicht so viel zwischendurch, weil sonst wirst du halt irgendwann ****.
Dr. med. Viola Andresen:
Das ist auch richtig, man sollte eher drei Mahlzeiten pro Tag zu sich nehmen. Also das heißt, diese Gemüsesticks kommen bei mir jetzt auch nicht ständig zwischendurch, sondern eher so zu meinem Mittagsmahl. Aber wenn man snacken muss, weil man jetzt gerade echt Hunger hat, dann ist es immer noch besser, man snackt Gemüsesticks statt eines Schokoriegels. Genau, weil es ja immer um den Blutzuckeranstieg. also das Dickwerden kommt ja durch Blutzuckerspitzen mit Insulinanstieg und das ist natürlich klassisch so der Keks, den man isst bei der Besprechung, den Schokoriegel, das Gummibärchen und nicht der Möhrenstick.
Moderator:
Also, je mehr Ballaststoffe, desto gesünder der Darm, das stimmt auf jeden Fall. Kommen wir zum nächsten Mythos.
Einspieler:
Fermentierte Lebensmittel bringen den Darm ins Gleichgewicht.
Moderator:
Joghurt, Sauerkraut, Kimchi, Sauerteigbrot, all das sind fermentierte Lebensmittel, die den Darm ins Gleichgewicht bringen sollen. Auch das ist ein großer Trend, was man da alles zusammen mixen kann und was es da mittlerweile so gibt. Was bedeutet es, wenn der Darm aus dem Gleichgewicht gerät, Viola.
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, also das ist auch die Frage, ist der Darm aus dem Gleichgewicht so, dass man Darmbeschwerden hat oder ist das irgendwie Basis oder ist das die Folge eines Tests, die man irgendwo gemacht hat? Also es geht ganz klar, glaub ich, immer darum, dass wir keine Tests behandeln, sondern wir behandeln Menschen mit Beschwerden und bei jeder Form von Darmbeschwerden muss man natürlich auch mal Ursachenklärung betreiben, das ist ganz wichtig, dass man sich nicht einfach nur darauf verlässt und sagt, na gut, das wird schon irgendwie so 'n Reizdarm sein, sondern immer gucken, es gibt sehr viele gut behandelbare Ursachen, wenn das alles ausgeschlossen ist und man hat aber trotzdem irgendwie Verdauungsbeschwerden, was ja auch was sehr Häufiges ist, dann ist es tatsächlich so, dass fermentierte Lebensmittel gut sein können, manche Menschen vertragen es dann aber auch nicht, es sind halt probiotische Lebensmittel und probiotisch heißt, es sind lebende Bakterienstämme enthalten, die im Darm förderlich sein können, so ganz genau beweisen kann es keiner und ob es im Einzelfall auch zutrifft, kann man auch nicht belegen, aber sie haben allgemein gesundheitsfördernde Wirkungen und deswegen wird das empfohlen. Also dazu gehört eben Joghurt, Kimchi, alles was du gerade aufgezählt hast, das ist auf jeden Fall etwas, was wir empfehlen würden, das mal auszuprobieren. Es gibt natürlich auch probiotische Joghurts zu kaufen, es gibt probiotische Kapseln oder Kapseln und Flüssigkeiten, in allen Varianten kann man Probiotika kaufen, angefangen im Supermarkt, in den Drogerien bis hin zu den Apothekenprodukten. auch das kann man mal probieren, aber man weiß halt nicht genau, was man macht. Also man kann die ganze Situation auch verschlimmern. Es ist eine Blackbox, wo wir irgendwas reinwerfen und hoffen, es geht in die richtige Richtung.
Moderator:
Wenn alles gut läuft, braucht man da gar nicht dran rumschrauben.
Dr. med. Viola Andresen:
Nee, also das ist etwas, wovor ich auf jeden Fall warnen würde, wie gesagt, aufgrund irgendeines Testergebnisses da jetzt irgendwas groß zu ändern. Alle Menschen sollten anstreben, eine gesunde Ernährung zu haben und die ist dann automatisch auch darmgesund. Also 'ne gesunde Ernährung, sowas wie mediterran, pflanzenbasiert, ist für den Darm gut, ist für den gesamten Menschen gut und das ist auf jeden Fall zu empfehlen und da ist auch schön, wenn man mal fermentierte Produkte dabei hat, aber man muss sich auch nicht so versklaven und wie gesagt, der Schokoriegel ab und an ist auch erlaubt, idealerweise, das ist ja ganz wichtig, dass man den nicht zwischendurch snackt, sondern eher direkt nach dem Essen als Nachtisch.
Moderator:
Haben wir es wieder mit den geregelten Mahlzeiten, alles so zusammen. Muss ich jetzt jeden Tag auch ein Glas Sauerkraut essen oder wie ist deine Empfehlung?
Dr. med. Viola Andresen:
Das muss man nicht. Also viele mögen auch kein Sauerkraut, also welche Art von probiotischen Lebensmitteln man da isst, ist glaub ich individuell, kann man sich aussuchen. Also viele haben ja die Joghurtvariante, also viele essen ja Joghurt, zum Beispiel haben wir das morgendliche Müsli mit Naturjoghurt beispielsweise, da hat man schon seine fermentierten Lebensmittel dabei. Sauerkraut ist natürlich auch toll, macht auch viele Blähungen bei Menschen, das muss man eben auch mögen und es ist auch nicht, die wenigsten würden jetzt jeden Tag Sauerkraut essen wollen. Also jeden Tag Joghurt, glaub ich, schafft man gut, aber jeden Tag Sauerkraut ist vielleicht etwas viel.
Moderator:
Schon ein bisschen hart. Ja, mal ganz allgemein gefragt, bevor wir zum letzten Mythos noch kommen, wenn man in der Mittagspause in der Kantine essen geht, Welche Gerichte sind besonders darmfreundlich? ich hab immer so ein Kantinenplan, da steht nämlich gleich wieder Nudelgericht, Currywurst und Salat, das ist so die klassische Wahlalternative in deutschen Kantinen.
Dr. med. Viola Andresen:
okay, also ich kann schon mal sagen, Currywurst nein, ist rein tierisch, viel Zucker in der Soße, also das ist überhaupt nicht darmfreundlich. Gut ist natürlich Salat, aber auch natürlich Eintöpfe, im Winter gibt es ja auch so Gemüseeintöpfe, die sind sicherlich auch empfehlenswert. Häufig auch die asiatischen Gerichte, also da sind auch die ganzen Currygerichte, die haben ja oft auch Hülsenfrüchte dabei, Dals, Linsen-Dal und solche Geschichten. Viele Kantinen haben ja heutzutage auch diese Gerichte im Spektrum und das ist oft eher so die bessere Variante. Also die, sag mal so die klassische deutsche Hausmannskost, das Schnitzel und die Currywurst, ist eher nicht so förderlich.
Einspieler:
Apfelessig, Espresso oder Schnaps kurbeln die Verdauung an.
Moderator:
Absacker, Verdauerle, Magenbitter. Es gibt viele Formulierungen für ein kleines Gläschen Alkohol nach dem üppigen Essen und es hält sich auch gerade in Deutschland immer dieser Mythos. Jetzt muss ich noch mal meinen Magen aufräumen, ne, du hast eben die Currywurst erwähnt, jetzt hab ich eben ganz fett gegessen. So, jetzt mach ich noch ein bisschen Alkohol hinterher und dann ist doch wieder alles richtig schön in Schwung mit meinem Darm. Ist da wirklich was dran am Verdauerle oder ist das ein Mythos?
Dr. med. Viola Andresen:
Das ist ganz klar ein Mythos, da gibt es auch gute Studien dazu, die das wirklich mal untersucht haben, was genau passiert eigentlich, wenn man einen Schnaps trinkt, wird die Magenentleerung verbessert, irgendwie die Verdauung gefördert und tatsächlich das Gegenteil ist der Fall, die Magenentleerung wird eher verlangsamt und die positiven Effekte, die so ein Verdauerle vermeintlich hat, sind wahrscheinlich im Wesentlichen, dass man einfach 'n paar ja Wahrnehmungen wegdrängt, durch den Alkohol.
Moderator:
Allem wenn man mehr Alkohol trinkt, dann auch richtig.
Dr. med. Viola Andresen:
Was hingegen natürlich offensichtlich förderlich sein kann, sind Bitterstoffe, aber die kann man ja auch tatsächlich ohne Alkoholzusatz zu sich nehmen, also Bittertropfen oder auch mal bittere Tees, das kann bei manchen Menschen mit Verdauungsbeschwerden auch helfen. Was aber super ist und das ist auch in Studien belegt, ist der berühmte Verdauungsspaziergang. Bei einem kleinen Spaziergang nach dem Essen hat man auch noch 'n bisschen Bewegung abgedeckt, aber das fördert auch die Magen-Darm-Tätigkeit, wenn man voll gegessen ist, ist das eigentlich das beste Mittel und definitiv gesünder als der Schnaps.
Moderator:
Jetzt hab ich mal herausgefunden, da hatte ich tatsächlich mal Magenprobleme und ich hatte aber auch noch Lust, ein Cuba Libre zu trinken, hab das getan und danach war wieder alles gut und da hab ich mir gedacht, ach guck mal, der Rum hilft oder war es in diesem Falle eher die Coca-Cola oder wie kann das sein, doofer Zufall?
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, Zufall, also es gibt jedenfalls keine positive Wirkung auf die Magen-Darm-Tätigkeit, die nachweisbar wäre, aber natürlich, wenn man sich glücklich fühlt nach dem Cuba Libre, dann geht es dem Darm vielleicht auch gleich wieder ein bisschen besser.
Moderator:
Also glückliches Gefühl kann den Darm auch schon wieder in Schwung bringen und wie sieht es mit Apfelessig aus, das hört man auch immer mal wieder, obwohl ich mir rein geschmacklich ein Verdauerle wirklich auch angenehmer vorstelle, tatsächlich.
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, Apfelessig wird ja häufig eher so empfohlen, vor dem Essen zu nehmen, um dann auch so ein bisschen schon irgendwie den Blutzuckeranstieg zu mildern, da gibt es ja auch so ein paar Daten dazu, also da gibt es keine klaren Studien, dass das wirklich was bringt, aber es ist ja immer so ein bisschen, wer heilt, hat recht, wenn man jetzt selber das Gefühl hat, das tut mir total gut, dann spricht da auch nichts dagegen.
Moderator:
Gerade im Restaurant kommt am Ende immer die Frage, noch ein Espresso nach dem Essen. Ist das ein schönes Ritual oder hat es auch einen Darmgesundheitseffekt, kann das helfen?
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, also Espresso oder Kaffee ganz allgemein hat eine sehr starke Wirkung auf den sogenannten gastrokolischen Reflex. Das ist ja dieser Reflex, der, wenn man isst, dem Darm signalisiert, okay, hier oben kommt Nachschub, Mach unten mal Platz. Und das kennen ja viele Menschen, die nach dem Essen gerade typischerweise nach dem Frühstück müssen, ja viele haben dann ihren täglichen Stuhlgang. Und das wird durch Kaffee angeregt und das kann eben auch tatsächlich durch den Espresso nach einem umfangreichen Essen einfach die Magen-Darm-Tätigkeit fördern und das ist wirklich auch belegt, dass das passiert.
Moderator:
Viola, vielen Dank, dass du im Darmmythen-Dschungel heute ordentlich aufgeräumt hast und hier viel Klarheit reinbringen konntest.
Dr. med. Viola Andresen:
Ja, hat mich gefreut.
Moderator:
Wenn euch die Folge gefallen hat oder ihr Vorschläge für Ernährungsmythen habt, die wir unbedingt mal hier im Podcast besprechen sollten, ja, dann schreibt uns gerne an podcast@bgw-online.de empfehlt den Podcast gerne weiter und abonniert ihn, damit ihr keine Folge verpasst. Und damit sage ich Tschüss, bis zum nächsten Mal und einen fröhlichen Darm wünsche ich euch.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Interviewgäste
Dr. med. Viola Andresen
Fachärztin für Innere Medizin, Ernährungsmedizin & Palliativmedizin, Leiterin des Bauchzentrums im Hamburger MEDIZINICUM
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