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Ein Mann läuft durch eine schwachbeleuchtete Unterführung. Die Wände der Unterführung sind mit Graffitis besprüht.

Wenn Hilfe auf die Straße geht: Streetwork und Arbeitsschutz BGW magazin 3/2026

Zwei junge Männer greifen sich im Streit gegenseitig an die Kehlen und schauen sich wutenbrannt an. Zwei junge Frauen und ein weiterer junger Mann stehen nah dabei und versuchen den Streit zu beschwichtigen.

Sie machen professionell, was im Arbeitsschutz sonst nicht gern gesehen ist: Fachkräfte in den Bereichen Streetwork und Mobile Jugendarbeit suchen bewusst auch potenziell unsichere Orte auf. Wie geht Prävention, wenn sich Arbeitsbedingungen nur begrenzt kontrollieren lassen?

Eine Gruppe junger Leute sammelt sich am Szenetreff, einige haben konsumiert. Ein Konflikt eskaliert. Zwei Fachkräfte aus dem Streetwork-Team sind vor Ort und greifen ein. Die Situation ist laut, unübersichtlich, es kommt zu körperlichen Aggressionen, auch die Fachkräfte werden bedroht. Die nächsten Minuten herrscht höchste Anspannung … In der Nachbetrachtung diskutiert das Team: Wo verlaufen die Grenzen zwischen Auftragserfüllung und Selbstschutz? Zwischen Nähe und Distanz?

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Straßensozialarbeit findet im öffentlichen und halböffentlichen Raum statt. Die Fachkräfte kommen zu ihren Adressatinnen und Adressaten. Bei dieser "aufsuchenden Arbeit" schwingt stets ein gewisses Risiko mit. 

Für Georg Grohmann von der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Streetwork/Mobile Jugendarbeit e. V. steht der Arbeitsschutz dabei vor einer doppelten Herausforderung: Zum einen solle er Fachkräfte sicher und gesund halten, zum anderen müsse er auch riskante Settings bearbeitbar machen; ein Rückzug ins Büro sei keine Option.

Die Fürsorgepflicht der Arbeitgebenden ist fachlich Konsens, bleibt in der Praxis aber lückenhaft – solange die Verbindlichkeit von Schutzkonzepten nicht ernst genommen wird.

Ein lächelnder Mann mittleren Alters
Georg Grohmann, Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Streetwork/Mobile Jugendarbeit e.V.

Schutzkonzepte sind verbindlich

Auf einer Fachtagung der BAG Streetwork/Mobile Jugendarbeit (MJA) und der BGW im März in Dresden skizzierte Grohmann das Spannungsfeld: Die Fürsorgepflicht der Arbeitgebenden ist fachlich Konsens, bleibt in der Praxis aber lückenhaft – solange die Verbindlichkeit von Schutzkonzepten nicht ernst genommen wird. Grohmann verwies unter anderem auf fehlende Gefährdungsbeurteilungen, Notfallpläne oder Rechtsbeistand. Leitungen sähen sich in einem ständigen Spagat zwischen verschiedenen Anforderungen und nähmen Arbeitsschutz oft als "weiches Thema" wahr.

Dr. Alžběta Jandová ist Aufsichtsperson der BGW und berät Einrichtungen. Sie hebt vor allem die Chancen hervor, die eine präventive Herangehensweise bietet: Das sehen wir zum Beispiel beim Thema Gewalt und Belästigung. Vorfälle oder die Angst davor machen etwas mit der Psyche. Wenn sich meine Führungskraft des Themas annimmt, alle geschult sind und ich weiß, was ich tun kann und wo ich zur Not anrufen kann, stelle ich mich Herausforderungen anders. Vorbereitung und das Gefühl, handlungsfähig zu sein, tragen auch zum Schutz vor posttraumatischen Belastungsstörungen bei.

Vorbereitung und das Gefühl handlungsfähig zu sein, tragen auch zum Schutz vor posttraumatischen Belastungsstörungen bei.

Profilbild: Dr. Alžběta Jandová, Aufsichtsperson der BGW
Dr. Alžběta Jandová, Aufsichtsperson der BGW

Was Sicherheit schafft

Prävention heißt konkret, erst die Verhältnisse, dann das Verhalten zu ändern. Auch wenn sich manche Gefährdungen im Streetwork und in der Mobilen Jugendarbeit nicht vermeiden lassen, verfügen Einrichtungen, Führungskräfte und Teams über Steuerungsmöglichkeiten. Müssen bestimmte Einsätze sein? Gibt es Absprachen im Team sowie im lokalen Umfeld? Sind Einsatzregeln klar? Sind die Fachkräfte mit Deeskalationstechniken vertraut? Stehen Diensthandys, Taschenalarme, Erste-Hilfe-Kits zur Verfügung? Gibt es Codewörter und Alarmierungsketten für Notfälle? Jandová rät, den Umgang mit Gewalt und Belästigung jeweils für das "Davor", "Dabei" und "Danach" zu planen und geeignete technische, organisatorische sowie personenbezogene Schutzmaßnahmen zu identifizieren.

Ein junger Mann in Hoodie und zerrissenen Hosen sitzt mit traurigem Blick vor einer Stahlwand, an die er seinen Rücken lehnt. Die rechte Hand des jungen Manns greift das Handgelenk eines Mannes, der vor ihm steht.

Georg Grohmann von der BAG Streetwork/MJA hebt ein Kernelement hervor: Das Tandemprinzip ist fachlicher und struktureller Mindeststandard. Doch in der Praxis arbeiteten viele allein – was durch strukturelle Unterfinanzierung normalisiert werde und Risiken auf einzelne Fachkräfte verlagere, konstatierte er bei der Fachtagung.

Notfälle gut vorbereiten

Das "Danach" ist wichtig, um die Fachkräfte bei Gewaltvorfällen sowohl unmittelbar als auch längerfristig zu unterstützen und Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen, sagt die Aufsichtsperson der BGW. Dafür braucht es ebenfalls eine gute Vorbereitung und klare Regeln, so Jandová. Sie verweist neben Fragen der Erstbetreuung, der Nachsorge und der Aufarbeitung im Team unter anderem auf den Eintrag im Verbandbuch sowie die Unfallmeldung bei der BGW. Dazu sollten alle wissen, dass es von der BGW verschiedene Unterstützungsangebote gibt. Sie reichen von unbürokratischer telefonischer Krisenberatung für Beschäftigte, die beruflich in psychisch sehr belastende Situationen geraten, bis hin zu umfangreichen psychotherapeutischen Hilfen nach Extremerlebnissen, sofern eine Unfallmeldung vorliegt.

Vorfälle und Beinahe-Vorfälle systematisch zu analysieren, lohne sich, sagt Dr. Alžběta Jandová. Das bildet eine gute Basis, um in der Gefährdungsbeurteilung Risiken zu bewerten und Maßnahmen festzulegen oder eben auch anzupassen.

Führungskräfte sensibilisieren

Die Aufsichtsperson weiß auch, was Schutzkonzepte in der Straßensozialarbeit voranbringt: Führungskräfte müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Sie kommen meist aus der Praxis, sind weiter fachlich involviert und mit dem Herzen vor allem beim Streetwork – beim Arbeitsschutz gehen sie eher reaktiv vor. Gerade bei kleinen Vereinen erlebe ich das.

Bei großen Einrichtungen gebe es zwar vielfach gute Strukturen für den Arbeitsschutz, aber nur selten seien diese auch auf kleine Arbeitsbereiche wie Streetwork und Mobile Jugendarbeit zugeschnitten. Umso wichtiger sei es, Führungskräfte für ihre Rolle zu sensibilisieren, sie zu befähigen und ihnen Hilfestellung anzubieten, damit sie ihre Beschäftigten wirksam schützen können.

Leitungen legen fest, wie Arbeit organisiert wird und welche Regelungen gelten. Gefährdungsbeurteilungen sind nicht nur formale Pflicht der Arbeitgebenden, sondern für die Führungskräfte ein zentrales Steuerungsinstrument. Besondere Bedeutung kommt der Berücksichtigung psychischer Belastungen zu. Sie sind oft weniger greifbar als körperliche Gefährdungen, haben aber großen Einfluss auf die Gesundheit der Beschäftigten. Regelmäßige Fallbesprechungen, Supervision und weitere Unterstützungsangebote können dazu beitragen, Belastungen frühzeitig zu erkennen und zu reduzieren.

Zwischen Auftrag, Engagement und Selbstsorge: Psyche im Fokus

Im Engagement der Streetworkerinnen und Streetworker für ihre Tätigkeit liege auch eine Gefahr, warnte Georg Grohmann auf dem Fachtag im März: "Heldenmythen"und das Spiel mit Risiken machen das Feld attraktiv – und tragen dazu bei, dass wir eigene Grenzen überschreiten, Gewalt verharmlosen und psychische Belastungen nicht ernst nehmen.

Eine Frau sitzt mit Winterjacke und Mütze auf der Straße, auf ihren Knien eine Wolldecke. Ein freundlich lächelnder Mann mit Wollmütze reicht ihr ein heißes Getränk aus einer Thermoskanne.

Was kann Fachkräfte überfordern oder emotional erschöpfen? Zu nennen sind unter anderem komplexe Fälle, Rollenkonflikte und rechtliche Unsicherheiten, unklare Schnittstellen zu Behörden, Handlungsdruck durch Notsituationen von Adressatinnen und Adressaten, zeitlich schwer eingrenzbare Arbeitszeiten. Bei der Gefährdungsbeurteilung Psyche werden solche Punkte systematisch durchgegangen. Es gibt Handlungshilfen der BGW, die einen guten Einstieg in die Diskussion psychischer Belastungen ermöglichen, empfiehlt Jandová. Das Ergebnis sollte ein Katalog tragfähiger Maßnahmen sein, die gemeinsam mit den Fachkräften entwickelt wurden. Dazu können beispielsweise auch rechtliche Fortbildungen oder Notfallkonzepte für den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen gehören.

Alltagsrisiken auf der Spur

Eine Person sitzt in der Fußgängerzone auf dem Boden, vor ihr steht ein Hund und um sie herum liegen einige Habseligkeiten.

Der Einsatz auf der Straße bringt ganz eigene gesundheitliche Risiken mit sich, angefangen bei den Witterungsbedingungen. Von Hitze und UV-Strahlung bis zu Nässe und Kälte können sich Streetworkerinnen und Streetworker nicht mal eben in geschützte Innenräume zurückziehen. Die passende Ausrüstung ist wichtig – bis hin zur Taschenlampe und zu Reflektoren für Rucksäcke oder Fahrräder bei Einsätzen im Dunkeln.

Risiken im Streetwork und in der Mobilen Jugendarbeit kommt man im engen Austausch mit denjenigen, die täglich rausgehen, am besten auf die Spur, ergänzt Jandová. Was ist beispielsweise mit Einsätzen in einsturzgefährdeten Gebäuden oder wenn Hunde von Adressatinnen und Adressaten im Spiel sind? Oft bringen die Fachkräfte selbst die besten Ideen für ihren eigenen Schutz ein – die dann im Team verbindlich vereinbart werden: Abbruchkriterien für Einsätze beispielsweise. Es tauchen zudem Fragen wie Hygiene oder fehlende Möglichkeiten zum Toilettengang auf. Auch hier seien Lösungen möglich: Zum Beispiel Chips für City-Toiletten oder Kooperationen vor Ort.

Infektionsgefährdungen – ein typisches Handlungsfeld des Arbeitsschutzes – werden nach Eindruck der Aufsichtsperson bisweilen vernachlässigt. Beim Gespräch an der Straßenecke passiert zunächst auch wenig, sagt Jandová. Doch spätestens bei engerem Kontakt, beim Einsammeln von Spritzen, Versorgen von Personen in Notlagen oder Aufenthalt in Notunterkünften sei das schon anders. Was gar nicht gut ist: Wenn die nötige persönliche Schutzausrüstung nicht zur Verfügung steht, weil Gelder fehlen.

Gefährdungen und Bausteine guter Praxis

Typische Gefährdungen im Streetwork
  • Arbeiten unter wechselnden und schwer planbaren Bedingungen
  • Alleinarbeit
  • Gewalt und Belästigung
  • Psychische Belastungen durch Krisensituationen, komplexe Fälle und unklare Zuständigkeiten
  • Infektionsrisiken, zum Beispiel durch Spritzen oder Körperkontakt
  • Arbeit im Freien (Witterung, UV-Strahlung)

Bausteine guter Praxis
  • Klare Einsatzregeln und Abbruchkriterien
  • Unterweisungen, Schulungen, Deeskalationstrainings
  • Notfall- und Nachsorgekonzepte
  • Arbeit im Tandem
  • Regelmäßige Teamabsprachen und Reflexion
  • Persönliche Schutzausrüstung und angemessene Ausstattung

Arbeitsschutz als gute Investition

Dr. Alžběta Jandová kennt Fälle, wo beispielsweise eine engagierte Leitung private Mittel für Handschuhe und Desinfektionsmittel eingesetzt hat. Das darf nicht der letzte Notanker sein. Eine generelle Herausforderung im Streetwork ist allerdings, dass oft keine Geldmittel speziell für Arbeitsschutz bereitstehen. Dabei seien diese gut investiert – das sollten Einrichtungen unter anderem gegenüber Leistungsträgern deutlich machen. Arbeitsschutz ist die Voraussetzung für Kontinuität und Wirksamkeit, betonte auch Georg Grohmann von der BAG Streetwork/MJA beim Fachtag mit der BGW. Sicherheit im Streetwork entsteht weniger durch das Vermeiden von Risiken, sondern vor allem durch klare Strukturen und fachliche Handlungssicherheit. Arbeitsschutz wird damit zum Qualitätsmerkmal.

Von: Anja Hanssen