Take Care statt Take it easy: Prävention von Anfang an #154 BGW-Podcast "Herzschlag – Für ein gesundes Berufsleben"
In der Pflegeausbildung geht es nicht nur um Fachwissen, Prüfungen und Praxiseinsätze. Es geht auch darum, gut auf sich selbst aufzupassen, körperlich und psychisch. Denn Gewalt, Stress, Infektionsrisiken, Hautbelastungen oder Rückenschmerzen können schon während der Ausbildung zum Thema werden.
In dieser Folge spricht Moderator Ralf Podszus mit Juliane Pöthkow von der Berufsfachschule Greifswald und Dennis Petz von der BGW über „Take Care – Gesund und sicher im Pflegeberuf“. Das kostenlose Unterrichtsangebot unterstützt Lehrkräfte dabei, wichtige Präventionsthemen direkt in die Pflegeausbildung zu holen. Es gibt insgesamt fünf Module: „Stress vorbeugen“, „Hautgesundheit schützen“, „Infektionen vorbeugen“, „Gewalt und Belästigung vorbeugen“ und „Ergonomisch arbeiten.
Statt trockenem Frontalunterricht geht es um Praxisnähe: Rollenspiele, Gruppenaufgaben, Videos, Escape Game, Entspannungsübungen und sogar einen kleinen Arbeitsschuh-Award. Die Folge zeigt, wie Prävention im Unterricht lebendig wird.
Hier kommen Sie zum Transkript dieser Folge
Sprecher 1:
Ich bin leider schon Opfer von psychischer Gewalt geworden und zwar in den Punkten von Nichtwahrnehmung auf Station, der Nichtbeachtung und auch in dem Punkt, dass man einfach für alle möglichen Aufgaben verwendet worden ist, um keine Zeit für sich und einfach mal 'ne Pause zu haben.
Narme:
Ich bin Narme, ich komme aus dem Iran und ich bin seit zwei Jahren in Deutschland in meinem früheren Betrieb, weil ich schwerem Rassismus und Ausbeutung ausgesetzt. Mir wurden Grundrechte wie die Nutzung der Personaltoilette verweigert. Ich musste unter lebensgefährlichen Bedingungen ohne Schutzkleidung arbeiten und wurde systematisch ausgegrenzt.
Sprecherin 1:
Ich habe auch Erfahrung mit körperlicher Gewalt gemacht und zwar nicht nur mit den Patienten oder Bewohnern, sondern sogar mit den Kollegen. Es fing an mit einem ganz freundlichen Umarmen und dann ging es weiterhin zu einem Kuss, den ich nicht erwidert habe und der Leitung gemeldet habe und das dann alles später geklärt wurde.
Moderator:
Diese jungen Menschen, die wir eben gehört haben, befinden sich gerade mitten in der Pflegeausbildung. Ihre Erfahrungen mit dem Thema Gewalt zeigen, wie wichtig Prävention ist und zwar so früh wie möglich, also auch schon in der Berufsschule. Genau darum geht es heute. Was lernen Auszubildende in der Berufsschule eigentlich zum Thema Prävention? Und wie macht man ihnen klar, dass Gewaltprävention, auch Themen wie Stressbewältigung oder Rückengesundheit, keine Nebensache sind, sondern von Anfang an dazugehören? Gerade in der Pflege ist das besonders wichtig, weil dort die körperlichen und die psychischen Belastungen enorm hoch sind. Ihr hört heute, wie die Berufsfachschule Greifswald angehende Pflegefachpersonen auf genau solche Herausforderungen vorbereitet und wie die BGW dabei unterstützt.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Es gibt verschiedene Umfragen zum Thema Gewalt in der Pflege und alle kommen auf ein ähnliches Ergebnis. Beschäftigte erleben regelmäßig Gewalt im Berufsalltag. Das betrifft auch Auszubildende und Studierende. Wie eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt: Mehr als 60 Prozent haben bereits verbale Gewalt oder auch Mobbing erlebt und knapp 17 Prozent der Befragten haben schon Erfahrungen mit körperlicher Gewalt gemacht. Diese Zahlen, die zeigen sehr deutlich, dass Gewaltprävention nicht erst mit Eintritt ins Berufsleben wichtig wird, sondern schon vorher in der Berufsschule. Wie das konkret im Unterricht aussehen kann, darüber spreche ich jetzt mit Juliane Pöthkow:. Sie ist Lehrerin an der Berufsfachschule Greifswald. Hallo Juliane.
Juliane Pöthkow:
Hallo Ralf.
Moderator:
Welche Rolle die BGW dabei spielt, das erklärt uns Dennis Petz:. Er ist Referent in der Produktentwicklung bei der BGW Grüß dich, Dennis.
Dennis Petz:
Moin, Ralf.
Moderator:
Wenn wir solche Aussagen wie eben hören und die Zahlen dazu kennen, dann sollte man annehmen, dass über Gewalt selbstverständlich auch in der Berufsschule gesprochen wird. Juliane, welche Rolle spielt Gewaltprävention bisher bei euch im Unterricht?
Juliane Pöthkow:
Ja, spielt tatsächlich schon eine sehr große Rolle und ist ein präsentes Thema. Zum einen sind die Themen in den Rahmenplänen der Fachkommission des Pflegeberufegesetzes vorgegeben und damit auch in unserem schulinternen Curriculum an vielen Stellen integriert. Zum anderen spüren wir aber als Lehrkräfte einfach den Bedarf der Auszubildenden, weil wir zum Beispiel nach jedem Praktikum mit Schülern Auswertungsgespräche führen und über positive und negative Erfahrungen sprechen und leider die negativen Erfahrungen häufig überwiegen und die häufig in Verbindung mit Gewalt stehen.
Moderator:
Mit BGW Young gibt es einen eigenen Kanal für Azubis und Berufseinsteiger und Berufseinsteigerinnen mit Infos rund um Arbeitsgesundheit. An der Stelle gleich mal einen Hörtipp, es gibt eine ganze Folge zu BGW Young, da lernt ihr dann alles kennen, hört mal rein und einen Link direkt zur Folge gibt es auch in den Shownotes dieser Podcastfolge. Speziell für Berufsschulen gibt es außerdem das Angebot 'Take Care'.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Take Care gibt es schon länger und jetzt wurde das Ganze überarbeitet. Dennis, was ist jetzt neu?
Dennis Petz:
Es ist auf jeden Fall so, dass wir Take Care schon sehr lange bei uns im Produktportfolio haben und wir haben uns überlegt, was können wir machen, damit diese Produkte noch näher an die Kunden, in diesem Fall die Lehrkräfte herangetragen werden können. Und dann sind wir zusammen mit Lehrkräften, zusammen mit Juliane und weiteren, in den Austausch gegangen und haben das Produkt so überarbeitet, dass wir jetzt eine umfangreiche Hintergrundinformation haben zu allen fünf großen Themen erarbeitet haben. Sehr schön aufbereitete PowerPoint-Präsentation zur Anwendung im Unterricht und vor allen Dingen war es uns ganz wichtig, dass wir am Rahmenlehrplan dran sind, die Schüler mit einbeziehen, kein Frontalunterricht, sondern vor allen Dingen auch die Auszubildenden in die Aktivierung bekommen und das machen wir auch mit BGW Young, das machen wir mit tollen kleinen kurzen Kompaktvideos, das machen wir mit E-Learning-Angeboten, ganz neu auch mit einem Escape-Game und versuchen auch auf spielerische Art und Weise diese Themen auch an den Schüler heranzubringen.
Moderator:
Du hast eben den Praxisbezug betont, zum Beispiel Escape-Room. Hast du mal ein oder 2 konkrete Beispiele, was passiert da genau?
Dennis Petz:
Ja, wir haben zum Beispiel beim Modul Stressprävention eine kleine Gruppenaufgabe, wo wir die Auszubildenden in die Verantwortung nehmen zu drei oder vier ausgewählten Entspannungseinheiten mal Anleitungssituationen zu entwickeln und dann die Auszubildenden quasi in so eine Entspannungsübung hinein zu begeben. Das heißt, Auszubildende probieren verschiedene Entspannungstechniken aus und leiten diese an und das war, korrigiere mich gerne, Juliane, im Unterricht ausprobiert, kam das ganz gut an.
Juliane Pöthkow:
Ja, auf jeden Fall.
Moderator:
Was kam da so gut an, Juliane?
Juliane Pöthkow:
Dass die zum einen mal in die Verantwortung genommen wurden, 'ne Gruppe anzuleiten und die Verantwortung für die Gruppe zu übernehmen, aber auch, dass sie selber verschiedene Entspannungstechniken ausprobiert haben. Also teilweise sind die ruhigsten Schüler, die sich sonst sehr zurückhalten, haben plötzlich Materialien von zu Hause mitgebracht, Aromaöle und verschiedenes, bei denen ich dachte: Wow, also die zeigen sich dadurch, dass sie dann praktisch mit den Schülern, mit den Mitschülern arbeiten, hat man die Schüler auch einfach noch mal ganz anders kennengelernt, die hatten da Lust drauf, denen auch zu zeigen, viele machen sowas tatsächlich auch zu Hause und zeigen, guck mal, was ich schon zu Hause mache, vielleicht ist das was für dich. Also die haben gegenseitig auch schön voneinander gelernt. Also das war wirklich was, was den Klassen auch immer wieder, ich hab das jetzt, glaub ich, schon drei-, viermal gemacht, das macht denen immer wieder Spaß. Erst gucken sie immer und sagen, oh, was sollen wir denn jetzt machen und wenn sie dann aber da drin sind, haben sie da tatsächlich viel Lust drauf, ist immer ganz schön.
Moderator:
Ist auch wirklich der Praxisbezug, dass sie da nicht einfach nur 300 Seiten PDF-Seiten herunterprojiziert bekommen, ne, die Zeiten des Overheadprojektors und schreibt mal ab, sind dann also vorbei, hier ist Aktivität gefragt.
Juliane Pöthkow:
Ja, wir haben zum Beispiel auch bei der Rückenschule den Arbeitsschuh und das ist ja immer so 'n Thema, man sagt ihnen als Lehrer immer wieder, tragt die richtigen Schuhe, passt darauf auf und alle, ja, ja, schlafen fast ein und sagen, ja, wissen wir, ja, wissen wir und jetzt haben wir aber so 'ne Übung mit reingebracht, wo jeder seinen Arbeitsschuh mitbringt und dann wird der quasi, wir machen einen Award da draus, wer hat den schönsten Arbeitsschuh und gucken aber natürlich nach den Kriterien, was ein sicherer Arbeitsschuh mitbringen muss und plötzlich wachen die auf und sagen: 'Hui, ich hab ja gar keine Sohle mehr darunter und hui, ich könnte ja ausrutschen.' Also über 'ne andere Art und Weise kriegt man sie dann und das ist ja auch ziemlich witzig, weil dann hat der eine 'ne besondere Farbe, der andere riecht vielleicht schon 'n bisschen, was weiß ich, und dann lachen sie auch mal zwischendurch. Aber am Ende kann man immerhin, man kann noch lachen, man kann auch lachen, ja, das ist erlaubt bei uns, nee, und am Ende kann man dann noch mal die richtigen Kriterien zeigen und dann nehmen sie es, glaub ich, auch mit, weil sie immer wieder daran erinnert werden, wie ihr Schuh da vorne auf dem Tisch stand, ne?
Dennis Petz:
Mhm, ich find das ein sehr schönes Beispiel und es zeigt auch, was uns bei der Entwicklung dieses Produktes wichtig war. Wir wollten ein Lehrkonzept schaffen, das die Lehrkräfte an Pflegeberufsschulen quasi davon befreit, Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu suchen. Sie haben ein Produkt, an dem sie sich entlanghangeln können, um diesen Unterricht zu gestalten und uns war es extrem wichtig, dass wir das nicht als reines Frontalunterrichtsformat gestalten, sondern wie schaffen wir es bei diesen wichtigen Themen und gerade auch bei dem Thema Gewaltprävention dazu, dass die Auszubildenden mitwirken? Weil ich glaube, dieser Unterricht, Juliane, lebt ja auch nur, wenn wir es schaffen, dass wir Lehrkraft und Auszubildende ins Gespräch bekommen. Genauso sehe ich das aber auch beim Thema Stress und wir haben eine wunderbare Praxisaufgabe auch für den Bereich des Muskel-Skelett-Bereichs, wo wir darüber sprechen, liebe Auszubildende, Geht doch mal in deine Praxis und mach eine Anleitung innerhalb des Krankenhauses zum ergonomischen Arbeiten. Also, wie bewege ich, transferiere ich den Patienten XY und holen damit auch gleichzeitig Praxisanleitende mit in die Verantwortung, um dem Auszubildenden zu zeigen: 'Hey, das ist nicht nur wichtig für dich, theoretisch für die Prüfung zu wissen, sondern du kannst es sehr genau und gezielt auch dann in deinem Krankenhaus oder in deinem Pflegeheim umsetzen.'.
Moderator:
Finde auch voll interessant, also Material zu den Themen Rücken und Stress. Wir bleiben jetzt mal bei der Gewaltprävention und Juliane, eure Berufsschule in Greifswald, die war Teil der Pilotphase. Ist ja auch mal spannend und wenn man auch sieht, hey, da wird jetzt auch was getestet, wie kommt das alles insgesamt an? Gerade in Zeiten von TikTok und YouTube Shorts ist es ja nicht immer leicht, die Aufmerksamkeit junger Menschen zu halten. Merkst du das auch in deinem Unterricht und wie holt man die Auszubildenden trotzdem ab?
Juliane Pöthkow:
Ja, das merken wir natürlich, ne? Das ist ein ganz großes Problemfeld. Wir haben, als wir mit der Phase begonnen haben, uns also mit der Projektgruppe quasi den heutigen Schüler vorgestellt. Wir haben quasi eine Persona entwickelt und haben die ganze Heterogenität, die der Schüler ja heutzutage mitbringt. Wir haben verschiedene Altersstufen, wir haben verschiedene Bildungsabschlüsse, wir haben verschiedene Herkünfte, wir haben viele mit Berufserfahrung, dann welche, die gerade frisch von der Schule kommen, und haben das probiert zu integrieren, bevor wir in die Umsetzung gegangen sind und da war natürlich das Thema Aufmerksamkeit auch sehr wichtig für uns und das ist das, was Dennis vorhin schon angesprochen hat. Wir haben halt immer probiert, den Schüler mit zu aktivieren, auch die ruhigen Schüler, die sich gerne in die letzte Reihe setzen, dadurch, dass er mit den Gedanken immer dabei ist. Das haben wir zumindest probiert, dadurch auch die Aufmerksamkeitsspanne so hoch wie möglich zu halten und beim Thema Gewalt wie aber auch beim Thema Stress und Rücken, arbeiten wir ganz viel mit eigenen Beispielen, weil die Schüler erleben so viel in der Praxis und wenn ich jetzt nicht das Fallbeispiel aus dem Lehrbuch nehme, statt ihn einfach zu fragen: 'Wie geht es dir eigentlich? Was ist dir passiert?' und das dann Thema im Unterricht ist, dann hört er plötzlich zu. Das war ja beim Thema Gewalt zum Beispiel die Erarbeitung der Gewaltarten. Das kann ich auf der einen Seite ganz trocken ranklatschen an die Wand, sag ich mal. Ich kann aber auch sagen, was ist euch passiert und daraus arbeite ich die Gewaltarten aus. Dann weiß ich, krass, da vorne steht mein Beispiel, schön, wir üben damit, ne? Oder Grenzen wahrnehmen, genau das Gleiche. Wo sind denn meine persönlichen Grenzen? Nicht die, die im Lehrbuch stehen, das müsste jetzt 'ne Grenze sein, sondern wo ist deine Grenze? Und wo wir auch drauf geachtet haben und das hat bei Gewalt sehr gut geklappt, sind Rollenspiele. Das ist ja eigentlich immer 'n No-Go für Schüler, wenn die das Wort schon hören. drehen die die Augen und oh mein Gott, aber die...
Moderator:
Zeiten, dass man irgendwelche Bälle fangen muss oder da so eine Handpuppe am Start ist, die sind dann ja rum, auch jetzt, ne.
Juliane Pöthkow:
Na ja, wir haben schon auch bei Stress zum Beispiel eine Übung mit drin, da müssen sie vier Aufgaben gleichzeitig in der Gruppe machen, um mal zu symbolisieren, wie ist es eigentlich, wenn du mehrere Aufgaben gleichzeitig machen musst, das ist ja in der Pflege gang und gäbe, dass da vier Sachen gleichzeitig passieren, das haben wir schon probiert, da werfen sie auch einmal 'n Ball, tatsächlich, aber sie finden es witzig und machen es gerne und verstehen den Sinn. Und Rollenspiele will ich kurz ergänzen, das Rollenspiel gerade beim Thema Gewalt hat wirklich super geklappt, ja, weil wir auch mit eigenen Beispielen der Schüler gearbeitet haben und dadurch die Schüler sich auch gegenseitig gecoacht haben, unterstützt haben. Das hängt natürlich auch von der Klasse ab, was man für 'ne Klasse hat. Man wird auch Klassen haben, die sagen, hau ab mit deinen Rollenspielen, vielleicht, aber ich glaube, beim Thema Gewalt ist es gerade wichtig, da so Anwendungsübungen zu machen mit den Schülern.
Dennis Petz:
Ich bin bei dieser Pilotierung zum Thema Gewaltprävention auch an der Berufsschule gewesen und hab das zusammen mit Juliane gemacht. Mein Eindruck ist tatsächlich auch in Zeiten von TikTok hatten wir den Eindruck, dass die Auszubildenden sehr wohl bei der Sache waren und ich hatte sogar viel mehr das Gefühl, sie hatten einmal Spaß, sie hatten auch ein bisschen Respekt, gerade was das Rollenspiel betrifft, weil das ist eine sehr bunt gemischte Klasse gewesen mit sehr viel interkulturellem Hintergrund, aber gleichzeitig hat es mir auch gezeigt, die wollen darüber reden, die haben Interesse darüber zu reden, die wollen gehört werden, ich glaube, die hatten gerade was das Thema Gewalt betrifft zum ersten Mal auch so ein bisschen das Gefühl von, hier kann ich mich öffnen, ne, die waren erst am Anfang sehr verschlossen und haben dann nach einer gewissen Eingewöhnungsphase gezeigt, ey, das Thema ist wichtig und da muss ich jetzt mit euch drüber reden. Also wir haben es, ich will nicht sagen, wir haben da so eine, wie so eine Art Selbsthilfegruppe gemacht, sondern wir haben uns schon daran gehalten, dass wir den Rahmenlehrplan und die dort geforderten Kompetenzbereiche natürlich mit abdecken wollen, weil wir ja auch eine Unterstützung für die Lehrkraft vor allen Dingen sind. Aber natürlich lässt du dich darauf ein, wenn da schwierige Themen besprochen werden und wenn ein Auszubildender darüber sprechen möchte, da war die Konzentration komplett da. Ich glaube, je mehr der Schüler oder die Auszubildenden merken, das Thema betrifft mich gerade, umso mehr sind sie auch dabei, wenn wir es schaffen, die Auszubildenden von dem Thema zu überzeugen, ohne das klassische Zuhören wichtig für die Prüfung, sondern Zuhören wichtig für dich. dann ist es, glaube ich, auch in Zeiten von TikTok sehr gut möglich, diesen Unterricht zu gestalten.
Moderator:
Ja, man lernt fürs Leben, nicht für die Schule, hab ich damals ja auch schon schnell begriffen und schön, dass das so gut klappt, auf jeden Fall. Vielleicht ist ja auch der Schlüssel, dann Handpuppen, die Bälle werfen als TikTok-Video, kann man mal drüber nachdenken. Wenn man sich das Material zur Gewaltprävention anschaut, dann fällt schnell auf, das ist kein kleiner Handzettel, da steckt richtig viel drin, unter anderem eine Präsentation mit 105 Folien und Begleitmaterial mit 63 Seiten. Also das klingt dann so ein bisschen so wie der endlose Diaabend von Onkel Klaus mit dem Spanienurlaub von 1988. Juliane, Hand aufs Herz, hast du dir alles durchgelesen?
Juliane Pöthkow:
Selbstverständlich, war ja mein Auftrag, musste ich ja machen. Nein, Spaß beiseite: Doch ich hab mir alles durchgelesen. Einmal hatte ich ja auch die Aufgabe, die PowerPoint-Präsentation so praktikabel wie möglich für die Lehrkräfte zu machen. Deswegen sind das auch 105 Folien, weil ich das wirklich mitgeholfen hab so zu gestalten, dass der Lehrer das Ding sieht und benutzen kann. Also da sind auch viele Zwischenfolien, wo einfach nur angezeigt wird „Und jetzt folgt die Gruppenarbeit“, damit der nicht extra wieder „An welcher Stelle bin ich jetzt?, Ach ja, Gruppenarbeit“, sondern dass die Präsentation ihn auch durch den Unterricht leitet. Die Hintergrundinformationen sind ja, das ist viel zu lesen, aber das ist das, was Dennis vorhin schon angedeutet hat, es erspart der Lehrkraft trotzdem die zusätzliche Recherche und die Lehrkraft kann sich sicher sein, wenn ich das benutze, hab ich mich trotzdem an den Rahmenplan gehalten, hab alle Kompetenzbereiche drin, die der Rahmenplan verlangt. Das ist ja immer dann die große Sorge bei den Lehrern, verpasse ich irgendwas, was den Schüler auf die Prüfung vorbereitet und das haben wir probiert, damit abzudecken.
Dennis Petz:
Bevor wir angefangen haben, überhaupt irgendwas zu entwickeln, sind wir als BGW auch erst mal in die Berufsschulen gegangen. Und haben uns erst mal angeschaut, wie findet denn so ein Unterricht statt. Das heißt, bevor wir als Arbeitsgruppe, wo Juliane ja auch mitgewirkt hat, überhaupt irgendetwas gemacht haben, haben wir erst mal verstehen wollen, wie verschafft eine Lehrkraft sich sich die Informationen, wie vermittelt sie den Unterricht, welche Quellen nutzt sie, was hat sie quasi für Möglichkeiten, sich selber aufzuschlauen. Und da ist uns aufgefallen, es brauchte sehr viele unterschiedliche Quellen. Beim Thema Rücken ist mir das ganz stark aufgefallen. Dass ich irgendwann das Gefühl hätte, okay, das ist ja mega aufwendig, wenn ich jetzt als Lehrkraft erst mal zwölf Quellen brauche, weil ich vielleicht auch noch nicht in das Thema eingearbeitet bin. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass wenn ich einmal drin bin als Lehrkraft, dann kenn ich das alles. Aber uns geht es ja vor allen Dingen darum, dass wir auch die Lehrkräfte abholen, die vielleicht noch nicht ganz firm sind in dem Thema XY. Ein Dokument und du bist quasi aufgestellt für alle Rahmenlehrplananforderungen oder Kompetenzbereiche.
Juliane Pöthkow:
Es gibt auch immer eine Übersicht, die Hintergrundinformationen beziehungsweise das ganze Produkt. Es sind immer einzelne Bausteine, das heißt, der Lehrer kann auch flexibel agieren, je nachdem zum Beispiel, wie viel Unterrichtseinheiten habe ich überhaupt für das Thema, was habe ich für eine Klasse vor mir sitzen, manchmal passt einfach kein Rollenspiel, ne, das weiß ich vorher schon. Und es gibt immer zu den Seiten eine Seite, die alles komprimiert, auf der ich alle Unterrichtsbausteine untereinander sehe. Und dann könnte ich mir also auch da raussuchen, okay, mich interessiert Unterrichtsbaustein 5, 6 und 7 und dann lese ich auch nur das. Das heißt, ich bin nicht gezwungen, immer alles zu lesen, sondern kann auch flexibel Gebrauch davon machen.
Moderator:
Das finde ich auch einen guten Punkt, Juliane, weil das weiß am Ende ja wirklich nur die Lehrerin, der Lehrer, das ist meine Klasse, das sind die Charaktere, die hier vor meiner Nase sitzen und dann muss man das eben angleichen, dass es für die eben wunderbar funktioniert. Ne, interessanterweise bei Gruppenbildungen, das ist ja dann in Klassen der Fall, ist dann trotzdem der Lustige, der Laute dabei, die Introvertierte und so weiter. Also, es finden sich ja komischerweise fast immer dieselben Gesellschaftsstrukturen, aber trotzdem weißt du als Lehrkraft ja am besten, wie man jetzt hier diesen ganzen Stoff bei den Menschen vermitteln kann. Der Lehrplan, der ist ja schon recht voll, wie lassen sich jetzt Präventionsthemen da sinnvoll unterbringen?
Juliane Pöthkow:
Die Präventionsthemen sind ja alle aufgenommen in den Rahmenplänen der Fachkommission. Das heißt, diese Rahmenpläne sind ja allgemein gültig und jede Schule macht sich daraus quasi ihr schulinternes Curriculum, sodass ich da super flexibel bin. Und dadurch, dass die Themen sowieso drin sind, kann ich das dann für mein schulinternes Curriculum an die richtige Stelle packen und dadurch bin ich super flexibel. Also, wir können die Take Care Unterlagen dahin manövrieren, wo wir denken als Schule, wo passt es am besten und dann klappt es gut. Und gerade auch das Bausteinprinzip ist natürlich noch mal besser für die Schulen, weil ich dann auch flexibler bin, wie tief will ich reingehen, wie viele Unterrichtsstunden habe ich Zeit. Das ist auch immer noch mal ganz wichtig, weil jede Schule, also in Mecklenburg-Vorpommern ist es zum Beispiel so, wir haben kein landeseinheitliches Curriculum. Das heißt, jede Schule schreibt seins selber, natürlich auf Grundlage des Bundesrahmenplans, aber dadurch bin ich da super flexibel und das ist überhaupt kein Problem, weil es präsente Themen sind, die müssen die Schüler hören.
Moderator:
Theorie und Praxis gut zusammenbringen, ist ja oft nicht so einfach. Laut Verdi Ausbildungsreport Pflegeberufe 2024 sagen fast 70 Prozent der Azubis, dass beides nicht gut aufeinander abgestimmt ist. Dennis, wie genau sorgt ihr dafür, dass Theorie und Praxis gut miteinander verbunden werden?
Dennis Petz:
Wir sind ja heute bei dem Thema Gewalt sehr vertieft und wir haben Pflegeberufsschulen, die dafür verantwortlich sind, theoretische Inhalte zu vermitteln und das aber auch sehr gerne natürlich mit praktischen Elementen. Wir haben es jetzt im Podcast bereits schon einige Male gehört: Rollenspiele, Aktivierungsgeschichten. Beim Thema Rücken haben wir sehr viele Transferübungen, die gemacht werden können, um richtige ergonomische Arbeitsweisen kennenzulernen. Aber speziell hier bei dem Thema Gewaltprävention gehen wir noch einen neuen Weg, der da heißt, dass wir ein eigenes Produkt, ein eigenes Seminar entwickeln für Praxisanleitende, nämlich, wie schaff ich es als Praxisanleitender oder als Praxisanleitende das Thema Gewalt in der Arbeit zu vermitteln. Die kommen dann quasi zu uns in die Seminarstätten und werden aufgeschlaut und lernen Techniken, wie das Thema Gewaltprävention in die Praxis überführt werden kann und dafür dient als Grundlage Take Care Gewaltprävention. Wir haben also den theoretischen Überbau, den wir vermitteln in den Pflegeberufsschulen. Und wir haben die Praxis, indem wir Praxisanleitende mit in die Verantwortung nehmen. Das Thema wird immer präsenter und dementsprechend nehmen wir Praxisanleitende mit in die Verantwortung.
Moderator:
Juliane, wie schafft ihr es bei euch in der Berufsschule, Theorie und Praxis gut miteinander zu verbinden?
Juliane Pöthkow:
Ja, indem wir tatsächlich offen mit den Schülern darüber sprechen, dass es diese Theorie-Praxis-Diskrepanzen gibt, dass teilweise nicht alles so, wie es in der Theorie vermittelt wird, für die Praxis realistisch ist, Darauf bereiten wir die Schüler drauf vor. Wir sprechen das offen an, weil es ist nicht schlimmer, als dass der Schüler aus der Schule kommt und sagt, Frau Böttge hat mir das aber so erklärt und dann kann der das da gar nicht umsetzen. Also wir sprechen das an, damit der Schüler einfach nicht unsicher in die Praxis geht, sondern wir ihn vorher auf die Realität vorbereiten und nicht nur darauf, wie es im Lehrbuch steht. Und wir sind auch in engem Kontakt mit unseren Praxisanleitenden und Kooperationspartnern, wenn es wirklich Probleme gibt, Theorie-Praxis, das ist ganz, ganz wichtig für den Auszubildenden, damit der nicht diese Schere hat und sagt, oh Gott, in der Schule sagen sie es mir so und in der Praxis sagen sie mir so, was ist jetzt das Richtige, ne, das ist ganz wichtig, da mit dem Schüler offen drüber zu sprechen und mit den Praxisanleitenden vor Ort.
Moderator:
Was bei deinen Azubis zum Thema Gewaltprävention hängen geblieben ist, das hören wir jetzt mal direkt von ihnen selbst, denn wir haben gefragt, was habt ihr in der Berufsschule über Gewaltprävention gelernt, was euch vorher noch gar nicht richtig bewusst war. Und gesprochen haben wir mit Ansgar.
Ansgar:
In der Berufsfachschule ist uns also richtig klar geworden, dass Gewaltprävention weit über psychischen Schutz hinausgeht. Wir haben gelernt, dass wir kein Freiwild sind, sondern Rechte haben, die uns der Staat in Form von Arbeitsschutzgesetzen gibt. Eine wichtige Lektion war für uns, dass Schweigen keine Lösung ist. Wir haben begriffen, dass Wegsehen oder Herunterspielen kleiner Ungerechtigkeiten eigentlich ein Verrat an uns selbst ist. Wer bei kleinen Grenzüberschreitungen schweigt, tut sich selbst Unrecht. Heute wissen wir, dass es ein Zeichen von Professionalität ist und Selbstachtung, den Mund aufzumachen und für die eigene Würde einzustehen.
Moderator:
Außerdem sollten die Azubis mal verraten, wo im Arbeitsalltag sie das Gelernte bereits anwenden konnten. Gesprochen haben wir mit Ansgar, Nakme, Ayk und Viola.
Ansgar:
Aufgrund unseres Unterrichts haben wir deeskalierendes Verhalten gelernt, was uns im Alltag ziemlich weiterhilft.
Nakme:
Schweigen schützt die Täter, nicht die Opfer.
Ayk:
Dank des Unterrichts habe ich gelernt, mit meinen Mitschülern und anderen Menschen über Gewalterfahrungen im Alltag zu sprechen.
Viola:
Wenn mir was auf der Arbeit passiert, weiß ich jetzt, welchen Meldeweg ich einhalten muss.
Moderator:
Genau das ist das Ziel, das gelernte Wissen auch tatsächlich in der entsprechenden Situation umsetzen zu können. Wie sorgt man dafür, dass Präventionsthemen nachhaltig bei den Azubis hängen bleiben, damit sie ihr Wissen mit ins Berufsleben nehmen, es dann anwenden können und vielleicht sogar die alteingesessenen Kolleginnen und Kollegen, die lange im Job sind und weniger Bewusstsein für solche Themen haben, zu unterstützen oder zumindest darauf aufmerksam zu machen.
Dennis Petz:
Ja, Ralf, wir haben ja über sehr viele unterschiedliche Aktivierungen gesprochen, dass wir versuchen, diese vielen großen und schwierigen Themen nicht nur theoretisch trocken zu vermitteln, sondern die Schüler auch oder die Auszubildenden über Rollenspiele, über Gruppengespräche, über Einzelaufgaben, über Einzelaufgaben: „Sensibilisiere dich mit dem Thema XY“ und gleichzeitig möchte ich gern ergänzen, Auszubildende haben keine Verantwortung, das Thema Rückenprävention, Gewaltprävention, Stressprävention, eigentlich egal welches Thema, an ihre Kollegen zu vermitteln, sondern ganz im Gegenteil, Auszubildende sollen sich darauf fokussieren, die Ausbildungsinhalte zu lernen, eine gute Praxis zu erlernen und sich einfach auf diesen Beruf zu konzentrieren. Die Aufgabe liegt bei Führungskräften, diese Themen zu vermitteln.
Juliane Pöthkow:
Was für uns ein Ziel sein sollte, ist eher, dass wir die Auszubildenden dazu bringen, mutiger zu werden, dass er merkt, ich darf über die Themen sprechen, ich soll auch drüber sprechen, ich bin nicht alleine mit den Themen und ich brauche keine Angst zu haben, darüber zu sprechen und das ist, glaub ich, ganz, ganz wichtig, weil man vielleicht dadurch auch die Abbrecherquote reduzieren kann, wenn man sagt, es ist okay, wenn du auch mal was Schlechtes über deinen Träger sagst, ich geh als Lehrer nicht gleich hin und schimpf mit denen, sondern wir finden gemeinsam Lösungen. Und ich glaub, das haben wir ganz gut erreicht, dass der Schüler sich Vertrauenspersonen sucht, also gerade beim Thema Gewalt und sagt, ich sag das jetzt mal und hab jetzt keine Angst mehr darüber zu sprechen. Und plötzlich sieht er ja auch, dass fünf andere in der Klasse das gleiche Problem haben. Ich glaub, das ist auch noch mal ganz wichtig und 'n wichtiges Ziel, ergänzend zu dem, was Dennis gesagt hat.
Moderator:
Prävention ist keine Nebensache, sie ist Teil professioneller Ausbildung und sie beginnt lange bevor etwas passiert. Vielen Dank, Juliane und Dennis, für eure Einblicke.
Dennis Petz:
Vielen Dank für die Einladung, Ralf.
Juliane Pöthkow:
Sehr gerne.
Moderator:
Und natürlich auch vielen Dank an die Azubis, die ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben. Alle Informationen zu den einzelnen Präventionsthemen von Take Care findet ihr auf der Website der BGW. Den direkten Link dorthin findet ihr in den Shownotes dieser Podcastfolge und ihr könnt auch eure Fragen direkt an Dennis stellen zu Take Care. Seine Kontaktdaten findet ihr ebenfalls in den Shownotes. Danke fürs Zuhören, bis zum nächsten Mal.
Jingle
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Interviewgäste
Juliane Pöthkow
Fachbereichsleiterin Pflege/ Qualitätsbeauftragte
Berufsfachschule Greifswald GmbH
Dennis Petz
Referent in der Produktentwicklung, BGW
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