Schwarz-weiß geschecktes Rind mit Ohrmarken auf einer Wiese, über ihr blauer Himmel und Wolken

Sicher arbeiten mit Rindern BGW magazin 2/2026

Illustration: Ein schwarz-weiß geschecktes Rind von oben, deren Kopf in einer Fixiervorrichtung steckt. Das Rind tritt nach hinten aus, an das Knie einer Person in Arbeitsoverall, Stiefeln und Handschuhen. Die Person krümmt sich zusammen.

Bei der Arbeit mit Tieren besteht immer ein gewisses Risiko. Mit umsichtigem Verhalten lässt es sich minimieren.

Rinder sind Fluchttiere und nehmen ihre Umgebung anders wahr als Menschen. So ist zum Beispiel ihr Sichtfeld mit rund 330 Grad besonders breit. Vieles an ihnen fasziniert. Doch sie sind auch große, schwere Tiere. Verletzungen beim Umgang mit ihnen können schwerwiegend oder gar tödlich sein. Mit sechs kurzen Filmen zeigt die BGW, worauf es bei der tierärztlichen Untersuchung ankommt.

Ein Rind kann mit einer plötzlichen Bewegung Menschen in Bedrängnis bringen. Schließlich wiegt eine ausgewachsene Milchkuh durchaus 700 Kilogramm, ein Bulle bei schweren Fleischrassen über 1.200 Kilogramm. Für Tierärztinnen und Tierärzte, die auf den Hof kommen, bedeutet das: Fachkenntnis, Aufmerksamkeit und richtiges Verhalten sind nötig, um sicher arbeiten zu können.

Rinder riechen, hören, sehen anders

Bild vergrößern Illustration: Ein schwarz-weiß geschecktes Rind von oben, der Kopf steckt in einer Fixiervorrichtung. Vom Kopf des Rinds ist der Radius des Sichtfelds markiert, um das Rind herum dessen Sichtfeld. Um den Schwanz des Rinds ist ein weiterer Radius markiert, die Zone sicheren Arbeitens. Links von dieser Zone und außerhalb des Sichtfelds des Rinds steht eine Person.

Was sieht das Rind? Wie könnte es sich bewegen? Wer darauf achtet, arbeitet sicherer.

Es hilft zu verstehen, wie Rinder ihr Umfeld wahrnehmen. Sie verfügen beispielsweise über einen ausgeprägten Geruchssinn. Fremde Gerüche können Neugierde wecken, aber auch Abwehrverhalten hervorrufen. Das heißt: Saubere, neutral riechende Arbeitskleidung ist wichtig. Auch laute und unbekannte Geräusche können bei den Tieren Stress auslösen. Deshalb sollte bei der tierärztlichen Untersuchung eine möglichst ruhige und störungsfreie Umgebung gewährleistet sein. Und am besten spricht man Rinder mit tiefer und ruhiger Stimme an.

Fühlen sich Rinder gestresst, wählen sie meist die Flucht. Womöglich wehren sie sich aber auch. Um nicht getreten, eingeklemmt oder überrannt zu werden, sollte die Annäherung an die Tiere langsam und gelassen innerhalb ihres Sichtfelds erfolgen. Rinder sehen allerdings seitlich unscharf und haben "blinde Flecken" unmittelbar vor und auch hinter sich.

Bild vergrößern Illustration: Eine Person in Arbeitsoverall, mit Handschuhen und Stiefeln in Frontalansicht. Links von der Person ist vom Scheitel bis zur Sohle eine Skala mit Höhen von 90 cm, 120 cm und 180 cm markiert. Das Feld zwischen den Punkten 90 cm und 120 cm wird als "günstige Arbeitshöhe" markiert. Neben der Person sieht man zum Vergleich ein Rind im Boxengatter.

Tierärztinnen und Tierärzte sollten stets auf eine ergonomisch günstige Arbeitsweise achten.

Je nach Tätigkeit kommen spezielle Sicherheitsaspekte zum Tragen. Soll beispielsweise das Euter untersucht werden? Generell ist es nicht nur aus ergonomischen Gründen besser, beim Umgang mit Rindern stets aufrecht zu arbeiten. Man wird auch weniger leicht umgestoßen. Ist eine gebückte Haltung nicht zu vermeiden, kann eine Hilfsperson, wie die Landwirtin oder der Landwirt, unter anderem den Schwanz des Tieres hochdrücken. Mit dieser "Schwanzbremse" lassen sich Abwehrbewegungen leichter verhindern.

Lernen, worauf es ankommt

Sechs neue Filme der BGW vermitteln, worauf es bei der Einzeltierbehandlung, Blutentnahme, Trächtigkeits­untersuchung, Klauenpflege & Co. ankommt. Die Filme sind zwischen drei und siebeneinhalb Minuten lang und in sich abgeschlossen. Künftig wird auch ein übergreifendes E-Learning-Angebot "Sicher arbeiten mit Rindern" auf dem BGW-Lernportal zur Verfügung stehen.

Ein roter Faden zieht sich durch alle Filme: Die Sicherheit beim Umgang mit den Tieren hängt maßgeblich davon ab, dass auf ihr Verhalten genauso geachtet wird wie auf die technische Ausstattung, Fluchtmöglichkeiten, das eigene Verhalten und die persönliche Schutzausrüstung. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Landwirtinnen und Landwirten: Sie kennen die Tiere und ihre Eigenarten. Zudem sind sie mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut. Einige Sicherheitsmaßnahmen, wie das Treiben und Fixieren der Rinder, fallen grundsätzlich in ihre Verantwortung.

Zwei Männer, einer davon in Arbeitsoverall, der andere ebenso in Arbeitskleidung stehen im Stall eines Viehbetriebs. Der Kopf eines Rinds ist in einem Gatter fixiert, eine der Personen weist mit dem Finger auf das Tier.

Erstmal mit dem Landwirt oder der Landwirtin sprechen: Sie kennen ihre Tiere und die Gegebenheiten vor Ort.

Ein Beispiel zeigt der Film zu Trächtigkeitsuntersuchungen bei Milchkühen. Jungrinder, die zum ersten Mal untersucht werden, sind dabei besonders unruhig – schließlich ist es eine ungewohnte Situation. Futter und das Kraulen durch eine vertraute Person kann sie beruhigen. Dennoch sollte die Tierärztin oder der Tierarzt darauf achten, dass die eigene Körperstellung möglichst wenig Angriffsfläche für Tritte bietet. Ein Restrisiko wird trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bleiben.

Separieren und Fixieren

Ob im Boxenlaufstall oder auf der Weide: Freilaufende Rinder verhalten sich stets unberechenbar. Laut der Unfallverhütungsvorschrift zur Tierhaltung müssen auf landwirtschaftlichen Betrieben Einrichtungen vorhanden sein, die eine Separierung von Einzeltieren oder Gruppen ermöglichen. Im Untersuchungsbereich sind dann alle Tiere von dem Landwirt oder der Landwirtin zu fixieren – in der Regel mit dem Kopf in der Fangvorrichtung des Fressgitters.

Bild vergrößern Ein Mann im Arbeitsoverall und Gummistiefeln steht vor dem Gatter eines Viehbetriebs und stützt seinen Arm auf das Gitter, zwischen dem ein Rinderkopf fixiert ist.

Treten, umrennen, mit dem Kopf ausschlagen: Vor der Behandlung sind Rinder zu fixieren, damit sie niemanden verletzen können.

Fleischrinder leben meist in der Herde auf der Weide. Nur selten haben sie Kontakt mit Menschen. Der Tierarzt oder die Tierärztin kommt jährlich zur Blutprobenentnahme. Fehlen andere Möglichkeiten zur Fixierung, kann ein Treibegatter mit Sammelbereich für das Separieren eingesetzt werden. Von dort aus wird jeweils ein Tier in einen Fangstand getrieben. Oberste Priorität hat, dass jederzeit eine Abschirmung vor Tritten besteht. Ohne Fangstand kann es sein, dass Tierärztinnen und Tierärzte unter Umständen die Blutprobenentnahme angesichts des Unfallrisikos ablehnen müssen.

Tore, Türen, Schlupföffnungen

Rinder sind für eine möglichst risikoarme Untersuchung am Herumlaufen zu hindern. Dagegen muss sich der Mensch im Ernstfall schnell in Sicherheit bringen können. Tore und Türen sollten einfach von außen und innen zu öffnen sein, ohne dass die Tiere sie selbst aufdrücken können. Tierärztinnen und Tierärzte sollten dies überprüfen und sich über weitere Fluchtmöglichkeiten informieren. So müssen zum Beispiel Fressgitter in angemessenen Abständen über Personenschlupföffnungen verfügen, sodass man im Notfall schnell den Gefahrenbereich verlassen kann.

Klauen behandeln, Tritte ver­meiden

Auch die Klauenpflege – also die Behandlung der Klaue des Rindes – birgt Herausforderungen. Tierärztinnen und Tierärzte müssen insbesondere darauf achten, dass sich der Klauenpflegestand in einem technisch einwandfreien Zustand befindet. Auch hier ist es nicht ihre Aufgabe, die Tiere dort hineinzubringen. Sie sollten sich aber eingehend mit der Situation vor Ort vertraut machen.

Der entsprechende Film der BGW gibt weitere Hinweise für die Klauenpflege – vom Anlegen der Gurte, die das Tier sichern, über das Fixieren und Hochziehen des Beins bis hin zur ergonomisch günstigen Haltung beim Arbeiten am Tier. Ein höhenverstellbarer Klauenstand ist ideal, um die passende Arbeitshöhe sicherzustellen. Sollte die Klaue weiter unten sein, als es ergonomisch gut wäre, arbeitet man am besten mit möglichst geradem Rücken breitbeinig, angelehnt oder im Ausfallschritt.

Grundsätzlich werden als persönliche Schutzausrüstung bei der tierärztlichen Behandlung von Rindern Sicherheitsstiefel S5 mit Zehenschutz-Kappe und rutschhemmender Sohle empfohlen. Je nach Tätigkeit kommt Weiteres hinzu – insbesondere bei der Klauenpflege, bei der mit scharfen Werkzeugen an der Klaue gekratzt, gefräst und geschliffen wird. Bei vielen Tätigkeiten kann auch eine Sicherheitsschürze mit einer dämpfenden Lage die Folgen von Tritten abmildern.

Prädikat: Gut für Mensch und Tier

Rinder fühlen sich am sichersten in einer Gruppen- und Herdenstruktur. Eine Absonderung bedeutet immer Stress. Auch andere Abläufe rund um die Untersuchung können für Unruhe sorgen. Das kann Termine auf landwirtschaftlichen Betrieben für die Tierärzte und Tierärztinnen herausfordernd machen. Doch wie die Filme der BGW zeigen, lässt sich für die Sicherheit von Mensch und Tier einiges tun.

Top 5 für die Sicherheit
  • Sichere Untersuchungsbedingungen
  • Zusammenarbeit mit den Landwirtinnen und Landwirten
  • Klare Kommunikation schon vor dem Erstkontakt mit den Tieren
  • Umsichtiges Verhalten am Tier
  • Einsatz von persönlicher Schutzausrüstung (PSA)


 

Von: Sigrid Küfner und Linda Tappe