Kleiner Impuls, große Wirkung – Nudging im Job #150 BGW-Podcast "Herzschlag - Für ein gesundes Berufsleben"
Aufgemalte Fußspuren zur Treppe, Smiley-Tafeln im Straßenverkehr, Obst auf Augenhöhe oder der Kalendertermin für die nächste Vorsorgeuntersuchung: Nudging begegnet uns im Alltag häufiger, als wir denken. Gemeint sind kleine Impulse, die Menschen zu gesünderen, sichereren oder sinnvolleren Entscheidungen anstupsen sollen — ohne Verbote, Zwang oder erhobenen Zeigefinger.
In dieser Folge spricht Moderator Ralf Podszus mit Verena Krämer von der BGW darüber, wie Nudging funktioniert und welche Rolle es im Arbeits- und Gesundheitsschutz spielen kann. Verena hat sich in ihrer Masterarbeit intensiv mit dem Thema beschäftigt und 21 Studien ausgewertet. Dabei wird klar: Nudging kann wirken, aber nicht automatisch und nicht in jedem Kontext gleich.
Es geht um die Frage, warum Wissen allein oft nicht reicht, um Verhalten zu verändern, wo im Arbeitsalltag besonders viel Potenzial liegt und welche ethischen Grenzen wichtig sind. Außerdem gibt es viele praktische Beispiele: von Hautschutz und Händehygiene über höhenverstellbare Schreibtische bis hin zu Selbstnudging im Alltag.
Hier kommen Sie zum Transkript dieser Folge
Moderator:
Aufgemalte Fußspuren in Gebäuden, die führen uns ganz automatisch zur Treppe statt zum Fahrstuhl. Oder die kleinen Hinweise direkt am Waschbecken, die daran erinnern, sich gründlich die Hände zu waschen. Ja, oft merken wir gar nicht bewusst, dass wir gelenkt werden und machen es trotzdem. Diese kleinen, cleveren Impulse, die positiv unser Verhalten beeinflussen sollen, also ohne Verbote, ohne Druck und ohne erhobenen Zeigefinger, die haben einen Namen: Nudging.
Ja, diese Anstupser im Alltag, die sollen Menschen dabei helfen, gesündere oder auch sichere Entscheidungen zu treffen. Wie genau funktioniert Nudging, also diese cleveren Impulse, die unser Arbeitsverhalten positiv beeinflussen sollen? Beziehungsweise kann man dieses Prinzip überhaupt im Job nutzen, um zum Beispiel Arbeitsplätze sicherer und auch gesünder zu machen? Also ein kleiner Nudge statt seitenlanger Belehrungstexte. Darüber spreche ich heute mit Verena Krämer von der BGW. Sie hat sich das Thema in ihrer Masterarbeit ganz genau angeschaut. Ich bin gespannt, welche Tipps und Tricks sie für uns mitgebracht hat.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Moderator:
Verena, herzlich willkommen.
Verena Krämer:
Vielen Dank, Ralf. Freut mich, dass ich heute hier sein darf.
Moderator:
Verena, wann wurdest du zuletzt genudged und hast es hinterher erst gemerkt? Und kann man das so sagen, dass du genudged wurdest?
Verena Krämer:
Ich nutze zum Beispiel sehr gerne eine App, die mich an meine Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen erinnert und mir darüber auch ermöglicht, digital Termine zu vereinbaren. Und nach so einer Terminbuchung gab es dann immer die Möglichkeit, einen Button zu nutzen: Termin in den Kalender übernehmen. Und dabei wird mir halt der nächste sinnvolle Schritt schon direkt präsentiert. Ich muss also an nichts denken, nichts zusätzlich machen und diese App nutzt Nudging. Und das ist mir mit einem Schmunzeln neulich sehr bewusst aufgefallen, weil ich glaube, dass diese App sehr vielen entgegenkommt.
Moderator:
Also die sagt dann nicht so platt imperativ: Nächstes Jahr Krebs, mach mal lieber ’n Termin. Sondern der wird einfach gleich mit vorgeschlagen.
Verena Krämer:
Ja, das klingt vielleicht zunächst unspektakulär, aber ist tatsächlich ’n sehr typischer Nudge. Eine Handlung, die leicht vergessen oder aufgeschoben wird, wird mir im richtigen Moment einfacher gemacht.
Moderator:
War dein erster Gedanke dann mehr Richtung clever gemacht oder eher okay, da haben sie mich erwischt?
Verena Krämer:
Ja, tatsächlich eher clever gemacht. Entscheidend ist nämlich für mich, dass ich die Wahlfreiheit behalte. Also ich kann frei entscheiden, ob ich Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen möchte, wenn ja, bei welchem Arzt und auch, ob mein Kalender mich direkt an den Termin erinnern soll oder eben nicht. Ich werde nicht zu etwas gezwungen, aber der nächste sinnvolle Schritt wird mir eben so leicht wie möglich gemacht. Und problematisch wird es eher dort, wo Druck entsteht oder Betroffene eben nicht transparent erkennen können, dass ihr Verhalten bewusst beeinflusst werden soll. Und deshalb war es mir in meiner Masterarbeit auch wichtig, nicht nur die Wirksamkeit von Nudging zu untersuchen, sondern eben auch die rechtlichen und ethischen Grenzen von Nudging.
Moderator:
Dann fangen wir jetzt mal masterarbeitsmäßig noch mal richtig an von vorne. Lass uns doch mal grundsätzlich einsteigen: Was ist Nudging?
Verena Krämer:
Nudging bedeutet wortwörtlich übersetzt anstupsen. Gemeint ist eine bewusste Gestaltung der Umgebung, in der Menschen alltäglich Entscheidungen treffen. Und diese Gestaltung soll positives beziehungsweise gesundheitsbewusstes Verhalten wahrscheinlicher machen. Und dabei sind drei Merkmale zentral. Es gibt kein Verbot, keinen Zwang und keine starken finanziellen Anreize. Stattdessen wird die gewünschte Entscheidung für das eigene Wohlergehen einfacher, sichtbarer und naheliegender. Und der Impuls liegt also nicht im Imperativ mit den drei Ausrufezeichen, sondern in der Gestaltung des Moments, in dem die Handlung eben stattfinden soll.
Moderator:
Du hast es gesagt, es gibt keine finanziellen Anreize. Was wäre das denn, wenn es finanzielle Anreize geben würde? Dann wäre es kein Nudging, wenn, dann wäre es schon komplette Manipulation.
Verena Krämer:
Genau, dann wäre es kein Nudging. An der Stelle grenzen die Erfinder von Nudging ganz klar ab. Das ist dann ja im weitesten Sinne einfach ein wirtschaftliches Interesse, was verfolgt wird.
Moderator:
Ist Nudging eher der nette Cousin von Manipulation oder steckt da mehr Unterschied drin?
Verena Krämer:
Der Unterschied liegt tatsächlich in der Ausgestaltung. Nudging bewegt sich immer in einem Spannungsfeld, weil Verhalten eben nun mal bewusst beeinflusst wird. Das ist aber nicht automatisch problematisch, sondern braucht klare Grenzen. Und ein legitimer Nudge ist transparent, leicht umgehbar und verfolgt ein nachvollziehbares Ziel, etwa im Gesundheitsschutz. Und kritisch wird es dann, wenn relevante Informationen fehlen, wenn Betroffene kaum ausweichen können oder wenn die Gestaltung primär fremden Interessen dient. Nudging sollte offen eingesetzt werden, also eben nicht als Trick, sondern als Unterstützung. Die Umgebung wird so gestaltet, dass sicheres oder gesundes Verhalten leichter wird.
Moderator:
Und hinter einem Nudge steht ja auch immer so eine Absicht. Das hast du ja eben auch schon so erklärt, also nach dem Motto: Wir entscheiden für dich, nur zu deinem Besten. Dürfen wir das? Je nachdem, wer jetzt den Nudge setzt, stecken da ja nicht immer nur gute Absichten dahinter, oder?
Verena Krämer:
Genau, deswegen sind auch drei Fragen wichtig: Wer setzt den Nudge, welches Ziel wird verfolgt und wessen Interessen stehen dabei im Vordergrund? Im Arbeitsschutz ist das Ziel grundsätzlich sehr stark: Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten, arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren sollen verhindert werden. Und trotzdem reicht aber auch dieser legitime Zweck allein gar nicht aus. Der konkrete Nudge muss geeignet, erforderlich und auch angemessen sein. Außerdem sollte er fair ausgestaltet sein.
Es gibt auch problematische Formen der Verhaltenslenkung. Wenn eine Gestaltung Entscheidungen erschwert, Betroffene ausbremst oder sogar gegen deren Interessen arbeitet, handelt es sich eben nicht um ein hilfreiches Anstupsen, sondern dann geht es eher um sogenannte Sludges oder um eine verdeckte Steuerung.
Moderator:
Ist es denn wichtig, dass wir einen Nudge erkennen oder funktioniert das Ganze eben wirklich nur, wenn er unsichtbar bleibt, so geheim in der Ecke hockt?
Verena Krämer:
Gerade im Arbeits- und Gesundheitsschutz ist Erkennbarkeit sogar sehr wichtig. Ein Nudge muss nicht unsichtbar sein, um zu wirken. Fußspuren zur Treppe sind ja zum Beispiel für alle offen sichtbar. Oder ein gut platzierter Hautschutz-Checkpoint ist ebenso sichtbar. Trotzdem können diese Impulse wirken, weil sie die gewünschte Handlung eben im richtigen Moment transparent machen. Und Transparenz stärkt sogar die Legitimität an dieser Stelle. Betroffene können nachvollziehen: Hier soll keine verdeckte Steuerung stattfinden, sondern hier wird mir eine sinnvolle Handlung echt erleichtert.
Moderator:
Kannst du sagen, wer besser drauf anspringt, besser Gebildete oder schlechter Gebildete? Und wer sagt von vornherein so, nee, nee, ich darf mich nicht belehren, hier meine Freiheit?
Verena Krämer:
Da konnte ich in den Studien tatsächlich keine Unterscheidung feststellen, von den Studienpopulationen her. Tendenziell springen Frauen ein klein wenig besser drauf an als Männer.
Moderator:
Hast du ein paar Beispiele? Wo werden wir im Alltag schon ganz charmant geschubst, ohne es zu merken?
Verena Krämer:
Ja, also im Alltag kennen wir zum Beispiel den Nutri-Score auf Lebensmitteln. Es gibt uns ein gutes Gefühl, Lebensmittel mit Nutri-Score A oder B zu kaufen anstatt mit D oder E. Oder Autofahrer kennen die digitalen Smiley-Tafeln oftmals vor Beginn einer 30er-Zone. Obwohl von einem roten, traurigen Smiley gar keine Gefahr ausgeht, also wir werden ja nicht geblitzt, bremsen viele trotzdem automatisch ab, um den lachenden Smiley zu sehen. Oder um Papier zu sparen, können Organisationen die Druckeinstellung standardmäßig auf doppelseitig einstellen. Und wer aber dann wirklich einseitig drucken möchte, kann das eben dann aber auch aktiv ändern.
Moderator:
Interessant. Als Klassiker fällt mir noch ein: Obst auf Augenhöhe in der Kantine, so das Dienstobst, ne. Verdammt, Spätschicht, schon wieder nur Äpfel da in dem Korb. Heißt das dann im Umkehrschluss, die berüchtigte Quengelware an der Kasse, ist das auch so ein Nudge, also nur eben mal in die andere Richtung, man wird manipuliert: Kauf mich, so ein Schokoriegel oder diese kleine Fuselpulle rum?
Verena Krämer:
Im weiteren Sinne lässt sich das tatsächlich so einordnen. Die Platzierung an der Kasse nutzt einen sehr konkreten Entscheidungsmoment: Wartezeit, Blickkontakt, spontane Kaufentscheidung, möglicherweise noch ein ungeduldiges Kind, welches jetzt wirklich gerne diesen Schokoriegel möchte. Und natürlich beeinflusst das das Kaufverhalten. Der Unterschied bei deinen beiden Beispielen liegt aber in der Zielrichtung. Beim Obst auf Augenhöhe steht eine gesundheitsförderliche Entscheidung im Vordergrund. Bei Quengelware geht es überwiegend um wirtschaftliche Interessen. Und das zeigt an der Stelle auch sehr gut: Die Technik allein entscheidet noch nicht über deren Bewertung. Entscheidend sind Ziel, Transparenz, Wahlfreiheit und auch die Interessen der Betroffenen.
Moderator:
Du hast in deiner Masterarbeit 21 Studien rund ums Nudging ausgewertet. Und das macht mich ja schon wieder ganz verrückt, warum nicht 20, dann ist das schön rund. Ja, was war bei der 21. Studie jetzt noch so wichtig, Verena?
Verena Krämer:
Da musste die schöne runde Zahl leider der Methodik weichen. Die Studien wurden nicht nach einer hübschen Zahl ausgewählt, sondern nach festen Ein- und Ausschlusskriterien und deshalb blieb am Ende genau diese unrunde Zahl übrig. Und wichtig war gar nicht die 21. Studie als Bonus, sondern die Bandbreite der Ergebnisse.
Moderator:
Aber ganz schön viel auf jeden Fall auch. Erzähl mal bitte, was war deine wichtigste Erkenntnis?
Verena Krämer:
Meine wichtigste Erkenntnis ist: Nudging kann wirken, aber tatsächlich nicht pauschal und nicht in jedem Kontext gleich. Die Wirkung hängt stark vom Nudge-Typ, vom konkreten Setting, von der Zielgruppe und auch vom gewünschten Verhalten ab. Besonders überzeugend im Bereich Prävention sind Nudges, die direkt am Entscheidungspunkt ansetzen, also eben dort, wo das Verhalten auch tatsächlich stattfindet. Dazu gehören Erinnerungen, gut platzierte Angebote, Voreinstellungen oder auch aktive Entscheidungspunkte.
Und im Bereich Rehabilitation ist die Evidenz etwas schmäler. Dort sind vor allen Dingen Engagement- und Commitment-Nudges interessant, also Zielvereinbarungen mit den Rehabilitantinnen, Selbstbindung, Rückmeldung zu ihrem Fortschritt. Gleichzeitig ist auch im Bereich Rehabilitation Vorsicht nötig, weil Rehabilitantinnen und Rehabilitanten häufig in einer verletzlichen und auch damit besonders schützenswerten Situation sich befinden.
Moderator:
Wenn wir das jetzt mal auf den Arbeitsschutz übertragen: Das Ziel ist ja klar, Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten verhindern und die Gesundheit schützen. Warum verhalten sich Menschen im Alltag trotzdem oft nicht sicher, obwohl sie ja eigentlich wissen, wie es richtig wäre?
Verena Krämer:
Weil Wissen allein nicht automatisch Verhalten verändert. Im Arbeitsalltag wirken super viele Faktoren gleichzeitig: Zeitdruck, Routine, Gewohnheit, Stress, vielleicht auch einfach ungünstige Arbeitsabläufe. Eine Pflegekraft weiß zum Beispiel, dass Hautschutz wichtig ist. Wenn aber der Desinfektionsmittelspender eher ungünstig hängt oder der Arbeitsbeginn hektisch ist, gerät die Handlung, also das Händedesinfizieren, vielleicht leicht aus dem Blick. Beschäftigte wissen vielleicht, dass auch rückengerechtes Arbeiten für ihren Körper sehr wichtig ist. Wenn aber die kleinen und großen Hilfsmittel für rückengerechtes Arbeiten in der Pflege nicht griffbereit sind, dann sinkt deren Nutzung deutlich.
Dazu kommt, dass viele arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren sich erst in der Zukunft verwirklichen. Viele Berufskrankheiten, insbesondere Hauterkrankungen und auch Muskel-Skelett-Erkrankungen, entstehen über einen längeren Zeitraum. Weil uns Menschen die Konsequenzen bei einer Missachtung aber nicht sofort sichtbar sind, verliert das Schutzverhalten im Arbeitsalltag eben auch an Priorität. Bis der Bandscheibenvorfall vielleicht erst in 20 Jahren eintritt, ist für viele so schlecht greifbar, dass sie sich darum jetzt nicht kümmern, obwohl sie wissen, dass es falsch ist.
Moderator:
Ja, und darum ist auch der Oberarzt der Lungenchirurgie regelmäßig in der Raucherpause. Oder auf den Klimaschutz bezogen: Ja, das sehe ich ja noch nicht, das Waldsterben, die hohen Klimazahlen, die hohen Gradzahlen. Immer ’n Problem, wenn man nicht direkt bestraft wird, um es mal so deutlich zu sagen. Wie genau kann Nudging dabei jetzt unterstützen?
Verena Krämer:
Nudging kann die Lücke zwischen Wissen und Handeln verkleinern. Es macht sichere und gesundheitsförderliche Verhalten leichter, sichtbarer oder auch einfach naheliegender. Das kann eine Erinnerung zum richtigen Zeitpunkt oder auch ’ne bessere Platzierung sein. Es kann auch ein Prozess sein, der eine aktive Entscheidung verlangt, statt eine wichtige Handlung im Alltag untergehen zu lassen, zum Beispiel meine Gesundheitsvorsorgeuntersuchung. Im Arbeitsschutz heißt das konkret: Hautschutzmittel, Schutzausrüstung, Hilfsmittel stehen klar auffällig dort, wo sie gebraucht werden. Oder ergonomische Arbeitsmittel sind so gestaltet, dass eine gesundheitsförderliche Nutzung auch einfach naheliegt.
Moderator:
Kannst du uns ’n Beispiel aus dem Arbeitsalltag nennen, wo ein kleiner Nudge schon ganz viel verändern kann?
Verena Krämer:
Ein Beispiel, was ich sehr anschaulich finde, ist, dass betriebliche Vorsorgeangebote direkt mit einer konkreten Terminmöglichkeit angeboten werden. Also ich melde mich nicht eigenständig bei meinem betriebsmedizinischen Dienst, sondern mir wird ein fester Termin innerhalb meiner Arbeitszeit zu einem üblicherweise guten Zeitpunkt angeboten. Und wenn ich das Angebot nicht wahrnehmen möchte, weil ich es vielleicht auch nicht annehmen muss, dann kann ich den Termin ja immer noch absagen.
Oder auch spannend finde ich einen Nudge an höhenverstellbaren Schreibtischen. Beschäftigte finden dann morgens den Tisch nicht in der Sitzposition vor, sondern leicht erhöht. Und dadurch entsteht ’n sanfter Impuls. Entweder ich entscheide mich aktiv dazu, den Tisch in die Sitzposition zu fahren oder aktiv in die Stehposition. Ich werde also zu einer Entscheidung gezwungen, ohne dass mir das Sitzen grundsätzlich verwehrt wird. Und ganz ehrlich, vielleicht würde mein Arbeitstag dann auch viel häufiger im Stehen beginnen. Das Entscheidende an der Stelle ist einfach: Der Schutz unserer Gesundheit soll nicht als Zusatzaufgabe wahrgenommen werden. Der Schutz soll ’n selbstverständlicher Teil unseres Arbeitsalltags sein, eben wie auch der Griff zur Kleidung morgens.
Moderator:
Wo siehst du im Arbeitsschutz aktuell das größte Potenzial für Nudging? Was kann man da noch besser machen?
Verena Krämer:
Das größte Potenzial sehe ich bei wiederkehrenden Alltagshandlungen, die fachlich bekannt sind, aber in der Umsetzung untergehen. Dazu zählen Hautschutz, Händehygiene, ergonomisches Verhalten, Pausen, Vorsorgeangebote oder auch die Nutzung von persönlicher Schutzausrüstung. Besonders sinnvoll ist Nudging dort, wo eben kein Wissensdefizit im Vordergrund steht, sondern eine klare Umsetzungshürde. Und außerdem sehe ich auch Potenzial bei der Prozessgestaltung. Es reicht oft nicht aus, eine gewünschte Handlung nur zu erklären. Besser ist eine Umgebung, in der diese Handlung logisch in einen Ablauf eingebettet ist.
Moderator:
Ich finde ja Hygiene- und Hautschutzpläne, die können manchmal so richtig textlastig sein. Da steht dann einfach ganz, ganz viel, was man sich durchlesen muss. Wäre das so ’n typischer Fall, wo man mit Nudging mehr erreichen könnte?
Verena Krämer:
Hygiene- und Hautschutzpläne sind wichtig und bleiben auch notwendig. Sie entfalten die fachliche Grundlage und geben damit auch Orientierung. Und Nudging ersetzt diese Pläne nicht. Nudging kann aber die Umsetzung unterstützen. Also der Plan erklärt, was richtig ist und der Nudge hilft im konkreten Moment, die richtige Handlung auszuführen. Wenn der Hautschutzplan also beschreibt, wann welches Produkt verwendet werden soll, kann ein Nudge diese Information in den Arbeitsalltag übersetzen, durch eine gute Platzierung, klare Symbole, kurze Hinweise oder auch eben einfach eine sinnvolle Reihenfolge im Ablauf.
Moderator:
Jetzt drehen wir das Ganze mal um. Können wir eigentlich auch an uns selbst Nudging betreiben, also uns selbst ein bisschen anstupsen, damit wir Dinge machen, die uns eigentlich guttun, im Alltag trotzdem schwerfallen, ne, dieses Hausputzen schon wieder? Ich hab zum Beispiel mal den Tipp bekommen: Leg dir deine Joggingklamotten schon mal abends raus, dann liegen sie morgens da und du kommst schwerer an der Ausrede vorbei, jetzt mal nicht eine Runde um den Block zu rennen.
Verena Krämer:
Ja, absolut. Und das ist auch ein sehr gutes Beispiel für Selbst-Nudging. Die eigene Umgebung wird so gestaltet, dass das gewünschte Verhalten leichter fällt.
Moderator:
Bei mir ist es eigentlich immer leichter, den Schokoriegel schon mal rauszulegen, den ich dann nachher sehr gerne essen möchte.
Verena Krämer:
Aber vielleicht, wenn du die Joggingkleidung morgens schon bereitlegst, dann entfällt die Suche morgens danach und die erste Hürde ist etwas niedriger. Kein Zwang, keine Pflicht, aber die Entscheidung, die ohnehin zu deinen eigenen Zielen passt, insofern dein Ziel Joggen ist, wird eben einfacher. Und Selbst-Nudging bedeutet, die Umgebung unterstützt meine eigenen Vorsätze, statt ihnen im Weg zu stehen. Und der Schokoriegel kann trotzdem die Belohnung danach sein.
Moderator:
Besser muss ich dieses Schild wegräumen, was bei mir am Bett klebt: Erst die Hose, dann die Schuhe. Man ist halt noch ein bisschen müde morgens, ne. Welche einfachen Nudges im Alltag funktionieren aus deiner Erfahrung noch gut? Also Dinge, die man wirklich sofort ausprobieren kann, ohne gleich sein ganzes Leben umzukrempeln, weil das wollen ja auch die meisten Menschen nicht. Man ist ein Gewohnheitstier.
Verena Krämer:
Ja, absolut und Nudging ändert daran auch grundsätzlich jetzt erst mal nichts. Sehr gut funktionieren Nudges, die an bestehende Routinen andocken und wir uns eine Wenn-Dann-Regel vornehmen können. Also zum Beispiel: Wenn ich an der Kaffeemaschine stehe, lockere ich meine Schulter-Nacken-Muskulatur. Also die Botschaft ist: Wenn diese Handlung startet, startet auch die kleine Übung. Ein anderes Beispiel ist, was wir, glaube ich, auch viele kennen, den gesunden Mittagssnack schon vorzubereiten und mit zur Arbeit zu bringen, anstatt mittags hungrig zum Bäcker zu laufen. Und damit ich nicht endlos Zeit mit Scrollen auf Social Media verbringe, habe ich zum Beispiel die maximale Nutzung pro Tag begrenzt.
Oder Ralf, wenn wir uns heute Abend entscheiden müssten, was wir essen, würde ich die Frage gar nicht offen an dich formulieren, sondern dir zwei Optionen vorschlagen, die für uns passen könnten. Und so entsteht keine Spirale, in der wir uns nicht entscheiden können.
Moderator:
Ja, mach du doch endlich mal einen Vorschlag, Ralf. So, ne, dann ... Oder jeder macht zwei Vorschläge, das wäre mehr das Nudging-Prinzip, ne. Dann hat man ja auch noch was vorgeschlagen. Und von dir auch noch zwei und dann ist schon fast die ganze Woche rum.
Verena Krämer:
Genau, gute Selbst-Nudges sind eben klein, sichtbar und an eine konkrete Handlung gekoppelt.
Moderator:
Du hast ja auch vorhin so ein paar Fitnessbeispiele gehabt, ne. Auch wenn man an der Kaffeemaschine steht, dann kann man ja mal was machen. So, gerade seit einigen Monaten in sind ja diese Balance Boards, weißt du, wo du dann einfach mal kurz so drauf balancierst und dann ist es ja auch ein bisschen Balance und auch Rückengymnastik. Dabei kann man auch eine Serie gucken. Aber man kann dieses Board sich erst mal holen, anschaffen und dann auch vielleicht neben das Wohnzimmersofa stellen.
Verena Krämer:
Genau. Und wenn man dann mit sich selber eine Vereinbarung trifft: Immer dann, wenn ich die Serie schauen möchte, stelle ich mich auf das Balance Board, hat man schon einen Nudge in den Alltag integriert.
Moderator:
Ich hab jetzt für dich ’ne kleine schnelle Abschlussrunde. Ich gebe dir Satzanfänge, Verena, und du ergänzt sie dann spontan.
Verena Krämer:
Machen wir so.
Moderator:
Wenn ich einen richtig guten Nudge sehe, denke ich ...
Verena Krämer:
... der macht das gesundheitsbewusste Verhalten leichter, ohne zu bevormunden.
Moderator:
Der größte Irrtum über Nudging ist ...
Verena Krämer:
... dass Nudging unsichtbar sein muss oder komplexe Verhaltensprobleme alleine lösen kann.
Moderator:
Der beste Alltags-Nudge, den ich kenne, ist:
Verena Krämer:
Für mich ganz persönlich: Kalendertermine für Pausen. Nicht als netter Vorsatz, sondern als echter Termin mit mir selber.
Moderator:
Nudging wird problematisch, wenn ...
Verena Krämer:
... es intransparent wird, Druck erzeugt oder organisatorische Verantwortung auf einzelne Personen verschiebt.
Moderator:
Im Arbeitsalltag funktioniert ein Nudge besonders gut, wenn ...
Verena Krämer:
... er direkt am Entscheidungspunkt ansetzt und gut in den normalen Arbeitsablauf passt.
Moderator:
So, dann hast du ja vorhin erzählt, dass mehr Frauen auf Nudging anspringen. Frauen sind ja oft auch meistens vernünftiger, das setz ich jetzt mal einfach so voraus. Hat es vielleicht auch was damit zu tun, wie man selbst so als Mensch tickt? Ich will jetzt gar nicht politisch werden, welche Partei man wählt, aber hast du bei deiner Recherche für die Masterarbeit bestimmte Personengruppen festgestellt, die besonders beim Nudging anspringen?
Verena Krämer:
Interessanterweise auch tendenziell ältere Personen, die aber noch gewisse kognitive Möglichkeiten haben. Also das heißt auch, dass Nudging ihnen keine Angst macht. Da geht das wieder in den Bereich: Nudging darf keinen Druck erzeugen und so weiter. Und ja, das fand ich ganz spannend, dass Nudging in der Rehabilitation bei älteren Menschen sehr gute Erfolge erzielt. Das geht dann auch schon in den Bereich Gamification, also was man vielleicht eher bei jüngeren Personen verorten würde. Aber auch Schlaganfallpatientinnen haben da stark drauf angesprochen.
Moderator:
Sehr interessant. Und vielen Dank, Verena, für die wirklich guten Einblicke in die Welt der kleinen Anstupser. Und bei mir blinkt seit ein paar Minuten schon sehr deutlich ein kleines rotes Zählwerk zur Podcast-Folge auf und das heißt, bitte Schluss, jetzt zum Ende kommen. Das ist mein Podcast-Nudge.
Verena Krämer:
Sehr gerne, Ralf, vielen Dank für die Einladung.
Moderator:
So, ich notiere mir auch noch mal, hier vorhin hat Verena dir deutlich gemacht, dass sie mit dir mal essen gehen möchte. So, da komme ich vielleicht drauf zurück, Verena. Wenn euch diese Folge gefallen hat, dann gerne weiterempfehlen. Und wenn ihr selbst einen Nudge entdeckt habt, mal zum Beispiel beim Einkaufen, auf der Arbeit, beim Sport, ja, dann schreibt uns gerne mal an podcast@bgw-online.de. Ich bin sehr gespannt, vielleicht auch, welche Nudging-Ideen ihr habt, damit wir alle ein bisschen besser angestupst durchs Leben gehen. Hilft ja allen am Ende. Bis zum nächsten Mal.
Jingle:
Herzschlag! Für ein gesundes Berufsleben – der BGW-Podcast.
Interviewgast
Verena Krämer
BGW Bezirksverwaltung Köln
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