Das Wichtigste ist, Informationen transparent an sämtliche Beteiligte weiterzugeben Lebenshilfewerk Pinneberg

Was geschieht, wenn auf einmal eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen stillsteht und 450 Beschäftigte zuhause bleiben müssen? Werkstattleiter Holger Rennemann erklärt im Interview, wie wichtig eine transparente Kommunikation in der Coronakrise war, und was seinem Team geholfen hat, gut auf die Notsituation zu reagieren.

Kurzinfo zu diesem Beispiel:

  • Darum geht es: Das Wichtigste ist, Informationen transparent an sämtliche Beteiligte weiterzugeben.
  • Name: Das Lebenshilfewerk Pinneberg für Menschen mit Behinderung gemeinnützige GmbH
  • Branche: Die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen wurde am 01.01.1974 gegründet
  • Zahl der Mitarbeitenden: Rund 600 Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten an fünf Standorten. Das Lebenshilfewerk arbeitet mit rund 200 Unternehmen, Betrieben und Privatkunden in der Region zusammen und be- und verarbeitet ca. 1200 unterschiedliche Artikel.
Auf dem Foto ist der Leiter des Lebenshilfewerks Pinneberg Holger Rennemann zu sehen

Holger Rennemann, Leiter des Lebenshilfewerks Pinneberg

Welches war die größte Herausforderung während der Corona-Krise?

Die größte Herausforderung war die Schließung unserer Werkstatt von einem Tag auf den anderen. An dem geschichtsträchtigen Freitag im März war absehbar, dass es auch im Bereich der Werkstätten zu prophylaktischen Schließungen per Erlass kommen kann. Wir hatten bereits einen Info-Brief geschrieben, den wir der Belegschaft am Freitag kurz vor Feierabend ausgehändigt haben. Am Wochenende kam der erwartete Erlass und ab Montag waren tatsächlich die Werkstätten in Schleswig-Holstein geschlossen.

In der Anfangszeit gab es kaum verlässliche Fakten. So war es schwierig, zuverlässige Informationen weiterzugeben. Die Situation hat sich oft von Stunde zu Stunde oder von Tag zu Tag verändert, sodass wir unter einer großen Anspannung standen, was als nächstes passiert und worauf wir reagieren müssen.

Wir haben ca. 450 Beschäftigte, die zum Teil auch in Wohngruppen der Lebenshilfe im Kreis Pinneberg wohnen und betreut werden. Wir mussten versuchen, sämtliche Beteiligte (Beschäftigte, Angehörige, Betreuer und Betreuerinnen sowie Wohngruppen) zeitnah und adäquat zu informieren, obwohl wir selbst manchmal nicht wussten, wie lange die aktuelle Information ihre Gültigkeit behält.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Wir sind ein gutes und schlagkräftiges Team, das Hand in Hand arbeitet. Wir vertrauen uns gegenseitig und können uns aufeinander verlassen. Das ist im normalen Arbeitsalltag wichtig, in akuten Notsituationen Gold wert! Die Zuständigkeiten waren bereits vor der Pandemie klar, sodass wir in der Akutsituation nur noch die entsprechenden Arbeitspakete zuteilen mussten und kleinere Absprachen notwendig waren. So haben wir keine Zeit verloren und unseren Pandemieplan bereits am Donnerstag vor dem Lockdown in einer großen Dienstbesprechung vorstellen können.

Was hat Ihnen und Ihren Beschäftigten geholfen, sicher und gesund durch die Krise zu kommen?

Unser Pandemieplan und dessen konsequente Umsetzung waren entscheidend dafür, dass wir gut durch die Krise gekommen sind und bisher niemand im Lebenshilfewerk Pinneberg an Covid-19 erkrankt ist.

Als ebenso wichtig hat sich die zeitnahe, transparente und – soweit möglich – verlässliche Weitergabe aktueller Informationen erwiesen. Dies haben wir über unsere Internetseite, ein schnell geschaffenes Intranet und zahlreiche Info-Schreiben an Betreuer, Angehörige und Belegschaft sichergestellt. Für die Beschäftigten haben wir zusätzlich Info-Briefe in Leichter Sprache erstellt und kurze Videos gedreht, in denen zum Beispiel die umgebaute Werkstatt vorgestellt wurde, damit sie wussten, was sie nach Wiederaufnahme des Regelbetriebs erwartete.

Luftaufnahme von Mitarbeitenden, die das Logo des Lebenshilfewerks Pinneberg auf dem Hof vor der Werkstatt nachstellen

Mitarbeitende stellen das Logo des Lebenshilfewerks Pinneberg nach

Um das Fachpersonal in den Wohnbereichen zu entlasten, sind in den ersten vier Wochen des Lockdowns viele Angestellte des Lebenshilfewerks dem Aufruf gefolgt, gemeinsam für die Betreuung und Beschäftigung der Bewohner und Bewohnerinnen zu sorgen. Darüber hinaus hat unsere hauseigene Großküche drei Monate lang die gesamte Verpflegung für die Wohnbereiche übernommen. Dies war für alle eine Win-win-Situation, da so nicht nur die Wohngruppen entlastet wurden, sondern auch das Küchenpersonal nicht in Kurzarbeit gehen musste.

Als im Sommer der Regelbetrieb in der Werkstatt unter Auflagen wiederaufgenommen wurde, war klar, dass wir aufgrund der Abstandsregeln nicht alle 450 Beschäftigte gleichzeitig wieder arbeiten lassen konnten. Wir haben daher einen 14-Tage-Rhythmus entwickelt, in dem jeweils die eine Hälfte arbeitet, während die andere Hälfte zuhause bleibt. Parallel dazu haben wir neue Angebote für diejenigen entwickelt, die nicht zur Arbeit gehen konnten: Beispielsweise hat unser Sportpädagoge Dirk Jensen Bewohnerinnen und Bewohner zuhause oder in den Wohngruppen abgeholt, um in kleinen Gruppen draußen Sport zu treiben. Wir haben außerdem ein Konzept für "alternative Leistungserbringung" entwickelt: eine Art Hausaufgaben, die den Beschäftigten helfen, zuhause etwas Sinnvolles zu tun. Da wir wissen, wie wichtig der persönliche Kontakt ist, haben wir sichergestellt, dass jeder und jede Beschäftigte, der/die zuhause bleibt, innerhalb dieser 14 Tage mindestens einmal von einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin aus der Werkstatt angerufen wird, und alle vier Wochen außerdem ein Hausbesuch oder ein persönliches Treffen stattfindet. So wollten und wollen wir der Isolation und deren psychischen Folgen für sie und ihre Angehörigen vorbeugen.

Wie kann es weitergehen – Ihr Tipp für andere Betriebe?

Wie es weitergehen wird, hängt vom Verlauf der Pandemie ab. Wir haben ad hoc einen Plan für die komplette Werkstatt erarbeitet und dann nach und nach erst den Notbetrieb und dann die Wiedereröffnung unter Auflagen organisiert. Da wir alle Pläne in der Schublade haben, können wir jetzt schneller und unaufgeregter auf eine neue Akut-Situation reagieren. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht, mit einem verlässlichen und gut aufeinander abgestimmten Team zu arbeiten, und Informationen transparent an sämtliche Beteiligten weiterzugeben.