Transkript #30: BGW forum Behindertenhilfe #30 "Herzschlag - Für ein gesundes Berufsleben"

Block 01: Begrüßung und Einleitung

Moderator: Grade in der Corona-Pandemie ist uns noch einmal bewusstgeworden, wie wichtig die eigene Gesundheit ist, vor allem für Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten. Ja, da stand auf einmal nicht nur die Gesundheit der Patientinnen und Patienten im Vordergrund, sondern vor allem auch der Schutz der eigenen Gesundheit. Um die Themen Sicherheit und Gesundheit soll es auch heute, in dieser Podcastfolge gehen, denn die BGW veranstaltet im September wieder das BGW forum. Dieses Mal mit dem Schwerpunkt Behindertenhilfe. In dieser Podcastfolge bekommen Sie einen Einblick in die Themen und Programmpunkte, die Sie dort erwarten. Ich bin Ralf Podszus. Schön, dass Sie mit dabei sind.

(Podcast-Opener)

Auch dieses Jahr gibt es wieder ein BGW forum, wenn auch ein wenig anders. Der Kongress, der findet vom 6. bis 8. September online statt. Der Vorteil für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Sie können von überall aus reinklicken, zuhören und mitmachen. Alle wichtigen Informationen zum Online-Kongress beantworten wir Ihnen jetzt. Wir haben die vier wichtigsten Fragen einmal vorbereitet.

An wen richtet sich das BGW Forum 2021?

Der Kongress richtet sich dieses Jahr in erster Linie an Einrichtungen der Behindertenhilfe. Angesprochen sind also alle Personen, die in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen arbeiten, insbesondere Fach- und Führungskräfte. Das Programm richtet sich aber auch an Sicherheitsbeauftragte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, die betriebliche Interessenvertretung sowie Interessierte aus Arbeitsmedizin, Verbänden und Politik.

Welches Programm erwartet mich?

Die BGW hat ein buntes Programm aus Vorträgen, Diskussionen und Web-Sessions geplant. Es wird abwechslungsreich und interaktiv. Auch bei den Themen ist jede Menge mit dabei. Es geht unter anderem um die aktuelle Pandemie-Situation, die Digitalisierung, den Umgang mit Gewalt, soziale Teilhabe, Barrierefreiheit, den Brandschutz und auch die Unterweisung von Beschäftigten. Über Letzteres sprechen wir gleich noch einmal ausführlicher. Hier bietet die BGW nämlich einige Lernhilfen und Unterweisungsmaterialien an. Und ganz wichtig für Sie, alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer können beim BGW Forum selbst aktiv werden, Erfahrungen einbringen und Fragen stellen.

Auf welche Highlights kann ich mich freuen?

Interessante Gespräche und Debatten gibt es gleich zu Beginn beim Satellitensymposium. Hier geht es vor allem um folgende Fragen: Wie ist die Behindertenhilfe bisher durch die Pandemie gekommen? Und wie kann es weitergehen? Am zweiten Tag steht unter anderem die Verleihung des BGW-Gesundheitspreises 2021 an. Engagierte Einrichtungen der Behindertenhilfe, die sich in besonderer Weise für Gesundheit am Arbeitsplatz einsetzen, werden dort ausgezeichnet. Auf dem BGW forum wird außerdem eine Trilogie aus Forschungsberichten zur Behindertenhilfe vorgestellt. Und ab dem 6. September 2021 stehen diese Berichte dann auch zum Download zur Verfügung. Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

Wie kann ich teilnehmen?

Das BGW forum 2021 ist kostenlos. Sie müssen sich nur anmelden. Und das geht ganz einfach online unter www.bgwforum.de/behindertenhilfe. Die Zugangsdaten zum BGW forum 2021 werden allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern dann kurz vor dem Onlinekongress via Mail zugeschickt. Anmeldeschluss ist der 5. September. Und den Link zur Seite, auf der Sie sich anmelden können, finden Sie auch noch einmal in den Shownotes. Auf der Webseite sind außerdem alle Highlights zusammengefasst. Und es gibt Infos zu interaktiven Extras sowie Antworten auf die häufigsten Fragen.

Block 02: Interview mit Petra Draband

Moderator: Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, die lernen weniger abstrakt und rational, sondern eher praktisch, haptisch und visuell. Lerninhalte sollten deshalb auf die Bedürfnisse dieser Menschen zugeschnitten sein. Unterstützung gibt es dabei von der BGW, mit zahlreichen Unterweisungsmaterialien in leichter Sprache, also speziell für Einrichtungen der Behindertenhilfe. Welche Materialien das sind und warum Sie besonders in der Behindertenhilfe eine große Unterstützung sein können, das erklärt mir jetzt Petra Draband. Sie ist Aufsichtsperson der BGW-Bezirksstelle Köln. Hallo Frau Draband.

Petra Draband: Ja, hallo!

Moderator: Wie kam es dazu, dass die BGW Unterweisungsmaterialien eigens für die Behindertenhilfe entwickelt hat? Können Sie etwas zur Historie sagen? Und was war der BGW bei der Entwicklung der Materialien besonders wichtig?

Petra Draband: Ja, ich denke, ich fange ganz allgemein an, und zwar ist ja das Thema Unterweisung eine Pflichtaufgabe für den Arbeitgeber. Also in fast allen gesetzlichen Vorgaben, die den Arbeits- und Gesundheitsschutz regeln, hat der Arbeitgeber die Aufgabe, seine Mitarbeiter, Angestellte, Fachpersonale, in den Werkstätten gibt es da die unterschiedlichsten Begrifflichkeiten, aber eben auch die Beschäftigten oder die betreuten Mitarbeiter in Bezug auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz, zu unterweisen. Und wir vom Aufsichtsdienst, wir haben den gesetzlichen Auftrag der Überwachung und Beratung. Und wenn wir dann in den Einrichtungen vor Ort sind, dann ist natürlich auch immer eine Frage, wie ist der Arbeitsschutz vor Ort organisiert? Wie ist die Unterweisung organisiert? Wie häufig findet das statt? Was macht man in der Unterweisung? Findet eine Wirkungskontrolle statt? Und in dem Zusammenhang sind wir vor über fünfzehn Jahren drauf angesprochen worden, dass die Werkstätten gesagt haben: „Mensch, ihr fordert das von uns, aber wir haben kaum Materialien. Auf dem freien Markt gibt es kaum Materialien, mit denen wir Unterweisungen durchführen können. Könnt ihr uns da nicht helfen?“ Und wir haben im Prinzip das vor Ort hier auch erlebt, dass wir gesehen haben, ganz häufig hing das Thema Unterweisung mit einzelnen Persönlichkeiten oder Personen zusammen, die ein besonderes Engagement hatten und dann Unterweisungen durchgeführt haben. Und für die anderen war es wirklich schwierig. Und deshalb haben wir gesagt: „Okay, wir entwickeln selber was.“ Und als erstes haben wir mit einer aufwendigen Abfrage an die Werkstätten gestartet, dass wir gesagt haben: „Zu welchen Arbeitsbereichen und zu welchen Themen wollt ihr denn Materialien von uns haben? Was habt ihr schon vor Ort? Und würdet ihr uns das zur Verfügung stellen?“ Und da muss ich sagen, dass wir ganz, ganz viele tolle Unterlagen bekommen haben, dass uns viel von Spielideen berichtet worden ist. Ich sehe zum Beispiel mal, ich war in einer Werkstatt. Die haben ein Spiel entwickelt zum Thema Eigene Hygiene. Und ohne jetzt Werbung zu machen, das haben die mit einem Monopoly-Spielfeld sozusagen gespielt, was sie umgewandelt haben, aber das Gefängnisfeld war dann eben die Schmuddelecke. Und die Bahnhöfe waren dann die Spiegel. Und es wurden spezielle Fragen zum Thema Hygiene gestellt, also wirklich ganz, ganz kreativ. Und das ist auch so, wie wir die Werkstätten kennen, dass die wirklich viele Ideen haben, wie man gut Dinge umsetzen kann. Ja, und aus der Abfrage hat sich dann ergeben, dass die Materialien gewünscht werden aus den klassischen Arbeitsbereichen, wie Lager, Transport, Küche, Hauswirtschaft, Metall, Garten-, Landschaftsbau, Berufsbildungsbereich, also wirklich so das klassische, was jede Werkstatt hat. Aber es gab auch Wünsche zu einzelnen Themen, wie die Erstunterweisung, ganz, ganz wichtig natürlich für die Werkstätten. Dann das Thema Verkehrssicherheit oder auch, da waren wir sogar ein bisschen verwundert, das Thema Umgang mit Gewalt und Aggression. Weil wir das vor fünfzehn Jahren, sage ich ganz offen, noch nicht so auf dem Schirm hatten. Ja, und was war uns selber bei der Erstellung der Materialien wichtig? Dass wir gesagt haben, es ist ganz wichtig, dass die Werkstätten die Möglichkeit haben, in die Materialien eigene Bilder und Fotos einzubauen. Es ist was anderes, ob ich über EINE Bohrmaschine spreche oder über MEINE Bohrmaschine. Dann identifiziere ich mich da ganz anders mit. Dann, dass der Unterweiser aus verschiedenen Methoden auswählen kann. Und darauf abgestimmt, haben wir dann eben die Medien gestaltet. Und für die Erstunterweisung war es wichtig, dass da etwas enthalten ist, zum Thema Arbeitsschutzorganisation, Erste Hilfe, Brandschutz, Ansprechpartner, Sicherheitskennzeichnung. Also wie sieht ein Warnzeichen aus? Wie sieht ein Brandschutzzeichen aus? Wie sieht ein Rettungszeichen aus? Grün und eckig, und immer wieder versuchte, auch so gedankliche Brücken zu schlagen im Sinne von, Grün bedeutet Sicherheit. Das heißt, wenn ich den grünen Fluchtwegschildern folge, dann komme ich auch sozusagen in den sicheren Bereich hinein.

Moderator: Jetzt haben Sie eben schon ein paar Beispiele genannt. Das Spiel war auch ein schönes Beispiel. Wie schaut das Unterweisungsmaterial jetzt ganz konkret aus?

Petra Draband: Es gibt mittlerweile drei Nils-Filme. Also einmal, Nils erklärt den Arbeitsschutz. Nils erklärt den Brandschutz. Und jetzt ganz neu, auch zum BGW forum, Nils erklärt das Nein zu Gewalt. Dann haben wir über 300 kleine Graphiken entwickelt, wo jeweils eine Gefährdung oder eine Schutzmaßnahme dargestellt wird, zum Beispiel Verletzungsgefahr durch Eingezogenwerden, Verletzungsgefahr durch Angefahrenwerden, immer einzeln dargestellt. Und darauf dann abgestimmt natürlich auch die Schutzmaßnahmen, also geschlossene Kleidung tragen, den Hubwagen langsam fahren zum Beispiel, damit es gar nicht erst zu einem Anfahren auch kommt. Und diese Grafiken sind auch immer getestet worden in den Werkstätten. Und auch da haben wir eine witzige Situation erlebt. Es ging im Prinzip darum, dass kein Metall in die Mikrowelle gestellt werden sollte. Und dann haben wir eine Grafik dazu gehabt. Und die haben wir dann getestet in den Werkstätten. Und die haben dann eher erkannt, dass der Fernseher implodiert. Also auf eine Mikrowelle ist dann noch keiner gekommen. Und dann mussten wir das natürlich auch immer wieder ändern. Also man sieht, das ist wirklich mit ganz, ganz viel Engagement entwickelt worden. Und diese Grafiken können jetzt zum Beispiel in Betriebsanweisungen, die ja gesetzlich gefordert sind, eingeführt werden, oder in Arbeitsblättern in leichter Sprache bearbeitet werden. Zum Beispiel bei einem Hubwagen, da nehme ich mir eine Betriebsanweisung, setze dann oben ein, das Bild des eigenen Hubwagens, vielleicht auch noch mit der Person, die den Hubwagen bedient. Dann kommen die einzelnen kleinen Grafiken zu den Gefährdungen, also zum Beispiel Verletzungsgefahr durch Anfahren, Verletzungsgefahr durch herabfallende Teile, Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen. Und dann eben die Schutzmaßnahmen, dass ich Schutzschuhe tragen soll. Dann ist die Grafik da, dass der keine Personen befördern darf, auf dem Hubwagen und, und, und. Und so wird im Prinzip da ein Gesamtpaket drauf. Wir haben ein Aktionsspiel mit Aktionskarten für die unterschiedlichsten Arbeitsbereiche, die ich vorhin schon genannt habe, plus einzelne Themen entwickelt. Auch diese Spielidee kommt aus einer Werkstatt. Also wir haben ganz viele Dinge, die die Werkstätten uns mitgegeben haben, die haben wir dann gegebenenfalls noch angepasst. Aber von der Idee her, das haben wir gerne aufgegriffen. Und das Spiel müssen Sie sich so überlegen. Es gibt ein Spielfeld, wo es ein Startfeld gibt. Das ist das Zeichen für den Sammelplatz. Da stehen jetzt sechs einzelne Figuren drauf. Dann steht daneben ein Nils-Aufsteller, der sagt: „Zu welchem Thema wird denn jetzt grade die Unterweisung durchgeführt?“ Also zum Beispiel, wenn es um das Thema Gewalt und Aggression geht, dann haben wir da einen Nils stehen, der so einen ganz bösen Gesichtsausdruck hat und ganz aggressiv schaut. Dann gibt es sozusagen Felder auf dem Spielfeld. Und es gibt aber kein Zielfeld, sondern es wird über eine definierte Zeit gespielt. Und da hat man festgestellt, 45 Minuten, das ist eine gute Zeit. So und dann bekommt derjenige, der würfelt und setzt dann. Und dann wird eine Aktionskarte weitergereicht. Eine Aktionskarte ist immer gleich aufgebaut. Im ersten Drittel hat man zum Beispiel dann die Frage stehen. Im zweiten Drittel wird vielleicht noch ein erklärendes Bild beigefügt. Und die Antwort steht auch da, allerdings auf dem Kopf, so dass man natürlich die Antwort nicht so leicht lesen kann, aber dass der Unterweiser immer auch eine Antwort hat und nicht selber irgendwie in die verlegene Situation kommt, jetzt die Antwort nicht zu kennen, plus im letzten Drittel noch weitere Anweisungen dazu. „Geht auch mal alle in dem Raum zum Feuerlöscher zum Beispiel.“ Oder: „Wer ist der Ersthelfer?“ Um das alles noch so ein bisschen interaktiv auch zu machen. So und wenn die Frage dann richtig beantwortet ist, dann bekommt derjenige die Frage. Dann gibt es noch Felder, da ist ein Auge drauf. Da wird dann eine betriebsspezifische Frage gestellt. Die können wir natürlich nicht beantworten. Das ist dann zum Beispiel eine Frage in Form von: „Wo befindet sich denn der Feuerlöscher in deinem Arbeitsbereich?“ Wenn auch diese Frage richtig beantwortet ist, bekommt derjenige die Karte. Und wer dann zum Ende der Zeit die meisten Fragen beantwortet hat, ist der Sieger der Arbeitssicherheit. Was haben wir noch? Es gibt Präsentationen zum Thema Stolpern, Stürzen, Rutschen. Hier hat man uns auch zugeschickt. Wunderschön, also es ist eine PowerPoint-Präsentation, wo drei Fotos nebeneinander aufploppen. Das erste Foto ist, was ist hier gefährlich? Das zweite Foto, was kann passieren? Und das dritte Foto zeigt dann, wie kann es verhindert werden? Also zum Beispiel konkret eine klassische Werkstattsituation in der Kantine, runtergefallenes Tablett. Pommes liegen auf dem Boden. Und das ist ja im Prinzip eine Rutschgefahr. Das ist dann das erste Foto. Das zweite Foto, was kann passieren? Und da liegt dann wirklich jemand, der ausgerutscht ist über die Pommes auf dem Boden und hat sich verletzt. Oder was tut ihm auf jeden Fall weh. Und das dritte Foto ist dann, was kann man tun? Dann wird da erstmal ein Schild aufgestellt, ein Warnschild, ne? Vorsicht Rutschgefahr oder Pylone aufgestellt. Das wird dann sozusagen in der Gruppe noch gemeinsam besprochen oder Drängelei auf der Treppe. Erst drängeln alle auf der Treppe. Das zweite Foto ist, jemand liegt dann unten und hat sich wehgetan. Und das dritte Foto ist, alle gehen diszipliniert hintereinander die Treppen runter. Also wirklich ganz, ganz schön. Und wenn man das mal eine halbe Stunde mit den Beschäftigten durchgeht, dann hat man ganz, ganz viel zu dem Thema sensibilisiert. Und das macht denen wirklich Spaß, sozusagen die einzelnen Bilder auch zu besprechen, weil das klassisch Werkstattsituationen sind. Wir haben Vorlagen für Ralleys entwickelt, zum Beispiel zum Thema Erste Hilfe, wo man alleine oder zu zweit oder im Team gemeinsam Dinge im Arbeitsbereich erkunden muss. Wir haben Suchbilder mit Arbeitssituationen, Brandschutz. Und ganz, ganz wichtig, und das möchte ich an der Stelle noch mal besonders betonen. Für alles, was wir da entwickelt haben, gibt es eine Handlungshilfe für den Unterweiser. Die gewinnt jetzt optisch keinen Blumentopf. Aber die sagt dem Unterweiser, wie viel Zeit muss ich einplanen? Was brauche ich an Medien, plus ergänzende Fragen zu dem, wenn ich zum Beispiel eine Unterweisung mit einer Betriebsanweisung mit Hubwagen mache, mit ergänzenden Fragen zum Hubwagen, plus ergänzende Fragen zum Arbeitsbereich, wo ich dann also wirklich schon so ein Gesamtpaket an Unterweisungen durchführen kann. Es gibt Dokumentationsvorlagen, Teilnahmebescheinigungen für die, die teilgenommen haben. Das hat ja auch so ein bisschen was mit Wertschätzung zu tun. Ja, Sie sehen beziehungsweise hören, es gibt eine bunte Vielfalt. Und ich hoffe, ich konnte so ein bisschen neugierig machen, dass Sie sich jetzt auch mit dem BGW-Material mal auseinandersetzen wollen und sich das in Ruhe anschauen wollen.

Moderator: Jetzt haben wir gehört, dass es in den Unterweisungsmaterialien eine ganz bestimmte Person gibt, die das Erklären übernimmt, die fiktive Figur Nils. Warum hat sich die BGW jetzt hier für Nils entschieden?

Petra Draband: Bei der Erstellung der Materialien war es uns ganz wichtig, dass wir auch eine Identifikationsfigur haben. Früher, und den gibt es auch jetzt noch, gab es den Napo. Der war in den Werkstätten schon sehr bekannt. Das ist so eine animierte Figur. Und wir wären gerne auf diesen Napo-Zug aufgesprungen, aber aufgrund von finanziellen Ressourcen, Aufwand und Genehmigung mussten wir dann doch davon Abstand nehmen und haben dann eine eigene Figur entwickeln wollen. Auch dazu haben wir wieder eine Abfrage gemacht, wie soll die Figur aussehen? Männlein, Weiblein, dick, dünn, jung, alt? Und so ist der Nils entstanden. Und der Nils hat im Prinzip eine hohe Akzeptanz in den Werkstätten. Der erlebt ganz viel im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Und mittlerweile gibt es, ich sage das immer ganz liebevoll, Nilshausen, noch mit unterschiedlichen anderen Figuren. Also nicht nur der Nils, sondern es gibt den Herrn Krause als Geschäftsführer, die Paula als Gruppenleitung. Und das alles in den letzten Jahren zu erleben, wie Nilshausen gewachsen ist, war schon sehr, sehr spannend. Und zuletzt gab es da noch eine neue Figur, und zwar die Frauenbeauftragte, die nach der Werkstättenmitwirkungsverordnung, da gab es ja auch eine Änderung, jetzt gefordert ist. Genau, die jetzt Nilshausen auch noch mal komplett macht. Und nochmal, der Nils ist mittlerweile in vielen Werkstätten bekannt. Und das wird häufig nur noch auch von den Nils-Materialien gesprochen und gar nicht mehr von den BGW-Materialien. Und das zeigt, dass sozusagen diese Figur gut angekommen ist.

Moderator: Warum ist in der Behindertenhilfe der spielerische Weg jetzt der einfachste, um gezielt Wissen zu vermitteln?

Petra Draband: Spielerisch ist eigentlich nicht so das richtige Wort. Früher haben wir zwar Werbung damit gemacht, dass wir gesagt haben, „Spiel es mit Nils“. Aber da haben ganz viele Werkstätten sozusagen die Ernsthaftigkeit der Materialien angezweifelt. Und deshalb haben wir gesagt, das müssen wir noch ein Stück weit ändern. Und ich würde jetzt spielerisch durch ansprechend ersetzen. Das heißt, der Nils kommt gut an. Er motiviert durch die besondere Art der Materialien. Und wenn dann noch etwas wie Wettkampf dazu kommt, wie zum Beispiel grade beschrieben, in dem Aktionsspiel. Dann ist das Gesamtpaket stimmig. Es hat die Ernsthaftigkeit, aber auch die Sensibilität, Inhalte zu vermitteln und gute Brücken zu schlagen, dass die Inhalte im Prinzip auch gut im Kopf bleiben.

Moderator: In den Werkstätten arbeiten ganz unterschiedliche Menschen, die natürlich auch verschiedene kognitive Beeinträchtigungen haben. Können die Lerninhalte hier individuell angepasst werden?

Petra Draband: Ja, das war uns natürlich bei der Entwicklung auch ganz, ganz wichtig. Deshalb eben diese Vorgabe, dass der Unterweiser aus zwei Methoden auswählen kann, immer in Abhängigkeit der individuellen Voraussetzung der Beschäftigten. Und zusätzlich können in den Vorlagen auch, zum Beispiel in den Aktionskarten, eigene Fragen formuliert werden. Also wenn ich jetzt eine fitte Truppe habe, dann kann ich natürlich auch schwierigere Fragen stellen. Und habe ich eine Gruppe, die nicht so fit ist, dann habe ich natürlich auch als Unterweiser die Möglichkeit, einfachere Fragen zu formulieren. Das war uns ganz, ganz wichtig. Und diese Möglichkeit muss es geben in den Werkstätten.

Moderator: Ich höre schön raus, dass das Unterweisungsmaterial in den Werkstätten gut ankommt. Welches Feedback bekommen Sie?

Petra Draband: (lacht) Das ist ja schon ein bisschen unfair, diese Frage an eine Person zu stellen, die bei der Entwicklung der Materialien dabei war. Aber okay, grundsätzlich die Rückmeldungen sind wirklich positiv. In Seminaren wird es ganz, ganz häufig angesprochen, zum Beispiel wenn es um ausgelagerte Arbeitsplätze geht. Werkstätten müssen ja schauen, dass sie die Leute auf ausgelagerten Arbeitsplätzen, also in Betriebe auf den ersten Arbeitsmarkt bringen können. Und diese Betriebe sind ganz, ganz froh, wenn Sie auch unsere Unterweisungsmaterialien nutzen können, weil die haben natürlich selten etwas in leichter Sprache vorliegen. Wenn wir die Nils-Materialien auf Messen vorstellen, dann werden wir schon von anderen Branchen angesprochen, im Sinne von: „Mensch, das können wir gut für unsere Lernwerkstätten oder Lehrwerkstätten einsetzen.“ Das hat so ein bisschen, jetzt kommt leider dann doch noch mal das Wort zum spielerischen Charakter. Wir sind auch angesprochen worden von einem deutschlandweiten Lebensmittelhandelskonzern, der gerne für all seine einzelnen Standorte Materialien einsetzen wollte, weil da natürlich auch Menschen arbeiten, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind. Wir haben eine Anfrage von einem Schulbuchverlag bekommen. Also all das hat natürlich für uns Entwickler schon ein gutes Gefühl ausgelöst. Und wenn man dann noch sieht, dass in den Werkstätten selbst teilweise ganz anders mit den Materialien gearbeitet wird, als wir uns das gedacht haben. Also ich habe zum Beispiel in einer Werkstatt ein Memory-Spiel gesehen. Und die Karten bestanden dann aus den kleinen Grafiken, Gefährdungen und Schutzmaßnahmen. Und entweder man deckt eine Gefährdung auf und muss die zweite, passende Gefährdung, so wie es klassisch Memory ist, finden oder aber zu der Gefährdung die entsprechende Schutzmaßnahme oder zu der Schutzmaßnahme die entsprechende Gefährdung finden. Also wirklich, da gibt es keine Grenzen. Und das ist wunderschön zu sehen, wie mit den Materialien vor Ort gearbeitet wird.

Moderator: Gibt es auch Verbesserungsvorschläge oder sogar ganz neue Ideen für Unterweisungsmaterial?

Petra Draband: Ja, die gibt es auch. Sie müssen sich vorstellen, die Werkstätten, die haben sehr, sehr viele und auch spezielle Arbeitsbereiche, also von klassisch Holz, Metall über Garten-, Landschaftsbau, Druckerei bis hin zu Polsterei, Filzwerkstatt. Also es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt, in den Werkstätten. Und daraus ergeben sich natürlich viele Arbeitsbereiche, wo wir noch keine besonderen Materialien für entwickelt haben. Und hier muss man einfach gucken, dass man da noch ein bisschen nachkommt. In unseren oder in einer Abteilung in Hamburg wird jetzt an einer Betriebsanweisung in leichter Sprache bei einem Zeckenbiss gearbeitet. Und das ist auch wieder was Neues. Wir haben zwar Betriebsanweisung für Maschinen. Wir haben Betriebsanweisung für Gefahrstoffe. Und jetzt kriegen wir im Prinzip auch die erste Betriebsanweisung für den Umgang mit biologischen Stoffen. Also auch da gibt es eine Erweiterung. Es gab den Hinweis, dass der Nils, der keinen Nachnamen hat, soll das so bestehen bleiben? Soll das nicht bestehen bleiben? Darüber diskutieren wir grade. Die BGW hat eine große E-Learning-Plattform. Da wünschen wir uns natürlich schon für die Zukunft, dass der Nils da so ein bisschen auch interaktiv werden kann. Und wenn Sie sich den neuen Nils-Film anschauen, Nils erklärt das Nein zu Gewalt. Da sehen Sie auch schon die neue Generation von Nilshausen. Also mit anderen Worten, in Nilshausen ist nicht an Ausruhen oder Schlaf zu denken. Es gibt definitiv noch viel zu tun.

Moderator: Bei dem Nachnamen könnte man ja vielleicht Nils Draband machen dann?

Petra Draband: Nein, nein, nein, nein, den gibt es schon. (lachen)

Moderator: Wenn jetzt die Werkstatt Interesse an dem Unterweisungsmaterial hat, wie und wo kann das Ganze bestellt werden?

Petra Draband: Also alle Nils-Materialien sind kostenlos über das BGW-Lernportal abrufbar. Es ist kein Einloggen notwendig. Es ist keine Registrierung notwendig. Und es ist definitiv erlaubt, gewünscht, die Nils-Materialien auch in eigene Vorlagen einzubauen, zu vervielfältigen, anzuwenden. Da ist kein Copyright drauf. Sie dürfen damit machen und tun und gestalten, wie Sie das wollen.

Moderator: Klasse. Werden die Nils-Unterweisungsmaterialien jetzt zusätzlich neben dem kostenlosen Abrufen auf dem Lernportal auch für andere Zwecke seitens der BGW genutzt?

Petra Draband: Ein dickes Ja. Es gibt von der BGW ein weiteres tolles Angebot für die Werkstätten, und zwar bilden wir im Rahmen von einem Inhouse-Seminar Beschäftigte, also betreute Beschäftigte als Sicherheitsbeauftragten aus. Und das ist natürlich noch mal eine besonders schöne Zusatzqualifikation. Mittlerweile gibt es einen Grundkurs. Der geht zweitägig. Und ich war ganz erschrocken, als ich das mal nachgelesen habe. Zehn Aufbauseminare, jeweils eintägig zu den unterschiedlichsten Schwerpunktthemen, also Lärm, Gefahrstoffe. Wie verkaufe ich Arbeitsschutz? Weil das ist ja auch immer ein wichtiges Thema. Wie spreche ich Leute an, wenn ich zu dem hingehe und sage: „Eh, du hast deine Sicherheitsschuhe nicht an.“ Dann komme ich damit natürlich nicht viel weiter. Sondern, wie ist die richtige Ansprache? Oder wie kann ich eine gute Begehung im Arbeitsschutz durchführen? Dafür haben wir jetzt auch ganz neu einen Leitfaden entwickelt. Und dieser Leitfaden arbeitet mit den vier Bs. Da haben wir wieder unsere gedankliche Brücke. Also vier B heißt, Begehung durchführen, Beobachten, Bewerten. Also wie schätze ich das Risiko vor Ort ein? Und dann, wem muss ich Bescheid geben? Das ist dann das vierte B. Und auch diese Risikoeinschätzung, jeder von uns weiß, Risiko ist ja im Prinzip Eintrittswahrscheinlichkeit eines Unfalls mal Schadensschwere. Das kann sich kein Mensch merken. Daraus haben wir dann Häufig mal Heftig gemacht. Haben dann auch gesagt: „Wann reden wir von häufig? Wann reden wir von heftig?“ Haben das in so einer Art Matrix eingeführt, so dass jeder, der im Prinzip etwas entdeckt hat vor Ort, wo er sagt: „Das ist mir nicht so ganz koscher“, dann auch in der Lage ist, zu erkennen, wie hoch ist denn wirklich dann die Gefährdung oder dass etwas passiert? Und mit dieser Auswertung geht derjenige dann an die Gruppenleitung. Das ist dann sozusagen der Ansprechpartner für die Sicherheitsbeauftragten und gibt das weiter, dass er da etwas entdeckt hat. Aber auch andere Schulungsunterlagen, wie zum Beispiel die Suchbilder, die wir in den Seminaren einsetzen, sind auf dem BGW-Lernportal abrufbar. Also seien Sie einfach neugierig und testen Sie unsere Materialien.

Moderator: Vielen Dank Petra Draband, sehr informativ. Und wir kennen jetzt Nilshausen, den Link zum Lernportal, wo Sie alle Lehrmaterialien in leichter Sprache finden, haben wir Ihnen auch noch einmal in den Shownotes hinterlegt. Einfach mal draufklicken.

Petra Draband: Den Abschluss möchte ich gerne einmal so formulieren, wie der Nils das immer in seinen Filmen tut. BGW-Unterweisungsmaterialien, und jetzt bist du dran. Vielen Dank.

Block 03: Angebot der BGW und Verabschiedung

Moderator: Für Menschen, die in der Behindertenhilfe arbeiten, gibt es dieses Jahr auf dem BGW forum ganz viel Input. Und das Schöne ist, man kann selbst mitmachen, sich austauschen und Fragen stellen. Die Behindertenhilfe ist bei der BGW natürlich auch das ganze Jahr über ein wichtiges Thema. Informationen und Lernmaterial, wie den Unterweisungsbaukasten, den wir heute kennengelernt haben, finden Sie jederzeit auf folgender Webseite: www.bgw-online.de. Ich freue mich, wenn Sie auch beim nächsten Mal wieder mit dabei sind. Bleiben Sie gesund.

(Outro, Melodie, Slogan: Herzschlag für ein gesundes  Berufsleben – der BGW Podcast)