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Prävention? Selbstverständlich! BGW magazin - 4/2021

Mit "kommmitmensch" hat sich die BGW für eine Kultur der Prävention in den Betrieben eingesetzt. Nun endet diese Kampagne der Unfallversicherungsträger. Wie geht es in den Betrieben weiter?

Ein Gespräch mit Sandra Ludwig, Geschäftsführerin der Tannenhof Fachpflegeheime GmbH, und Dr. Heike Schambortski, leitende Präventionsdirektorin bei der BGW.

Frau Ludwig, können die rund 190 Beschäftigten Ihres Hauses etwas mit "Präventionskultur" anfangen?

Sandra Ludwig: Wir benutzen nicht so oft "große Worte", sondern formulieren eher: "Wir möchten noch etwas von der Rentenzeit haben" oder "… ohne Rückenschmerzen arbeiten". Dabei geht es meist konkret um unsere Arbeitsorganisation, Angebote zur betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF), Hilfsmittel und Kurse. Mitglieder der Steuergruppe Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), Gesundheitslotsinnen und -lotsen sowie Führungskräfte wissen mit "Präventionskultur" natürlich etwas anzufangen.

Worum geht es dabei?

Ludwig: Dass wir uns einig sind, Arbeitsprozesse auch unter dem Blickwinkel geistiger, psychischer und körperlicher Gesunderhaltung zu betrachten.

Dr. Heike Schambortski: Das ist eine gute Beschreibung. Es kommt darauf an, mit welcher Haltung Leitung und Führungskräfte den Arbeitsschutz angehen: als lästige Pflicht oder proaktiv, weil sie die Bedeutung der Gesundheit ihrer Belegschaft für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens erkannt haben. Ein Beispiel: Im Alltag führt Zeitdruck oft dazu, dass man alleine arbeitet, wo Unterstützung notwendig wäre, oder keine Hilfsmittel nutzt. Wo eine gute Präventionskultur herrscht, machen sich Kolleginnen und Kollegen untereinander immer wieder darauf aufmerksam, rückengerecht zu arbeiten – auch in Stresssituationen. Es finden Unterweisungen statt, etwa wie die optimale Höhe von Pflegebetten einzustellen ist. Führungskräfte leben vor, dass Sicherheit und Gesundheit vor Schnelligkeit gehen. So wird rückengerechtes Arbeiten zur Selbstverständlichkeit – und bewahrt vor den berufstypischen Muskel-Skelett-Erkrankungen.

"kommmitmensch" hat Handlungsfelder benannt und dazu Informationen und praktische Tools an die Hand gegeben. Dieses Wissen bleibt verfügbar. Woran machen Sie fest, wie Ihre Fachpflegeheime in Sachen Prävention aufgestellt sind?

Ludwig: Anhand von Fakten wie der Anzahl von Arbeitsunfähigkeitstagen und Arbeitsunfällen, von Gesprächen zum betrieblichen Eingliederungsmanagement sowie von gesundheitsbedingten Kündigungen. Und natürlich daran, wie stark die betriebliche Gesundheitsförderung, BGF, genutzt wird. Wer nachhaltig handelt, ermittelt diese Zahlen und leitet daraus Maßnahmen ab – ein ständiger Prozess. Wir achten zudem darauf, wie engagiert die Belegschaft bei Gesundheitsthemen mitarbeitet, zum Beispiel bei der Gefährdungsbeurteilung. Außerdem lassen wir uns beraten, unter anderem von der Berufsgenossenschaft oder Krankenkasse, und machen bei Projekten mit.

Schambortski: Für ein nachhaltiges Vorgehen ist es wichtig, beständig zu kommunizieren, dass sicheres und gesundes Arbeiten Teil der Unternehmenskultur ist. Wie sehr eine Präventionskultur als Leitschnur verankert ist, zeigt sich in Situationen, für die es noch keine Regeln oder Verfahrensbeschreibungen gibt. Handeln Mitarbeitende unüberlegt und möglicherweise gefährlich? Oder schätzen sie die Gefahr realistisch ein und wählen ein sicheres Vorgehen?

Ludwig: Klar ist: Präventives Handeln kostet Zeit und Geld. Es geht nicht nur darum, Beschäftigte vor Erkrankungen oder Unfällen zu schützen beziehungsweise das Unternehmen vor Ausfalltagen und Kündigungen. Die Angebote sind auch Ausdruck von Wertschätzung. Das merke ich zum Beispiel bei Bewerbungs- und Personalgesprächen. Vielen ist es wichtig, dass vernünftig mit ihren Ressourcen umgegangen wird. Langfristig geht es für alle Beteiligten und für ein im Wettbewerb stehendes Unternehmen auch darum, resilient zu sein. Das macht den Wert der Präventionskultur aus.

Haben sich Betriebe mit einer nachhaltigen Präventionskultur in der Corona-Krise als resilienter erwiesen?

Schambortski: Ja, denn sie konnten für die Corona-Anforderungen an Sicherheit und Gesundheit die etablierten Prozesse und Strukturen nutzen – Arbeitsschutz­ausschüsse, Krisenstäbe, Unterweisungsroutinen, Gefährdungsbeurteilung, eingespielte Kommunikationswege. Und sie konnten auf der guten Fehlerkultur und der gelebten Mitarbeiterbeteiligung aufbauen. Ludwig: Das sind die wichtigen Punkte. Wir haben zudem Wert daraufgelegt, die BGF anzupassen und trotz Corona umzusetzen. Letztlich ist die Kultur der Führung entscheidend und der Wille aller Beteiligten, Veränderungen nachhaltig anzugehen – ob in der Krise oder im Alltagsgeschäft.

Checkliste: Nachhaltige Präventionskultur

Nachhaltigkeit entsteht in einem kontinuierlichen Prozess mit Beteiligung der Beschäftigten. Maßnahmen dienen dem langfristigen Erhalt der Arbeits- und Leistungsfähigkeit:

  1. Im Leitbild festhalten, dass der Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten hohe Wertschätzung entgegengebracht wird.
  2. Diese Werte nach innen und außen kommunizieren, zum Beispiel in Team- und Leitungsbesprechungen, Mitarbeitenden- und Vorstellungsgesprächen.
  3. Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit systematisch in die Organisation integrieren. Tools dazu: BGW Orga-Check, BGW AMS und BGW qu.int.as
  4. Projekt- und Arbeitsgruppen mit Beteiligung der Beschäftigten einrichten.
  5. Führungskräfte aller Hierarchieebenen regelmäßig in den Handlungsfeldern der Präventionskultur qualifizieren
  6. Regelmäßige Analysen des Status quo vornehmen, beispielsweise durch das BGW-Kulturspiel, Workshops, Befragungen und Gefährdungsbeurteilungen.
  7. Aus den Analysen Handlungsbedarf ermitteln, gegebenenfalls externe Beratung in Anspruch nehmen, sich an Ausschreibungen für Gesundheitspreise beteiligen.
  8. Die Maßnahmen kontinuierlich überprüfen und weiterentwickeln.

Von: Miriam Becker