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Gewalt gegen Beschäftigte: Deeskalation lohnt sich

Gewalt gegen Beschäftigte: Mit diesem Problem haben Einrichtungen im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege immer wieder zu tun. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) empfiehlt, bei der Prävention auch auf Deeskalation zu setzen. Ein Praxisbeispiel des Heilpädagogischen Therapie- und Förderzentrums St. Laurentius (HPZ) in Warburg zeigt, dass sich das lohnt – und worauf zu achten ist. Berichtet wird darüber auch auf dem Fachkongress BGW forum "Gesundheitsschutz in der Behindertenhilfe" Anfang September in Hamburg.

Wie alles begann

Das HPZ ist eine Komplexeinrichtung der Caritas Wohn- und Werkstätten im Erzbistum Paderborn e.V. für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung. 2009 hat das Haus begonnen, seine Gewaltprävention auf eine neue Basis zu stellen.

Joachim Kix, Diplompsychologe, Deeskalationstrainer und freiberuflicher Referent, begleitet diesen Prozess seit sieben Jahren: "Die Sache kam in Gang durch einen Brief der BGW, in dem es hieß, dass die Zahl der Arbeitsunfälle bei uns überdurchschnittlich hoch sei", berichtet er. "Vor allem sei der Zusammenhang mit Übergriffen auf das Personal aufgefallen." Das HPZ nahm ein Angebot an, das allen Mitgliedsbetrieben der BGW offensteht: Es ließ mit Unterstützung der Berufsgenossenschaft innerbetriebliche Deeskalationstrainer sowie eine Deeskalationstrainerin ausbilden. "Angesichts der überwiegend weiblichen Mitarbeitenden war uns wichtig, dass mindestens eine Frau dabei ist", betont Kix.

Regelmäßig trainieren

Zur Umsetzung der Ausbildungsinhalte im Betrieb wurde ein Konzept erarbeitet und von der Einrichtungsleitung unterzeichnet. Nach einer Gefährdungsanalyse mittels anonymer Befragung erhielten alle Mitarbeitenden, die persönlich mit Klientinnen und Klienten zu tun haben, einen viertägigen Basiskurs. Dort wird anhand realer Übungssituationen und mithilfe von Videofeedback das deeskalierende Verhalten in Gewaltsituationen trainiert. Das Erlernte frischen sie regelmäßig in Nachtrainings auf.

Den gesamten Rahmen gestalten

Daneben ist auch die Primärprävention im Vorfeld von Gewaltvorkommen wichtig. So gilt es, gefährliche Situationen zu vermeiden, aggressionsauslösende Reize abzubauen, möglichst niemanden zu über- oder zu unterfordern. Das HPZ hat beispielsweise die Gruppenregeln vereinfacht und für Transparenz gesorgt. "Zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern wurden die Regeln in einfacher Sprache dargestellt und mit Fotos oder Symbolen veranschaulicht", berichtet Kix. Tagesabläufe wurden individueller und flexibler gestaltet. Zur Gewaltprävention gehöre eben teilweise auch mehr Verständnis und Selbstbestimmung für die Menschen, die gefördert und begleitet werden.

Wichtig sei zudem die Nachsorge nach Gewaltvorfällen. Auch diese ist im HPZ systematisch geregelt, damit die Betroffenen Hilfe erhalten und Wiederholungen vorgebeugt wird.

Umdenken eingeleitet

"Eine bedeutende Folge unseres Ansatzes ist die Sensibilisierung von Mitarbeitenden und Führungskräften für Gewalt und für die Notwendigkeit einer veränderten Haltung", resümiert Kix. Dies habe zu einem Umdenken beigetragen und zu Veränderungsprozessen in der gesamten Einrichtung geführt. Die Mitarbeitenden merkten, dass sie bei dem Thema nicht alleine gelassen werden.

Auch die Klientinnen und Klienten profitierten von den Veränderungen: "Am meisten sicher davon, dass wir strukturelle Gewalt – Regeln, Sanktionen, feste Abläufe – abbauen beziehungsweise sensibler damit umgehen", so der Leiter des Deeskalationsteams. "Sie erleben mehr Verständnis, Flexibilität und eine ernsthafte Förderung von Teilhabe und Selbstbestimmung. Und das ist letztlich der 'Königsweg' der Gewaltprävention."

Mehr erfahren

Weitere Informationen zum Umgang mit Gewalt und Aggression in Einrichtungen des Gesundheitsdienstes und der Wohlfahrtspflege sowie zu ihren Unterstützungsangeboten gibt die BGW unter www.bgw-online.de/gewalt. Dort findet sich auch der ausführliche Erfahrungsbericht von Joachim Kix. Unter anderem berichtet der Leiter des Deeskalationsteams im HPZ, worauf es für erfolgreiche innerbetriebliche Deeskalationsarbeit aus seiner Sicht ankommt.

Veranstaltungstipp: BGW forum 2017

Am 6. September referiert Joachim Kix beim BGW forum 2017 in Hamburg im Plenum G1 über die Prävention von und den professionellen Umgang mit Gewalt. Der Fachkongress zum "Gesundheitsschutz in der Behindertenhilfe" widmet sich vom 4. bis 6. September auch in weiteren Teilveranstaltungen diesem Themenfeld.

Insgesamt umfasst das BGW forum 2017 rund 180 Beiträge zu verschiedensten Aspekten der Sicherheit und Gesundheit in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Erörtert werden auch aktuelle Fragen zum Bundesteilhabegesetz und zur Inklusion. Weitere Informationen finden sich im Buchungsportal www.bgwforum.de.

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Über uns

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ist die gesetzliche Unfallversicherung für nicht staatliche Einrichtungen im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege. Sie ist für über 8,4 Millionen Versicherte in rund 640.000 Unternehmen zuständig. Die BGW unterstützt ihre Mitgliedsbetriebe beim Arbeitsschutz und beim betrieblichen Gesundheitsschutz. Nach einem Arbeitsunfall oder Wegeunfall sowie bei einer Berufskrankheit gewährleistet sie optimale medizinische Behandlung sowie angemessene Entschädigung und sorgt dafür, dass ihre Versicherten wieder am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

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24.05.2017

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