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Raus aus dem Krisenmodus

BGW magazin, Ausgabe 3/2020

Die Corona-Pandemie stellt den gewohnten Arbeitsalltag auf den Kopf. Beschäftigte sorgen sich um ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen. Ungewohnte Abläufe und ständig neue Rahmenbedingungen bringen viele an ihre Grenzen. Doch auch solche Krisen lassen sich bewältigen. Ein wichtiger Ansatzpunkt: Überforderung erkennen und akzeptieren – und rechtzeitig darüber reden.

Raus aus dem Krisenmodus

Mit sich selbst gut umgehen - das beste Mittel gegen Überforderung.
(Foto: stock.adobe.com/contrastwerkstatt)

Psychische Belastung kann sich extrem auswirken: Die Fachwelt spricht vom "Second Victim Syndrome", wenn eine an der Patientenversorgung beteiligte Person durch das Miterleben einer Ausnahmesituation selbst traumatisiert wird, also ein "zweites Opfer" ist. In der Notaufnahme, im Intensivbereich oder in schwer getroffenen Senioreneinrichtungen können Covid-19-Erkrankungen zu solchen Situationen führen.

Was entscheidet über Leben und Tod der Betroffenen? Wie geht man damit um, dass Angehörige oft keinen Beistand leisten können? Wie nimmt man das eigene, in solchen Bereichen deutlich erhöhte Ansteckungsrisiko wahr?

Die Krise beschränkt sich aber nicht auf einzelne Tätigkeitsfelder, sondern reicht quer durch alle Branchen. Wer im Friseursalon Kundschaft bedient, in Praxen Behandlungen durchführt oder in Kitas langsam zum Normalbetrieb zurückkehren soll, ist mit unterschiedlichen Ausgangslagen konfrontiert, die gleichermaßen belastend sein können.

Das Problem: Häufig "funktionieren" Menschen unter Druck einige Zeit sehr gut und ignorieren ihre persönlichen Belastungsgrenzen – bis es zu viel wird. In der Corona-Krise kommen dabei persönliche und berufliche Aspekte zusammen – zum Beispiel auch wirtschaftliche Sorgen angesichts von Kurzarbeit und längeren Schließungen von Einrichtungen.

Baustein: Eigenwahrnehmung

Die individuellen Anzeichen für Überforderung fallen verschieden aus. Denkblockaden oder Konzentrationsmangel, emotionale Reaktionen wie Angst, Nervosität, Gereiztheit oder Panik sind ebenso möglich wie körperliche Reaktionen: Schweißausbrüche, Herzklopfen oder Übelkeit, ein schmerzender Rücken oder angespannte Schultern.

All das sind völlig normale Reaktionen auf außergewöhnliche Belastungen – und kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Kompetenz. Wichtig ist, sie nicht zu verdrängen, sondern zuzulassen. Denn solche Warnsignale erinnern eindringlich daran, etwas für sich zu tun – etwa mittels Bewegung, Schlaf und Entspannung, durch Gespräche im Team, mit Vorgesetzten, Freunden und Familie oder mit einer 10-Minuten-Auszeit (siehe unten).

Wer aber trotz Erholungszeiten nicht mehr abschalten kann, sollte nicht lange warten, sondern frühzeitig Unterstützung suchen.

Baustein: Umgang mit sich selbst

Oft helfen im Akutfall einfache Strategien, um den Kopf wieder frei zu bekommen: zum Beispiel sich daran zu erinnern, was einen schützt und was zuvor in schwierigen Situationen nützlich war. Es tut auch gut, an Entlastendes zu denken – wie das Team, auf das man sich verlassen kann. Oder sich auf einzelne Maßnahmen zu konzentrieren: Blutdruck messen, aufräumen und andere Routinetätigkeiten.

Vorbeugen und gegensteuern: Was man selbst tun kann

  • In Bewegung bleiben: Regelmäßig kleine Bewegungseinheiten einlegen: dehnen, spazieren gehen, Fahrrad fahren oder 10 bis 20 Minuten kraftvoll gehen.
  • Auf eine gesunde Ernährung achten: Ausreichend und regelmäßig trinken, sich Zeit fürs Frühstück nehmen, in den Pausen Obst essen, auf zu viel Koffein ebenso verzichten wie abends auf Alkohol als vermeintliche Entspannungshilfe.
  • Für ausreichend Schlaf sorgen: Mit Ritualen und Entspannungsübungen Abstand zum Tag schaffen, Störfaktoren meiden, Schlafzimmer gut lüften und abdunkeln, Gedanken aufschreiben, die beim Einschlafen hinderlich sind.
  • 10-Minuten-Auszeit nehmen: Pausen nutzen und zusätzliche Auszeiten einbauen, um kurz "rauszukommen" und abzuschalten.
  • Entspannen mit Atemübungen oder Fantasiereisen: Bewusst atmen, sich gedanklich an einen schönen Ort versetzen oder in der Fantasie von einer nahestehenden Person beraten lassen: Was würde sie jetzt tun?
  • Unterstützung suchen: Kollegen/Kolleginnen und Vorgesetzte ansprechen, Angebote wie die telefonische Krisenberatung der BGW nutzen.

Nicht die Vielzahl der Maßnahmen zählt – sondern das, was einem persönlich am meisten hilft!
Nutzen Sie auch die ausführliche Fassung unserer Tipps zum Umgang mit Krisen.

Zeigen Körper oder Seele, dass die persönliche Belastungsgrenze erreicht ist, zum Beispiel, wenn die Hände zittern, die Knie weich werden, der Kopf blockiert oder sich Fehler häufen, ist es das Beste, sich vorübergehend ablösen zu lassen und eine kurze Auszeit zu nehmen. Auch bei Personalknappheit ist dies besser, als irgendwann ganz auszufallen.

Stichwort "persönliche Resilienz"

Die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und die psychische Gesundheit zu bewahren, wird als Resilienz bezeichnet. Beispielsweise kann jemand, der auf sich achtet, sich eigener Kraftquellen bewusst ist und Unterstützung annimmt, gegebenenfalls besser durch eine Krisensituation kommen. Führungskräfte können dies durch ihr Verhalten bestärken. Resilienz kann aber nicht der Maßstab für den Umgang mit akuten Krisen sein – sie ist eine persönliche Widerstandskraft, die sich eher langfristig entwickelt.

Raus aus dem Krisenmodus

Das hilft in schwierigen Zeiten: Vertrauen, Transparenz und gegenseitige Hilfe.
(Foto: stock.adobe.com/contrastwerkstatt)

Baustein: Kollegiale Unterstützung

In Krisenzeiten ist es besonders wichtig, im Team aufeinander achtzugeben, wertschätzend miteinander umzugehen und sich gegenseitig zu stärken.

Manchmal hilft schon eine einfache Geste, wie ein verständnisvolles Nicken. Auch wenn die Abstandsregeln es erfordern, auf Distanz zu bleiben: Ein kurzer kollegialer Austausch verbindet und reduziert die eigene Belastung. Allen ergeht es ähnlich, selbst wenn das auf unterschiedliche Weise sichtbar wird – auch dies sollte man anerkennen.

Zeigt jemand konkrete Anzeichen einer akuten Überlastung, sollte man sie oder ihn darauf ansprechen, eine Pause vorschlagen und auf Unterstützungsangebote aufmerksam machen.

Die Rolle der Führungskräfte

Die eine steckt alles scheinbar locker weg – der andere wirkt mitgenommen oder unsicher und schafft immer weniger. Es liegt an der Führungskraft, dadurch aufkommende Spannungen oder Lästereien im Team zu unterbinden – und Kollegialität sowie einen sachlichen Austausch zu fördern. Vorgesetzte sollten dabei mit gutem Beispiel vorangehen.

Baustein: Vertrauen und Akzeptanz

Beispiel Homeoffice: Ständiges Misstrauen gegenüber Beschäftigten ist fehl am Platz. Tatsächlich zeigt sich meist, dass Mitarbeitende in der häuslichen Umgebung eben nicht ihre "Freiheit von Kontrolle" ausnutzen, sondern sich womöglich sogar zusätzlich unter Druck setzen.

Vertrauen ist auch am regulären Arbeitsplatz angebracht, vor allem mit Blick auf den individuellen Umgang von Menschen mit Krisensituationen. Mal braucht jemand mehr Auszeiten als sonst, mal reagiert jemand oft gereizt – diese Verschiedenheit muss akzeptiert werden. Führungskräfte sollten eine Atmosphäre schaffen, in der allen klar ist, dass sie auf Unterstützung durch Vorgesetzte zählen und Probleme offen ansprechen können – ohne Abwertung ihrer Leistung, ohne Stigmatisierung.

Baustein: Transparenz und Kommunikation

Miteinander reden hilft, psychische Belastungen frühzeitig abzufedern – und im besten Fall gemeinsam Lösungen zu finden. Beispiel neue Rahmenbedingungen: Wird jetzt von allen Beschäftigten, die im Friseur- oder Kosmetiksalon, in der therapeutischen Praxis, der Kinderbetreuung oder anderswo tätig sind, erwartet, dass sie reibungslos die aktuellen Schutzstandards anwenden können? Nein, Unsicherheiten sind zu erwarten – und zu thematisieren.

Führungskräfte sollten darauf achten, Beschäftigten Rückhalt zu geben. Das gelingt mit Transparenz und Kommunikation: Wie gehen wir vor – auch wenn etwas nicht klappt? Wer braucht welche Informationen? Wer hilft bei Infektionsängsten? Distanzregeln dürfen nicht zulasten von regelmäßigem Austausch gehen.

Eine besondere Herausforderung ist der Umgang mit Kundschaft, Patientinnen und Patienten oder Angehörigen. Was tun, wenn Eltern in der Kita tausend Fragen haben? Welche Vorgaben müssen im Salon, im Heim oder in der Praxis vermittelt werden – und wie reagiert man auf Nachlässigkeit, Kritik oder sogar offenen Widerstand? Solche Situationen sollten besprochen und soweit möglich vorbereitet werden. Werden Beschäftigte damit allein gelassen, verstärkt das dagegen die Belastung.

So unterstützen Führungskräfte die Beschäftigten

  • Psychische Belastung im Blick behalten und ernst nehmen
  • Wertschätzung, Akzeptanz und Vertrauen vermitteln
  • Kommunikation fördern
  • Für Transparenz sorgen
  • Gemeinsame Perspektive zur aktuellen Situation entwickeln
  • Pausen und Erholung fördern, Selbstfürsorge unterstützen
  • Kollegiale Unterstützung ermöglichen
  • Klare Rollen- und Aufgabenverteilung sicherstellen
  • Zugang zu psychosozialen Hilfen aufzeigen
  • Eigene Selbstfürsorge aufrechterhalten und handlungsfähig bleiben

Baustein: Organisation

Es liegt an der Führungskraft, gemeinsam mit den Beteiligten Arbeitsabläufe so zu organisieren, dass es auch in Ausnahmesituationen weder körperlich noch psychisch zu Überlastung oder gesundheitlichen Risiken für die Beschäftigten kommt. Unterweisungen vermitteln, worauf es am Arbeitsplatz ankommt und wie Beschäftigte sich selbst schützen. Dafür ist angemessen Zeit einzuplanen – zum Beispiel, um bei Neuerungen alles durchsprechen zu können.

Gut zu wissen: Die Gefährdungsbeurteilung im Unternehmen muss im Zuge der Corona-Pandemie ergänzt werden – und sie hat stets die Gefährdung durch psychische Belastung einzubeziehen. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sind also verpflichtet, Risiken für Beschäftigte zu identifizieren und zu beurteilen sowie Schutzmaßnahmen zu treffen.

Hilfe von außen

Beschäftigte und Führungskräfte können an Grenzen stoßen, an denen sie selbst nicht mehr weiterwissen. Dann ist Unterstützung von anderer Seite nötig – je früher, desto besser. In großen Einrichtungen oder Verbänden gibt es gegebenenfalls interne Anlaufstellen für Mitarbeitende in der Krise. Anderswo stehen externe Beratungsangebote zur Verfügung.

Baustein: Krisenberatung und Hilfe in Extremsituationen

Die BGW stellt für alle, die durch die Corona-Pandemie beruflich in eine psychische Krisensituation kommen, ein Hilfsangebot zur Verfügung: Sie können kostenlos die telefonische Krisenberatung nutzen und bis zu fünf Gespräche à 50 Minuten mit erfahrenen Psychotherapeutinnen und -therapeuten führen. Verschwiegenheit und Anonymität gegenüber dem Arbeitgeber, der Arbeitgeberin wird garantiert.

Wer beruflich Extremereignisse miterleben musste, als "Second Victim" oder in anderen Fällen, kann auch darüber hinaus auf die Hilfe der BGW zählen. In der Rege handelt es sich um einen Arbeitsunfall, der unter Versicherungsschutz steht. Bei Verdacht auf Traumatisierung kommt es auf frühzeitige Hilfe an. So kann die BGW beispielsweise zeitnah probatorische Sitzungen bei Psychotherapeutinnen und -therapeuten vermitteln.

Baustein: Unterstützung für Führungskräfte

Führungskräfte und Personen in Verantwortung, die in der Corona-Krise und der Folgezeit stark gefordert sind, können ebenfalls Hilfe in Anspruch nehmen: Die BGW bietet ein kostenloses Krisen-Coaching per Video oder Telefon an. Dabei geht es um die Stärkung der eigenen psychischen Gesundheit – und um Wege, Mitarbeitende angemessen zu unterstützen. Bis zu fünf Termine werden zeitnah vermittelt.

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Autor(en): Anja Hanssen und Frauke Rothbarth

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