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Tieren helfen – Menschen auch: Gesund arbeiten in der Tiermedizin

BGW magazin, Ausgabe 1/2020

Kaum ein Berufsfeld ist bei Kindern und Jugendlichen beliebter als "etwas mit Tieren". Wer später im Traumberuf arbeitet, trifft aber auch auf Herausforderungen. Mal zeigen sich Tiere unberechenbar, mal führen zwischenmenschliche Situationen oder eine hohe Arbeitsintensität zu Belastungen. Gute Vorbereitung in tiermedizinischen Einrichtungen hilft allen. Die BGW hat dazu einen Film gedreht.

Rund 34,4 Millionen Heimtiere leben in deutschen Haushalten – vor allem Katzen (14,8 Millionen) und Hunde (9,4 Millionen; Quelle: Statista). Egal um welches Tier es sich handelt: Es ist meist ein geliebtes Familienmitglied, um dessen Gesundheit man sich sorgt. Tierärztliche Untersuchungen sind für Mensch und Tier emotional aufgeladen – keine leichte Situation für das Personal in Praxen und Kliniken.

Risiko Tier

Wer in der Tiermedizin tätig ist, trägt statistisch gesehen ein relativ hohes berufliches Unfallrisiko. Fachangestellte, Ärztinnen und Ärzte selbst sehen die größten gesundheitlichen Risiken in Bissverletzungen und Stress, ergab eine Befragung der BGW im Jahr 2016.

Ebenfalls hoch schätzten viele die Arbeitsbelastung und die körperliche Beanspruchung ein. Speziell in Nutztier- und Pferdepraxen wurden zudem häufig Gefährdungen im Straßenverkehr sowie durch Tritt- und Stoßverletzungen angegeben.

Ortstermin in der Pferdeklinik Bargteheide, Schleswig-Holstein, Oktober 2019: Hier wird heute ein Film gedreht. Nicole Bartmann soll gleich zeigen, wie man sich einem Pferd sicher nähert. Routine für die junge Tierärztin – trotzdem ist jedes Mal Konzentration nötig. "Zuallererst spreche ich mit dem Besitzer oder der Besitzerin. Gibt es Verhaltensauffälligkeiten? Wie ist das Pferd ausgebildet? Für die Kontaktaufnahme nehme ich mir bewusst Zeit – Ruhe und Vertrauen sind wichtig für das Tier."

Gewusst, wie!

Dr. Lutz Nickau

Dr. Lutz Nickau, Leiter der BGW-Bezirksstelle Hamburg
(Foto: privat)

Ein Thema, das in allen Bereichen auftaucht, in denen mit Tieren gearbeitet wird, ist das Fixieren. Nicole Bartmann führt einige typische Situationen beim Pferd vor: "Ich nutze ein passendes Halfter. Es sollte nicht zu stramm und nicht zu locker sein. Ein Führstrick wird am unteren mittleren Halfterring mit einem Panikhaken eingehakt."

Leckerli bieten Unterstützung, aber auch weitere Hilfsmittel und Sicherungsmethoden kommen zum Einsatz. Bartmann gibt ein Beispiel: "Sobald man den Huf eines Pferdes anhebt, ist es in der Bewegung eingeschränkt und kann nicht so leicht austreten oder sich losreißen."

Um das Pferd von der eigentlichen Behandlung abzulenken, könne man außerdem eine Hautfalte am Hals aufziehen. Je nach Umständen erfolgt eine Sedierung, also der Einsatz von Beruhigungsmitteln. "Fixierungsmethoden spielen eine große Rolle in unserem Arbeitsalltag", sagt Bartmann. "Wir üben sie daher regelmäßig bei uns im Team."

Dr. Lutz Nickau freut sich über den heutigen Dreh in der Pferdeklinik Bargteheide. Er ist selbst Tierarzt, berät seit vielen Jahren als Aufsichtsperson der BGW Betriebe und leitet mittlerweile die Bezirksstelle Hamburg. Deren Gebiet umfasst sowohl viele innerstädtische Kleintierpraxen als auch Nutz- und Großtiereinrichtungen bis hinauf an die dänische Grenze. "Die Vorgehensweise unterscheidet sich zwar im Detail, aber die grundsätzlichen Problemstellungen sind durchaus ähnlich", erläutert Nickau.

Er sagt weiter: "Im Kleintierbereich gehen viele Verletzungen auf Bisse und Kratzer durch Katzen zurück, seltener durch Hunde. In Einzelfällen kann es zu erheblichen Komplikationen kommen, wenn sich Wunden entzünden oder Sehnen und Nerven verletzt werden." Auch hier müssen tiermedizinische Fachangestellte, Tierärztinnen und -ärzte wissen, wie sie Risiken vermeiden können.

Systematisch vorgehen

Eine zentrale Rolle spielt die Gefährdungsbeurteilung. "Sie macht deutlich, wo, in welchem Umfang und mit welcher Dringlichkeit welche Maßnahmen im Unternehmen erforderlich sind", erklärt Arbeitsschutz-Profi Nickau. "Hilfestellung gibt es von der BGW – sowohl zur Vorgehensweise als auch zu typischen Risiken und möglichen Maßnahmen."

Neu erschienen ist eine komplett überarbeitete Version der Broschüre "BGW check – Gefährdungsbeurteilung in der Tiermedizin". Sie bietet viele konkrete Handlungshinweise für alle Arten von Einrichtungen. Nickau legt Betrieben zudem das seit einiger Zeit verfügbare Online-Instrument zur Gefährdungsbeurteilung ans Herz: "Damit kann auch mobil gearbeitet werden. Das Tool lotst von Schritt zu Schritt und stellt die Dokumentation sicher."

Was aber kann man tun, wenn die Katze sich gegen eine Untersuchung sträubt? "Da gibt es viele Ansatzpunkte, auch schon im Vorfeld. Zum Beispiel getrennte Wartezimmer für Katzen und Hunde oder spezielle Sprechzeiten, sodass die Atmosphäre von vornherein ruhig und gelassen bleibt", sagt Nickau. Viele weitere Tipps biete unter anderem ein Film der BGW: "Katzen in der tierärztlichen Praxis."

Unerlässlich sei jedoch die Aufklärung der Tierhalterinnen und -halter. "Die zwischenmenschliche Kommunikation ist ein schwieriges Feld, das hören wir immer wieder. Mal ist eine Besitzerin Fixierungen gegenüber abgeneigt, mal überträgt sich Aufregung auf das Tier und erschwert letztlich die Behandlung." Mit Information könne man hier viel bewirken.

"Deshalb bietet die BGW jetzt für alle Kleintier- sowie für Pferdepraxen Aufklärungsmaterial an, insbesondere Flyer zum Mitgeben", so Nickau weiter. "Darin werden eigene Vorbereitungsmöglichkeiten der Halterinnen und Halter für einen entspannten Tierarztbesuch sowie typische Abläufe der Untersuchung erläutert."

Auch der heutige Dreh geht auf die Rückmeldungen aus tiermedizinischen Einrichtungen zurück. Denn hier entsteht ein Info-Beitrag der BGW zum Umgang mit Pferden. Er soll helfen, in Praxen und Kliniken den Arbeitsalltag sicherer zu gestalten.

Risiko Straßenverkehr

Autos auf einer nebeligen Landstraße

Ein Fahrsicherheitstraining kann helfen, Risiken im Straßenverkehr zu verringern
(Foto: stock.adobe.com/ghazi)

Zur Sprache kommen auch Besonderheiten im mobilen Bereich. Dr. Marco Schwan von der Pferdepraxis Oberalster in Norderstedt bei Hamburg ist oft unterwegs. "Gerade beim täglichen Autofahren unter Stress kann viel passieren. Ich versuche immer, risikobewusst zu sein und mich nicht ablenken zu lassen", erzählt er dem Filmteam. "Ich überlege jeden Morgen, was ich im Vorfeld regeln kann. So werde ich nicht zwischendurch von Dingen überrascht, die mich zusätzlich stressen und meinen Zeitplan durcheinanderbringen."

Nickau rät ihm außerdem zu einem Fahrsicherheitstraining: "Dort wird das richtige Verhalten in Ausnahmesituationen trainiert. Die BGW übernimmt einen Teil der Kosten für bei ihr versicherte Personen."

Sowohl in Schwans Praxis als auch in der Pferdeklinik Bargteheide sind regelmäßige Unterweisungen und Teambesprechungen zum sicheren Arbeiten selbstverständlich. "Ein Thema ist zum Beispiel der Hautschutz", sagt Nicole Bartmann. "Nicht immer ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern klar, welchen Handschuh sie in welcher Situation verwenden sollten. Gerade beim Longieren kann man sich schnell die Hände durch Reibung verletzen. Daher tragen wir dabei immer Schutzhandschuhe."

Dr. Marco Schwan ergänzt: "Beim Verabreichen von Medikamenten und Auftragen von Salben sind Einmalhandschuhe wichtig, damit die Haut nicht direkt mit den Mitteln in Berührung kommt." Hier wie dort hängt ein Hautschutzplan gut sichtbar aus, davon kann sich das Filmteam überzeugen. "Etwa die Hälfte der Berufskrankheiten in tiermedizinischen Berufen sind Hauterkrankungen", erläutert BGW-Experte Nickau.

Strategie gegen Stress

Weniger sichtbar in reinen Zahlen, dafür umso mehr im Alltag spürbar ist die psychische Belastung. "Jedes Unternehmen muss sich im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung mit diesem Thema beschäftigten", stellt Nickau klar. Zu Stress führen unter anderem Konkurrenz- und Zeitdruck, ungeplantes Erscheinen von Klientinnen und Klienten sowie lange Wartezeiten, zeigte die BGW-Umfrage in tierärztlichen Praxen. Auch Bereitschafts- und Nachtdienste, Mängel in der Arbeitsorganisation, im Praxismanagement oder in der Kommunikation sorgen dafür, dass der Traumberuf als Herausforderung erlebt wird.

In der Pferdepraxis Oberalster steuert man unter anderem mit regelmäßigen Besprechungen und Zeitpuffern im Terminplan gegen, berichtet Tierarzt Schwan. "Damit unser Praxisalltag reibungslos funktioniert, sind genaue Absprachen wichtig. Dabei achte ich darauf, dass ich den Austausch mit meinem Team suche. Wir gehen morgens alle Termine durch und versuchen, ob wir vielleicht schon erste Engpässe erkennen und umgehen können."

Grafik: Unfallgeschehen: Tiere sind das Hauptrisiko

Unfallgeschehen: Tiere sind das Hauptrisiko
(Foto: in.signo)

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Neben solchen organisatorischen Maßnahmen sind Unterweisungen, Schulungen und der Austausch untereinander wichtig, ergänzt Dr. Lutz Nickau. "Hier schließt sich wieder der Kreis: Wie geht man mit den Tieren richtig um? Wie lässt sich den Erwartungen der Halterinnen und Halter begegnen? Welche Vorbereitung ist auf Situationen wie die Behandlung von schwerkranken Tieren oder tierschutzwidrige Bedingungen in der Nutztierhaltung möglich? Wo gibt es Unterstützung?"

Werden solche Themen offen angesprochen und bearbeitet, besteht eine gute Chance, dass die Arbeit mit den Tieren noch lange ein Traumberuf bleibt.


Versicherungsschutz

Angestellte in tierärztlichen Praxen und Kliniken sind bei der BGW gesetzlich unfallversichert. Selbstständig tätige Tierärztinnen und Tierärzte sind von dieser Versicherungspflicht befreit, können sich aber freiwillig bei der BGW gegen die Folgen von Arbeitsunfällen, Wegeunfällen und Berufskrankheiten absichern.

Anders als bei privaten Versicherungen bietet die BGW umfangreiche medizinische und berufliche Rehabilitation und den finanziellen Ausgleich für bleibende Gesundheitsbeeinträchtigungen aus einer Hand. Zum Leistungspaket gehören auch vielfältige Präventionsangebote. Die Versicherungssumme für die freiwillige Versicherung ist zwischen 23.000 Euro und 96.000 Euro frei wählbar und bestimmt die Höhe etwaiger Geldleistungen.

Zahlen, bitte!

Im Jahr 2018 zählte die BGW knapp 10.000 tierärztliche Praxen und sonstige Unternehmen der Veterinärmedizin zu ihren Mitgliedsbetrieben. In diesen Praxen sind rund 52.800 Personen bei der BGW versichert. Aufgrund der Befreiung von der Versicherungspflicht sind allerdings viele selbstständige Tierärztinnen und Tierärzte nicht erfasst.

27 von 61 Verdachtsanzeigen auf eine Berufskrankheit im Jahr 2018 bezogen sich auf Hauterkrankungen – das sind 44,3 Prozent. Unter den bestätigten Berufskrankheiten lag der Anteil der Hautkrankheiten noch deutlich höher (63,4 Prozent).

Meldepflichtige Versicherungsfälle auf 1.000 Vollbeschäftigte bzw. Versicherungsverhältnisse*
2018Tierärztliche Praxen/VeterinärmedizinBGW-Mitgliedsbetriebe, insgesamt
Arbeitsunfälle54,915,0
Wegeunfälle3,14,5
Anzeigen des Verdachts auf eine Berufskrankheit1,92,4

*Die rund 53.000 Versicherungsverhältnisse (Personen) aus tiermedizinischen Praxen und sonstigen Unternehmen der Veterinärmedizin entsprechen umgerechnet etwa 32.000 Vollbeschäftigten.

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Autor(en): Anja Hanssen und Linda Tappe

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