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"Dann bin ich halt die Erste"

BGW magazin, Ausgabe 4/2019

Britta Meinecke-Allekotte greift ein Skalpell und reicht es dem operierenden Arzt. Keine große Sache für eine OP-Schwester. Für die 55-Jährige schon. Denn sie benutzt dafür eine Prothese. Im Gespräch mit dem BGW magazin berichtet sie über ihren Weg vom Arbeitsunfall zurück in den Beruf.

Frau Meinecke-Allekotte, Sie hatten 30 Jahre Erfahrung als OP-Schwester, als Sie durch einen technischen Defekt an einem Sterilisationsgerät ein Kombinationstrauma erlitten – Quetschungen und Verbrennungen an Hand und Unterarm. Außerdem waren Sie in dieser lebensbedrohlichen Situation eine Dreiviertelstunde allein. Das war im November 2017. Da es sich um einen Arbeitsunfall handelte, kamen Sie in das Berufsgenossenschaftliche Klinikum Duisburg.

"Ja, zum Glück. Alle dort haben dafür gekämpft, meine Hand zu erhalten. Es gab die Option, sie durch Operationen als 'Beihand' nutzbar zu machen, also ohne Funktionen wie das Greifen. Oder eine Amputation und den Ersatz durch eine Prothese. Diese Entscheidung musste ich innerhalb einer Woche fällen."

Sie haben sich für die Prothese entschieden. Warum?

"Dann bin ich halt die Erste"

Erfolgreiche Rehabilitation: Britta Meinecke-Allekotte ist wieder fit für Beruf und Alltag.
(Foto: privat)

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"Mit einer weitgehend funktionslosen Hand hätte ich nicht in meinem Beruf arbeiten können. Das war für mich unvorstellbar. Ich hatte fast eine Stunde lang um mein Leben gekämpft. Danach konnte es nur nach vorne gehen."

Hat jemand geglaubt, dass Sie trotz der körperlichen Einschränkung wieder im OP-Raum würden arbeiten können?

"Außer mir wohl niemand. Mir wurde gesagt, dass es bisher keine einzige hand-/armamputierte OP-Schwester gibt. Meine Antwort war: Dann bin ich eben die Erste."

Der Chefarzt, Prof. Dr. med. Heinz-Herbert Homann, Facharzt für Plastische und Verbrennungs-Chirurgie, war beeindruckt von Ihrem Willen, wieder in den Beruf zurückzukehren. Das ist ja das Ziel der medizinischen Behandlung und Rehabilitation nach einem Arbeitsunfall.

"Wir finden es beide faszinierend, was alles mit einer Prothese möglich ist. Viele weitere Menschen haben mich unterstützt, wie die  Reha-Beraterin der BGW. Ich hatte Trauma-, Schmerz- und Entspannungstherapien, wurde von chirurgischem, neurologischem und orthopädischem Personal betreut – und habe einen innovationsfreudigen Prothesenhersteller gefunden."

Wie haben Sie die Prothese ausgewählt und damit umzugehen gelernt?

"Ich habe hart trainiert im Prothesentraining und allein mit einer App sowie unterschiedliche Modelle erprobt. Es gab viele Hürden. Beispielsweise einen OP-Handschuh anzuziehen. Schließlich konnte ich in einer erweiterten Rehabilitation am OP-Tisch meine Fähigkeiten zeigen. Dr. Homann hat mir mit seinem Team diese Möglichkeit gegeben. Dafür muss ich alle Griffschemata superschnell anwenden können."

Welche Funktionen der Prothese sind dafür wichtig?

"Ich profitiere von einem Vibrationssignal, das Impulse von den Fingern an den Unterarm leitet. Ich kann also nicht nur sehen oder über ein akustisches Signal hören, ob ich einen Gegenstand gegriffen habe, sondern es ansatzweise auch fühlen. Trotzdem stoßen die verfügbaren Prothesen an ihre Grenzen und ich musste einsehen, dass ich nicht mehr die Alte bin. Für Einsätze in der Notaufnahme gibt es besser geeignete Kolleginnen und Kollegen."

Aber Sie sind heute als OP-Schwester tätig ...

"Ja, nach wie vor stehe ich als instrumentierende Schwester am Operationstisch, als Teilzeitkraft. Zudem bringe ich meine Erfahrung als OP-Leitung ein. Und ich begleite Patientinnen und Patienten in der Rehabilitation."

Als Peer, also selbst Betroffene. Was vermitteln Sie?

"Ich versuche, über den Schock zu helfen, Mut zu machen, zuzuhören und Kontakte zu knüpfen. Ich weiß ja, was machbar ist. Es geht auch um Alltägliches, wie mit einer Prothese essen zu gehen. Ich trete auf Fachkongressen auf und erarbeite Lehrbücher, die Griffschemata vermitteln für alltägliche Fragen, beispielsweise 'Wie bekomme ich das Shampoo auf den Kopf?' oder 'Wie bekomme ich einen Reißverschluss zu?'. Genau so etwas hat mir gefehlt. Ich hatte nach dem Unfall das Ziel, meinen Alltag wieder zu beherrschen. Das gilt auch fürs Privatleben. Mein Sohn war geschockt von meinem Unfall. Ich habe ihm gesagt, dass wir weitermachen wie bisher, aber dass jetzt statt eines Handys mal eine Prothese an der Steckdose zum Laden hängt. So offen sind wir auch seinen Freunden gegenüber damit umgegangen. Die fanden das nach anfänglicher Scheu ziemlich cool."

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Autor(en): Miriam Becker

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01.11.2019

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