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Gemeinsam Ressourcen entdeckt: Ein Praxisbeispiel

BGW mitteilungen, Ausgabe 2/2019

Wie kommt man noch weiter, wenn es eigentlich schon gut läuft? Ein Spezialist für technische Tiefenhygiene hat eine wichtige Stellschraube genutzt: Beteiligung.

Arbeitsschutz lebt! Von Beteiligung

Das Gesec-Team hat gute Erfahrungen mit moderierten Workshops gemacht. Gemeinsam entwickeln sie Lösungen für Belastungen im Arbeitsalltag.
(Foto: Stefan Porkert)

Die Gesec Hygiene + Instandhaltung GmbH + Co. KG ist ein mittelständisches Unternehmen mit 70 Beschäftigten.

Seine Reinigungs- und Instandhaltungsteams sind bundesweit dort im Einsatz, wo es um Hygiene geht, beispielsweise in Reinräumen, Großküchen, Krankenhäusern und an raumlufttechnischen Anlagen.

Sie reinigen und desinfizieren, halten Anlagen instand und überprüfen Hygienestandards.

Ein Betrieb also, dem die Arbeit nicht ausgeht. Eher schon die Puste.

Die meisten Beschäftigten sind viel unterwegs. Ihre Arbeit ist anspruchsvoll und fällt häufig außerhalb üblicher Arbeitszeiten an. Nachts, wenn die Küche im Krankenhaus gereinigt werden kann, oder auf Abruf, wenn jemand Unterstützung braucht.

"Wir haben keine großen Probleme", sagt Anja Assum. "Aber es gab einige Themen, wo Stress bei uns oder unserer Kundschaft aufkam."

Aus dieser Situation heraus besuchte die Qualitäts- und Umweltmanagerin von Gesec vor knapp vier Jahren ein BGW-Seminar zur Stressprävention. "Ich wollte wissen, wie wir den Druck etwas rausnehmen können." Unter den vorgestellten Instrumenten fand sie das passende: eine Arbeitssituationsanalyse.

"Mir hat gefallen, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ideen einbringen können." Zurück in Augsburg, der Unternehmenszentrale, stellte Assum das Instrument vor, bei dem Beschäftigte aktiv beteiligt werden: Teams sprechen in moderierten Workshops darüber, wie sie bei der Arbeit mit psychischer Belastung, beispielsweise Zeitdruck, umgehen, und suchen gemeinsam nach Lösungen.

Miteinander über Belastung sprechen

Die Inhaber von Gesec, Vater und Sohn Schönfelder, konnte Assum überzeugen. "Natürlich klingt das Thema psychische Belastung nicht angenehm", räumt Jörg Schönfelder ein, der die Geschäfte bei Gesec führt. Doch dem Betriebswirtschaftler ist die Bedeutung psychischer Belastung für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit seiner Beschäftigten bewusst. Und auch für sich selbst: "Die Erwartungen der Kundinnen und Kunden an uns sind hoch."

Innerhalb des Unternehmens war das Echo zunächst unterschiedlich. Mladen Djekic erinnert sich: "Bei mir hat das Thema Kopfschütteln ausgelöst. Für mich geht es bei der Arbeit um Verantwortung und Verpflichtung. Ich sehe nicht, dass mich das psychisch belastet, sondern habe mich ja dafür entschieden."

Trotzdem war der Niederlassungsleiter Augsburg offen dafür, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Workshop gingen – wie bei den anderen Teams ohne ihren Chef.

"Jetzt sehe ich, dass es eine Win-win-Situation war", erzählt Djekic bei einer Gesprächsrunde im Bistro der Firmenzentrale. Gut anderthalb Jahre liegt der Start des Projekts zurück.

Strukturierte Workshops geben Ideen Raum

Mladen Djekic

Mladen Djekic, Gesec-Niederlassungsleiter Augsburg
(Foto: Stefan Porkert)

Zu den Workshops kamen die Teams der Niederlassungen, der Verwaltung und des Managements jeweils einen Tag zusammen. Dafür setzte Gesec einen von der BGW vermittelten freien Berater ein: Mario Krauß führte die Arbeitssituationsanalysen in Zusammenarbeit mit der Projektleiterin Assum sowie einem Lenkungsteam aus Geschäftsführung, Betriebsarzt und Fachkraft für Arbeitssicherheit durch.

"Wir haben mit Leitfragen gearbeitet", berichtet Krauß. Womit sind die Beschäftigten zufrieden? Wo sehen sie Handlungsbedarf? Welche Handlungsansätze werden wahrgenommen? Dabei ging Krauß systematisch die Faktoren Arbeitsumgebung und -organisation, Tätigkeit, Team und Führung durch.

Das Resultat war jeweils ein kollektiv erarbeiteter Maßnahmenkatalog. "Das Vorgehen ist auf allen Hierarchieebenen gut angekommen", findet Djekic. "Die gemeinsame Lösungsfindung ist das A und O."

Beteiligung als Wertschätzung empfunden

Mario Krauß hat auf Vermittlung der BGW das Projekt Gesec begleitet. Seine Erfahrung: "Wenn alle an einem Tisch sitzen, kommen auch alle Aspekte der betrieblichen Präventionskultur zur Sprache."

Spannend fand der Berater bei Gesec die fachliche Mischung. Da saßen Menschen mit Hochschulabschluss, Service-Personal, Sicherheitsbeauftragte und Azubis beieinander.

Patrick Bachinger, einer der vier Azubis des Unternehmens, war positiv überrascht, eingeladen zu sein.

Auch Jamaal Mustafa, Niederlassungsleiter Frankfurt, unterstreicht, dass die Workshops als Wertschätzung empfunden wurden. "Es war eine Gelegenheit, sich etwas von der Seele zu reden."

Was kam dabei heraus? Darauf haben alle in der Runde eine Antwort.

Djekic nennt als eine der wichtigsten Maßnahmen: Einsatzzeiten der Beschäftigten möglichst weit vorausplanen und für Transparenz sorgen.

"Je früher unsere Einsatzkräfte wissen, wann sie wo sein müssen, desto besser", betont er. "Dass wir immer auf dem Sprung sein müssen, wenn Not am Mann ist, ist klar."

Mit neuen Tools sorgen die Teamleiter jetzt dafür, dass Planänderungen in Echtzeit für alle zu sehen sind.

Jamaal Mustafa

Jamaal Mustafa, Gesec-Niederlassungsleiter Frankfurt
(Foto: Stefan Porkert)

Das hat sich bewährt und trägt tatsächlich zur Entspannung bei – bei allen Beteiligten.

"Es sind gute neue Ideen entstanden, auf die wir bisher nicht gekommen waren", sagt Mustafa und berichtet von einer weiteren Beobachtung: "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen seit dem Workshop respektvoller miteinander um. Das hat einen richtigen Ruck gegeben in der ganzen Firma. Alle haben gemerkt: Es geht auch anders."

Ein weiterer Belastungsfaktor für die Beschäftigten ist das Reisen – oft kommen sie nach einem Einsatz spät im Hotel an, müssen aber morgens früh auschecken, obwohl sie bis zum Arbeitsbeginn noch Freizeit haben.

"Wir buchen die Hotels jetzt mit einem Late-Check-out, damit unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Erholungszeit nutzen können", berichtet Schönfelder.

Maßnahmenplan mit Rückenwind

Als sehr ergiebig erlebte Nicole Heib den Verwaltungs-Workshop. "Es herrschte eine tolle Atmosphäre und wir haben gemeinsam neue Ressourcen entdeckt, Kommunikationsprozesse optimiert und Standards eingeführt. Außerdem haben wir jetzt ein Ticket-System, mit dem IT-Probleme direkt gemeldet werden", berichtet die Assistentin der Geschäftsführung in der Runde. "Seither kann ich mich mehr auf wichtige Aufgaben konzentrieren."

Sogar Personal wurde eingestellt, weil ein Engpass sichtbar wurde. Waren die Workshops also eine Art Wunschkonzert? Schönfelder verneint. "Wenn man etwas ändern möchte, müssen die Leute mitziehen. Das heißt auch, sie zu fordern. So kamen eine Menge Ideen zusammen. Vieles haben wir umgesetzt, aber nicht alles. Was abgelehnt wurde oder später drankommt, zum Beispiel aus finanziellen Gründen, haben wir offengelegt."

Das Signal an die Beteiligten: Die Vorschläge werden von der Führung ernst genommen. Tatsächlich haben alle Einblick in den Maßnahmenplan und sehen, wie es vorangeht. 70 Prozent sind bereits umgesetzt, einiges ist noch in der Pipeline wie eine neue Software für die Buchhaltung. Da die Maßnahmen gemeinsam entwickelt wurden, haben sie bei der Umsetzung mehr Rückenwind als Verordnungen von oben.

"Einige Dauerbrenner, die immer Druck in den Prozessen erzeugt haben, konnten wir herausnehmen", resümiert Assum. Sie hat viel Positives mitgenommen: "Es war schön zu hören, was bereits alles gut läuft. Ich kann das Instrument anderen Betrieben sehr empfehlen." Auch Jörg Schönfelder war erfreut, dass es den Beteiligten nicht nur um Probleme ging: "Die positiven Rückmeldungen haben gutgetan. Sonst hat man manchmal das Gefühl, es sieht niemand, was wir tun, beispielsweise die neue Cafeteria mit kostenlosem Wasser und Kaffee."

Auf die Frage, was ihn überrascht habe, antwortet der Inhaber: "Dass für viele Probleme schon eine Lösung da war, aber nicht angewendet wurde. Ich bin der Überzeugung, dass wir durch Arbeitsgestaltung viel beeinflussen können." Mustafa ergänzt: "Jetzt wissen alle: Man sollte sagen, wenn man Stress hat." Sein Chef stimmt ihm zu: "Das habe ich früher auch nicht zugegeben. Aber das ist nicht der Weg, der zum Erfolg führt."

Autor(en): Miriam Becker

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