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Neues vom Rücken

BGW mitteilungen, Ausgabe 1/2019

Bewegung gilt als Zaubermittel: Sie stärkt die Muskulatur, beugt Rückenschmerzen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor, macht Kopf und Seele frei. Dennoch bewegen sich immer weniger Menschen ausreichend, insbesondere am Arbeitsplatz. Oder es dominieren einseitige Belastungen.

Neues vom Rücken

Gesunder Rücken: Prävention gelingt mit ganzheitlichen Programmen.
(Foto: Fotosia/New Africa)

In fast allen Statistiken zu Krankschreibungen stehen Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems weit oben. Dabei können Betriebe und Beschäftigte viel für die Rückengesundheit tun. Hauptsache, sie bewegen sich - vor allem im Kopf.

Hier ein Sportkurs, dort mal auf die Haltung achten - mit Einzelmaßnahmen lässt sich kaum eine langfristige Verbesserung der Gesundheit erreichen. Das gilt im privaten Bereich ebenso wie auf betrieblicher Ebene und ist keine neue Erkenntnis.

Doch wer genauer hinschaut, findet mittlerweile Hinweise darauf, was tatsächlich den Unterschied macht - und hier ist durchaus Neues zu entdecken.

Kurz gesagt: Gesundheit am Arbeitsplatz gelingt vor allem dann, wenn alle Beteiligten von ihrer Notwendigkeit überzeugt sind. Wichtig ist das klare "Ja!" zur Prävention. Und eine Strategie, die die betrieblichen Arbeitsverhältnisse und das persönliche Arbeitsverhalten der Beschäftigten zugleich in den Blick nimmt.

Zahlen - Daten - Fakten

  • Ein Viertel aller Arbeitsunfähigkeitstage wird durch Muskel-Skelett-Beschwerden oder -Erkrankungen verursacht.
  • Jede Zweite beschäftigte Person sitzt oder steht am Arbeitsplatz zu viel.
  • Fast jede Vierte bewegt zu schwere Lasten.
  • Jede Sechste nimmt häufig eine Zwangshaltung ein.
  • Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes führten 2016 zu Produktionsausfallkosten von insgesamt 17,2 Milliarden Euro. Das entspricht etwa 0,5 Prozent des Bruttonationaleinkommens. MSE-Erkrankungen sind zudem seit Jahren eine der häufigsten Ursachen für Frühverrentungen.

(Quelle: Bericht "Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit - Berichtsjahr 2017")

Der Mix macht's!

Kein Stückwerk, sondern ein schlüssiges Konzept umsetzen, das alle mittragen: Mit dieser Überzeugung packte beispielsweise Jens Geigenmüller das Thema Rückenprävention an. Seit mehr als zehn Jahren investiert er in Hilfsmittel - und in Menschen. Der Geschäftsführer der Senioren- und Seniorenpflegeheim gGmbH Zwickau (SSH) ist verantwortlich für rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in neun Einrichtungen für ältere, pflegebedürftige und behinderte Menschen.

Zum Arbeitsalltag gehören auch Tätigkeiten, die Risiken für die Gesundheit bergen, vor allem wenn sie dauerhaft und einseitig ausgeübt werden: schweres Heben, Tragen, Ziehen, Schieben. Das Erfolgsrezept der SSH: Beschäftigte, die sich des Themas annehmen und sich mit dem entsprechenden Know-how für die Prävention einsetzen. Dazu bildete das Unternehmen über die Jahre rund 30 Personen - Pflegekräfte sowie Wohnbereichs- und Pflegedienstleitungen - zu internen Ergonomieberaterinnen und -beratern aus.

Unter der Leitung von Pfleger Thomas Klim sorgen diese "Kümmerer" in ihren Einrichtungen für einen optimalen Hilfsmittelmix und rückengerechtes Arbeiten. "Alle Häuser sind mittlerweile mit hochwertigen und passgenauen Hilfsmitteln ausgestattet", berichtet Klim. Damit das so bleibt, wird das Instrument "Ergonomieberatung" über qualitätssichernde Maßnahmen wie Audits, Fortschreibungen des Hilfsmittelkatalogs oder Qualitätszirkel lebendig gehalten. "Ergonomisches Arbeiten", sagt Geschäftsführer Jens Geigenmüller, "ist bei uns ein Selbstläufer." Und so sind inzwischen auch die krankheitsbedingten Fehltage signifikant zurückgegangen.

Strategie statt Strohfeuer

Neues vom Rücken

Ab und zu mal entspannen - auch das gehört zum gesunden Arbeiten.
(Foto: Fotolia/Kanachaifoto)

"Das Wichtigste ist, keine isolierten Aktionen nebeneinanderzusetzen, sondern klug ineinandergreifende Maßnahmen kontinuierlich zu verfolgen", bestätigt Jutta Lamers, Leiterin der Präventionsdienste der BGW. Sie kennt viele Beispiele aus Unternehmen und weiß, was erfolgreiche Praxis kennzeichnet. Das eine ist, technische, organisatorische und persönliche Maßnahmen zu vernetzen - ein Vorgehen, das die BGW mit ihren Unterstützungsangeboten Betrieben ans Herz legt.

Darüber hinaus gebe es zentrale Stellschrauben, so Jutta Lamers weiter. Dazu gehören insbesondere klare Rahmenbedingungen, eine offene, wertschätzende Kommunikation auf allen Ebenen, engagierte Führungskräfte und eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur.

Dass für eine wirksame Strategie dabei nicht unbedingt das große Rad gedreht werden muss, zeigt das heutige Universitätsherzzentrum Bad Krozingen. "Bereits mit kleinen, aufeinander abgestimmten Maßnahmen kann man viel erreichen", weiß Silke Groß, leitende Physiotherapeutin am Klinikum. Seit 15 Jahren gehört sie dem Arbeitsausschuss zur Gesundheitsförderung an, in dem alle wichtigen Akteurinnen und Akteure zur Sicherheit und Gesundheit im Unternehmen vertreten sind.

Der Ausschuss bewertet laufende Gesundheitsprojekte, entwickelt sie weiter und bringt neue auf den Weg. Dazu zählten in den vergangenen Jahren unter anderem Ergonomieschulungen für Pflege-, Schreib- und Reinigungskräfte und die Ausstattung der Stationen mit neuen Hilfsmitteln - ebenso wie Vorträge zur Trauerbewältigung sowie in Zukunft die Ausbildung zu Konfliktlotsinnen und -lotsen oder Bewegungs- und Gedächtnistrainings. Wie das zusammenpasst? "Wir betrachten das Thema Muskel-Skelett-Erkrankungen ganzheitlich", erklärt Silke Groß. "Auch psychische Belastungen können zu Rücken-, Muskel- und Gelenkbeschwerden führen."

Dieser vertiefte Blick ermögliche, das Thema breit und interessant für die Beschäftigten zu gestalten. Wichtiger als der Umfang einer Maßnahme sei ihre Kontinuität, erklärt die Physiotherapeutin. Es gehe darum, das Thema in den Köpfen wachzuhalten und zu verankern. "Wenn man durch viele kleine Aktionen zeigen kann: 'Gesundheitsschutz lohnt sich!', hat man die meisten mit im Boot."

Auf die Haltung kommt es an

Neues vom Rücken

Rückgrat beweisen: Eine Führungsaufgabe in gesunden Betrieben.
(Foto: Fotolia/New Africa)

Prävention beginnt also im Kopf: Verantwortliche und Beschäftigte im Betrieb müssen ihre Möglichkeiten kennen und sie nutzen wollen. Diese Erkenntnis wird von einer aktuellen Erhebung unter dem Titel "Prävention macht stark - auch Deinen Rücken" gestützt.

Fünf Jahre lang untersuchte die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA), wie sich Risikofaktoren für Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) erfolgreich reduzieren lassen. Dazu entwickelte das Netzwerk aus Bund, Ländern, Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden unter anderem "Prinzipien guter Praxis" und nahm branchenübergreifend über 13.000 Betriebe unter die Lupe.

Die Auswertung der Betriebsbesichtigungen zeigt insbesondere, wie sehr es auf die Führungskräfte ankommt: Dort, wo sie ein vorbildliches Präventionsverhalten vorleben und unterstützen, erzielen Unternehmen in allen MSE-relevanten Bereichen deutlich bessere Ergebnisse.

"Optimale betriebliche Voraussetzungen stärken die individuelle Gesundheitskompetenz. Sie sorgen also auch dafür, dass Beschäftigte sich bewusst sind, worauf es ankommt und was sie selbst tun können", erklärt Jutta Lamers, die das GDA-Arbeitsprogramm MSE leitete. "Eine besondere Rolle spielen dabei die Haltung und das unterstützende Engagement der Führungskraft." Weitergetragen wird diese Haltung ins Unternehmen vor allem durch eine offene Kommunikationskultur.

Gefährdungsbeurteilung als Analyse- und Planungsinstrument

Ein durchdachtes Präventionskonzept kann es aber nur geben, wenn zunächst systematisch geschaut wird, welche Risiken am Arbeitsplatz bestehen - und welche Schutzmaßnahmen sie wirksam minimieren können. Das bewährte Instrument dafür: die Gefährdungsbeurteilung.

Umso erstaunlicher, dass sie vielerorts eher stiefmütterlich gehandhabt wird. Nur etwas mehr als jedes zweite Groß-, Klein- und mittelständische Unternehmen, das für die GDA-Erhebung besucht wurde, führt eine ordnungsgemäße Gefährdungsbeurteilung durch (56 Prozent). Ebenso vernachlässigt wird die Unterweisung der Beschäftigten am Arbeitspatz: Nur jeder zweite Betrieb nimmt die gesetzliche Vorgabe vollständig wahr. Oder anders gesagt: Hier liegen derzeit noch einige ungenutzte Chancen für die Rückengesundheit brach.

Insbesondere Klein- und Kleinstbetriebe tun sich mit der Gefährdungsbeurteilung schwer. Zugleich aber sind sie besser als ihr Ruf: Auch wenn es großen Unternehmen scheinbar leichter fällt, die gesetzlichen Auflagen zum Arbeitsschutz zu erfüllen, gestalten doch auch die kleinen häufig Arbeitsplätze, -organisation und -abläufe gesundheitsgerecht.

Ganzheitlich vorgehen

Aus der Gefährdungsbeurteilung leiten sich verschiedene Maßnahmen ab, die die festgestellte Gefährdung minimieren oder beheben können. Sie müssen sinnvoll miteinander verknüpft werden. Hier kommt es wieder auf den Mix an, genauer gesagt: die Kombination aus Verhaltens- und Verhältnisprävention.

Die Erhebung zeigt, dass das in manchen Bereichen schon funktioniert. Zum Beispiel werden in über 90 Prozent der Betriebe die vorhandenen ergonomischen Arbeitsmittel auch tatsächlich genutzt. In drei Viertel der Betriebe werden die Beschäftigten zudem immer oder häufig an der Arbeitsplatzgestaltung beteiligt.

"Dieses integrierte Vorgehen nennen wir 'Gesundheitskompetenz in der Arbeitswelt'", erläutert Jutta Lamers. "Die zentrale Erkenntnis unserer Arbeit ist: Nur die ineinandergreifende Weiterentwicklung der betrieblichen Arbeitsbedingungen und die Förderung des individuellen Arbeitsverhaltens kann das Gefährdungsrisiko MSE effizient und nachhaltig reduzieren."

Anstoß von außen

Und wenn man trotz aller guten Vorsätze nicht vorankommt? "Dann holen Sie sich Hilfe von außen", rät Jutta Lamers. Dass die etwas bringt, belegt die GDA-Erhebung ebenfalls: Dort wurden Betriebe mit Arbeitsschutzmängeln ein zweites Mal besucht. Viele hatten in der Zwischenzeit ihre Bemühungen in allen MSE-relevanten Bereichen intensiviert. Beispielsweise bei der so wichtigen Durchführung der Gefährdungsbeurteilung: Die Zahl der Fälle, in denen sie in angemessener Güte vorlag, verdreifachte sich von 18 Prozent bei der Erst- auf 59 Prozent bei der Zweitbesichtigung.

Fazit: "Aufsicht wirkt und hilft!", so Jutta Lamers. Das bestätige die Präventionsarbeit der BGW, die für Betriebe ein vielfältiges Unterstützungsangebot zur Rückengesundheit bereithält: "Wir bieten Beratung, Begleitung und Qualifizierung. Da sollte für jeden Bedarf etwas dabei sein - nutzen Sie es, um Ihr Unternehmen in Bewegung zu setzen!"

Denn dass viele Menschen sich zu wenig bewegen, ist nur eine Seite der Medaille. Mindestens genauso wichtig ist, auch auf betrieblicher Ebene den Stein ins Rollen zu bringen. Mit der entsprechenden Haltung und einer passenden Strategie lassen sich dann langfristige Veränderungen bewirken. Hierin liegt vielleicht keine brandneue, aber wohl die bedeutsamste Erkenntnis beim Dauerthema Rücken.

Erfolgreiche Prävention - kurz gefasst

  1. Alle mit ins Boot nehmen
  2. Verantwortliche benennen, die sich kümmern
  3. Ressourcen bereitstellen: Zeit, Geld, Menschen und Material
  4. Ziele formulieren, die schrittweise erreichbar sind, und Gründe, warum sich etwas verändern soll
  5. Ein vertrauensvolles Betriebsklima schaffen, in dem offen kommuniziert und mit Fehlern
    konstruktiv umgegangen wird
  6. Alle Maßnahmen in ein wirksames Gesamtkonzept zum betrieblichen Gesundheitsmanagement
    einbinden

Was Beschäftigte tun können

  • Risiken kennen: bewegungsarme Tätigkeit, hoher Kraftaufwand, häufige Wiederholungen, Heben und Tragen, Vibrationen, Schieben und Ziehen, Zwangshaltungen
  • Wissen erweitern: Was könnte zu gesundheitlichen Beschwerden führen?
  • Warnsignale wahrnehmen und ihre Ursache erkunden
  • Arbeit gestalten: vorhandene Maßnahmen und Mittel prüfen, Probleme ansprechen, Unterstützung holen
  • Verhalten ändern: die eigenen Möglichkeiten konsequent nutzen
  • Dabeibleiben: neue Verhaltensweisen so lange trainieren, bis sie zur Selbstverständlichkeit werden
  • Sich helfen lassen!
  • Mehr dazu: Handlungshilfe für Beschäftigte (GDA-Arbeitsprogramms Rücken)

Autor(en): Petra Bäurle, Anja Hanssen

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