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Übergriffe bei der Arbeit: Noch viel Handlungsbedarf

BGW mitteilungen, Ausgabe 1/2019

Das Tabuthema, das es einmal war, ist es mittlerweile nicht mehr. Doch noch immer fehlen vielerorts Strategien gegen Gewalt am Arbeitsplatz. Vor allem im Pflege- und Betreuungsbereich muss mehr dafür getan werden, Sicherheit für Beschäftigte zu gewährleisten. Dazu gehört auch, dass Betroffene auf die Unterstützung ihres Unternehmens zählen können.

Studie: Belastungen durch Aggression und Gewalt

Übergriffe bei der Arbeit: Noch viel Handlungsbedarf

Ergebnisse einer BGW-Studie: Welcher Art war die in den letzten zwölf Monate erlebte Gewalt?
(Foto: BGW/in.signo)

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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In einer Studie der BGW gaben knapp 80 Prozent der rund 2.000 befragten Beschäftigten aus Altenpflege, Krankenhäusern und Behindertenhilfe an, dass sie in den letzten zwölf Monaten am Arbeitsplatz Gewalt erlebt hatten. Die meisten davon verbale, viele aber auch körperliche Gewalt. Fast zwei Drittel fühlten sich von ihren Einrichtungen auf solche Übergriffe nicht gut vorbereitet.

Zugleich wussten 60 Prozent der befragten Beschäftigten nicht, dass es sich in der Regel um einen Arbeitsunfall handelt, der durch die gesetzliche Unfallversicherung abgedeckt ist. Selbst Leitungskräfte hatten hier deutliche Wissenslücken.

Dabei profitieren Betroffene in diesem Zusammenhang von umfangreichen Hilfsangeboten der BGW - und zwar schon bevor gesundheitliche Folgen sichtbar werden. Unter anderem kann schnell Erste Hilfe für die Psyche geleistet werden, beispielsweise durch telefonisch-psychologische Beratung oder erste Therapiesitzungen ohne Wartezeit. Außerdem unterstützt die BGW Unternehmen bei der Planung ihres Vorgehens in Sachen Gewalt.

In der Studie zeigte sich weiterhin, dass zwar oft die unternehmensinterne Meldung von Vorfällen funktioniert, zumindest auf Seiten der Beschäftigten. Doch noch fehlt es vielen Einrichtungen an wirksamen Gesamtkonzepten. Dabei legt die Studie nahe, dass eine gute Vorbereitung auf mögliche Übergriffe das Belastungsempfinden der Betroffenen reduzieren kann.

Leitungskräfte nannten vor allem Fallbesprechungen/Supervision (91 Prozent) als Präventionsangebot in ihrer Einrichtung. Bei Nachsorgegesprächen (69 Prozent) oder Handlungsanleitungen (47 Prozent) schaut es schon deutlich schlechter aus. Auch Deeskalationstrainings werden nicht flächendeckend angeboten: Knapp 42 Prozent der befragten Beschäftigten hatten ein Training absolviert.

Ein Fallbeispiel: Wie es nicht laufen sollte

Übergriffe bei der Arbeit: Noch viel Handlungsbedarf

Auch fehlende Unterstützung nach Gewaltereignissen kann schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben.
(Foto: Fotolia/Chinnapong)

In einer Beratungs- und Wohneinrichtung kam es zu einem sexuellen Übergriff. Eine Mitarbeiterin, die erst wenige Wochen dort tätig war, suchte einen Bewohner in seinem Zimmer auf, um ihm Unterlagen auszuhändigen. Nach der Tat meldete sie den Übergriff, erhielt aber keine unmittelbare Unterstützung.

Es wurde keine Erste Hilfe geleistet. Sie wurde weder zu einer ärztlichen Untersuchung noch zur Polizei geschickt. Auf dem Weg nach Hause wurde sie nicht begleitet. Auch als die betroffene Mitarbeiterin eigenständig die Polizei aufsuchte, um den Vorfall anzuzeigen, wurde keine Begleitung angeboten.

Die Beschäftigte fühlte sich auch in der Folgezeit allein gelassen und psychisch stark belastet. Erschwerend kam hinzu, dass sie Angst um ihren Job hatte und daher versuchte, trotzdem "zu funktionieren". Eine angemessene Nachbetreuung im Betrieb erfolgte nicht.

Erst Monate später wurde der BGW der Vorfall gemeldet. Es stellte sich heraus, dass die Beteiligten im Unternehmen nicht gewusst hatten, dass es sich auch bei sexuellen Übergriffen um Arbeitsunfälle handelt. Zudem wurde das Geschehen falsch eingeschätzt, da der Beschäftigten kaum etwas anzumerken gewesen sei.

Erst durch die nach der Unfallmeldung sofort von der BGW eingeleiteten Maßnahmen kam es zu einem "Aha"-Effekt im Betrieb und dem Versuch, etwas wiedergutzumachen und ähnliche Vorfälle zukünftig zu verhindern. Die Beschäftigte wird mittlerweile engmaschig vom Reha-Management der BGW betreut.

Analyse des Fallbeispiels: Was ist hier schiefgelaufen?

  • Die Gefährdungsbeurteilung war unvollständig: Gefährdungen durch Alleinarbeit und Zimmerbesuche waren darin nicht berücksichtigt. So wurden auch keine geeigneten Schutzmaßnahmen abgeleitet und umgesetzt.
  • Im Betrieb war zwar ein Notfallplan vorhanden, dieser war jedoch nicht bekannt. Der Grund dafür war, dass keine Unterweisung aller Beschäftigten, insbesondere auch der Führungskräfte, zur Gewaltprävention und zum Vorgehen nach Übergriffen stattgefunden hatte. Damit lief der Notfallplan ins Leere.
  • Die Führungskräfte kannten die im Notfallplan beschriebenen Regelungen zur Soforthilfe nicht: Diese sollen verhindern, dass jemand nach einem Übergriff allein bleibt oder zusätzliche Belastungen entstehen.
  • Auch für das spätere Vorgehen gab es keine Richtschnur - obwohl sich gerade psychische Belastungen häufig erst zeitverzägert bemerkbar machen. Es fanden insbesondere keine strukturierten nachfolgenden Gespräche mit der Betroffenen statt und es wurde nicht hinterfragt, ob sie ihrer Tätigkeit tatsächlich unverändert nachgehen konnte. Warnsignale wie einerseits Ausfallzeiten und andererseits auffällige Überstunden wurden nicht in Verbindung mit dem Vorfall gebracht.
  • Vor allem aber war den Beteiligten im Betrieb nicht bewusst, dass es sich um einen Arbeitsunfall handelte. Entsprechend wurde der Übergriff lange nicht an die BGW gemeldet und die Betroffene auch nicht auf die Hilfsangebote der BGW aufmerksam gemacht.

Handlungshilfe: Worauf es im Betrieb ankommt

  • Gefährdungsbeurteilung: Am Anfang geht es immer darum, mögliche Gefährdungen für Beschäftigte zu identifizieren, zu beurteilen und geeignete Maßnahmen umzusetzen. Das erprobte Instrument dafür ist die Gefährdungsbeurteilung. Allerdings greift sie nur, wenn alle Tätigkeiten und Besonderheiten berücksichtigt werden. Gerade auch Aspekte wie Neulinge im Betrieb oder Alleinarbeit spielen hier eine wichtige Rolle.
  • Schutzmaßnahmen mit Wirkungskontrolle: Die Maßnahmen müssen auch im Alltag zuverlässig funktionieren. Wichtig ist daher, stets alle Beteiligten einzubeziehen, sie umfassend zu informieren sowie regelmäßig zu überprüfen, ob der angestrebte Schutz tatsächlich gewährleistet ist.
  • Unterweisung: Von der Qualität der Unterweisung hängt vieles ab, denn erst mit ihrer Hilfe werden Schutzmaßnahmen konkret. Die Unterweisung sensibilisiert Beschäftigte und Führungskräfte für die Gefährdungen am jeweiligen Arbeitsplatz. Sie zeigt auf, wie man diese vermeiden kann - und was im Notfall zu tun ist. Unterweisungen müssen daher gut vorbereitet sein und regelmäßig erfolgen.
  • Gute Vorbereitung: Mitarbeitende wie Führungskräfte erhalten durch eine möglichst detaillierte Planung im Vorfeld Sicherheit, wie sie in solchen Situationen vorgehen: Wer muss informiert werden? Wer übernimmt die Erstbetreuung von Betroffenen und führt zum Beispiel ein Auffanggespräch? Wer begleitet sie in der ersten Zeit? Wo lässt sich das im Zweifel alles schnell nachlesen?
  • Bewusstseinsbildung: Bei allen Beteiligten im Unternehmen ist ein Problembewusstsein zu schaffen. Nur so werden Ereignisse nicht bagatellisiert oder ihre Folgen ignoriert. Eine offene Kommunikationskultur stellt sicher, dass angemessen reagiert werden kann.
  • Erste Hilfe und Erstbetreuung: Das erste Augenmerk gilt immer der betroffenen Person: Ist sie jetzt in Sicherheit? Ist sie verletzt? Erste Hilfe anzubieten, eine angstfreie Atmosphäre zu schaffen und Anteilnahme zu vermitteln, ist unverzichtbar - das sollten alle Beteiligten vor Ort wissen. Zeit für die Unfallanalyse ist dagegen später immer noch. Außerdem sollte niemand nach einem Vorfall allein bleiben. Ist eine ärztliche Behandlung notwendig, erfolgt diese beim Durchgangsarzt oder bei der Durchgangsärztin, da es sich in der Regel um einen Arbeitsunfall handelt. Achtung: Nicht alle Verletzungen sind auf den ersten Blick zu erkennen.
  • Polizei: Bei schwerwiegenden Vorfällen ist es wichtig, sofort Beweise sicherzustellen. Opfer von sexuellen Übergriffen sollten sich aber beraten lassen, bevor sie Strafanzeige bei der Polizei erstatten, damit ihnen die Konsequenzen eines solchen Verfahrens klar sind.
  • Dokumentation: Die betriebliche Dokumentation von Vorfällen sichert einerseits die Beteiligten rechtlich ab. Andererseits bildet sie die Grundlage für die regelmä§ig zu aktualisierende Gefährdungsbeurteilung: Hier wird deutlich, wo Risiken auftreten und ob vorhandene Maßnahmen wirken. Außerdem lassen sich spätere gesundheitliche Folgen für Betroffene auf den jeweiligen Vorfall zurückführen. Es ist daher ratsam, auch vermeintliche Bagatellvorfälle zu dokumentieren.
  • Meldung Arbeitsunfall: Die BGW sorgt für die bestmögliche medizinische Behandlung und stellt sicher, dass ihre Versicherten wieder am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilhaben kännen. Das gilt auch für psychische Folgen von Gewaltereignissen. Damit Leistungen erfolgen kännen, muss der Betrieb den Unfall melden. Aber auch Betroffene selbst können sich an die BGW wenden. Darüber hinaus benachrichtigen D-Ärztinnen oder D-Ärzte die BGW.
  • Nachbereitung: Nach einem Übergriff kann nicht gleich wieder zur Tagesordnung übergegangen werden. Für die Nachbearbeitung sollten sich Führungskräfte Zeit nehmen, mit der betroffenen Person die Ereignisse und vor allem den weiteren Umgang mit dem Erlebten zu besprechen. Sind Veränderungen am Arbeitsplatz nötig? Welche Unterstützung kann gegeben werden? Womöglich zeigen sich auch erst später Auffälligkeiten. Dann sollten Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen diese Warnsignale nicht übergehen, sondern ansprechen und Hilfe vermitteln. Es gilt also, Betroffene aufmerksam zu begleiten - dazu beitragen können auch Sicherheitsbeauftragte, die betriebliche Interessenvertretung oder Arbeitsschutzfachleute.

Info: Wann ist ein Gewaltereignis der BGW zu melden?
Bei Arbeitsunfällen gilt generell eine Meldepflicht, sobald es zu einer über drei Kalendertage hinausgehenden Arbeitsunfähigkeit kommt oder ein Todesfall vorliegt. Doch bei Gewalt- oder anderen Extremereignissen können psychische Folgen zeitverzögert auftreten. Daher empfiehlt die BGW:

  1. Extremereignisse immer melden*: insbesondere schwere Körperverletzungen, Sexualdelikte oder (Raub-)Überfälle, auch auf dem Arbeitsweg. Dabei müssen auch Beschäftigte berücksichtigt werden, die das Geschehen miterlebt oder Betroffenen geholfen haben und dadurch ebenfalls psychisch belastet sein können.

    *Achtung: Sofern keine Meldepflicht für den jeweiligen Arbeitsunfall besteht, muss für die Meldung an die BGW die Zustimmung der versicherten Person vorliegen!

  2. Gewaltereignisse immer dann melden*, wenn psychische Auffälligkeiten bei direkt oder indirekt betroffenen Beschäftigten bemerkbar werden. (Siehe Hinweis zu 1.)
  3. Bei häufigem Auftreten von Gewalt im Betrieb individuell Kontakt mit der BGW aufnehmen. Das gilt vor allem, wenn es regelmäßig jeden Monat oder gar täglich zu Vorfällen kommt und ein hohes Risiko von psychischen Folgen für die Beschäftigten absehbar ist.

Autor(en): Anja Hanssen

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