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Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz: Eskalation statt Deeskalation

BGW mitteilungen, Ausgabe 2/2018

Die aktuelle Debatte über sexuelle Beleidigungen und Übergriffe verdeutlicht vor allem eines: Viel zu lange wurde über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz geschwiegen. Dabei finden sie seit jeher statt: zwischen Führungskräften und Untergebenen, Kolleginnen und Kollegen, Fachkräften und unterstützungsbedürftigen Personen. Was lässt sich im Unternehmen dagegen tun?

#MeToo

"Ich arbeite als Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sexuelle Belästigung passiert da fast täglich", berichtet eine Betroffene anonym im Internet. "Fast jeden Nachtdienst, wenn ich die Patienten abends frage, ob sie noch etwas brauchen, höre ich Kommentare wie: ‚Naja, Sie könnten sich zu mir ins Bett legen.‘ Oder: ‚Ein Gutenachtkuss wäre toll‘." (Quelle: https://news.kununu.com/metoo-sexuelle-belaestigung-am-arbeitsplatz, Abruf 30. Oktober 2017)

Reden statt schweigen

"Im Beispiel wird die persönliche Integrität der Pflegekraft schwer verletzt", urteilt Dr. Heike Schambortski, Präventionsexpertin der BGW für den Umgang mit sexueller Gewalt am Arbeitsplatz. "In Fällen wie diesem sollten die Betroffenen deutlich Grenzen aufzeigen und den Konflikt sogar eskalieren lassen." Das überrascht. Eskalieren lassen? Überall ist von Deeskalation die Rede. Jetzt sollen Frauen und Männer Konflikte zuspitzen, statt sie zu entschärfen?

"Ja", lautet die schlichte Antwort der Arbeits- und Organisationspsychologin. "Hier geht es um Selbstbehauptung, nicht um die Beruhigung des Gegenübers. Bei sexuellen Übergriffen muss man den Belästiger, die Belästigerin sofort zurückweisen. Das geht nicht durch beschämtes Schweigen." Dabei gilt immer: Auch wer sich nicht gleich abgrenzen kann, trägt niemals Schuld an dem Vorfall. Schambortski: "Im Nachhinein Vorwürfe zu machen im Sinne von ‚Warum hast du dich nicht gewehrt?‘, fügt dem Opfer eine weitere Verletzung zu und fördert ein Klima, in dem solche Erlebnisse nicht mehr thematisiert werden."

Laut aussprechen, was ist

Frau macht eine abwehrende Handbewebung

Stopp! Bis hierher und nicht weiter! Wichtig ist es, Klarheit zu schaffen.
(Foto: Fotolia/DDRockstar)

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Schambortski empfiehlt betroffenen Personen das "Drei-Schritte-Modell":

  1. aussprechen, was gerade passiert ist,
  2. sagen, was das mit einem macht,
  3. fordern, was das Gegenüber zukünftig tun oder lassen soll.

Im Fall der Krankenpflegerin hätte ihre Reaktion lauten können: "Sie haben gerade gesagt, ich solle zu Ihnen ins Bett kommen! Das verletzt mich. Unterlassen Sie das!"

"Die belästigende Person muss sofort begreifen, dass sie eine Grenze überschritten hat", so Schambortski. "Das Hilfreiche an dem Drei-Schritte-Modell ist, dass es so einfach ist. Viele Menschen glauben, sie müssten auf sexuelle Belästigungen besonders kreativ und schlagfertig reagieren. Die meisten aber sind geschockt und sprachlos. Sie brauchen ein einfaches Ritual, das ihnen hilft, schnell zu reagieren."

Auch auf Diskussionen soll man sich keinesfalls einlassen: "Egal, was das Gegenüber sagt: Wer sich verletzt fühlt, hat Recht. Und was eine Verletzung ist, bestimmt die verletzte Person, nicht die verletzende."

Selbstsicher auf Belästigungen zu reagieren, ist aber für die meisten Menschen schwierig. Im Unternehmen sollten deshalb entsprechende Trainings angeboten werden.

Viele Betroffene

In ähnlicher Weise eignet sich das Eskalations-Modell auch für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber: Sie müssen das Problem erkennen, aussprechen und betriebliche Forderungen formulieren. Der Schutz der sexuellen Integrität und Unverletzbarkeit der Beschäftigten ist ihre Aufgabe. Sie tragen die Verantwortung dafür, dass Betroffene angstfrei darüber sprechen können. Nur dann ist Prävention möglich.

Die Verpflichtung wird laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2015 jedoch eher selten wahrgenommen. So berichtete zwar jede zweite Frau und mehr als jeder zweite Mann, schon selbst eine der im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) genannten Belästigungssituationen erlebt zu haben. Doch zwei Drittel der Personalverantwortlichen und Betriebsräte sagten aus, dass es in ihrem Unternehmen keine Leitlinie zum Umgang mit sexueller Gewalt gebe. Nur jedes zweite Unternehmen verfügte über eine Beschwerdestelle.

Was ist Scherz, was Sexismus?

Und selbst wenn es ein Verfahren zum Umgang mit Belästigungen gibt, muss es funktionieren. Nicht dass jemand Hilfe sucht und der Vorfall als Bagatelle abgetan wird.

"Das ist nach wie vor ein Problem", bestätigt Dr. Heike Schambortski. "Menschen nehmen unterschiedlich wahr, was eine sexuelle Belästigung ist und wie schwer sie die betroffene Person verletzt." Dabei seien im beruflichen Kontext die Grenzen klar gesetzt: "Alle Worte und Handlungen, die Männer und Frauen in ihrer Sexualität spiegeln, haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen", so Schambortski. Wenn man sich unsicher sei, ob eine Aussage oder Handlung sexistisch sein könnte, solle man sie in Gedanken an eine nahestehende Person adressieren. "Wenn jemand der eigenen Tochter sagen würde: ‚Du siehst heute aber wieder sexy aus!‘, fühlt sich das sofort falsch an."

Über Leitlinien Bewusstsein und Transparenz schaffen

Nicht immer aber sind Ignoranz oder unterschiedliche Wahrnehmungen Ursache der Untätigkeit. "Auch Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber haben Schwierigkeiten, über sexuelle Gewalt zu sprechen", so die Präventionsexpertin. Sie empfiehlt, das Thema zum Teil der betrieblichen Präventionskultur zu machen. Dadurch verliert es seinen Sonderstatus und wird in ein übergeordnetes Arbeitsschutz-Konzept integriert.

Im ersten Schritt sollte eine Leitlinie erarbeitet werden. "Sie schafft ein gemeinsames Verständnis darüber, was sexuelle Belästigung ist und wie damit umgegangen werden soll", erläutert Schambortski. "Allein das Vorhandensein der Leitlinie schafft ein Klima der Offenheit und Transparenz und ermutigt betroffene Personen, sich anzuvertrauen."

Die Leitlinie sollte klar aufzeigen, wer Ansprechperson ist, welche konkreten Maßnahmen zum Schutz der betroffenen Person und im Umgang mit dem Belästiger, der Belästigerin ergriffen werden, wie der Fall bearbeitet und die Nachsorge gestaltet wird.

Sozialbereich nicht häufiger betroffen als andere Branchen

Die Annahme, Menschen in helfenden Berufen seien besonders gefährdet, kann Schambortski nicht bestätigen. Allerdings kann der intensive Kontakt zwischen begleitender und begleiteter Person sowie das zumeist bestehende Vertrauensverhältnis zu eklatanten Missverständnissen führen. Auch wird in Einrichtungen mit Unterstützungsauftrag sexuelle Belästigung häufiger bagatellisiert ("War doch nur ein Scherz") oder den Fachkräften abverlangt, Übergriffe zu erdulden ("Der kann doch nichts dafür!").

"Dabei offenbaren solche Aussagen nur, dass sich Personal und Unterstützungsbedürftige nicht aufAugenhöhe begegnen", kritisiert Schambortski. "Auch Demenzkranke verstehen klar gesetzte Grenzen, besonders, wenn sie durch eine eindeutige Körpersprache signalisiert werden: sich aufbauen, groß machen, mit Armen und Händen Abstand symbolisieren." Sexuelle Belästigungen sind sexuelle Belästigungen – egal von wem sie kommen.

Betroffene schämen sich fast immer

Kolleginnen und Kollegen tuscheln hinter dem Rücken eines Mannes

Männer, die Opfer von sexueller Belästigung werden, tragen oft schwer an der Scham.
(Foto: Fotolia/vectorfusionart)

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Das größte Hindernis im Kampf gegen sexuelle Belästigungen ist die Scham. Hier nimmt Dr. Heike Schambortski auch die Betroffenen in die Pflicht: "Sie müssen lernen, klare Grenzen zu setzen, gegenüber belästigenden Personen einheitlich aufzutreten, sich im Akutfall Unterstützung zu holen."

Männer tun sich damit noch schwerer als Frauen. "Es gehört nicht zur Tradition des Männlichseins, belästigt und beschämt zu werden. Sexuelle Übergriffe von Männern auf Männer haben nichts mit Homosexualität zu tun, sondern mit Macht. Damit werden Betroffene doppelt verletzt: in ihrer sexuellen Integrität als Mann und ihrer persönlichen Autonomie als Mensch."

Ein offenes, vertrauensvolles Betriebsklima, der kontinuierliche Austausch, Schulungen und Unterweisungen können helfen. Aber: "Es gibt kein Allheilmittel", so Schambortski. "Das Wichtigste ist, das Thema ernst zu nehmen und sich gemeinsam auf den Weg zu machen."

Betriebliche Maßnahmen im Umgang mit sexueller Gewalt

  1. Dienstvereinbarung oder Leitlinie erstellen (nachahmenswert: die "Leitlinie zum Umgang mit sexualisierter Diskriminierung und Gewalt" der medizinischen Hochschule Hannover)
  2. Ansprechperson(en) festlegen und schulen
  3. Gefährdungsbeurteilung durchführen
  4. Notfallkonzept erstellen: Was ist im Akutfall zu tun?
  5. Thema offen in Team- und Dienstbesprechungen ansprechen
  6. Gemeinsame Linien und Verhaltensregeln im Umgang mit potenziellenBelästigern, Belästigerinnen festlegen ("mit einer Stimme sprechen")
  7. Arbeitsorganisation und -abläufe ändern (beispielsweise Alleinarbeit mit bekannt belästigenden unterstützungsbedürftigen Personen vermeiden)
  8. Nachsorgemaßnahmen organisieren

Veranstaltungstipp: Pflegekongresse der BGW

Die Gewaltproblematik in der Pflege spielt auch auf zwei Kongressen der Reihe "BGW forum" zum Gesundheitsschutz in der Altenpflege eine wichtige Rolle: am 13./14. Juli in Würzburg und am 2./3. November in Dresden. Jetzt informieren und anmelden!

Autor(en): Petra Bäurle

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20.03.2018

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