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Dialyse: Belegungszeiten neu denken

BGW mitteilungen, Ausgabe 2/2018

Wie lässt sich psychischer Belastung der Beschäftigten wirkungsvoll begegnen? Ausgehend von dieser Frage hat das KfH-Nierenzentrum Darmstadt einen Paradigmenwechsel gewagt: Eine komplette Neuorganisation des Belegungsplans schafft jetzt eine ruhigere Arbeitsatmosphäre.

Nierenkranke müssen regelmäßig zur Dialyse, damit das Blut von Giftstoffen gereinigt werden kann. Dann steht zum Beispiel jeden Montag, Mittwoch und Freitag für vier bis fünf Stunden der Anschluss an das Dialysegerät an.

Für die Dialyseeinrichtungen bedeutet das in der Regel: Die Patientinnen und Patienten sind auf feste Plätze verteilt, kommen zu ähnlichen Zeiten, aber für eine individuelle Behandlungsdauer. Während der An- und Abschlussphasen herrscht vielfach Unruhe und Zeitdruck für das Personal – als Folge nicht weiter aufeinander abgestimmter, variierender Anschlusszeiten.

Hauptbelastung: Arbeitsdichte in Stoßzeiten

Genau das entpuppte sich im Nierenzentrum Darmstadt als ein wesentlicher Belastungsschwerpunkt für die Pflegefachkräfte. Das Zentrum – das zum Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation (KfH) gehört – hatte im Rahmen eines unternehmensweiten Kooperationsprojekts mit der BGW die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung gestartet. Erster Schritt war eine Befragung der Beschäftigten, deren Ergebnisse in einem Steuerkreis ausgewertet wurden. Zur Bearbeitung der Einzelthemen und Umsetzung von Maßnahmen wurde eine Arbeitsgruppe aus ärztlicher Leitung, Pflegedienstleitung sowie sieben Mitarbeitenden aus der Pflege eingerichtet – zwei davon vom Betriebsrat. Hinzu kam eine externe Moderatorin der BGW.

Die Arbeitsgruppe kümmerte sich zuerst einmal um das mit hoher Priorität versehene Thema An- und Abschlusszeiten. Bei genauerer Analyse stellte sich heraus, dass in erster Linie das Zeitkontingent beim Abhängen vom Dialysegerät kritisch war – dort kam es häufiger zu Engpässen, die als Belastung empfunden wurden.

Lösung: Platzbezogene feste Dialysezeiten

Abhilfe soll ein neues Belegungskonzept schaffen. Anders als in Dialyseeinrichtungen sonst üblich, sind die Betten nicht mehr fest vergeben.

Der Belegungsplan fußt vielmehr auf festen Zeiten für 
jedes Bett – und einer entsprechend variablen Zuteilung der Patientinnen und Patienten, je nach ihren individuell nötigen Dialysezeiten.

Basis ist ein 20-Minuten-Rhythmus, der in jedem Fall eingehalten werden soll. Die Zeiten sind unter anderem auf Tafeln über den Betten verzeichnet. Jedes der 6-Bett-Zimmer wird im Uhrzeigersinn von links nach rechts belegt – so hat auch eine Pflegekraft, die vorübergehend einspringt, schnell den Überblick. Weitere Details sind in einer Arbeitsanweisung festgehalten.

Für die Beteiligten hat das neue Vorgehen vieles verändert. Das Fazit nach rund einem Jahr kann sich dabei sehen lassen: Die Arbeitsdichte wurde deutlich entzerrt. Bei der Auswertung der bisherigen Erfahrungen bestätigte eine große Mehrheit der Pflegefachkräfte: Jetzt bleibt in der Regel genügend Zeit, begonnene Arbeitsabläufe ungestört zu beenden. Die Veränderung fällt sogar externen Fachleuten auf, die in die Einrichtung kommen, wie sich inzwischen gezeigt hat. Über deren spontanes, positives Feedback freut man sich in Darmstadt besonders.

Was die Beteiligten sagen

  1. Der Pflegedienstleiter
  2. Die Beraterin und Moderatorin
  3. Der Leitende Arzt

Porträtfoto: Horst Loebel

Horst Loebel, Pflegedienstleiter
(Foto: privat)

Horst Loebel

"Die Umsetzung war erst einmal ein großes Problem, da einige Mitarbeitende ihre Arbeitsweise umstellen mussten. Auch für die Patientinnen und Patienten gab es natürlich eine Umstellung. Zimmer- beziehungsweise Patientengemeinschaften wurden aufgelöst.

Aber es hat etwas gebracht: Bei zwei unabhängigen Zentrumsbegehungen durch Fremdpersonal – einem Audit und einer Hygienebegehung – wurde uns eine ruhigere Arbeitsatmosphäre bescheinigt.

Zusätzlich wurde wie gewünscht mehr Zeit für die Hygienemaßnahmen an den Patientinnen und Patienten gewonnen. Das konnten wir auch diesen gegenüber sehr gut als Erklärung für unsere Umstellungsmaßnahmen nutzen – die meisten akzeptierten das Argument, da sie selbst einen Gewinn verspürten."

Julia Ludwig-Hartmann

"Das außerordentliche Arbeitstempo der Pflegefachkräfte während der An- und Abschlussphasen stellt allerorts eine Herausforderung in der Dialyse dar.

Im Schichtbetrieb führen oft schon kleine Abweichungen zu Zeitdruck und Stress. Auch die Patientinnen und Patienten spüren das – für sie ist das Gefühl, gut versorgt zu werden, besonders wichtig, schließlich verbringen sie viel Zeit bei der Dialyse. Das KfH-Nierenzentrum Darmstadt hat hier Pionierarbeit geleistet – zugunsten der Behandlungsqualität und der Zufriedenheit auf beiden Seiten.

Der Veränderungsprozess war komplex. Wichtig war deshalb, dass alle im Behandlungsteam systematisch eingebunden und motiviert wurden. So ließ sich der neue Ansatz konsequent und einheitlich im Team umsetzen. Das ging jedoch nicht ohne die Aufklärung der Patientinnen und Patienten. Sie mussten Verständnis aufbringen und trotz der für sie doch erheblichen Veränderungen die Maßnahmen mittragen."

Tipp: Lesen Sie mehr über Julia Ludwig-Hartmann, die sich auch für die Kampagne "kommmitmensch" und damit für eine gute Präventionskultur engagiert!

Dr. med Marc Brogsitter
... zur Frage, was für ihn "Präventionskultur" ist:

"Präventionskultur ist die Möglichkeit, seine Arbeit zu reflektieren und somit den eigenen Arbeitsplatz positiv zu gestalten."

Tipp:

Lesen Sie weitere Zitate zur Präventionskultur

- eine BGW-Aktion zur Kampagne "kommmitmensch" der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen -

... und reichen Sie selbst ein Zitat ein!

Autor(en): Anja Hanssen

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