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Rückengerecht arbeiten in der Kita

BGW mitteilungen, Ausgabe 1/2018

Jede zweite Fachkraft in Kindertagesstätten leidet unter Schmerzen in Rücken, Muskeln und Gelenken. Ergonomische Arbeitsbedingungen und Verhaltensweisen könnten helfen, doch häufig fehlt die 
Zeit und Kraft, sich intensiver damit auseinanderzusetzen. 
Dabei lohnt sich Ergonomie in der Kita gleich doppelt, denn sie fördert auch die Entwicklung der Kinder.

Porträt: Bianca Milde

Bianca Milde hat schon viele Kitas beraten.
(Foto: privat)

Sich selbst bezeichnet Bianca Milde als "Streetworkerin": "In fünf Jahren habe ich wohl an die 200 Kitas besucht und zahlreiche Gespräche mit Leitungen und Beschäftigten über das Gesundheitsrisiko Muskel-Skelett-Erkrankungen geführt", erzählt die BGW-Präventionsberaterin. Ihr Thema ist die Sicherheit und Gesundheit von Beschäftigten, vor allem in Klein- und Kleinstbetrieben.

Milde hat Einrichtungen von der kleinen Elterninitiative mit drei Angestellten bis hin zur sechszügigen Einrichtung im Schichtdienst kennengelernt. Die Herausforderungen sind überall ähnlich: "Der Arbeitsalltag ist oft von einer hohen Arbeitsdichte und großen Aufgabenvielfalt geprägt. Erschwert wird die Situation, wenn dann noch die Ausstattung unzureichend ist und das Personal knapp", so die Fachkraft für Arbeitssicherheit. Unter Druck gerate ergonomisches Verhalten dabei schnell aus dem Blick.

Hier gilt es anzusetzen: "Die wichtigste Erkenntnis ist: Ergonomie und Pädagogik ergänzen einander, sind lediglich zwei Seiten einer Medaille", sagt Milde. "Wenn ich ein Kind zur Selbstständigkeit anleite, indem ich es beispielsweise ermuntere, sich selbst anzuziehen, handle ich pädagogisch wertvoll: Ich traue dem Kind etwas zu, fördere seine Motorik und Autonomie – und tue zugleich etwas für meinen Rücken." Das koste im ersten Moment zwar mehr Zeit, diese spare sie am Ende aber wieder ein, da die vorhandene Zeit intensiver genutzt werden kann: als Ruhepause und Entlastung, Beziehungs- und Bildungsarbeit.

Viele haben "Rücken"

Muskel-Skelett-Beschwerden sind in Kitas das Gesundheitsrisiko Nummer eins: In einer Studie des Instituts für Arbeitsschutz ("Projekt ErgoKiTa") klagte die Hälfte der 265 befragten Kita-Leitungen über Rücken- und Kniebeschwerden, gefolgt von Schulter- und Hüftproblemen. Permanente Unter- oder Überforderung und ständig wiederholte ungünstige Körperhaltungen können zu Verspannungen und Beschwerden führen.

Hier setzt das im Arbeitsschutzgesetz verankerte T-O-P-Schutzprinzip an: Gesundheitsrisiken sollen zunächst über technische (T), dann organisatorische (O) und zuletzt personen- und verhaltensbezogene Maßnahmen (P) beseitigt oder zumindest minimiert werden. Kita-Träger und Einrichtungen sind gesetzlich verpflichtet, Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen ergonomisches Arbeiten möglich ist. Davon profitieren sie wiederum, schließlich können nur gesunde Beschäftigte ihre pädagogische Kompetenz voll und ganz nutzen und fallen nicht vermehrt aus.

Beispiel Wickeltisch: In einer von Bianca Milde betreuten Kita erledigten zwei Erzieherinnen 30 Wickelvorgänge pro Tag. Jede hob mehrfach bis zu zwölf Kilo schwere Kinder hoch und herunter. Um ihr Gesundheitsrisiko zu minimieren, wurde zunächst ein technisches Hilfsmittel (T) angeschafft: ein Wickeltisch mit Treppe. Damit ging einher, dass die Arbeit neu organisiert (O) werden musste: Für das Wickeln benötigten die beiden Erzieherinnen jetzt mehr Zeit. Nicht zuletzt mussten sie sich diese Zeit auch zugestehen (P).

Der Mix macht’s

Häufig aber fehlen das Geld, die Zeit und auch der Kopf für einen kompletten Neuansatz. Was also macht eine ergonomische Kita aus?

"Natürlich ist es wünschenswert, dass jede Einrichtung technisch bestmöglich ausgestattet ist", sagt Präventionsexpertin Bianca Milde. "Mit Aufstiegshilfen für den Wickelbereich, Erzieherinnenstühlen und Mobiliar, das sich leicht verschieben lässt, höhenverstellbaren Tischen und Stühlen für Büroarbeitsplätze. Auch Küche und Lagerräume sollten den ergonomischen Anforderungen der Hauswirtschaftskräfte und Reinigungskräfte entsprechen."

Wenn das aber nicht sofort möglich sei, "ist der Mix aus Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen die realistische Lösung", so Milde. "Entlang des Arbeitsalltags aus Anziehen, Essen, Wickeln, Spielen, Zähneputzen können Gesundheitsrisiken identifiziert und praktische Maßnahmen entwickelt werden."

Auch die Kinder könne man spielerisch einbeziehen. "Sie sind die strengsten Kontrolleure überhaupt", scherzt Bianca Milde. "Wenn man ihnen erklärt, dass man sie nicht mehr so viel heben kann, sollte man sich tunlichst an diese Verabredung halten. Sonst wird man täglich daran erinnert." Oder die Bewegungspause wird gemeinsam gestaltet. Dehn- und Streckübungen machten auch Kindern Spaß und erfüllten obendrein den Bildungsauftrag, ihre Bewegung zu fördern.

"Wenn man den Blick öffnet, geht viel mehr als gedacht", ermutigt Bianca Milde. Unterstützung biete auch der BGW-Strategietag Rücken. "Gemeinsam mit einem Berater oder einer Beraterin der BGW und den Personen, die in der Einrichtung Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz unterstützen, werden an einem Tag passgenaue, praktikable Lösungen entwickelt."

"Ich hab doch die Kraft!"

Auch wenn das Bewusstsein für ergonomisches Verhalten in den Kitas mittlerweile hoch sei, müsse es immer wieder aufgefrischt werden, sagt Milde. "Gerade junge Beschäftigte finden das eher lästig", hat sie beobachtet. '"Kostet nur unnötig Zeit!', 'Viel zu umständlich!', 'Ich hab doch die Kraft!', argumentieren sie."

Hier sind Team und Kita-Leitung gefragt. "Nur wenn es Erzieherinnen und Erziehern gut geht, können sie hochwertige pädagogische Arbeit leisten und auch später noch, im Alter, ihr Leben aktiv genießen", so Milde. "Es gehört einfach zur Professionalität der pädagogischen Fachkräfte dazu, nicht nur die Kinder im Blick zu behalten, sondern auch die Voraussetzung für gute Pädagogik: ihre eigene Gesundheit."

Autor(en): Petra Bäurle

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01.02.2018

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