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Gemeinsam gegen Gewalt: Die Rolle der Führungskräfte

BGW mitteilungen, Ausgabe 1/2017

Leidensfähigkeit als Teil der Jobbeschreibung? Die Krisenbewältigung bei Aggressionen gegen Beschäftigte allein als deren Sache zu sehen, greift zu kurz. Im Vorfeld wie im Fall der Fälle sollten Führungskräfte Schutz und Rückhalt für ihr Team bieten.

"Dass mal jemand Beschäftigten droht oder sie wegstößt, kann schon passieren. Damit muss man umgehen können, schließlich arbeiten wir ja viel mit Menschen."

Sätze, wie sie häufiger in pädagogischen, Pflege- oder Betreuungsbereichen fallen.

Diese Sichtweise blendet jedoch wesentliche Rahmenbedingungen aus, machte ein BGW-Symposium im November in Dresden deutlich. Das Fazit hier: In erster Linie sind die Einrichtungen gefordert. Sie müssen die Voraussetzungen für einen gesunden, sicheren und gewaltfreien Arbeitsplatz schaffen. Vieles steht und fällt dabei mit der Art und Weise, wie die Rolle der Führungskräfte im Unternehmen ausgestaltet und von diesen wahrgenommen wird.

Qualifizierung der Beschäftigten ist nur ein Baustein

BGW-Expertin Sabine Gregersen

BGW-Expertin Sabine Gregersen
(Foto: BGW/Stephan Floss)

"Manche Verantwortliche neigen leider dazu, Unsicherheit oder Angst von Beschäftigten, die mit herausforderndem Verhalten der von ihnen betreuten Personen konfrontiert sind, als mangelnde Kompetenz auszulegen", sagt BGW-Expertin Sabine Gregersen. Sie beleuchtete auf dem BGW-Symposium, inwiefern Führungskräfte die Gewaltprävention in Unternehmen prägen.

Die Psychologin betont, dass eine rein individuelle Sicht auf aggressive Vorfälle an Grenzen stößt: "Jede Situation, jede Person ist anders. Qualifizierung – und wir reden hier über gezielte Qualifizierung für den Umgang mit kritischen Situationen – hilft zwar, Risiken und Handlungsoptionen besser einzuschätzen. Sie kann aber nie auf alle Situationen vorbereiten, selbst wenn zum Beispiel spezielle Deeskalationstechniken immer wieder geübt werden. Individuelle Qualifizierung kann damit letztlich nur ein einzelner, wenn auch wichtiger Baustein zur Prävention von Gewalt und Aggression sein."

Die Haltung der Führungskräfte ist entscheidend

Vorgesetzte sind das Bindeglied zwischen betrieblicher Prävention – Gefährdungsbeurteilung, Gestaltung des Arbeitsumfelds, Organisation, Kommunikation, Unterstützungsangeboten – und dem täglichen Arbeitsalltag der Beschäftigten. "Ihre Haltung beeinflusst maßgeblich, ob ein offenes, vertrauensvolles Klima entsteht, das es erlaubt, Vorfälle systematisch zu bearbeiten und zu vermeiden", so Gregersen.

Deutlich macht sie das an der "Danach"-Situation, wie sie im Eingangsbeispiel anklingt. "Zu sagen, dass man mit so etwas umgehen können muss, bagatellisiert den Vorfall, stellt die Professionalität der Beschäftigten infrage und führt zu einseitigen Schuldzuweisungen", kritisiert die BGW-Expertin. Stattdessen sollten Vorgesetzte ihre eigene Haltung reflektieren und jede Wertung bewusst vermeiden.

Speziell in Auffanggesprächen nach einem Übergriff sei es wichtig, sich die eigene Vorgesetzten-Rolle immer wieder zu vergegenwärtigen. Gefragt sei ein einfühlsamer und fürsorglicher, aber sachlicher Umgang mit der Situation: Die Führungskraft ist für die Gesundheit der Mitarbeitenden verantwortlich und sollte aktiv danach handeln. Ihre Aufgabe ist es, das Gespräch anzustoßen, Hilfe für Betroffene in die Wege zu leiten und das weitere Vorgehen zu klären. "Vorgesetzte sind aber weder für Diagnostik noch für Therapie zuständig – und genauso wenig sind sie Freund oder Freundin", stellt Gregersen klar.

Welche Lösungen kann es zum Beispiel in der Behindertenhilfe geben? Ideen wurden auf dem BGW-Symposium gesammelt.

Welche Lösungen kann es zum Beispiel in der Behindertenhilfe geben? Ideen wurden auf dem BGW-Symposium gesammelt.
(Foto: BGW/Stephan Floss)

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Rückendeckung durch Transparenz und Rollenklarheit

Was im Nachhinein gilt, ist im Vorfeld zur Prävention genauso wichtig: Das Thema Aggression und Gewalt darf nicht übergangen oder bagatellisiert werden. Stattdessen sollte die gelebte Botschaft der Führungskräfte durchgängig sein: "Wir nehmen jeden Vorfall ernst. Wir wollen vermeiden, dass sich so etwas wiederholt. Wir setzen uns dafür ein, dass Übergriffe gar nicht erst passieren. Dafür sorgen wir mit entsprechenden Maßnahmen." Werden solche Leitsätze beispielsweise in Dienstvereinbarungen fixiert und durch regelmäßiges Aufgreifen des Themas in Teamsitzungen und Einzelgesprächen mit Leben erfüllt, erhalten Beschäftigte die nötige Rückendeckung, macht Sabine Gregersen deutlich.

"Es kommt vor allem darauf an, dass Klarheit herrscht: Wer ist zuständig, welche Erwartungen werden an mich gestellt, welche Handlungsspielräume habe ich, was ist wann zu tun, welche Haltung nehmen Leitung und Führungskräfte ein?", erklärt die Psychologin. "Aus Studien zum Einfluss von Führungsverhalten auf die Gesundheit der Beschäftigten wissen wir, dass Rollenklarheit und Vorhersehbarkeit dabei wichtige Faktoren sind." Das gelte auch für den betrieblichen Umgang mit Aggressionen und Gewalt.

"Erstellen Sie zum Beispiel einen Leitfaden und beschreiben Sie darin exemplarische Situationen und wie die verschiedenen Beteiligten im Unternehmen vorgehen können", rät Gregersen den Einrichtungen. Auf diese Weise würden nicht nur Beschäftigte, sondern auch Führungskräfte Handlungssicherheit gewinnen. Das wirke zugleich entlastend, so die Psychologin weiter.

Strukturen hinterfragen – Tabu brechen

Auf dem BGW-Symposium "Gewalt und Aggression am Arbeitsplatz" wurde in diesem Zusammenhang herausgestellt, worauf es bei der Gewaltprävention ankommt: kritische Situationen und Übergriffe nicht als individuelles Problem, sondern in erster Linie als strukturelle Herausforderung zu bearbeiten.

Wo dieses Verständnis bei Leitung, Vorgesetzten und Beschäftigten verankert ist, erschließen sich vielfältige Handlungsmöglichkeiten: Organisation und Abläufe können hinterfragt, Notfallpläne erarbeitet und Qualifizierungsmöglichkeiten für Führungskräfte und Beschäftigte ausgelotet werden. So lässt sich das "Tabu" brechen, das in vielen Unternehmen immer noch rund um das Thema Gewalt gegen Beschäftigte existiert.

Autor(en): Anja Hanssen

01.02.2017

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