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Weil Trauer dazugehört

BGW mitteilungen, Ausgabe 3/2016

Trauerbegleitung – ein Thema für das Gesundheitsmanagement? Durchaus, denn Beschäftigte, die beruflich oder privat einen Todesfall beklagen müssen, sind psychisch stark belastet. Angemessen darauf einzugehen, ist eine Herausforderung für Unternehmen und Führungskräfte.

Foto: Zwei Frauen im Gespräch

Immer eine gute Idee sind persönliche Gespräche mit Trauernden.
(Foto: istockphoto/Highwaystarz-Photography)

Da ist die Geschichte ...

... von dem Abteilungsleiter, der nach dem plötzlichen Tod einer Mitarbeiterin erst deren Kolleginnen und Kollegen informierte. Wenig später verschwand er in den Urlaub. Zuvor sandte er noch eine Rundmail mit der Bitte, ihr Büro bis zu seiner Rückkehr auszuräumen.

Anderswo ...

... wird in der Teamsitzung der Pflegestation erwähnt, dass eine langjährige Bewohnerin verstorben sei. Die Angehörigen wüssten Bescheid, alles sei wie immer geregelt. Dann folgt der nächste Tagesordnungspunkt. Weil viel zu tun ist, geht das routinemäßige Gesprächsangebot der Stationsleitung an die Pflegekräfte wieder mal unter.

Wie es ihm geht ...

... hat auch Herrn K. schon lange niemand mehr gefragt. Als seine Ehefrau vor ein paar Monaten starb, war das anders. Jetzt wächst der Stapel auf seinem Schreibtisch; manchmal kommen Bemerkungen, dass er die Vorgänge nicht mehr so schnell bearbeitet wie früher und oft gereizt ist. Er fürchtet sich vor der Besprechung morgen – was seine Vorgesetzte wohl über ihn denkt?

Drei Beispiele ...

... die Annika Schlichting auf den Plan rufen. Die Expertin für Trauer am Arbeitsplatz berät nicht nur Einzelpersonen bei Trauerfällen, sondern begleitet auch Unternehmen, Führungskräfte und Teams.

"Das Wichtigste in solchen Situationen ist, Trauer zuzulassen und Raum dafür zu geben", sagt Schlichting. "Gerade Führungskräfte sind darauf trainiert, lösungsorientiert zu denken. Sie wünschen sich oftmals einen Handlungsplan für den Umgang mit Betroffenen. Den gibt es aber bei der Trauerbegleitung nicht."

Sowohl für das persönliche Handeln von Vorgesetzten als auch für das Vorgehen im Unternehmen lassen sich jedoch einige Empfehlungen geben.

Wie Unternehmen mit Trauer umgehen können

Generell können Unternehmen ein Umfeld gestalten, das Beschäftigten in schweren Zeiten Beistand bietet. Falls es eine allgemeingültige Regel gibt, dann diese: Trauersituationen nicht übergehen, sondern auf sie eingehen, rät Annika Schlichting. Das gilt für alle Ebenen und Beteiligten.

Eine Unternehmenskultur, die Trauer zulässt und aufgreift, erfordert vor allem Information und eine Sensibilisierung für das Thema: Wie äußert sich Trauer bei anderen oder bei mir selbst? Wo gibt es Unterstützung? Wie kann Trauernden Hilfe gegeben werden?

Möglich sind beispielsweise Informationsveranstaltungen für Führungskräfte und Beschäftigte, wie Schlichting sie im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der Beratungsstelle Charon in Hamburg durchführt. Sie können auch bei konkreten Krisensituationen im Team zum Einsatz kommen. Weiter bietet es sich an, im Intranet oder an anderer Stelle Informationen, Links und Kontakte zu hinterlegen, die "anonym" schnell zugänglich sind. Zudem können hausinterne Anlaufstellen für Betroffene oder Personen aus deren Arbeitsumfeld geschaffen werden. Bei Bedarf wird von dort gezielt weitergeleitet.

"Vielerorts existiert in größeren Unternehmen sogar eine themenübergreifende externe oder interne Beratung für Beschäftigte, an die sie sich bei beruflichen oder persönlichen Problemen wenden können", sagt Annika Schlichting. Dann gelte es, explizit auf deren Hilfe bei Trauerfällen aufmerksam zu machen.

Der Tod ist nie Routine

Gerade in Einrichtungen wie Pflegeheimen oder Krankenhäusern, in denen Todesfälle von betreuten Personen miterlebt werden, findet Schlichting vielfach einen großen Gesprächsbedarf der Mitarbeitenden vor. "Oft werden hier individuelle Reaktionen des Teams weniger beachtet. Stattdessen werden systematisch organisatorische Aufgaben abgearbeitet."

Auch alltäglich Erlebtes dürfe aber keine Routine sein, wenn psychische Belastungen der Beteiligten vermieden werden sollen. Der Trauer bewusst Ausdruck zu verleihen, sei eine gute Möglichkeit für einen gesunden Umgang damit, zum Beispiel durch kleine Rituale wie ein kurzes Gedenken im Team, verbunden mit dem Aufstellen einer Kerze, ein Gespräch mit Angehörigen oder eine persönliche Karte. Gesprächsangebote an Beschäftigte sollten außerdem nicht untergehen, wie im Einstiegsbeispiel, sondern bewusst wiederholt werden.

Eine Forschungsarbeit unter Beteiligung der BGW wies vor einigen Jahren bereits auf das hohe Bedürfnis von Pflegekräften und medizinischem Personal nach Fortbildungs- und Supervisionsangeboten zur Sterbebegleitung hin. Werden solche Angebote systematisch aufgebaut und genutzt, können sie in Trauerphasen Rückhalt bieten.

Trauerexpertin Annika Schlichting gibt aber zu bedenken, dass Betriebe auch über die berufliche Komponente hinausblicken müssen: Selbst wenn in entsprechenden Tätigkeitsfeldern ein professioneller Umgang mit Trauer etabliert ist, sieht es bei einem Trauerfall innerhalb des Teams vielleicht ganz anders aus.

Was Führungskräfte tun können

Anspruch an Unternehmen ist es, zu sensibilisieren, zu informieren, zu schulen. Auf der anderen Seite stehen die Führungskräfte, die dies umsetzen sollen und den direkten Kontakt mit trauernden Beschäftigten haben. Oft befinden sie sich im Zwiespalt zwischen der persönlichen Fürsorge für ihr Team und der Notwendigkeit, dass "irgendwie" weitergearbeitet werden muss. Welche Rolle sollen sie einnehmen? Wie sprechen sie mit den Beschäftigten?

Zunächst könne es hilfreich sein, die eigene Einstellung zu Tod und Trauer zu reflektieren, rät Schlichting. "Ist es ein unerwünschtes Thema, das ich am liebsten vermeiden würde? Glaube ich vielleicht insgeheim, dass drei Monate Trauer genug sein sollten?" Im zweiten Schritt sei Akzeptanz gefordert, dass Trauer individuell völlig unterschiedlich ausfallen kann. "Zeigen Sie Ihre Wertschätzung – egal ob jemand viel weint oder eher gereizt reagiert, ob jemand sofort wieder in die Arbeit eintauchen möchte oder Freiräume braucht."

Weiter wichtig: aktiv Raum für Trauer zu geben, anstatt schweigend die Reaktionen von Betroffenen zu übergehen. "Machen Sie deutlich, dass Sie aufmerksam sind", sagt Schlichting. "Bleiben Sie dicht an den Trauernden und fragen Sie immer wieder mal nach – auch über längere Zeiträume. Wie geht es beispielsweise jemandem, der Weihnachten erstmals ohne die Partnerin verbringen muss?"

Schon kleine Gesten bewirken nach Erfahrung der Trauerexpertin viel. So ließe sich womöglich Herrn K. aus dem Einstiegsbeispiel das Gefühl nehmen, allein einer belastenden Arbeits- und Lebenssituation ausgeliefert zu sein. "Viele nehmen den Arbeitsalltag gern wahr, weil es dort eine beruhigende Routine gibt. Doch wenn es zu Trauerauswirkungen wie Konzentrationsschwächen, Antriebslosigkeit oder körperlichen Symptomen kommt, ist auch das in Gefahr", erklärt Schlichting. Umso besser, wenn Vorgesetzte, aber auch Kolleginnen und Kollegen auf entsprechende Signale achten und nachhaken.

Aushalten und dranbleiben

Das Schwierigste, aber Wichtigste im Umgang mit Trauernden sei, als unangenehm empfundene Situationen auszuhalten, betont Schlichting. "Sie müssen deutlich machen, dass jede Reaktion, jedes Verhalten zunächst einmal gut und richtig ist."

Im besten Fall können individuelle Angebote gemacht werden – zum Beispiel eine kurzzeitige Freistellung oder vorübergehend andere Aufgaben beziehungsweise Dienstzeiten. Immer möglich ist der Verweis auf Informations- und Beratungsmöglichkeiten: "Ich habe gehört, es gibt folgende Angebote ..."

"Auch professionell mit Tod und Sterben konfrontierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigen solche Anstöße und solchen Rückhalt", erklärt Annika Schlichting. So könnten Leitungen regelmäßig sowie bei konkreten Anlässen im Team nachfragen, ob es aktuellen Unterstützungsbedarf gibt, ob jemand zum Beispiel eine Supervision oder eine Schulung zum Umgang mit Angehörigen benötigt.

Tod und Trauer im BGM berücksichtigen

Was aber ist mit den Führungskräften selbst? Auch sie benötigen Rückendeckung und Wissen, wie sie vorgehen können. "Es bietet sich an, den Umgang mit Tod und Trauer im Unternehmen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu betrachten", empfiehlt Annika Schlichting. Dort kann der Bedarf für Einzelmaßnahmen wie Infoveranstaltungen, Fachberatungen oder Fortbildungen erfasst und in ein umfassendes Konzept eingebunden werden. "Selbst wenn das Thema Trauer meist nicht an erster Stelle der Handlungsfelder steht, gehört es zur Prävention", stellt sie klar.

Ganz in diesem Sinne bietet die BGW Unterstützung beim Aufbau von innerbetrieblichen Strukturen und Kompetenzen: So enthält beispielsweise das Beratungsangebot "BGW Personalkompetenz" einen Trainingsbaustein zum Umgang mit Tod und Trauer. Das Ziel: persönliche Ressourcen von Fach- und Führungskräften stärken und psychischen Belastungen langfristig vorbeugen.

Autor(en): Anja Hanssen

Kontakt zur Interviewpartnerin:

01.08.2016

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