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Deeskalation lässt sich trainieren

BGW mitteilungen, Ausgabe 3/2016

Wer im Beruf mit aggressivem Verhalten der Menschen konfrontiert ist, die betreut, begleitet oder beraten werden, erlebt immer wieder belastende, womöglich gefährliche Situationen. Mit Know-how in Sachen Deeskalation ließe sich jedoch manches vermeiden – ein Punkt, an dem Unternehmen ansetzen können.

Gewalt und Aggression von betreuten oder pflegebedürftigen Personen stellen eine Gefährdung für Beschäftigte dar. Einrichtungen müssen deshalb in ihrer Gefährdungsbeurteilung geeignete Präventionsmaßnahmen ableiten. Zwar haben dabei technische und organisatorische Lösungen stets Priorität, doch gerade bei der Gewaltprävention spielen auch Deeskalationstrainings für die gefährdeten Personen eine wichtige Rolle.

Warum ist es eine gute Idee, Deeskalation zu trainieren?

Claudia Vaupel, Psychologin bei der BGW: "In der Pflege, Betreuung oder Beratung von Menschen kommt der zwischenmenschlichen Beziehung und Interaktion ein hoher Stellenwert zu. Zugleich besteht häufig eine Abhängigkeit, jemand ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Daraus können sich Konflikte ergeben, die womöglich durch strukturelle Umstände – der Pflegeplan muss eingehalten werden, die Betreuungszeit läuft ab – noch verstärkt werden.

Um solche potenziell eskalierenden Situationen frühzeitig zu erkennen, den Blick für auslösende Faktoren zu schärfen, ist entsprechendes Know-how nötig. Dies gilt vor allem auch beim Einstieg in den Beruf oder bei einer neuen Arbeitssituation, zum Beispiel falls jemand Neues in die Wohngruppe kommt. Deeskalieren zu können, ist im Grunde das A und O einer Tätigkeit in solchen Bereichen."

Was haben Unternehmen davon, wenn sie ihre Beschäftigten schulen?

Vaupel: "Es geht für Unternehmen darum, wie sie eine 'Reflexionskultur' aufbauen. Sie ist die Basis für ein Deeskalationsmanagement: Beschäftigte sollten systematisch und regelmäßig Situationen reflektieren, Verhalten hinterfragen, um dann zielgerichtet handeln zu können. Das sorgt nicht nur für mehr Sicherheit und verringert Belastungen, sondern ermöglicht auch eine bessere Pflege, Betreuung oder Beratung."

Worauf achten Beschäftigte konkret?

Vaupel: "Das Wichtigste ist, jede Situation, jeden Menschen immer wieder neu zu betrachten und jedes Schubladendenken zu vermeiden. Wie geht es dieser Person jetzt gerade? Was bewegt sie? Wie kommt es zu diesem Verhalten? Beschäftigte müssen dabei auch lernen, das Verhalten ihres Gegenübers nicht auf sich selbst zu beziehen, sondern es in den Kontext der Situation zu stellen. Und es geht um Akzeptanz: Nichts erzwingen, lieber mal aufs Waschen verzichten, falls eine Bewohnerin partout nicht möchte. Lösungen können also durchaus kreativ sein."

Foto: Porträt Claudia Vaupel

Claudia Vaupel, Psychologin bei der BGW
(Foto: prival)

Was wird in Deeskalationstrainings geschult?

Vaupel: "Zum einen die Eigenreflexion der Beschäftigten: Wie reagiere ich in Konfliktsituationen? Wie wirkt sich meine Haltung aus? Auf dieser Basis kann dann die Wahrnehmung für das Verhalten anderer geschult werden: Wo fallen schon frühzeitig kleine Veränderungen auf, die auf mögliche Eskalationen hinweisen? Welche Reize könnten dahinterstehen? Zudem geht es in den Trainings natürlich um verbale und nonverbale Techniken, mit denen Situationen 'entschärft' werden können.

Es wird aber auch auf die strukturelle Ebene und den Transfer in den Arbeitsalltag eingegangen: Wie können die Rahmenbedingungen und die organisatorischen Abläufe in den Unternehmen so gestaltet werden, dass eine ‚Reflexionskultur‘ gelebt werden kann? Was gehört zu einem professionellen Deeskalationsmanagement im Betrieb? Und wie wird Beschäftigten geholfen, die trotz allem eine kritische Situation erleben mussten?"

Welche Unterstützung für Unternehmen bietet die BGW?

Die BGW bezuschusst die Qualifizierung von innerbetrieblichen Deeskalationstrainerinnen und -trainern. Ihre Aufgabe ist es dann, im eigenen Betrieb am Aufbau eines professionellen Deeskalationsmanagements mitzuwirken. Insbesondere sollen sie Beschäftigte im Umgang mit herausfordernden oder aggressiven Verhaltensweisen trainieren.

Autor(en): Anja Hanssen

01.08.2016

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