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Pflege ohne Nebenwirkung: Arzneimittel sicher handhaben

BGW mitteilungen, Ausgabe 3/2016

Tabletten, Infusionen, Säfte, Salben, Sprays, Inhalate – die Liste der Arzneimittel, die in der Pflege zum Einsatz kommen, ist lang. Doch sie sind für die zu pflegenden Personen bestimmt. Nebenwirkungen für Beschäftigte sollten daher ausgeschlossen werden.

In einem Forschungsprojekt hat die BGW den Umgang mit über 90 gängigen Antiinfektiva im Pflegealltag nachstellen und analysieren lassen. Ob Tabletten ausblistern, teilen oder mörsern, Kapseln öffnen, Brausetabletten auflösen, Infusionen oder Augentropfen verabreichen: Bei sämtlichen Tätigkeiten wurden Wirkstoffe in die Arbeitsumgebung freigesetzt. Wer sie einatmet, direkt berührt oder über kontaminierte Oberflächen mit ihnen in Kontakt kommt, kann unter Umständen eine Allergie oder andere gesundheitliche Probleme entwickeln.

Inwiefern ein Medikament beim Einsatz in der Pflege tatsächlich Gefährdungen für die Beschäftigten mit sich bringt, hängt von der Wirkstoffkonzentration sowie der Expositionsdauer und -höhe ab. Allerdings sind die Angaben der Pharmafirmen nicht arbeitsschutzbezogen. Die BGW hat deshalb bereits im Jahr 2009 Arzneistoffe mit Verdacht auf sensibilisierende und kanzerogene, mutagene oder reproduktionstoxische (CMR-)Eigenschaften in einer Liste zusammentragen lassen. Wo sie eingesetzt werden, sollten Einrichtungen eine tätigkeitsbezogene Gefährdungsbeurteilung durchführen.

Grundsätzlich ist in der Gefährdungsbeurteilung zu untersuchen, welche Risiken für Beschäftigte bestehen können, und festzulegen, wie diese ausgeschlossen oder minimiert werden. Den allgemeinen Rahmen für gefahrstoffbezogene Schutzmaßnahmen in der Pflege bestimmt die Technische Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 525. Hinweise auf mögliche Verfahrensweisen bei konkreten Tätigkeiten gibt die BGW. Zwar ist ein pragmatisches Vorgehen sinnvoll, doch der beste Schutz besteht stets darin, unnötigen Kontakt konsequent zu vermeiden.

Die BGW hat ausführliche Sicherheitstipps (mit Downloadmöglichkeit) zusammengestellt - die folgenden Empfehlungen und Tipps stellen nur einen Auszug dar.

Grundsätzliche Empfehlungen:

  • Arzneimittel in einer ruhigen Arbeitsumgebung ohne störende Unterbrechungen zur Applikation vorbereiten: am besten in einem gesonderten, hinreichend beleuchteten Raum
  • Arbeitsflächen vor Flüssigkeitsspritzern, Stäuben oder anderweitigen Kontaminationen schützen
  • Arbeitsflächen zusätzlich regelmäßig reinigen und desinfizieren
  • Wenn nicht auszuschließen ist, dass Arzneimittel mit den Händen berührt werden: grundsätzlich Einmalhandschuhe tragen
  • Bei Tätigkeiten, die einen Hautkontakt der Unterarme mit freigesetzten Wirkstoffen nicht ausschließen lassen, langärmligen Schutzkittel tragen

Tipps zu einzelnen Tätigkeiten – Beispiele:

  • Tabletten direkt in Dosette ausblistern
  • Einmalunterlagen zur Vermeidung von Flächenkontaminationen benutzen
  • Substitution prüfen - vielleicht lässt sich die Tablette durch Saft ersetzen
  • Tablettenteiler nach Benutzen gemäß Angaben der Herstellungsfirma säubern
  • Kapselhälften waagerecht über einem möglichst breiten Gefäß drehend auseinanderziehen – damit möglichst wenig Arzneistoff auf die Arbeitsfläche gelangt; anschließend in Oralspritze aufziehen
  • Arbeitsfläche durch Einmalunterlage schützen
  • Öffnen von Kapseln mit atemwegssensibilisierenden oder CMR-Inhaltsstoffen vermeiden
  • Brausetablette möglichst in einem hohen Trinkglas (0,2 bis 0,3 l Volumen) in 50 ml Flüssigkeit auflösen – durch die Glashöhe bleiben die fein verteilten Tröpfchen überwiegend an der Glaswand haften
  • Glas auf Arbeitsfläche abstellen, um eine Kontamination der Hände mit heraus-sprudelnden Tröpfchen zu vermeiden
  • Lösung nach vollständigem Auflösen der Tablette auf erforderliches Endvolumen auffüllen – Anhaftungen an der Glaswand lösen sich dabei wieder
  • Substitution beziehungsweise Zerfall oder Auflösen in Wasser prüfen – pharmazeutische Vorgaben beachten
  • Mörserdeckel auf Einmaltuch ablegen, damit keine Wirkstoffreste auf die Arbeitsfläche gelangen
  • Mörser gemäß Angaben der Herstellungsfirma reinigen
  • Substitution beziehungsweise Zerfall oder Auflösung in Wasser prüfen – pharmazeutische Vorgaben beachten
  • Mörsern von Tabletten mit atemwegssensibilisierenden oder CMR-Inhaltsstoffen im offenen Mörser vermeiden
  • Pistill auf Einmalunterlage ablegen – um direkte Kontamination der Arbeitsfläche mit Wirkstoffen zu vermeiden
  • Hand beim Zerkleinern der Tabletten über den Mörser halten (Einmalhandschuhe benutzen!)
  • Mörser gemäß Angaben der Herstellungsfirma reinigen
  • Wegen der hohen Wirkstoffkonzentrationen in Augentropfen die Verschlusskappe des Einzeldosisbehältnisses möglichst mit einer Kompresse abdrehen
  • Kappe nicht auf der Arbeitsfläche ablegen, sondern direkt entsorgen
  • Rollenklemme beim Entlüften möglichst schnell schließen
  • Optimierte Infusionsbestecke nutzen – sie verhindern das Austreten von Infusionslösung beim Entlüften, etwa durch eine integrierte flüssigkeitsabweisende Membran in der Verschlusskappe
  • Andernfalls beim Entlüften austretende Infusionslösung in einem Gefäß auffangen – beispielsweise in einer Nierenschale oder einem Tropfglas
  • Zum Schutz der Arbeitsflächen Einmalunterlagen verwenden
  • Grundsätzlich das Umstecken des Infusionsbestecks in weitere Infusionsflaschen oder -beutel vermeiden
  • Falls ein Umstecken dennoch notwendig ist: Infusionsflaschen am Flaschenhals festhalten, um den Austritt von Restinfusionsflüssigkeit zu verhindern
  • Infusionsbeutel möglichst auf die Arbeitsfläche legen, den Anstechstutzen (nicht den Beutel!) festhalten und in der Waagerechten mit dem Dorn anstechen
  • Infusionsbesteck und Infusionsflasche/-beutel möglichst nicht trennen, sondern als ein Stück entsorgen – beim Auseinanderziehen von Infusionsflasche und -besteck kann Infusionsinhalt freigesetzt werden und die Hände sowie die Arbeitsumgebung kontaminieren

Autor(en): Dr. André Heinemann

Ausführliche Sicherheitstipps für konkrete Tätigkeiten mit Arzneimitteln (Downloadmöglichkeit):

01.08.2016

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