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Wie Pflege mit herausforderndem Verhalten umgehen kann

BGW mitteilungen, Ausgabe 2/2016

Aggressivität, Schreien, zielloses Herumwandern: Menschen mit Demenzerkrankungen zeigen oft "herausfordernde Verhaltensweisen". Wo Pflegekräfte diese nicht verstehen oder als störend empfinden, sich vielleicht angegriffen fühlen oder gefährdet werden, kommt es zu Belastungen. Chancen für beide Seiten bietet ein Eingehen auf die Bedürfnisse der betroffenen älteren Menschen.

Wie gepflegt werden soll, beschreibt das Pflegekonzept einer Einrichtung: Leitbild, Pflegeverständnis, Pflegemodell. Bieten Handlungsgrundlagen wie diese Pflegenden auch bei herausforderndem, gar aggressivem Verhalten der Pflegebedürftigen Orientierung, entstehen weniger Reibungspunkte. Da außerdem die Zahl Demenzkranker steigt, wird es immer wichtiger für ambulante wie stationäre Pflegebetriebe, ihren Beschäftigten Hilfestellungen für den Pflegealltag an die Hand zu geben.

Schon seit 2006 liegen dazu die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit erarbeiteten "Rahmenempfehlungen zum Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz in der stationären Altenhilfe" vor. Auf ihnen können individuelle Pflegekonzepte aufbauen.

Das Warum verstehen

Die Rahmenempfehlungen basieren auf dem Ansatz der "Verstehenden Diagnostik" mit der Ausgangsfrage: Warum zeigen Menschen mit Demenz ein bestimmtes Verhalten? Zunächst wird also die Perspektive der Betroffenen eingenommen: Was drücken sie mit ihrem Verhalten aus? Erst wenn darauf strukturiert Antworten gefunden wurden, lassen sich geeignete Maßnahmen einleiten, so die Prämisse. Pflegebausteine können unter anderem Erinnerungspflege, die Sinne ansprechende Methoden wie Basale Stimulation sowie Bewegungsförderung sein, ergänzt um ein gezieltes Handeln, falls es zu akuten psychiatrischen Krisen kommt.

Pflegewissenschaftlerin Dr. Daniela Holle vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erforscht, wie sich ein solches auf Verstehen und Verständnis beruhendes Vorgehen in der Praxis umsetzen lässt:

Foto: Dr. Daniela Holle (DZNE)

Dr. Daniela Holle

"Es geht vor allem darum, das herausfordernde Verhalten und mögliche Auslöser systematisch zu erfassen und zu beschreiben." (Dr. Daniela Holle)

"Was genau wurde beobachtet? Wann ist das zum ersten Mal aufgetreten? Gab es kurz zuvor ein besonderes Ereignis? Tritt das Verhalten gewöhnlich in bestimmten Situationen auf? Anhand dieser Beobachtungen reflektieren die Pflegekräfte in Fallbesprechungen Erklärungsansätze und entwickeln Vorgehensweisen."

Dass das funktioniert, hat Holle bereits in Studien gezeigt: Wo nach solchen Prinzipien gepflegt wird, lässt sich demnach herausforderndes Verhalten von Menschen mit Demenz deutlich reduzieren – bei gleichbleibender Lebensqualität. Pflegende wiederum fühlen sich weniger belastet.

Handeln können – Entlastung erfahren

Dr. Sascha Schmidt, selbst Pflegewissenschaftler und als BGW-Aufsichtsperson in Pflegeeinrichtungen unterwegs, kann das gut nachvollziehen: "Wer subjektive Beweggründe für ein bestimmtes Verhalten versteht, erkennt oft ganz neue Handlungsmöglichkeiten, an die vorher gar nicht zu denken war."

Dabei werden nicht nur potenzielle körperliche Gefährdungen vermieden, sondern vor allem auch psychische Belastungen reduziert. Angesichts des erhöhten Burn-out-Risikos und weiterer gesundheitlicher Beeinträchtigungen, die bei Pflegekräften in Zusammenhang mit herausforderndem Verhalten Pflegebedürftiger feststellbar sind, ist das ein wesentlicher Baustein für den betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz.

"Wer zielgerichteter handeln kann, wird das höchstwahrscheinlich als Entlastung erleben. Zusätzlich steht das Wohlergehen der Demenzkranken im Mittelpunkt – das wiederum entspricht dem eigenen Anspruch der Pflegekräfte, gut zu pflegen, und vermeidet Frustrationen." (Dr. Sascha Schmidt)

Umsetzung im Pflegealltag sichern

Dafür müsse aber zunächst einmal eine gute Basis geschaffen werden, sagt Sabine Hallier-Bahnsen. Sie ist in der Abteilung Soziale Dienste der ASB Sozialeinrichtungen (Hamburg) GmbH für das Qualitätsmanagement zuständig und betont: "Sehr wichtig ist, dass die Kommunikation innerhalb der eigenen Berufsgruppe und über sie hinaus gelingt. Damit gewinnen multiprofessionelle Fallbesprechungen immer mehr an Bedeutung." Es gebe eine Vielzahl guter Leitfäden für den Umgang mit Menschen mit Demenz – entscheidend sei die Umsetzung im pflegerischen Alltag.

Foto: Sabine Hallier-Bahnsen (ASB Sozialeinrichtungen Hamburg)

Sabine Hallier-Bahnsen

Hallier-Bahnsen kennt einen wesentlichen Schlüssel zum Erfolg aus eigener Erfahrung: Beteiligung. So wirkten alle 17 ASB Sozialstationen in Hamburg an der Entwicklung der hauseigenen Leitlinien mit. Pflege- und Leitungskräfte beschrieben deren Bedeutung auch noch einmal in eigenen Worten – unter anderem: "Wir suchen nach dem Grund von herausforderndem Verhalten.""Wir erzwingen kein für uns sinnvolles Verhalten."

"Wir haben den Mut, auf der Suche nach der Lösung für ein Problem zu experimentieren und auch unkonventionelle Wege zu gehen. Es gibt kein generelles Richtig und Falsch im Umgang mit demenziell erkrankten Menschen." (Sabine Hallier-Bahnsen)

Ein umfassendes Schulungs- und Fortbildungsprogramm sorgt nun dafür, dass die Leitlinien dauerhaft mit Leben gefüllt werden können.

Kompetenzen gezielt entwickeln

Sabine Gregersen freut dieses systematische Vorgehen. Aus den vielen Projekten und Studien, die sie ausgewertet, begleitet oder durchgeführt hat, weiß die BGW-Psychologin, wie sehr es darauf ankommt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzubeziehen. "Sie müssen die Möglichkeit haben, ihre Sichtweisen zu verdeutlichen und zu reflektieren." Wo Empfindungen und Reaktionen der Pflegenden bewusst hinterfragt werden, lasse sich auch Unterstützungsbedarf leichter erkennen, sagt Gregersen.

"Die Krux ist, Kompetenzen der Beschäftigten bedarfsgerecht zu entwickeln. Was brauchen sie wirklich? Wie kann geschult werden, ohne dass das neu erworbene Wissen gleich wieder verpufft? Wie passt das alles in einem übergreifenden Personalentwicklungskonzept zusammen?" (Sabine Gregersen)

Gregersen hat – wie ihr Kollege Schmidt – besonders den betrieblichen Gesundheitsschutz im Visier. "Mit den entsprechenden Schlüsselqualifikationen lassen sich nicht nur pflegerische Aufgaben besser bewältigen, sondern es werden auch persönliche Ressourcen gestärkt. Dies kann wiederum wie ein ‚Schutzwall‘ gegen psychische Belastungen wirken." Einrichtungen, die an solchen Themen arbeiten wollen, empfiehlt sie das Beratungsangebot "BGW Personalkompetenz" mit 15 Trainingsbausteinen zur Gesundheitsförderung durch Personalentwicklung.

Ob Pflege- oder Personalkonzepte: Es zahlt sich aus, nicht nur herausforderndes Verhalten im Rahmen von Demenzerkrankungen in den Blick zu nehmen. Parallel sollte das Themenfeld Umgang mit Gewalt und Aggressionen übergreifend im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung bearbeitet werden, rät Dr. Sascha Schmidt. "Belastungen und Gefährdungen entstehen ja auch in anderen Zusammenhängen. Einiges, was generell für die Prävention von Übergriffen gilt, hilft auch beim Umgang mit Demenzerkrankten. Zum Beispiel die Anwendung deeskalierender Kommunikationstechniken: Diese können Beschäftigte in Deeskalationstrainings erlernen."

Demenz in Zahlen

  • Bis zu 1,6 Millionen Menschen sind heute in Deutschland an Demenz erkrankt.
  • Hauptrisikofaktor für das Auftreten der meisten Demenzformen ist das Alter. Während in der Altersgruppe der 65- bis 70-Jährigen weniger als 3 Prozent an einer Alzheimer-Demenz erkranken, ist im Alter von 80 Jahren ungefähr jeder Fünfte, mit 90 Jahren bereits jeder Dritte betroffen.
  • Die Zahl demenziell erkrankter Menschen könnte sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln.

Autor(en): Anja Hanssen

02.05.2016

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