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Gewalt – ein Fall für die Gefährdungsbeurteilung

BGW mitteilungen, Ausgabe 3/2015

Was lässt sich tun, um Beschäftigte vor aggressiven Übergriffen zu schützen? Dreh- und Angelpunkt ist die Gefährdungsbeurteilung.

Porträt: Werner Pude

"Das Ziel aller Maßnahmen lautet natürlich 'null Übergriffe' - die Gefährdungsbeurteilung muss aber auch das Risiko noch genauer aufschlüsseln."

Werner Pude ist als Aufsichtsperson der BGW in vielen Betrieben im Einsatz. Sein Eindruck ist, dass Übergriffe auf das Personal zugenommen haben – ob in Notaufnahmen, bei der Pflege, Betreuung und Behandlung von Menschen oder an Alleinarbeitsplätzen. Die Dunkelziffer ist dabei hoch. Im Interview beschreibt der Präventionsexperte, warum die Gefährdungsbeurteilung nicht nur Sicherheit für Beschäftigte schaffen kann, sondern die Unternehmensleitung auch rechtlich absichert.


Herr Pude, Gewalt ist in der Regel unberechenbar. Kann so ein „menschliches Risiko“ überhaupt erfasst und minimiert werden?

"Es kann und es muss. Die Gefährdungsbeurteilung ist der Schlüssel dazu. Gemäß der Unfallverhütungsvorschrift DGUV Vorschrift 1 sind Unternehmerinnen und Unternehmer verpflichtet, ihr Personal gegen alle mit der Arbeit verbundenen Risiken zu schützen. Dazu müssen sie diese erst einmal erfassen und dann entsprechende Präventionsmaßnahmen treffen. Hier kommt die Gefährdungsbeurteilung ins Spiel, die nach Paragraf 5 Arbeitsschutzgesetz vorgeschrieben ist. Wer sie systematisch nutzt, kann so auch scheinbar unberechenbare Gefährdungen wie jene durch Aggression und Gewalt Schritt für Schritt analysieren und entsprechend handeln."

"Vielen Betrieben ist gar nicht bewusst, dass Übergriffe auf das Personal einen versicherten Arbeitsunfall darstellen; dabei sind auch die möglichen psychischen Folgen von Vorfällen mit Aggression und Gewalt zu berücksichtigen. Die Unternehmen fürchten zudem einen Imageschaden, wenn sie sich offen dem Thema stellen. Aber das geht nach hinten los, spätestens, wenn es zum häufigen und längeren Ausfall von Beschäftigten kommt, die Opfer von Übergriffen wurden."

Die Gefährdungsbeurteilung wird aber bisweilen nur als lästige Pflicht angesehen ...

"Da kann ich nur warnen: Kommt es zu schweren Vorfällen, ziehen die Staatsanwaltschaften bei ihren Ermittlungen die Gefährdungsbeurteilungen heran. Wer das Instrument ernst nimmt, entkräftet den Vorwurf der groben Fahrlässigkeit oder des unterlassenen Handelns. Die Gefährdungsbeurteilung bietet also rechtliche Sicherheit für Unternehmerinnen und Unternehmer."

Und wie bestimmen Betriebe, ob ein hohes Risiko vorliegt oder ob die Gefährdungen eher gering sind?

"Die Zahl, Art und Schwere der Vorfälle sind sicher wichtige Anhaltspunkte. In Notaufnahmen, im Nacht- und Bereitschaftsdienst oder auch in Bereichen der Behindertenhilfe zeigen solche Daten gegebenenfalls schnell, dass ein hohes Gefährdungspotenzial vorliegt. Aber allein daraus lassen sich in der Regel noch keine Handlungsmöglichkeiten ableiten. Weitere Faktoren müssen genauso berücksichtigt werden, insbesondere wie schnell Hilfe zur Verfügung steht. Damit die Rettungskette funktioniert, sollte binnen 15 Minuten ausreichende Hilfe vor Ort sein. Und das bedeutet nicht irgendein Kollege, irgendeine Kollegin, die womöglich gar nicht in der Lage sind, die angespannte Situation angemessen aufzufangen und deeskalierend auf die Beteiligten einzuwirken. Das Ziel aller Maßnahmen lautet natürlich ‘null Übergriffe‘ – die Gefährdungsbeurteilung muss aber das Risiko noch genauer aufschlüsseln."

Was heißt das konkret?

"Mit einer Checkliste ‘Gefährdung ja oder nein‘ lässt sich das jedenfalls nicht machen. Die jeweiligen Tätigkeiten sind zu bestimmen und einzeln zu beurteilen. Könnte es beispielsweise beim Versorgen von bettlägerigen Pflegebedürftigen grundsätzlich zu Aggressionen kommen, die womöglich durch Verwirrung oder Scham ausgelöst werden? Wie hoch ist das Risiko für die mit dieser Aufgabe betrauten Pflegekräfte? Das heißt, wie wahrscheinlich ist es, dass tatsächlich ein Übergriff erfolgt? Wie häufig sind solche Fälle? Was kann im schlimmsten Fall passieren? Auf welchem Weg kann Hilfe geholt werden und wie schnell steht sie zur Verfügung? Wer diese Fragen beantwortet, kann entsprechend handeln."

Auf dieser Basis werden dann Schutzmaßnahmen ergriffen.

Betriebe kennen meist den Grundsatz: Erst technische Lösungen finden, danach organisatorische, und wenn das noch nicht ausreicht, kommt es auf die persönlichen Schutzmaßnahmen an. Wie ist das beim Thema Gewalt?

"Das gilt natürlich auch in diesem Zusammenhang, wobei die Verzahnung der drei Bereiche T-O-P, also Technik, Organisation, Person, hier besonders eng ist und die Maßnahmen sich teilweise noch stärker ergänzen und ineinandergreifen als in anderen Bereichen. Oberstes Ziel ist jedoch, Gefährdungen gar nicht entstehen zu lassen, erst danach greift das T-O-P-Vorgehen."

Bei den möglichen technischen Lösungen sind Personen-Notsignal-Anlagen ein Thema.

"Bei technischen Lösungen geht es grundsätzlich um Fluchtmöglichkeiten, Rückzugsräume, die Beleuchtung, Sicherheitsglasscheiben und weitere Aspekte der baulichen und technischen Ausstattung, die Sicherheit schaffen können."

"Personen-Notsignal-Anlagen sind bei gefährlicher Alleinarbeit ein Thema. So können sie je nach Risikolage in der Psychiatrie, in der Geriatrie oder in der Behindertenhilfe nötig werden. Mitarbeitende können womöglich nicht mehr selbst Hilfe holen. In diesem Fall sorgen willensunabhängige Systeme mit Lage- oder Bewegungssensor dafür, dass Alarm geschlagen wird. Telefon und Handy sind keine anerkannten Alarmsysteme, weil sie im Ernstfall nicht sicher zu bedienen sind. Es gibt übrigens Bereiche auch außerhalb des Gesundheitswesens und der Gewaltthematik, in denen Personen-Notsignal-Anlagen bereits gute Praxis sind. Beispielsweise bei Holzarbeiten im Wald, bei der Binnenschifffahrt oder in großen Maschinenhallen, wenn Menschen allein arbeiten und bei Unfällen niemand vor Ort wäre, um rasch Hilfe zu leisten."

Und dann stellen sich schnell organisatorische Fragen, oder?

"Richtig. Bleiben wir beim Beispiel ‘Alarm schlagen‘, ob durch technische Lösungen oder auf anderem Wege. Wer wird denn im Notfall wie alarmiert und wie schnell sind qualifizierte, handlungsfähige Helferinnen und Helfer vor Ort? Gibt es einen Notfallplan? Wie werden Mitarbeitende nach einem Vorfall betreut? Das sind wichtige Handlungsfelder für Unternehmen."

"Für problematisch halte ich es, bei Schutzmaßnahmen zur Verhinderung von Übergriffen allein auf organisatorische Regelungen zu setzen, wie ‘Es müssen immer mindestens zwei Mitarbeitende vor Ort sein‘. In der Theorie wird damit das Problem der Alleinarbeit vermieden. In der Praxis wird dann aber eine Person weggerufen oder ist mit anderen Tätigkeiten beschäftigt. Darüber sollten Unternehmen sich auch Gedanken machen. Gleiches gilt für die erste Anlaufstelle im Alarmierungsfall: Sie muss zuverlässig erreichbar und ständig besetzt sein."

Welche anderen organisatorischen Fragen sind noch zu regeln?

"Das fängt bei der systematischen Auswertung von Vorfällen an – wie wird sichergestellt, dass daraus Rückschlüsse gezogen werden? Wie erfährt beispielsweise die Nachtschicht, dass eine betreute Person tagsüber auffälliges Verhalten zeigte und genauer beobachtet werden sollte? Der zuverlässige Informationsfluss ist also wichtig. Organisatorische Maßnahmen sollten aber zum Beispiel auch Fachkonzepte einbeziehen, wie bei der Betreuung demenziell Erkrankter."

Und was lässt sich auf der Ebene der Person erreichen?

"Kaum anwendbar ist im Gesundheitswesen eine herkömmliche Persönliche Schutzausrüstung, also Helm, Weste, Schienbeinschützer oder Ähnliches. Ein wichtiger Punkt kann aber sein, dass durch geeignete Kleidung und entsprechendes Schuhwerk zumindest Verletzungsgefahren minimiert werden. Wir reden in den bei der BGW versicherten Betrieben jedoch vor allem über Maßnahmen zur Information und Qualifizierung der Mitarbeitenden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die regelmäßige Unterweisung zu Gefährdungen und zum Verhalten bei Gewaltvorfällen."

"Darüber hinaus geht es um die Vermittlung von Strategien zur Deeskalation und gegebenenfalls um geeignete körperliche Abwehr- und Befreiungstechniken. Das sind alles Bereiche, in denen organisatorische und persönliche Schutzmaßnahmen eng ineinandergreifen, da sie nur wirken, wenn sie auch in betrieblichen Abläufen verankert werden. Übrigens zeigt sich immer wieder, dass Deeskalationstrainings grundsätzlich dazu beitragen, das Personal auf kritische Situationen vorzubereiten – unabhängig von der jeweiligen Höhe des Risikos."

Sie führen ja selbst auch Schulungen zu "physischer Intervention" durch. Was ist damit gemeint?

"Diese Techniken speziell für Pflege- und Betreuungsbereiche werden bewusst nicht ‘Selbstverteidigung‘ oder ‘Abwehrmaßnahmen‘ genannt, da das dem Pflegeauftrag widersprechen würde. Ziel ist es, Verletzungen sowohl beim Personal als auch bei den Betreuten zu vermeiden und zugleich die Würde der Betreuten zu wahren. Gearbeitet wird mit den Bedingungen der menschlichen Anatomie; es kommen zum Beispiel Gewichtsverlagerungen zum Einsatz. Dazu müssen die Mitarbeitenden aber gut geschult werden und regelmäßig üben."

Autor(en): Interview: Anja Hanssen

31.07.2015

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