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Erstbetreuung: Vermeiden, dass die Psyche leidet

BGW mitteilungen, Ausgabe 2/2015

Kollegiale Unterstützung hilft Menschen, die gerade eine kritische Situation erleben mussten. Aus dieser Erfahrung ist die Idee der Erstbetreuung nach Gewalterlebnissen oder anderen psychisch belastenden Vorfällen entstanden, die von der BGW derzeit getestet wird.

Wenn Heiko Reeg lakonisch von seinem "Ritterschlag" berichtet, geht es nicht um einen schönen Berufseinstieg. Noch viele Jahre später ist der Vorfall, bei dem ein Psychiatrie-Patient dem Krankenpfleger völlig unerwartet auf den Kopf schlug, für ihn so erschütternd wie damals – auch angesichts seiner Erfahrung danach: Es gab zwar individuelle Bemühungen, ihn später nicht wieder mit dem Täter zu konfrontieren, doch darüber hinaus fand keinerlei systematische Aufarbeitung des Vorfalls statt.

Ähnlich war es, als ihn eine dramatische Auffindesituation nach einem Suizid auf seiner Station für einige Zeit aus der Bahn warf. "Danach habe ich alle Toten wiedergesehen." Psychologische Hilfe hat er sich dann auf eigene Initiative beschafft. Persönliche Momentaufnahmen, die sein Engagement für die Gewaltprävention und für die Betreuung von Betroffenen erklären.

Heute ist Heiko Reeg stolz darauf, dass bei ihm in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Agaplesion Elisabethenstifts Darmstadt die Idee der "Erstbetreuung" getestet wird. Es geht darum, Beschäftigten unmittelbar nach Vorfällen, die ein Psychotrauma auslösen können, zur Seite zu stehen. Je eher dabei der Weg auch zu professioneller Hilfe geebnet werden kann, desto besser lässt sich Traumatisierungen vorbeugen.

Was kollegiale Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer im Elisabethenstift leisten, wird auch in anderen Branchen schon umgesetzt. Doch bislang ist unklar, wie ein solches Angebot unter den Bedingungen des Gesundheitsdienstes und der Wohlfahrtspflege aussehen könnte. Aus diesem Grund testet die BGW derzeit in Pilotprojekten die Wirkungsweise und die Akzeptanz durch die Beschäftigten.

Den Weg weisen

Die Erstbetreuenden sollen keine psychologische Beratung durchführen, sondern ganz praktisch durch die Situation lotsen: einschätzen und stabilisieren, Ruhe und Ansprache bieten, klären, ob jemand besser nach Hause gehen sollte und wie das umsetzbar ist, gegebenenfalls den Weg zum Durchgangsarzt oder zur Durchgangsärztin begleiten, die Meldung des Vorfalls im Betrieb und bei der BGW anstoßen. Bewusst geht es nicht um die emotionale Seite des Erlebten. Die Helferinnen und Helfer müssen über Wissen zur Krisenintervention verfügen; wichtig ist auch, dass sie von Mitarbeitenden wie von Führungskräften akzeptiert werden.

Im ersten Schritt erfolgt eine Schulung der künftigen Erstbetreuer und Erstbetreuerinnen – unter anderem werden Gesprächstechniken in Krisensituationen vermittelt. Im Elisabethenstift konnte man dabei auf die umfassende Vorarbeit des Koordinationsausschusses Gewaltprävention zurückgreifen. Denn seit Heiko Reegs Erlebnissen hat sich einiges getan: Es gibt Handlungsleitfäden, Deeskalationstrainings für Mitarbeitende, definierte Melde- und Dokumentationswege und vieles mehr.

Zurückzuführen ist das in besonderer Weise auch auf Chefarzt Prof. Dr. Dr. Martin Hambrecht, der sich schon kurz nach seinem Eintritt in das Unternehmen vor rund zehn Jahren des Themas annahm. Auch die kollegialen Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer unterstützt er persönlich und macht damit deutlich, dass alle Vorfälle ernst genommen werden.

Prof. Dr. Dr. Martin Hambrecht

"Was unsere Patientinnen und Patienten täglich an Fürsorge von uns erwarten, das müssen wir uns selbstverständlich auch gegenseitig geben, wenn wir bei der Arbeit in psychische Notlagen geraten. Der Chef ist da Vorbild."

(Prof. Dr. Dr. Martin Hambrecht, Chefarzt am Agaplesion Elisabethenstift Darmstadt)

Im Elisabethenstift folgt die Erstbetreuung einer Verfahrensanweisung, die einen Schritt-für-Schritt-Überblick über die Hilfsleistungen bietet. Eine Namensliste und ein spezielles "Erstbetreuungs-Handy" liegen an der Pforte bereit.

Nicht ohne präventive Maßnahmen

Gute Voraussetzungen wie in diesem Beispiel tragen wesentlich dazu bei, dass das Vorhaben Erstbetreuung erfolgreich ist und von den Beschäftigten angenommen wird. Erst einmal muss dazu der professionelle Umgang mit Gewalt und Aggression in der Organisationskultur verankert werden – mit Unterstützung der Führung.

Und es geht nicht ohne einen "Unterbau" an konkreten Maßnahmen zur Gewaltprävention, basierend auf der Gefährdungsbeurteilung. Denn die Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer kommen schließlich erst zum Einsatz, wenn schon etwas passiert ist. Und das sollte möglichst die Ausnahme bleiben.

Autor(en): Anja Hanssen

30.04.2015

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