Navigation und Service

Gewalt und Aggression

Hintergrundinformationen zu Gewalt und Aggression

Aggressivität und Gewalt sind Bestandteil menschlicher Ausdrucks- und Verhaltensweisen. Auch im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege ereignen sich Krisen- und Konfliktsituationen, in deren Verlauf Mitarbeitende physisch oder psychisch verletzt werden. Als "normal" dürfen Übergriffe aber nicht angesehen werden. Es liegt in der Verantwortung des Arbeitgebers oder der Arbeitgeberin, Gefährdungen zu ermitteln und ihnen systematisch vorzubeugen.

Was ist Gewalt?

  • In einer Jugendhilfeeinrichtung wird eine Pädgagogin während des Nachtdienstes von einem Jugendlichen gewürgt.
  • In einem Pflegeheim bespuckt eine demente Bewohnerin immer wieder die Pflegekräfte. Schließlich schlägt sie einem Pfleger ins Gesicht, als dieser ihr beim Anziehen helfen will.
  • In einer Notfallambulanz beleidigt ein Betrunkener die Ärztin. Er wird anzüglich und droht ihr mit sexueller Gewalt.
  • Eine Apotheke wird während des Notdienstes Ziel eines bewaffneten Überfalls.
  • Einem Arzt wird mittlerweile bei jedem Hausbesuch mulmig, seit er von einem Drogensüchtigen mit einem Messer bedroht wurde.

Zwischen diesen Beispielen existiert eine breite Spanne von individuellen Gewalterlebnissen. Unabhängig davon, ob es sich um verbale Belästigungen, herausforderndes Verhalten oder tätliche Übergriffe handelt, können derartige Erlebnisse psychische wie physische Folgen für die Betroffenen haben. Gewaltprävention setzt daher nicht erst bei der Verhinderung körperlicher Gewalt an, sondern zielt auf den professionellen Umgang mit herausforderndem Verhalten jeder Art.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) definiert den Begriff Gewalt in diesem Zusammenhang wie folgt: "Jede Handlung, Begebenheit oder von angemessenem Benehmen abweichendes Verhalten, wodurch eine Person im Verlauf oder in direkter Folge ihrer Arbeit schwer beleidigt, bedroht, verletzt, verwundet wird."

Brennpunkt Pflege und Betreuung?

  • Eine Studie der BGW und des Universitätsklinikums Eppendorf ergab, dass sich jede dritte befragte Fachkraft in Kliniken, stationärer Altenpflege, ambulanter Pflege sowie Werkstätten und Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen durch erlebte Gewalt stark belastet fühlt. 56 Prozent hatten im betrachteten Untersuchungszeitraum von einem Jahr körperliche Gewalt erlebt, 78 Prozent verbale Gewalt.
  • Deutlich wurde aber auch: Werden die Beschäftigten gut auf kritische Situationen und den Umgang mit Gewalt vorbereitet, haben sie ein geringeres Risiko, Gewalt zu erleben, und fühlen sich weniger belastet.
  • Allerdings sah sich insgesamt nur ein Drittel der Befragten entsprechend gut vorbereitet.

Wie kommt es zu Gewalt?

Fast jeder gewalttätige Vorfall hat eine Vorgeschichte. Irgendwann kam es dann zur Eskalation. Dazu können viele Faktoren beigetragen haben – beispielsweise räumliche Enge und fehlende Rückzugsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten, Überbelegungen, Lärm und andere Stressoren, die ein aggressives Klima fördern. Solche Faktoren sind zu berücksichtigen, wenn mithilfe der Gefährdungsbeurteilung die konkreten Gefährdungen im jeweiligen Arbeitsbereich identifiziert und geeignete Schutzmaßnahmen getroffen werden.

Lesen Sie mehr zu: Geeignete Schutzmaßnahmen

Aggression und Gewalt entstehen in der Regel aus einer Interaktion zwischen den Beteiligten sowie deren Umfeld. Daher kommt es in besonderer Weise auch auf die Kommunikation zwischen den Beteiligten an. Je eher geschulte Kräfte potenziell problematische Situationen erkennen und entsprechend handeln, desto besser lässt sich eine Eskalation verhindern.

Der bewusste und gezielte Einsatz von Sprache ist dabei genauso wichtig wie die differenzierte Wahrnehmung einer Situation und das Nachdenken über die eigenen Verhaltensweisen. Denn Übergriffe können unbewusst und ungewollt auch durch das eigene Verhalten beeinflusst oder sogar ausgelöst werden. Damit ist klar: Eine effektive Strategie zur Gewaltprävention beinhaltet auch, den Beschäftigten Know-how zur Entstehung von Gewalt und zur Deeskalation zu vermitteln.

Tipp: Beratung, Seminarangebote und Ausbildung von innerbetrieblichen Deeskalationstrainerinnen und -trainern durch die BGW

Welche Folgen hat Gewalt?

Neben körperlichen Verletzungen kann es zu vielfältigen psychischen Reaktionen auf das Erlebte kommen, die sich auch wieder körperlich auswirken können: Wut, Angst, Hilflosigkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Erkrankungen der Haut oder des Muskel-Skelett-Systems, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen, um nur einige zu nennen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die individuell empfundene und erlebte Bedrohung. Sie ist bei körperlicher Gewalt oft höher als bei verbalen Aggressionen. Doch wer sich einer Situation hilflos ausgeliefert fühlt, vielleicht keine Fluchtmöglichkeiten wahrnimmt und das Schlimmste erwartet, kann durchaus ein Trauma entwickeln.

Viele Betroffene machen sich selbst Vorwürfe oder schämen sich. In besonderer Weise gilt das für Beschäftigte in helfenden Berufen: Aggressive Verhaltensweisen der Klientinnen und Klienten sind hier vielfach Teil des Krankheitsbildes. Übergriffe erscheinen als hinzunehmende Belastung und werden häufig nicht gemeldet.

Eine zusätzliche Belastung für Betroffene entsteht oft im Nachgang zum Gewalterlebnis durch das Gefühl des Alleingelassenwerdens. Untersuchungen des Geschehens können das Belastungsempfinden noch verstärken. Verdrängungsmechanismen oder zeitverzögerte Reaktionen führen außerdem dazu, dass sich nicht jede gesundheitliche Folge sofort bemerkbar macht.

Umso wichtiger ist es, auf alle Erlebnisse einzugehen und in jedem Fall sowohl schnelle als auch langfristig verfügbare Unterstützung sicherzustellen.

Lesen Sie mehr zu: Hilfe für Betroffene

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Benötigen Sie individuelle Beratung? Bitte nehmen Sie Kontakt zu uns auf.

Grundlagen und Forschung - Veröffentlichungen und Studien der BGW

Diese Seite

BGW online (Link zur Startseite)

Start­sei­te