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Praxisbeispiel: Werkstatt für Menschen mit Behinderung

Theo-Lorch-Werkstätten gGmbH, Ludwigsburg

Wie mit Ergebnissen der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GB Psyche) umgegangen werden kann, zeigt dieses Beispiel.

Steckbrief der Einrichtung:

  • Theo-Lorch-Werkstätten

    Theo-Lorch-Werkstätten gGmbH, 4 Standorte in Ludwigsburg, Bietigheim und Bottwartal
  • circa 200 Mitarbeitende, circa 800 beschäftigte Menschen mit Behinderungen
  • alleiniger Gesellschafter ist der Verein "Arbeit und berufliche Bildung für benachteiligte Menschen Ludwigsburg e.V."
  • Mitglied der Diakonie Württemberg

Wie war die Ausgangssituation im Unternehmen?

Die Einrichtung ist seit 2006 nach MAAS-BGW zertifiziert und hat somit den Arbeitsschutz in das bestehende Qualitätsmanagementsystem integriert. Ebenfalls seit 2006 setzt der Betrieb regelmäßig alle drei Jahre das BGW Betriebsbarometer zur Befragung aller Mitarbeitenden ein.

Grundsätzlich geht es bei allen Vorhaben im betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz darum, sichere und gesunde Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende und Beschäftigte der Theo-Lorch-Werkstätten herzustellen und zu erhalten.

Die Mitarbeitendenvertretung (MAV) und die Geschäftsführung waren sich einig, dass die Gefährdungsbeurteilung, die als Prozess seit Jahren im Unternehmen etabliert und inklusive Risikomanagement gut umgesetzt ist, um die Ermittlung der psychischen Belastung ergänzt werden sollte.

Welches Vorgehen wurde gewählt? Worauf kam es dem Unternehmen besonders an?

Für die Erstellung der GB Psyche sollte eine Vorgehensweise entwickelt werden, die den gesetzlichen und betrieblichen Anforderungen genügt und eine angemessene Beurteilung der psychischen Belastungen ermöglicht.

In der Pilotphase ging es außerdem darum, zu prüfen, welche Analyseinstrumente für die Ermittlung psychischer Belastung in der Einrichtung geeignet sind und inwiefern das BGW Betriebsbarometer zukünftig als zentrales Analyseinstrument für die GB Psyche genutzt werden kann.

Ein wichtiges Ziel des Projekts wurde schließlich darin gesehen, Handlungssicherheit gegenüber externen Partnerinnen und Partnern herzustellen (Gewerbeaufsicht, BGW, Betriebsärztinnen und -ärzte, Fachkraft für Arbeitssicherheit) und eine gute Basis für die Zusammenarbeit zu schaffen.

Dabei sollte die GB Psyche auf jeden Fall in das bestehende Managementsystem integriert werden.

Welche Instrumente wurden genutzt? Wie wurden die Beschäftigten einbezogen?

Theo-Lorch-Werkstätten - Arbeitsbereich Qualitätsprüfung

Gute Arbeitsbedingungen für alle sind das Ziel.
(Foto: Ralf Gröminger/Theo-Lorch-Werkstätten)

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Nach Sichtung der bereits eingesetzten Instrumente und Vorlagen zur Gefährdungsbeurteilung wurden in drei Bereichen exemplarische BGW Arbeitssituationsanalysen durchgeführt: im Förder- und Betreuungsbereich, im Arbeitsbereich und im Bereich der Reha-Werkstatt (hier sind Menschen mit psychischen Einschränkungen beschäftigt). Auch Mitarbeitende aus Außenarbeitsgruppen wurden einbezogen.

Die Maßnahmenentwicklung erfolgte in einer Projektgruppe, in der neben dem pädagogischen Standortleiter, der Managementbeauftragten, dem Personalleiter und der Mitarbeitendenvertretung auch der Werkstattrat vertreten war.

Welche Themen waren besonders relevant? Welche Lösungen wurden gefunden?

Für die Geschäftsführung und für die MAV war ein Thema bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung "gesetzt": die Prävention von verbaler und physischer Gewalt. Zwar existierte im Unternehmen bereits eine Dienstvereinbarung zum partnerschaftlichen Verhalten und in einigen Bereichen hatten Mitarbeitende schon an Deeskalationstrainings teilgenommen. Dennoch bestand das Interesse, dieses Thema auch im Rahmen der GB Psyche systematisch weiterzubearbeiten.

In den BGW-Arbeitssituationsanalysen nannten die beteiligten Mitarbeitenden dann folgende Themen:

  • subjektive Lärmbelastung in den Gruppen (Werkstatt und Betriebsintegrierte Arbeitsplätze - BIA)
  • emotionale Inanspruchnahme, insbesondere im Förder- und Betreuungsbereich
  • Belastungen durch Pflegeanforderungen (hoher Anteil von Betreuten mit Schwerst-/ Mehrfachbehinderungen)
  • Zeitdruck durch Unterbrechungen sowie Unterbrechungen durch pflegerische Tätigkeiten
  • Belastung durch Auftragsschwankungen oder geringe Auslastung/ nicht immer geeignete Aufträge für die verschiedenen Beschäftigtengruppen
  • Belastung durch Komplexität der Software (Förderplanung, Bildungsplanung, Intranet)

Das Vorgehen wird an folgendem Beispiel deutlich:

Die Gefährdung: Die Mitarbeitenden in den Gruppen fühlen sich zeitweise sowohl in der Werkstatt als auch bei den Betriebsintegrierten Arbeitsplätzen durch einen hohen Geräuschpegel belastet. Dieser entsteht nicht nur durch den Betrieb von Maschinen und Produktionsmitteln, sondern auch durch die Beschäftigten.

Die Risikoklasse für diese Belastung wird als mittel (2 von 3) eingestuft, weil es nur ein Teil der Mitarbeitenden ist, der sich hierdurch belastet fühlt. Zudem spielt bei den BIA die Einbindung in die betrieblichen Abläufe beziehungsweise die Arbeitsumgebung beim Kunden oder der Kundin eine Rolle. Die Gefährdung durch Lärm wurde bereits im Rahmen der bisherigen Gefährdungsbeurteilung erfasst und beurteilt; die zulässigen Grenzwerte werden jedoch eingehalten. Die Risikobewertung trägt der Tatsache Rechnung, dass sich einige Mitarbeitende dennoch belastet fühlen.

Die festgelegten Schutzziele lauten: Die subjektive Lärmbelastung im Werkstattbereich und bei den BIA wird durch weitere Maßnahmen gesenkt.

Die Maßnahmen zu dieser Gefährdung:

  • Die Beeinträchtigung durch Lärm wird als immer wieder auftretende Belastung eingestuft, die auch von den spezifischen Gegebenheiten vor Ort abhängt. Wer sich situativ oder auf Dauer besonders beeinträchtigt fühlt, bespricht das mit der Gruppe beziehungsweise der Teamleitung. Können keine unmittelbar wirksamen Maßnahmen ermittelt werden, wendet sich die Gruppe an den Arbeitsschutzausschuss (ASA).
  • Mittel- und langfristig wird das Thema im Rahmen eines laufenden Projekts zur Raum- und Teilhabegestaltung weiter bearbeitet.
  • In den Außenarbeitsgruppen werden in Absprache mit den Kundinnen und Kunden separate Büroräume bereitgestellt.

Wie werden die Umsetzung und die Wirksamkeitsprüfung sichergestellt?

Theo-Lorch-Werkstätten - Begrüßung

Wo systematisch die Psyche in den Blick genommen wird, profitieren alle, die im Betrieb tätig sind.
(Foto: Ralf Gröminger/Theo-Lorch-Werkstätten)

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Grundsätzlich endet der Prozess der Gefährdungsbeurteilung laut Verfahrensanweisung mit abgeschlossenen und wirksamen Maßnahmen. Zur Wirksamkeitsprüfung werden die bestehenden Review-Verfahren im Arbeitsschutzausschuss und im QM genutzt; für die psychischen Belastungen können als Parameter beziehungsweise Kennzahlen zusätzlich im BGW Betriebsbarometer ermittelte Werte herangezogen werden (zum Beispiel Skalenwerte in Bezug auf Arbeitslogistik, Tätigkeit, Führung, Team).

Die Feststellung der Wirksamkeit ist immer der letzte Schritt, bevor sich das Verfahren zyklisch wiederholt. Die Nachhaltigkeit der Prozesse ist dadurch gewährleistet, dass sowohl für die Gefährdungsbeurteilung als auch für die Personalbefragung Verfahrensanweisungen vorliegen.

Welche Erfahrungen wurden gemacht?

Ein aus Sicht der Geschäftsführung und der MAV wichtiges Thema - die Gewaltprävention - wurde in den Arbeitssituationsanalysen von den Mitarbeitenden gar nicht benannt. Die Projektgruppe entschied sich, das Thema dennoch aufzunehmen und weiter dafür zu sensibilisieren.

Es wurde in diesem Zusammenhang deutlich, dass es neben der Auswertung der Analyseergebnisse noch weitere Möglichkeiten geben muss, psychische Gefährdungen in die GB Psyche einzubringen. Dazu können Führungskräfte oder Vertreterinnen und Vertreter des ASA direkt angesprochen werden.

Welche Tipps lassen sich anderen Betrieben geben?

  • Es ist sinnvoll, jeden Arbeitsschritt gut zu dokumentieren. Dazu sollte man sich von Beginn an auf eine Art der Dokumentation einigen (zum Beispiel BGW-Vorlagen zur Gefährdungsbeurteilung) beziehungsweise die bereits im Betrieb vorhandenen Vorlagen nutzen
  • Auch einfache Lösungen oder Themen, an denen bereits gearbeitet wird, haben ihren Platz in der Gefährdungsbeurteilung. Es muss nicht immer "das Rad neu erfunden werden", insbesondere, wenn ein Betrieb beim Arbeits- und Gesundheitsschutz bereits gut aufgestellt ist.
  • Es ist wichtig, das Thema bei Mitarbeitenden und Werkstattrat gut zu kommunizieren. Oft ist nicht allen von Anfang an klar, was mit der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung eigentlich erreicht werden soll.

Autor(en): Dr. Karin Töpsch

28.04.2017

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