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Praxisbeispiel: Kliniken

BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin

Wie man die BGW-Handlungshilfe zur Gefährdungsbeurteilung Psyche in einer Klinik einsetzen kann, zeigt das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin gGmbH. Dort ist Marc-Falko Michael als betrieblicher Gesundheitsberater tätig. Im Interview spricht er über Erfahrungen mit der Handlungshilfe sowie das Seminar für (angehende) Moderatorinnen und Moderatoren, die die Gefährdungsbeurteilung in Kliniken begleiten.

Steckbrief der Einrichtung:

Herr Michael, als betrieblicher Gesundheitsberater am BG Klinikum Berlin haben Sie Einblick in viele unterschiedliche Arbeitsbereiche der Klinik. Bei aller Unterschiedlichkeit, erkennen Sie dennoch einen roten Faden hinsichtlich der Belastungsfaktoren?

In meinen Beratungsgesprächen als betrieblicher Gesundheitsberater und im Rahmen des betrieblichen Eingliederungsmanagements berichten Kolleginnen und Kollegen häufig von psychischen Belastungsfaktoren. Ich unterstütze dann bei der Entwicklung individueller Lösungen.

Im großen Ganzen beobachte ich eine besondere Komplexität mit den steigenden Versorgungsaufträgen. Arbeitsaufgaben und organisationale Prozesse müssen immer wieder evaluiert und angepasst werden. Die Anforderungen an die Mitarbeitenden verändern sich somit häufig, was sich belastend auf einzelne Teams und Abteilungen auswirken kann. Um psychische Belastungsfaktoren im betrieblichen Kontext gezielt zu reduzieren und eine resiliente Organisation aufbauen zu können, hat sich das Unfallkrankenhaus Berlin mit Unterstützung des BG-Klinikverbundes für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung entschieden.

Drei Ärzte behandeln einen liegenden Mann im Unfallkrankenhaus Berlin. Im Hintergrund holt eine Ärztin etwas aus einem Schrank

(Foto: ukb)

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Welches sind nach Ihrer Einschätzung die größten Belastungsfaktoren?
Haben sich die Belastungen in den vergangenen Jahren verändert?

Allgemein sind in der Arbeitswelt sicherlich in den vergangenen Jahren insbesondere die Arbeitsverdichtung, steigende Leistungsanforderungen oder befristete Arbeitsverträge in den Fokus gerückt. Zudem ergeben sich branchenbedingte Belastungsfaktoren. In Krankenhäusern sind die großen Herausforderungen weiterhin die Schichtarbeit sowie eine schnell verlangte Handlungskompetenz bei Notfällen. Die erweiterten Verantwortungsbereiche der einzelnen Berufsgruppen können ebenfalls Belastungsfaktoren begünstigen. Verschärft haben sich Belastungen sicherlich in der Berufsgruppe Gesundheits- und Krankenpflege – Stichwort: Fachkräftemangel.

Sie sind Anfang 2017 mit der Gefährdungsbeurteilung in Ihrer Klinik gestartet. Gab es einen konkreten Anlass, die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung in der Klinik auszurollen?

Als berufsgenossenschaftliches Krankenhaus hat der Arbeits- und Gesundheitsschutz in unserem Unternehmen einen hohen Stellenwert.

Im Sinne der Prävention war unser Ziel, einen differenzierten Blick auf das Thema psychische Belastungsfaktoren im Arbeitsprozess zu legen. Ein Anlass, wenngleich eher auf allgemeiner Ebene, war für uns auch die branchenunabhängig zu beobachtende Zunahme psychischer Erkrankungen. Wir wollten besser verstehen, wie wir Arbeitsbedingungen und -prozesse gestalten können, um psychische Belastungen zu reduzieren.

Da wir auf individueller Ebene mit dem Angebot der vertraulichen Gesundheitsberatung bereits gut aufgestellt sind, ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ein sinnvolles Instrument, um unser Präventionsnagebot zu erweitern.

Sie haben gleich zu Beginn des Projektes ihr Interesse bekundet, als Moderator eine aktive Rolle in der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung einzunehmen. Was hat Sie motiviert? Welche Vorerfahrungen bringen Sie mit?

Als interner Moderator kann ich den Prozess kontinuierlich begleiten und dabei gut etablierte Kommunikationswege nutzen. Im Sinne einer lernenden Organisation profitieren wir enorm von diesen Erfahrungen.

Durch das Zusammenspiel der Bereiche Personalentwicklung und betriebliches Gesundheitsmanagement hatten wir weitere vielfältige Erfahrungen gesammelt: Als Moderatoren unterstützen und begleiten wir beispielsweise interne Teamworkshops oder Veränderungsprozesse.

Das klingt alles sehr stimmig. Und dennoch: Gab es im Vorfeld kritische Stimmen oder Befürchtungen? Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir haben die Vor- und Nachteile der internen Moderation intensiv diskutiert und uns mit anderen Häusern aus dem Klinikverbund zu diesem Thema verständigt.

Zentraler Diskussionspunkt war die Frage, welche Rolle wir als interne Moderatoren einnehmen werden und wie der Spagat gelingen kann, einerseits neutral zu moderieren und gleichzeitig auch Teil der eigenen Organisation zu sein.

Seminar zum Thema

In der Qualifizierung haben die Teilnehmenden nützliche Anregungen erhalten. Dass die Dozentin ihre Erfahrungen aus der Beratung mit uns teilte, habe ich als bereichernd erlebt. Der Austausch im Seminar sowie die Möglichkeit, viel auszuprobieren und zu reflektieren, war ein Zugewinn für die eigene Handlungskompetenz. Alle konnten aus den Erfahrungen eine Art Checkliste, einen „inneren Kompass“ entwickeln. Damit wurde klar, in welchem Setting eine interne Moderation möglich ist.

Darüber hinaus habe ich den kollegialen Austausch und die regelmäßigen Treffen in der Peer-Group als sehr unterstützend erlebt. Die einzelnen Bausteine haben insgesamt dazu beigetragen, dass ich die Workshops neutral begleiten und moderieren konnte.

Sie sprechen das Thema der Rollenklärung an. Was war hilfreich in der Klärung der eigenen Rolle? Wie grenzen Sie die Funktion des Moderators von anderen Rollen ab?

Der betriebliche Alltag und die vielfältigen Aufgaben erschweren manchmal eine gründliche Vorbereitung der Moderation. Die Qualifizierung hat mir die Möglichkeit gegeben, mich mit den erforderlichen Rahmenbedingungen der internen Moderation differenziert auseinanderzusetzen.

Was ist aus Ihrer Erfahrung das Wichtigste, damit die Gefährdungsbeurteilung gut läuft?

Zwei Ärztinnen üben mit einer Plastikfigur auf einer Liege die Behandlung eines Unfallopfers im Unfallkrankenhaus Berlin

(Foto: ukb)

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Wesentlich ist eine genaue Information der Mitarbeitenden, um ein gemeinsames Verständnis zu haben, worum es bei der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung geht. Eine wohlwollende Haltung zur Thematik sowie eine Transparenz, wie der Prozess abläuft, sind wichtige Voraussetzungen für eine aktive Beteiligung der Mitarbeitenden.

Um die Gefährdungsbeurteilung erfolgreich auf den Weg zu bringen, braucht es daher eine transparente Kommunikation.

Wie hat die Qualifizierung dazu beigetragen, die Gefährdungsbeurteilung erfolgreich auf den Weg zu bringen?

Die Teilnehmenden konnten für ihren betrieblichen Alltag ein passendes Projektdesign für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung entwickeln konnte. Im Plenum sowie in Kleingruppen wurden die relevanten Aspekte beleuchtet und am Ende hatten alle ein klares Konzept für die Durchführung. Darüber hinaus ging es um die Klärung der eigenen Rolle. Rückblickend war diese „doppelte Blickrichtung“ das Besondere der Qualifizierung.

Ich fand die Methodenvielfalt zielführend. Insbesondere erinnere ich mich an eine Übung, in der wir „Worst-Case-Szenarien“ in der Moderation simuliert haben. Das war durchaus herausfordernd. Gleichzeitig war es wertvoll, unterschiedliche Vorgehensweisen auszuprobieren und die Wirkungsweise mit den anderen zu reflektieren. Diese Erfahrungen gaben mir auch die Sicherheit, in der „echten“ Moderation handlungsfähig zu bleiben.

Haben Sie auch heikle Situationen erlebt? Wie haben Sie diese bewältigt?

Eine Pflegerin bedient einen Computer. Im Hintergrund führt ein Arzt an einem Pflegebett stehen ein Gespräch mit einer Patientin

(Foto: ukb)

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Ganz klar, die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung ist keine einfache Aufgabe. Trotz guter Vorbereitung und Information kamen die Kolleginnen oder Kollegen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen in die Workshops. Dies hat manche Beteiligte anfangs irritiert. Daraus habe ich dann gelernt. In den folgenden Workshops gab es genug Zeit, um über Bedenken und kritische Annahmen zu sprechen.

Unser Fokus lag darauf, die Selbstwirksamkeit in den einzelnen Teams zu stärken. Auch die Klärung von Zuständigkeiten führte zu ergiebigen Diskussionen, in denen bisher bewährte Lösungsansätze neu gedacht wurden.

Es ist eine Herausforderung, alle Beteiligten kontinuierlich am Prozess zu beteiligen und dran zu bleiben. Dieser wichtige Aspekt geht über die eigentliche Rolle der internen Moderation hinaus.

Was würden Sie anderen Unternehmen empfehlen, die die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung mit internen Moderatoren durchführen möchten?

Die Teilnahme an der BGW-Qualifizierung würde ich auf jeden Fall empfehlen. Das dadurch gewonnene Wissen ist bei einem so sensiblen Thema zwingend erforderlich. Beispielsweise ermöglicht die von der BGW entwickelte Checkliste eine wertvolle Orientierung und erleichtert die Arbeit ungemein. Zudem entstand durch die Qualifizierung ein Netzwerk für Erfahrungsaustausch und die damit weiterhin verbundene Möglichkeit zur kollegialen Fallberatung.

Das Interview führte Diplom-Psychologin Alexandra Gerstner, externe Dozentin bei der BGW und Expertin für betriebliches Gesundheitsmanagement, im Herbst 2017.

09.01.2018

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