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Praxisbeispiel: Alten- und Pflegeheim

Haus St. Barbara, Stuttgart-Möhringen

Eines der Themen, die bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GB Psyche) in dieser Einrichtung bearbeitet wurden, war die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen.

Steckbrief der Einrichtung:

Wie war die Ausgangssituation? Worauf kam es dem Unternehmen an?

Das Haus St. Barbara wurde 2010 vom Caritasverband für Stuttgart eröffnet. In der Einrichtung wird das sogenannte Hausgemeinschaftsmodell umgesetzt, mit dem Ziel, eine ganzheitliche Betreuung und Pflege anzubieten. Der Kerngedanke des Hausgemeinschaftsmodells ist die Aufhebung der personellen und räumlichen Trennung zwischen den Bereichen Hauswirtschaft, Pflege und sozialer Betreuung. Die Bewohnerinnen und Bewohner leben in familiären Wohngruppen zusammen und sollen so mehr familienähnliche, alltägliche und "normale" Alltagsstrukturen erfahren.

Projektziel war es, für die Erstellung der GB Psyche im Gesamtverband eine Vorgehensweise zu entwickeln, die den gesetzlichen und betrieblichen Anforderungen genügt, eine angemessene Beurteilung der psychischen Belastungen ermöglicht und dabei mit den betrieblichen Ressourcen gut vereinbar ist.

Das Alten- und Pflegeheim St. Barbara wurde aus verschiedenen Gründen für das Projekt ausgewählt:

  • weil man einen tragfähigen Prozess entwickeln wollte, der auch auf den Verband übertragbar sein würde,
  • weil die Einrichtung gerade wegen der Umsetzung des Hausgemeinschaftsmodells vor besonderen Herausforderungen stand und sich daraus auch neue Anforderungen für die Mitarbeitenden aller Berufsgruppen ergaben und
  • weil man das Vorhaben in einer Einrichtung pilotieren wollte, die bereits Erfahrung mit Veränderungsprozessen und Projektmanagement aufweisen konnte.

Welche Instrumente wurden genutzt? Wie wurden die Beschäftigten einbezogen?

Im ersten Schritt erfolgte eine Sichtung von vorhandenen Gefährdungsbeurteilungen. Die Ressourcen und Belastungen in der Arbeitssituation wurden mit drei BGW Arbeitssituationsanalysen ermittelt (gemischte Gruppen = Pflege, Betreuung und Hauswirtschaft). Darüber hinaus prüfte der Projektsteuerkreis, inwiefern Ergebnisse einer bereits durchgeführten schriftlichen Befragung einfließen konnten.

Zu den Arbeitssituationsanalysen (Dauer: etwa 120 bis 150 Minuten) wurden alle Beschäftigten eingeladen; die Beteiligung war hoch. Die anschließende Bearbeitung mit den Schritten Benennung der Gefährdung, Beurteilung, Festlegung eines Ziels, Benennung von Maßnahmen, Verantwortlichen und Terminen sowie die Wirksamkeitsprüfung erfolgte in einer Arbeitsgruppe aus Leitungskräften, Mitarbeitendenvertretung (MAV) und Beschäftigten. Zwischenergebnisse wurden den Mitarbeitenden regelmäßig in Dienstbesprechungen vorgestellt und mit ihnen besprochen.

Welche Themen waren besonders relevant? Welche Lösungen wurden gefunden?

In die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung wurden unter anderem folgende Themen aufgenommen und weiter bearbeitet:

  • Arbeitsintensität/Arbeitsspitzen
  • Zusammenarbeit der Berufsgruppen im Haus (Hausgemeinschaftsmodell)
  • Einsatz auf verschiedenen Wohngruppen
  • Umgang mit Angehörigen/Beschwerdemanagement
  • zu wenig Zeit für die Bewohner
  • Dienstplangestaltung
  • Gestaltung des Pausenraums/Störungen von außen

Das Vorgehen wird an folgendem Beispiel deutlich:

Die Gefährdung: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Berufsgruppen fühlen sich dadurch belastet, dass sie auf verschiedenen Wohngruppen arbeiten.

Alten- und Pflegeheim Haus St. Barbara, Stuttgart-Möhringen

Gemeinschaftsküche im Wohnbereich der Einrichtung
(Foto: Isabell Munck)

Die Risikoklasse für diese Belastung wird als niedrig (1 von 3) eingestuft, weil es nur ein Teil der Mitarbeitenden ist, der sich hierdurch belastet fühlt (meist MA, die lange in traditionellen Organisationsformen der Altenpflege gearbeitet haben).

Die festgelegten Schutzziele lauten: Die Mitarbeitenden sehen das Haus als Einheit und empfinden den Wohngruppenwechsel nicht mehr ausschließlich als Belastung. Sie sind hierfür gut vorbereitet und sind auf jeder Wohngruppe bestmöglich routiniert. Die Sichtweise zum Wohngruppenwechsel ändert sich, da dieser auch als Schutz vor immer gleichartigen Belastungen gesehen werden kann.

Die Maßnahmen zu dieser Gefährdung:

  • Es sind ausreichend Informationen zu den Bewohnern hinterlegt, sodass die Arbeit gut geleistet werden kann (Informationen qualitativ gut, Infofluss ist ständig aktuell)
  • Die Kommunikation der Vorgesetzten zum Thema wird regelmäßig aufrecht erhalten.
  • Mitarbeitende können zu Dienstbeginn mit entscheiden, in welchem Wohnbereich sie arbeiten möchten.
  • Regelmäßige Schnittstellenkommunikation (über die Professionen hinweg) findet statt und führt zur Kompetenzerweiterung

Wie werden die Umsetzung und die Wirksamkeitsprüfung der GB Psyche sichergestellt?

Die Wirksamkeitsprüfung zu allen Themen erfolgte in der Projektgruppe. Hierzu wurden die Einschätzungen der Mitarbeitenden in Dienstbesprechungen erfragt sowie die Leitungskräfte einbezogen.

Beim geschilderten Beispiel war das Ergebnis der Wirksamkeitsprüfung positiv: Maßnahmen zum Informationsfluss wurden umgesetzt. Und in Dienstbesprechungen kam von den Mitarbeitenden die Rückmeldung, dass die Belastungen reduziert werden konnten.

Welche Tipps lassen sich für andere Betriebe aus den Erfahrungen ableiten?

  • Auch wenn die Leitungskräfte die Abläufe und Herausforderungen in einer Einrichtung natürlich gut kennen, ist die Sicht der Mitarbeitenden auf die psychischen Belastungen in der Arbeitssituation die Basis für die Gefährdungsbeurteilung. Sie sollten daher in die Analyse umfassend einbezogen werden.
  • Wichtig ist auch ein ressourcen- und zielorientiertes Vorgehen. Es lohnt sich, zu jedem Thema ein Schutzziel festzulegen, bevor Maßnahmen definiert werden. Dies verhindert, dass man die Richtung aus den Augen verliert.
  • Es ist sinnvoller, sich mit wenigen wirksamen Maßnahmen zu beschäftigen als mit vielen verschiedenen Themen, die nur dokumentiert, aber nicht umgesetzt werden.
  • Die Mitarbeitenden sollten während des gesamten Vorhabens von den Leitungskräften immer wieder informiert werden. Die Leitungskräfte sind Ansprechpersonen für Fragen nach dem Stand des Projekts und den Ergebnissen.
  • Wenn Sie im Rahmen der GB Psyche Maßnahmen umsetzen, dann stellen Sie immer wieder den Zusammenhang zur Analyse und zu den von den Mitarbeitenden thematisierten Aspekten der Arbeitssituation her. Die Gefährdungsbeurteilung ist ein transparentes Verfahren, dessen Ergebnisse nicht nur für die Leitung, sondern auch für die Mitarbeitenden sehr spannend sind.

Autor(en): Dr. Karin Töpsch

28.04.2017

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