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Praxisbeispiel: Wo Beteiligung ausdrücklich erwünscht ist

Diakonische Stiftung Wittekindshof

Dass Gesundheitsförderung und Zufriedenheit am Arbeitsplatz eng miteinander verknüpft sind, ist bei der Stiftung Wittekindshof längst gelebte Unternehmenskultur. Mit einem ihrer Gesundheitsprojekte, der "Bemerkenswerten Pause", wurde sie bereits mit dem Deutschen Förderpreis für betriebliches Gesundheitsmanagement ausgezeichnet. 2017 hat die Stiftung als Pilotbetrieb die Personalbefragung "Psychische Belastung und Beanspruchung" getestet.

Kurzinfo zu diesem Beispiel:

  • Darum geht es: Gemeinsam getroffene Entscheidungen sind ein Erfolgsfaktor für die Akzeptanz von Sicherheits- und Gesundheitsmaßnahmen.
  • Name: Diakonische Stiftung Wittekindshof
  • Branche: Einrichtungen der Behindertenhilfe, der Kinder- und Jugendhilfe, Medizin, Therapie, Pflege und Ausbildung
  • Zahl der Mitarbeitenden: rund 3.200 Mitarbeitende an über 100 Standorten in Nordrhein-Westfalen
  • Zahl der betreuten Personen: rund 5.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderung
  • Kontakt: Dr. Lieseltraud Lange-Riechmann, BGM-Koordinatorin

BGM-Koordinatorin Dr. Lieseltraud Lange-Riechmann

BGM-Koordinatorin Dr. Lieseltraud Lange-Riechmann
(Foto: privat)

Die Stiftung Wittekindshof hat sich als Pilotbetrieb für die Personalbefragung zur Verfügung gestellt. Das legt nahe, dass sich Ihre Einrichtung für die Gesundheit und Zufriedenheit Ihrer Mitarbeitenden engagiert. Warum?

In der Diakonie setzen sich Tausende von Mitarbeitenden für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen benachteiligter Menschen ein. Insofern nehmen wir umgekehrt auch unsere Verantwortung als Arbeitgeberin für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr ernst.

Welche Rolle spielt dabei das BGM?

Als BGM-Koordinatorin wirke ich daran mit, dass unsere Mitarbeitenden gesund und zufrieden arbeiten können. Ich schaue, wie sich Belastungen an den unterschiedlichen Arbeitsplätzen senken lassen. Hierfür besuche ich unsere Einrichtungen, analysiere Erkenntnisse zu Belastungen und Beanspruchungen in den jeweiligen Arbeitsfeldern und entwickle, gemeinsam mit den Mitarbeitenden, Angebote. Zu kontrollieren, ob gesundheitsfördernde Maßnahmen ankommen und wirksam sind, gehört natürlich auch zu den Aufgaben des BGM.

Was war der Auslöser die BGW bei der Erprobung zu unterstützen?

Zum einen die Möglichkeit, die psychischen Belastungen und Beanspruchungen im Arbeitsbereich Behindertenhilfe systematisch zu erfassen. Unser zweites Ziel: die Gefährdungsbeurteilung "Psychische Belastung" weiterzuentwickeln, um noch gezielter gesundheitsfördernde Maßnahmen im BGM anbieten zu können. Unsere langfristigen Ziele: zum einen die Gefahrenquellen für die psychische Gesundheit immer weiter zu verringern, zum anderen die Gesundheitskompetenz unserer Mitarbeitenden zu stärken.

Wie haben Sie die Beschäftigten ins Boot geholt?

Mit Beteiligung und so viel Transparenz wie möglich. Gestartet sind wir mit einem Motivationsschreiben an Führungskräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ausgewählten Arbeitsbereiche, in dem wir klar beschrieben haben, worum es geht und was wir vorhaben. Zusätzlich haben wir die Befragung in den Dienstbesprechungen vorgestellt. Nachdem die Fragebögen ausgefüllt und ausgewertet waren, erhielten alle Beteiligten einen Bericht zum Ergebnis der Befragung, in dem wir aufgezeigt haben, wie viele Personen teilgenommen haben und wie wir mit den Ergebnissen weiter umgehen werden.

Wie haben die Beschäftigten die Personalbefragung aufgenommen?

Sehr positiv, als Möglichkeit die Arbeitssituation in den einzelnen Bereichen näher zu beleuchten und zu verändern. Die Mitarbeitenden erleben auf diese Weise Wertschätzung und werten es als positives Signal, dass das Unternehmen ihre Gesundheit im Blick hat. Gleichzeitig gab es auch kritische Stimmen. Einige konnten sich noch nicht mit dem Thema psychische Belastung und Beanspruchung identifizieren, einige waren skeptisch, ob sich die Ergebnisse positiv auf ihren Arbeitsalltag auswirken würden. Letztendlich haben 496 Personen die Fragebögen ausgefüllt. Das entspricht einer Teilnahmequote von über 70 Prozent.

BGW Personalbefragung „Psychische Belastung und Beanspruchung"
Das Instrument unterstützt Einrichtungen dabei, die psychischen Belastungen und Beanspruchungen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erheben, Handlungsempfehlungen abzuleiten und so die Berufszufriedenheit ihres Personals zu verbessern, bevor gesundheitliche Folgen eintreten.

Sie besteht aus zwei Fragebögen mit jeweils zirka 20 Aussagen oder Fragen. Ein Belastungs-Fragebogen erfasst die quantitativen und qualitativen Arbeitsbelastungen, die Arbeitsorganisation, das soziale Arbeitsumfeld und die außerberufliche Situation aus der Perspektive der Mitarbeitenden. Der Beanspruchungs-Fragebogen besteht aus individuellen Einschätzungen zum körperlichen und psychischen Befinden.

Wie wichtig ist es, Mitarbeitende frühzeitig an solchen Projekten zu beteiligen?

Beteiligung und eine klare Kommunikation sind die Erfolgsfaktoren für ein Betriebliches Gesundheitsmanagement. Dass jede und jeder wusste, was auf sie beziehungsweise ihn zukam, hat zur Teilnahme motiviert. Und nicht zuletzt auch die wirklich guten Fragebögen sowie die anonyme externe Auswertung.

Wie unterstützt die Geschäftsführung das Thema "Gesundheit und Zufriedenheit"?

Sehr gut. Die Geschäftsbereichsleitung Sicherheit hat das Projekt geleitet, unterstützt von einer Steuerungsgruppe, in der die Betriebliche Gesundheitsmanagerin, die Personalentwicklung, die Mitarbeitervertretung, das Qualitätsmanagement, der Fachzirkel BGM und die Verwaltungsassistenz vertreten waren. Auch die Schnittstellen ins Unternehmen funktionieren gut. Da meine Stelle eine Stabsstelle bei der Ressortleitung Personal ist, haben wir eine direkte und optimale organisatorische und fachliche Unterstützung. Eine Kommunikation an andere Ressortleitungen, zum Beispiel an die Ressortleitung Wohnen, erfolgt kontinuierlich.

Wie hängen Befragung und Betriebliches Gesundheitsmanagement zusammen?

Viele Professionen eines Teams oder einer Arbeitsgruppe haben die Ergebnisse gemeinsam gesichtet und Vorschläge für Veränderungen und gesundheitsfördernde Maßnahmen gemacht. Ich habe sie dann weiterbearbeitet und in eine gesundheitsfördernde Maßnahme platziert.

Welche Maßnahmen konkret?

Wir haben einen Mix aus verhältnis- und verhaltensorientierten Maßnahmen geplant und umgesetzt. Je nach Arbeitsteam sind die Belastungen unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sehr unterschiedlich. Sie reichen von hohen Geräuschpegeln durch Maschinen, Produktionsmittel und Beschäftigte im Werkstattbereich über Zeitdruck durch hohe Arbeitsbelastung bis hin zu herausfordernden Krankheitsbildern wie Autismus oder das Prader-Willi-Syndrom. Um die Kenntnisse für spezielle Krankheitsbilder zu erhöhen, haben wir fachliche Kurzschulungen entwickelt. Oder auch ein Konzept zum Thema "Mehr Resilienz". Über die fachliche Qualifizierung hinaus gibt es das Angebot einer monatlichen Sprechstunde beim Werkstattleiter, in der Mitarbeitende Themen ansprechen können, die sie bei ihrer Arbeit konkret belasten. Ein Bereich mit 16 Mitarbeitenden hat beispielsweise gemeinsam eine neue Arbeitsorganisation entwickelt, die wir aktuell erproben. Es machen nicht mehr alle alles und gleichzeitig – es gibt Spezialisierungen für bestimmte Aufgaben, mehr Zeit Aufgaben zu Ende zu bearbeiten. Um das Thema Lärmbelastung anzugehen, haben wir aus großen Räumen mehrere kleine gemacht. Gleichzeitig achten wir noch mehr auf Lärmschutz und nutzen digitale Hilfsmittel wie zum Beispiel einen Verpackungsroboter.

Was ist Ihr Erfolgsrezept, um nachhaltig vom Projekt zu profitieren?

Das Herzstück unseres Vorgehens im BGM ist, alle Maßnahmen im jeweiligen Arbeitsbereich mit maximaler Beteiligung unserer Mitarbeitenden zu erarbeiten.

Wie werden die Aktivitäten des BGM von den Beschäftigten angenommen?

Grundsätzlich gut, weil die Maßnahmen individuell an den jeweiligen Arbeitsanforderungen ausgerichtet sind. So wünschen sich viele Beschäftigte, dass Gesundheitsförderung an ihren Arbeitsplatz gebracht wird, weil sie in ihrer Freizeit örtlich und zeitlich durch Familie, Angehörigenpflege oder sonstige Aktivitäten gebunden sind. Deshalb bieten wir Bewegungspausen, Aktivitäten und Entspannungsmöglichkeiten direkt am Arbeitsplatz, zum Beispiel die "Bewegte Pause" oder auch eine kurze Maßnahme für Körper und Seele direkt nach der Arbeit als Brücke in die Freizeit.

Hat sich der Aufwand gelohnt?

Ja, er hat sich für uns alle gelohnt: Wir haben Maßnahmen entwickeln können, die die psychische Belastung und Beanspruchung senken und die Zufriedenheit unserer Beschäftigten verbessern. Durch das Projekt ist ein genaues Hinsehen bei diesem Thema entstanden, die Sensibilität bei allen Beteiligten ist gestiegen. Dass wir nachhaltig profitieren, spüren wir zum Beispiel daran, dass "gemeutert" wird – und zwar von den Mitarbeitenden und von der Leitung –, wenn offene Themen nicht bearbeitet werden.

Das sagen die Experten
Seit 20 Jahren begleitet Andreas Boldt als Aufsichtsperson den Wittekindshof. In dieser Zeit hat er viele Impulse in die Einrichtung gegeben und immer wieder Überzeugungsarbeit geleistet. Dass Maßnahmen nicht am grünen Tisch geplant werden und alle Protagonisten daran beteiligt sind, ist für ihn die Basis langjährig erfolgreicher Projekte. "Über die Jahre sind aus zarten Pflänzchen gesunde Bäume geworden", sagt Boldt. "Das liegt am ehrlichen, offenen Austausch und an der Bereitschaft die Angebote immer wieder nach zu justieren, bis sie von der Basis angenommen werden."

Wolfgang Säckl hat als BGW-Berater das Projekt Personalbefragung unterstützt. Was ihn besonders beeindruckt hat: "Wie viele interne Ressourcen die Einrichtung aufgebaut hat, um die Ergebnisse der Befragung zu konkretisieren und daraus Maßnahmen abzuleiten." Und: "Das hohe Commitment über alle Führungsebenen hinweg: Der Vorstand hat sich über den Fortgang und die Ergebnisse ausführlich informieren lassen, es wurden schnell verbindliche Vereinbarungen über die nächsten Prozessschritte getroffen."

Lesen Sie das ausführliche Interview zum Pilotprojekt

24.07.2019

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