BGW mitteilungen - Ausgabe 1/2012

Stress

Stressmanagement im Betrieb

Frau sitzt am Schreibtisch, blättert in Akten und telefoniert dabei. Stresssituationen kennt fast jeder. Beim betrieblichen Stressmanagement geht es jedoch um einen langfristigen Weg aus der Stressspirale - und um die dauerhafte Gesundheitsförderung der Beschäftigten.

Wer die Zusammenhänge kennt, kann Stress gezielt entgegenwirken: Das gilt besonders für Führungskräfte. Sie spielen eine wichtige Rolle im betrieblichen Stressmanagement.

Stress – was ist das eigentlich? Viele Beschäftigte und Führungskräfte empfinden nach eigenem Bekunden immer wieder mal oder sogar regelmäßig „Stress“. Es fehlt jedoch ein einheitliches Verständnis dafür, was genau darunter zu verstehen ist. Dabei hilft die Kenntnis der Abläufe, die das Gefühl des Gestresstseins auslösen, psychische und körperliche Stressfolgen zu vermeiden. Besonders Führungskräfte sollten sich deshalb mit dem Thema vertraut machen, um Ansätze für ein betriebliches Stressmanagement entwickeln zu können.

Definition „Stress“

Stress ist ein subjektiv intensiv unangenehmer Spannungszustand, heißt es in der wissenschaftlichen Literatur (Greif 1991). Er entsteht aus der Befürchtung, eine Situation, die als zeitnah und vor allem als lang andauernd gesehen wird, nicht vollständig kontrollieren zu können. Gleichzeitig erscheint es als besonders wichtig, diese Situation zu meistern oder zu vermeiden. Nicht alles, was landläufig so bezeichnet wird, ist also, wissenschaftlich gesehen, tatsächlich Stress.

Beim betrieblichen Stressmanagement geht es darum, einerseits auftretenden Stress zu bewältigen und andererseits in einem präventiven Ansatz das Entstehen von Stress von vornherein zu vermeiden. Die Führungskräfte sollten dabei immer bei sich selbst anfangen: Wer gestresst ist, wird kaum seine Beschäftigten gesundheitsfördernd führen können.

Das ABC-Modell

Eine Annäherung an das Entstehen von Stress vermittelt das ABC-Modell nach Albert Ellis, das die BGW für ihre Unterstützungsangebote zum Stressmanagement adaptiert hat (siehe Grafik). Demnach wirken bestimmte Auslöser (A), die sogenannten Stressoren, mit der subjektiven Bewertung (B) der Situation so zusammen, dass es schließlich zu Konsequenzen (C), das heißt Stressfolgen, kommt.

Grafik: ABC-Modell

Am folgenden Beispiel werden die Abläufe deutlicher:

Auslöser: Schwester Gisela hat Nachtschicht in der Notfallambulanz. Sie arbeitet meist allein, hat oft sehr viel zu tun, es gibt keinen Rückzugsort und keinen Wachdienst (bedingungsbezogene Stressoren). Sie hat Angst vor Gewalt und das Gefühl, vom Krankenhaus im Stich gelassen zu werden (personenbezogene Stressoren).

Bewertung: Gisela denkt: „Letzte Woche gab es einen Übergriff – was wird wohl diese Woche nach dem Rockkonzert in der Stadt los sein? Hoffentlich passiert mir nichts!“ – „Was soll ich tun, wenn mich einer angreift?“ – „Keiner von den Vorgesetzten nimmt mich ernst!“ – „Ich bin diesem Druck nicht mehr gewachsen!“

Konsequenzen: Gisela denkt nur noch an die Nachtschicht nach dem Konzert. Sie hat starke Magenschmerzen, kann nicht mehr entspannen. Sie hat Angst, zur Arbeit zu gehen. Sie überlegt, den Job zu wechseln.

Doch den Stressoren stehen auch Ressourcen gegenüber, auf die Gisela zurückgreifen kann: Sie fühlt sich von den Kollegen verstanden und geschätzt, das Teamklima ist gut. Sie findet zu Hause Rückhalt bei der Familie und kann bei der Gartenarbeit meist gut entspannen.

Lösungsansätze für Unternehmen

Beim Stressmanagement geht es darum, für solche und ähnliche Fälle betriebliche Lösungsansätze auf vier Ebenen zu entwickeln:

  • Stressorenabbau: Stressauslöser vermeiden und reduzieren
  • Ressourcenaufbau: Kraftquellen erhalten und stärken
  • Bewertung verändern: Ansprüche relativieren, Erwartungen abgleichen
  • Bewältigungsstrategien entwickeln und Regeneration fördern

Am Beispiel von Gisela kann das konkret heißen, dass das Krankenhaus mehr Personal bei besonderen Anlässen vorhält, einen Rückzugsort schafft, einen Wachdienst einrichtet und Absprachen mit der Polizei vor Ort trifft. So werden bedingungsbezogene Stressoren abgebaut. Auch an den personen-bezogenen Stressoren lässt sich ansetzen: Gespräche über das Thema Gewalt, ein Forum für den noch engeren Austausch im Team oder eine Anlaufstelle im Betrieb tragen dazu bei, Giselas Ängste zu objektivieren.

Der Abbau von Stressauslösern und der Aufbau von Ressourcen greifen oftmals ineinander. Bedingungsbezogene Ressourcen können beispielsweise durch regelmäßige Mitarbeitergespräche, Supervision oder Teamentwicklungsmaßnahmen aufgebaut werden. Mit einem Deeskalationstraining kann das Krankenhaus zudem Giselas persönliche Ressourcen stärken.

Aber auch die subjektive Bewertung, die erst zu den eigentlichen Stressfolgen führt, lässt sich positiv beeinflussen: Wenn Gisela weiß, dass es in der Praxis nur selten Überfälle gibt, dass sofort Hilfe kommt, wenn sie den Wachdienst ruft, dass es ihr in ähnlichen Fällen schon gelungen ist, den Patienten zu beruhigen, dann wird sie gelassener mit der Situation umgehen.

Schließlich hat das betriebliche Stressmanagement auch zum Ziel, Erholungsmöglichkeiten und Entlastung zu schaffen, falls es doch zu Stressfolgen kommen sollte. Das betrifft nicht nur persönliche Aspekte, sondern auch organisatorische, wenn beispielsweise Konflikte unter den Beschäftigten aufbrechen oder allgemein der Krankenstand steigt. Betriebe können unter anderem mit Schulungen auf das Thema Stress aufmerksam machen und in der Folge stressbezogene Symptome früher sichtbar werden lassen. Pausen wahren, Überstunden begrenzen, externe Experten hinzuziehen, gesundheitsfördernde Maßnahmen für die Beschäftigten anbieten – je nach individueller Problemlage stehen den Unternehmen verschiedene Handlungsmöglichkeiten offen.

Gisela wiederum wird in Zukunft anders handeln, wenn es in der Notaufnahme wieder kritisch werden sollte: Sie spricht das Thema frühzeitig bei den Vorgesetzten und im Team an, sie nimmt sich bei den ersten Anzeichen von Magenschmerzen bewusst Zeit für Entspannung und sie wendet sich an die Beratungsstelle.

Am Anfang steht die Analyse

Die geeigneten Maßnahmen für das eigene betriebliche Stressmanagement identifizieren Unternehmen unter anderem mit Analyseinstrumenten wie Mitarbeiterbefragungen oder moderierten Gruppendiskussionen. Den Rahmen dafür kann die Gefährdungsbeurteilung bilden, mit der auch psychische Belastungen erfasst und bearbeitet werden sollen. Wichtig ist, dass die Führungskräfte einbezogen werden und alle Aktivitäten unterstützen. Sie sollten deshalb Zusammenhänge und Handlungsmöglichkeiten zur Prävention und Bewältigung von Stress kennen. Sowohl zur Schulung von Führungskräften als auch zur Analyse der betrieblichen Situation stehen den Mitgliedsunternehmen dabei Angebote der BGW zur Verfügung.

BGW-Unterstützungsangebote

  • Grundseminar zum betrieblichen Stressmanagement für Führungskräfte, betriebliche Interessenvertreter und Arbeitsschutzexperten
  • Übersicht über weitere Seminare der BGW, zum Beispiel zur Gefährdungsbeurteilung
  • Mitarbeiterbefragung zu psychischen Belastungen (sowie Link zu weiteren Analyseinstrumenten): www.bgw-online.de, Suche: Mitarbeiterbefragung BGW miab
  • Broschüre „Diagnose Stress

Autor(en): Alexandra Gerstner

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