BGW mitteilungen - Ausgabe 1/2012

Demenz

Gesund bleiben bei der Pflege von Menschen mit Demenz

Ältere Frau schaut misstrauisch hinter einem Baumstamm hervor. Demenz kann zu herausforderndem Verhalten führen.

Angesichts der steigenden Lebenserwartung sind Pflegeeinrichtungen immer häufiger mit Demenzerkrankungen konfrontiert. Wie können sie insbesondere mit herausforderndem Verhalten von Betroffenen umgehen?

Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter. Die Zahlenangaben schwanken, aber im Durchschnitt ist wohl etwa jeder Vierte über 80 Jahre betroffen – bei den über 90-Jährigen ist es schon jeder Dritte. Die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur mit einem immer höheren Anteil immer älter werdender Menschen sorgt dafür, dass aus den heute etwa 1,2 Millionen Demenzkranken bis zum Jahr 2050 vermutlich etwa 2,6 Millionen werden. Für die Pflegeeinrichtungen, die sich aufgrund der demografischen Veränderungen allgemein steigenden Betreuungszahlen und Nachwuchssorgen gegenübersehen, bedeutet dies, dass sie sich auch dem Thema Demenz stellen müssen.

Herausforderndes Verhalten – Belastung für die Pflegekräfte

Rund zwei Drittel aller Bewohnerinnen und Bewohner in der Altenpflege sind an einer Demenz erkrankt. Die Betroffenen zeigen im täglichen Umgang oft befremdliche, schwierige und unkooperative Verhaltensweisen, wenn sie nicht sogar aggressiv auftreten – ein häufiger Grund für die Heimaufnahme. Mit diesem herausfordernden Verhalten sind überdies gesundheitliche Belastungen für die Pflegekräfte verbunden, vor allem psychisch, aber auch körperlich.

Pflegekraft hält die Hände eines alten Menschen. Wer versteht, warum Demenzkranke ein bestimmtes Verhalten zeigen, kann besser auf sie eingehen und so auch die Eskalation der Situation verhindern. Die Pflegeeinrichtungen können die aktuellen Veränderungen nur meistern, wenn sie die Gesundheit ihrer Beschäftigten genauso in den Mittelpunkt stellen wie die ihrer Patienten und Bewohner. Ein Grund für die BGW, den Einrichtungen Hilfestellung insbesondere auch für den Umgang mit herausforderndem Verhalten von Demenzkranken zu geben. Auf der ersten von insgesamt fünf regionalen Fachtagungen zum Thema Demenz, die im Oktober in Rostock stattfand, diskutierten Führungskräfte aus Pflegeeinrichtungen mit Experten aus Wissenschaft und Praxis verschiedene Ansatzpunkte für die Einrichtungen – von der Diagnose über die Rahmenempfehlungen zum Umgang mit Demenzkranken bis hin zu rechtlichen Aspekten bei freiheitsentziehenden Maßnahmen. Deutlich wurde der hohe Stellenwert, der einer verstehenden Diagnostik zukommt: Warum zeigen Menschen mit Demenz ein bestimmtes Verhalten? Wie können Pflegekräfte mit diesem Wissen gezielter auf ihre Bedürfnisse eingehen und sich damit auch selbst entlasten?

„Genau dieses Vorgehen empfehlen wir auch für den Umgang mit herausforderndem Verhalten“, sagt BGW-Experte Andreas Boldt. „Je besser die Pflegekraft versteht, was in einem Menschen vorgeht, welche Situationen, Strukturen und Reize befremdliches oder abwehrendes Verhalten und Aggressionen auslösen können, desto eher kann sie diesen professionell begegnen.“ Hierdurch lasse sich in vielen Fällen eine weitere Eskalation der Situation verhindern, erklärt Boldt. „Bewusst und überlegt zu kommunizieren ist dabei das A und O – und das gilt gerade im Umgang mit Demenzkranken, die orientierungslos, verwirrt und unsicher sind. Wer gelassen bleibt und versucht, die Perspektive des Betroffenen einzunehmen, subjektive Beweggründe zu verstehen, dem eröffnen sich neue Handlungsperspektiven. Unterstützend wirken hierbei Supervisionsangebote und Fallbesprechungen, in denen eigenes Handeln reflektiert werden kann.“

Gesamtkonzept und Notfallplan

Entscheidend ist für Boldt, dass die Einrichtungen ein Gesamtkonzept entwickeln, das sowohl die Qualifikation der Pflegekräfte beinhaltet als auch organisatorische und technisch-bauliche Aspekte berücksichtigt. Auch hier greifen allgemeine Empfehlungen zum Umgang mit Gewalt und Aggressionen sowie demenzspezifische Ansätze ineinander, beispielsweise wenn es um eine adäquate, gut beleuchtete Raumgestaltung geht. Bei Gefährdungen durch körperliche Übergriffe sei auch die Erstellung eines Notfallplans mit eindeutigen Handlungsanweisungen für Krisensituationen erforderlich, bekräftigt Boldt: „Wie kann Hilfe herbeigerufen werden? Mit welchen Methoden können die Pflegekräfte sich selbst befreien, ohne dabei die Betreuten zu gefährden und das therapeutische Verhältnis infrage zu stellen? Das sollte ebenso geregelt werden wie die Erste Hilfe und der Beistand für diejenigen, die einen Übergriff erleben mussten.“ Neben Auffanggesprächen sei beim „Danach“ auch die Dokumentation des Vorfalls wichtig, betont Boldt.

Gefährdungen abbauen – Lebensqualität steigern

„Analyse von Gefährdungs- und Belastungsfaktoren, Maßnahmenfindung und -umsetzung – wobei die Pflegekräfte als Experten für ihren Arbeitsplatz einzubeziehen sind“, fasst BGW-Experte Andreas Boldt die wesentlichen Handlungsansätze für Pflegeeinrichtungen zusammen. Er bezieht sich dabei gleichermaßen auf den Umgang mit herausforderndem Verhalten von Demenzkranken wie auf andere Belastungen, die in Pflegeberufen auftreten. „Nicht nur beim Thema Demenz lässt sich das erforderliche Wissen gezielt aufbauen und anwenden, um die Lebensqualität der Betroffen, aber auch der Pflegekräfte zu steigern. Belastungen und gesundheitliche Gefährdungen beim Personal abzubauen heißt dabei nichts anderes, als für die Zukunft der Pflege Sorge zu tragen.“

Bei der Tagung in Rostock wurden weitere Unterstützungsangebote der BGW im Hinblick auf herausforderndes Verhalten von älteren Menschen vorgestellt: Einen Einstieg bieten Schulungen zum professionellen Umgang mit Gewalt und Aggression in der Altenpflege, die sich zur Strategieentwicklung in Unternehmen eignen. Die Ausbildung von Multiplikatoren zu innerbetrieblichen Deeskalationstrainern wird von der BGW finanziell gefördert. Umfassende Personalentwicklungskonzepte können wiederum gut im Rahmen des Programms „gesu.per – Betriebliche Gesundheitsförderung durch Personalentwicklung“ realisiert werden.

Titel: Flyer "Demenz - unbekannter Alltag"Unterstützungsangebote der BGW

Einen Überblick über das Thema „Professioneller Umgang mit Gewalt und Aggression“ bietet eine Broschüre der BGW (TP-PUGA), die online bestellt oder mit dem Bestellformular angefordert werden kann. Innerbetriebliche Lösungskonzepte zeigt das gleichnamige Seminar für die Altenpflege auf.

2012 veranstaltet die BGW zwei regionale Fachtagungen „Demenz – unbekannter Alltag: Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Demenzkranken“: am 15. März in Bremen und am 20. September 2012 in Lübeck. Im Jahr darauf folgen zwei weitere Termine in Osnabrück und Hannover. Die Veranstaltungen bieten Führungskräften und weiteren Verantwortlichen in den Einrichtungen handlungsorientierte Fachvorträge und Diskussionsforen. Weitere Informationen zu den Tagungen: Jürgen Kähler, BGW-Bezirksstelle/Bezirksverwaltung Hamburg, Telefon (040) 41 25 - 33 35, E-Mail: juergen.kaehler@bgw-online.de.

Autor(en): Anja Hirschberger

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