BGW mitteilungen - Ausgabe 1/2010
Wenn der Beruf die Haut krank macht
Früher waren Berufsausstieg und Umschulung fast zwangsläufig die Folgen einer Hauterkrankung im Beruf. Heute ist das zwar anders, die wirkungsvollen Heil- und Präventionsverfahren sind aber noch zu wenig bekannt.

Hautprobleme an den Händen werden in vielen Berufen immer noch als etwas angesehen, womit man leben muss. Kaum bekannt ist, dass Hauterkrankungen wie Ekzeme und Allergien die deutsche Wirtschaft jährlich bis zu 1,8 Milliarden Euro kosten – für Arbeitsausfall, Therapie und Umschulungen. Dabei gibt es inzwischen Programme, mit denen Betroffenen so effektiv geholfen werden kann, dass sie in ihrem Beruf bleiben können.
Hauterkrankungen sind die häufigsten berufsbedingten Krankheiten in Deutschland. In manchen Branchen sind bis zu 10 Prozent der Berufstätigen und sogar bis zu 30 Prozent der Berufsanfänger betroffen. Viele junge Friseure, Pflegekräfte, Reinigungskräfte, Bauarbeiter, Floristen, Metallarbeiter, Schlachter, Bäcker und andere steigen, kaum dass sie eine Ausbildung begonnen haben, schon wieder aus. In der Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren machen Hautkrankheiten 90 Prozent der Berufskrankheiten aus.
Kosten pro Fall über 100.000 Euro
Beschäftigte über 25, die Ekzeme und Allergien erst im späteren Berufsleben bekommen, versuchen meist, irgendwie damit zurechtzukommen – so lange, bis es nicht mehr geht. Dann bleibt nur noch die Arbeitslosigkeit oder eine Umschulung, die die Sozialversicherung in Deutschland schnell 100.000 Euro pro Fall und mehr kosten kann.
Zu der beruflichen Katastrophe kommt die persönliche: »Hautkrankheiten schränken die Lebensqualität ebenso stark ein wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Nur: Hautkrankheiten gelten als Lappalie – so lange, bis man selbst eine hat«, berichtet Prof. Dr. Swen Malte John, Leiter der Abteilung Dermatologie und Umweltmedizin der Universität Osnabrück. »Schon Alltagstätigkeiten, zum Beispiel Anziehen, sind mit rissigen und wunden Händen eine Strapaze, ganz abgesehen von den vielen sozialen Kontakten, die über die Hände ablaufen.«
Wasser kann die Haut schädigen
In vielen Berufen ist es die tägliche Arbeit mit Chemikalien, die die Haut oft schon nach kurzer Zeit in Mitleidenschaft zieht. Doch es müssen nicht einmal aggressive Stoffe sein – schon Wasser genügt bei einer Dauerbelastung: Es weicht die Haut auf, schwemmt die Hautfette aus und zerstört die natürliche Schutzfunktion. Schädliche Substanzen können leichter und tiefer eindringen und Entzündungen verursachen. »Wer zum Beispiel im Friseurberuf täglich Haare wäscht, hat ein hohes Risiko, früher oder später ein hartnäckiges Ekzem zu bekommen, wenn er seine Hände nicht schützt«, erläutert Prof. John.
Hohe Dunkelziffer
Die größte Schwierigkeit ist, die Betroffenen schon im Frühstadium der Erkrankung zu »entdecken« und für Präventionsmaßnahmen zu gewinnen. »Das ist nicht leicht, denn Berufsanfänger brechen meist ihre Ausbildung ab, wenn sie Hautprobleme bekommen, und versuchen, woanders einzusteigen – ohne dass wir davon erfahren«, so Dr. Thomas Remé, Leitender Arbeitsmediziner der BGW. »Ältere verbergen aus Angst um den Arbeitsplatz oft ihre Hautprobleme, solange es geht.«
Die Dunkelziffer ist enorm; Experten schätzen, dass die Zahl der nicht gemeldeten Hauterkrankungen um 10 bis 50 Mal höher liegt als die der gemeldeten. Dies wären in Deutschland mehr als 900.000 Fälle im Jahr – 2007 wurden über 18.500 Erkrankungen offiziell gemeldet.
Hautarzt spielt wichtige Rolle
Die entscheidende Instanz ist daher der Arzt, im Regelfall der Hautarzt. Er erfährt am ehesten von seinen Patienten, ob die Ursache für ihr Hautproblem beruflicher Natur ist. Mit einem besonderen »Hautarztbericht« kann und soll er der Berufsgenossenschaft den Fall melden, damit diese schnell die rettenden Maßnahmen einleiten kann. Schnelligkeit ist wichtig, denn, so haben BGW-Untersuchungen ergeben, in den meisten Fällen zeigt sich innerhalb der nächsten 8 bis 14 Monate, ob ein Berufsausstieg erfolgen muss.
Stufenverfahren Haut für schnelle Hilfe
Mit dem im Dezember 2005 eingeführten »Stufenverfahren Haut« kommt die Hilfe schnell und unbürokratisch. Zunächst werden relativ einfache und kostengünstige Maßnahmen gewählt, die ohne aufwendige Prüfung des Einzelfalls erfolgen können – zum Beispiel ein Hautschutzseminar. Die Besonderheit dabei ist, dass auch die Arbeitssituation der Betroffenen berücksichtigt wird. Denn eine rein dermatologische Behandlung allein reicht oft nicht aus, wenn die Haut im Beruf weiter leidet. Bei Bedarf kommen stufenartig intensivere Maßnahmen hinzu.
»Eine ganz aktuelle bundesweite Studie belegt, dass das Stufenverfahren Haut eine hervorragende Sache ist«, berichtet Prof. Swen Malte John. »70 Prozent der hauterkrankten Beschäftigten, die es genutzt haben, haben es als sehr wichtig oder wichtig für sich empfunden. Erste Daten aus einer neuen Studie besagen, dass fast 80 Prozent der Menschen mit schweren Ekzemen, die früher zu einem großen Teil hätten umgeschult werden müssen, dank der eingeleiteten intensiven Maßnahmen in ihrem Beruf bleiben konnten.«
Bei 60 Prozent wird kein Hautarztverfahren eingeleitet
Dennoch: Das Stufenverfahren Haut wird noch zu wenig genutzt. Eine weitere Studie, durchgeführt unter Dermatologen im Raum Berlin-Brandenburg, ergab, dass bei 60 Prozent der Patienten mit vermuteter Berufsdermatose kein Hautarztverfahren eingeleitet wurde – obwohl diejenigen Ärzte, die das Verfahren bereits angewendet haben, es sehr positiv beurteilten. Einer der Gründe könnte sein, dass das Verfahren selbst unter Dermatologen doch noch nicht bekannt genug ist.
Angst um den Arbeitsplatz als Hauptgrund
Ein wichtiger Grund für die zögerliche Nutzung ging allerdings aus der Studie selbst hervor. Offenbar verweigern in vielen Fällen die Patienten die Zustimmung zum Hautarztverfahren – obwohl der Hautarzt in seinem ersten Bericht an die Berufsgenossenschaft den Arbeitgeber nicht zu nennen braucht. »Die Angst, den Arbeitsplatz zu gefährden, steht bei den Betroffenen wohl im Vordergrund«, vermutet Dr. Thomas Remé. »Dabei ist der Arbeitsplatz umso gefährdeter, je länger die Betroffenen warten und je später sie sich helfen lassen. Die frühzeitige, berufsbezogene Therapie und Schulung hingegen ist die beste Maßnahme zur Sicherung des Arbeitsplatzes.«
Die Präventionsprogramme der BGW
Die BGW als gesetzliche Unfallversicherung von Unternehmen und Beschäftigten im Gesundheitswesen sowie in der Friseur- und Beauty-Branche gilt in Deutschland als »die« Haut-Berufsgenossenschaft. Bei ihr sind zahlreiche Haut-Risikoberufe wie Friseure und Pflegekräfte versichert; Hauterkrankungen machen bei ihr über 50 Prozent aller gemeldeten Berufskrankheiten aus.
Mit Unterstützung der Universität Osnabrück hat die BGW sehr effektive Präventionsprogramme entwickelt, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass die gemeldeten Hauterkrankungen in den letzten 15 Jahren deutlich zurückgegangen sind. Besonders erfolgreich ist dabei die »Sekundäre Individualprävention« (SIP), die Therapie und Prävention miteinander verbindet.
»Es geht darum, Menschen, die erste Auffälligkeiten an ihrer Haut beobachten, so früh wie möglich nicht nur zu behandeln, sondern ihnen das notwendige Wissen zu vermitteln, wie sie ihre Haut so gut schützen, dass sie beschwerdefrei weiter ihren Beruf ausüben können«, beschreibt Dr. Thomas Remé von der BGW das Verfahren. »Wenn das gelingt, kann in den meisten Fällen eine Chronifizierung und der Berufsausstieg verhindert werden.«
Hautsprechstunde
In den letzten Jahren hat die BGW an fast allen ihren Standorten spezielle Schulungs- und Beratungszentren, kurz schu.ber.z, für Versicherte mit Hautproblemen eingerichtet. Hier können sich versicherte Beschäftigte von Hautärzten und weiteren Experten der BGW medizinisch beraten lassen. Für einen Termin bei der Hautsprechstunde ist eine telefonische Voranmeldung erforderlich.
Seminar »Haut-nah erleben«
Hauterkrankte Versicherte erhalten in der Regel eine Einladung zu einem Intensivseminar. Es soll ihnen helfen, ihr Hautproblem so weit in den Griff zu bekommen, dass sie – unter Beachtung der Präventionsmaßnahmen – ihren Beruf weiter ausüben können. Auch nach dem Seminar begleitet die BGW die Teilnehmer, bis ihre Haut wieder gesund ist.
Noch eine Chance: Tertiärprävention
In manchen Fällen hält sich eine Hauterkrankung hartnäckig. Ein Berufsausstieg scheint unvermeidlich. Doch selbst dann gibt sich die BGW noch nicht geschlagen. Mit der »Tertiären Individualprävention« erreicht sie, dass rund zwei Drittel der Betroffenen, die unter gravierenden Hauterkrankungen leiden, im Beruf bleiben können. Das Programm umfasst unter anderem einen dreiwöchigen teilstationären Klinikaufenthalt, bei dem im Vordergrund steht, die Hauterkrankung vollständig abzuheilen.
Weitere Informationen
Mehr zum Thema Hautschutz und zu den Angeboten der BGW finden Sie in der Rubrik Hauptsache Hautschutz. Hier geht es direkt zu den Adressen der Schulungs- und Beratungszentren, die unter anderem die Hautsprechstunde durchführen.
Autor(en): BGW


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