BGW mitteilungen - Ausgabe 3/2009
Gesundheit fördern mit System
Mal eine Rückenschule anzubieten, ist noch kein betriebliches Gesundheitsmanagement. Mit einem individuell zugeschnittenen Maßnahmenpaket können Betriebe jedoch viel erreichen, sofern es in die Unternehmensstrategie und -kultur eingebettet wird.

Die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist für Unternehmen ein wertvolles Gut: Nach einer Schätzung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales kostet ein Fehltag eines Beschäftigten seine Firma im Schnitt 400 Euro. Einbußen aufgrund von Qualitätsmängeln und Kundenverlusten lassen sich kaum beziffern.
»Unternehmen erkennen zunehmend, wie wichtig gesunde und motivierte Mitarbeiter für die Qualität der Leistungen und für den Unternehmenserfolg sind«, stellt Dr. Heike Schambortski fest, die den Bereich Gesundheitsmanagement der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) leitet. »Allerdings greifen viele Maßnahmen dann zu kurz. Denn mit ein paar Kursen zu rückengerechtem Arbeiten oder einer Ernährungsberatung für die Arbeitnehmer lässt sich auch langfristig keine Verbesserung der Mitarbeitergesundheit erreichen.«
Dagegen lohnt sich ein systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement auch betriebswirtschaftlich, wie die Initiative Arbeit und Gesundheit (IGA) ermittelt hat: Fehlzeiten etwa können so um 12 bis 36 Prozent gesenkt werden. Die Kosteneinsparung beträgt 2,50 bis 4,85 Euro pro Euro, der ins Gesundheitsmanagement investiert wurde.
Maßnahmen kombinieren
Wie aber können sich Unternehmen dieses Potenzial erschließen? Eine IGA-Studie nennt verschiedene Ansatzpunkte:
- Besonders wirksam sind Mehrkomponenten-Programme: Sie führen verschiedene präventive Maßnahmen zusammen und berücksichtigen so mehrere Risikofaktoren. Nachhaltige Effekte entstehen vor allem durch die Verbindung von Verhaltens- und Verhältnisprävention – neben dem Verhalten des Einzelnen sollen also die Rahmenbedingungen vor Ort angepasst werden. Zur Vorbeugung von Muskel-Skelett-Erkrankungen werden etwa Schulungen mit technischen Hilfsmitteln, arbeitsorganisatorischen Veränderungen und einer Umgestaltung des Arbeitsplatzes verbunden.
- Ein weiterer Erfolgsfaktor ist, das Gesundheitsmanagement als Projekt der Organisationsentwicklung anzulegen, bei dem alle Verantwortlichen einbezogen und die Mitarbeiter von Anfang an beteiligt werden.
- Bildet eine sorgfältige Bedarfsanalyse den Ausgangspunkt für ein Projekt zum betrieblichen Gesundheitsmanagement, trägt das ebenfalls zum Erfolg der Maßnahmen bei.
- Bewegungsprogramme, wie zum Beispiel Betriebssportangebote, die in ein betriebliches Gesundheitsmanagement eingebettet werden, steigern die körperliche Aktivität und fördern die psychische Gesundheit. Muskel-Skelett-Erkrankungen nehmen ab, der Krankenstand geht zurück.
- Überraschend wirksam und zudem kostengünstig ist die kontinuierliche Motivation. So können schon auffällige Hinweisschilder, die Treppe statt des Aufzugs zu nutzen oder ins Büro des Kollegen zu gehen, anstatt zu telefonieren, nachweislich die körperliche Aktivität steigern.
Anders sieht es bei einer reinen Wissensvermittlung in Unterrichtsform oder mit Infomaterialien aus: Fehlen weitere Maßnahmen, lässt sich kein positiver Effekt auf die Mitarbeitergesundheit feststellen, so das Fazit der Initiative Arbeit und Gesundheit.
Gesundheit strategisch planen
Festzuhalten bleibt also, dass Einzelmaßnahmen meist wenig oder gar keine nachhaltige Wirkung zeigen. Erst ein Bündel mehrerer, aufeinander abgestimmter Maßnahmen verbessert tatsächlich die Gesundheit der Beschäftigten.
Solche Pakete müssen aber zielgerichtet entwickelt und umgesetzt werden, betont die BGW-Expertin Dr. Heike Schambortski. »Der Erfolg hängt eng damit zusammen, ob ein echtes 'Gesundheitsmanagement' im Betrieb verankert wird. Dieses wird mit dem Arbeitsschutz verknüpft und systematisch umgesetzt. Es gibt eine Strategie, welche Ziele mit welchen Maßnahmen erreicht werden sollen. Es wird nicht nur von heute auf morgen gedacht, die Perspektive ist vielmehr eine langfristige, die auf kontinuierliche Verbesserung hinarbeitet.«
Wichtig sei es, den Anpruch gesunder Arbeit in der Unternehmenskultur zu verankern und die Mitarbeiter immer wieder gezielt einzubeziehen. Und das wiederum gehe nicht ohne engagierte Führungskräfte. »Man darf ihre Vorbildfunktion nicht unterschätzen«, sagt Schambortski. »Setzen sie sich für Angebote zur Gesundheitsförderung ein, haben sie ein offenes Ohr für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter? Das zeigt: Gesundheit ist wirklich ein Thema bei uns – vielleicht sollte ich als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter auch stärker auf meine Gesundheit achten als bisher.«
Ganzes Unternehmen einbinden
Gesundheitswissenschaftlerin Claudia Voelker von der Freien Universität Berlin kann diesen Ansatzpunkten nur beipflichten. Sie hat für die BGW Projekte zur Prävention von Rückenbeschwerden evaluiert und dabei festgestellt, dass die Einbindung in die Strukturen des jeweiligen Unternehmens ganz entscheidend für den Projekterfolg ist.
»Sowohl die Projektleitungen als auch die externen Berater nennen die Unterstützung durch die Geschäftsführung, die Einbeziehung der Entscheidungsträger und die Motivation und Sensibilisierung der Mitarbeiter als wesentliche Faktoren«, sagt sie. »Genauso wichtig ist aber, dass Informationen aus dem Projekt regelmäßig weitergegeben werden.« Die von der BGW eingesetzten Berater, die die Unternehmen durch ihre Projekte begleitet haben, gehen noch einen Schritt weiter: »Ein gutes Betriebsklima und eine offene Unternehmenskultur helfen auch beim betrieblichen Gesundheitsmanagement«, fasst Voelker die Rückmeldungen zusammen.
Knackpunkt bei vielen Maßnahmen und Projekten sind die personellen und finanziellen Ressourcen, die zur Verfügung gestellt werden. Schwierig wird es aber auch, wenn parallel Umstrukturierungen im Unternehmen anstehen – oder, genau andersherum, wenn bestehende Strukturen zu starr gehandhabt werden.
Aktionismus bringt wenig
Zu einem erfolgreichen betrieblichen Gesundheitsmanagement gehören Zielbestimmung, Planung, Analyse der Ausgangsbedingungen, Umsetzung und Ergebniskontrolle. Maßnahmen sollten ganzheitlich ausgewählt und zusammengestellt werden. Und auf Dauer bringen weder Aktionismus noch Alleingänge in einzelnen Projekten viel, weiß BGW-Expertin Dr. Heike Schambortski. »Deshalb lohnt sich meist eine externe Beratung, die mit Augenmaß auf die Situation im jeweiligen Betrieb eingehen kann.«
Die BGW unterstützt ihre versicherten Unternehmen mit Analyseinstrumenten und individuellen Beratungsangeboten zum Thema. Weil Know-how der Schlüssel zum Erfolg ist, bietet die BGW außerdem eine breite Palette von Fortbildungsmaßnahmen zum betrieblichen Gesundheitsmanagement an, die mit einem Zertifikat abgeschlossen werden können.
Beratung und Fortbildung
- Fragen zum Beratungsangebot der BGW rund um das betriebliche Gesundheitsmanagement können per E-Mail an gesundheitsmanagement@bgw-online.de gerichtet werden.
- Das Seminarprogramm 2010 der BGW – mit vielen Fortbildungsangeboten zum betrieblichen Gesundheitsmanagement – erscheint im September.
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Autor(en): Anja Hirschberger


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