BGW mitteilungen - Ausgabe 2/2009
Leitartikel von Professor Dr. Gerhard Mehrtens
Prof. Dr. Gerhard Mehrtens ist seit 1983 Vorsitzender der Geschäftsführung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Der promovierte Jurist führte die BGW aus der Krise der 70er und frühen 80er Jahre, als ein langer Reformstau den "Sanierungsfall BGW" bis vor den Petitionsausschuss des Bundestages brachte.
Modernisierung, Dezentralisierung und der kundenorientierte Ausbau der Dienstleistungsangebote prägten die Folgezeit. Heute ist die BGW für rund sechs Millionen Versicherte in über 565.000 Unternehmen zuständig und damit Deutschlands zweitgrößte Berufsgenossenschaft. Am 31. Mai 2009 geht Prof. Dr. Mehrtens in den Ruhestand.

Die BGW: Kontinuität und Wandel
Arbeitsschutz managen – Prävention und Rehabilitation verzahnen – innovative Branchenlösungen entwickeln – Reformen mitgestalten: Diesen Herausforderungen sieht sich die BGW heute gegenüber. Wie können Unternehmen sich mit ihrem Engagement für den Gesundheitsschutz der Beschäftigten neue Ressourcen erschließen und so auch ihre Marktposition stärken? Eine Frage, die ganz entscheidend für die moderne Präventionsarbeit der BGW ist. Genauso entscheidend ist nach wie vor die bestmögliche Versorgung der Versicherten bei Berufskrankheiten sowie nach Arbeits- oder Wegeunfällen.
Die Rahmenbedingungen haben sich in der Geschichte der BGW vielfach geändert. Wir mussten uns immer wieder neu anpassen und konnten dabei einiges erreichen: Langjährige Beitragsstabilität auf niedrigem Niveau, bedeutende Präventionserfolge, die sich wiederum in Kosteneinsparungen für die Betriebe auszahlten, sowie eine Reihe bewährter, aber auch nagelneuer Angebote sprechen für sich.
80 Jahre wechselvolle Geschichte
Gegründet wurde die BGW vor 80 Jahren, am 17. Mai 1929. Nach Kriegsende mussten Widerstände überwunden werden, bis die BGW ab 1950 in ganz Westdeutschland als eigenständige Organisation existierte. In der Folgezeit stieg die Zahl der Versicherten stark an, ohne dass eine entsprechende Anpassung der Strukturen erfolgte. Der lange Reformstau führte in den 70er- und frühen 80er-Jahren schließlich zu einer tiefen Krise, die sogar den Petitionsausschuss des Bundestages beschäftigte.
Kundennähe durch Dezentralisierung
Von 1983 an durchlief die BGW einen tiefgreifenden Reformprozess. Dazu gehörte vor allem die Dezentralisierung des Reha-Bereichs durch die Einrichtung von zunächst vier Bezirksverwaltungen. Die neuen Strukturen hatten sich kaum eingespielt, als die Wiedervereinigung einen weiteren kräftigen Mitgliederzuwachs und neue Herausforderungen mit sich brachte. Neue Bezirksverwaltungen und Bezirksstellen der Präventionsdienste wurden eingerichtet. Heute sorgen elf Standorte für die kundennahe Betreuung der Unternehmen und ihrer Beschäftigten.
Und die BGW wächst weiter: In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der versicherten Unternehmen um fast 200.000 auf 565.094 im Jahr 2008 gestiegen. Aktuell ist die BGW für mehr als 6,3 Millionen Menschen zuständig. Sie arbeiten unter anderem in Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege, in Krankenhäusern oder bei Pflegediensten, in Arztpraxen, in Apotheken sowie in Friseursalons. Diese Vielfalt erfordert passgenaue Lösungen für die einzelnen Branchen.
Prävention zahlt sich aus
Wie eng eine maßgeschneiderte Prävention mit den Rehabilitationsleistungen und der Beitragshöhe zusammenhängt, zeigt das Beispiel der Friseure. Bis zum Anfang der 90er-Jahre wurden immer mehr Berufskrankheiten gemeldet, insbesondere Ekzeme und Allergien. Auch die Beiträge schraubten sich dadurch nach oben. Mit Hochdruck entwickelte die BGW deshalb gezielte Präventionsprogramme für die Branche – und die Betriebe zogen mit. Von 1991 bis heute ist die Zahl der gemeldeten Hauterkrankungen um fast 80 Prozent gesunken. Die BGW musste immer weniger für die Rehabilitation der Betroffenen ausgeben und die Beiträge für Friseure konnten mehrfach deutlich gesenkt werden.
Prävention und Rehabilitation vernetzen
Eine Erfolgsgeschichte, die sich für die Betroffenen wie für die Unternehmen auszahlt, ist das Konzept der sekundären Individualprävention. Denn Prävention endet nicht, sobald die Beschäftigten erste Beschwerden feststellen. Ganz im Gegenteil: Dann kommt es besonders darauf an zu verhindern, dass der erlernte Beruf aufgegeben werden muss. So können zudem enorme Kosten für die Umschulung und Heilbehandlung eingespart werden.
Inzwischen gelingt es uns immer wieder, Haut- und Rückenerkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Eine wichtige Rolle spielen dabei die mittlerweile zehn Schulungs- und Beratungszentren (schu.ber.z) der BGW. Hier werden Versicherte individuell beraten und Behandlungsmaßnahmen persönlich abgestimmt.
Praxisnahe Unterstützung für die Unternehmen
Aber auch auf anderen Feldern geht die BGW neue Wege – einige davon stellt diese Ausgabe der BGW mitteilungen vor: Unser Präventionsangebot BGW qu.int.as verzahnt sehr erfolgreich Qualitätsmanagement und Arbeitsschutz. Mit dem bgwforum präsentieren wir alle zwei Jahre auf einer Leitveranstaltung aktuelle Brennpunkte und Lösungen für einzelne Branchen. Spezielle Unterstützungsangebote für die Betriebe reichen von Hilfen zur Gefährdungsbeurteilung bis zur Beratung bei Projekten der Organisationsentwicklung. Und wir arbeiten weiter daran, möglichst genau den Bedarf unserer Kundinnen und Kunden zu erfüllen.
Doch Prävention und Rehabilitation stehen nicht für sich allein. Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, macht sich das in den jeweiligen Branchen bemerkbar. Die BGW setzt sich deshalb gemeinsam mit der Politik und weiteren Kooperationspartnern für gesunde Arbeitsbedingungen ein. Die Kampagne »Aufbruch Pflege« hat in den letzten drei Jahren vielfältige Anstöße zu dringend nötigen Reformen in der Altenpflege gegeben. Ein zweiter Schwerpunkt wird in nächster Zeit dem Friseurwesen gelten. Hier geht es darum, die bereits erzielten Präventionserfolge zielgenau weiterzuführen.
Modernisierung der Unfallversicherung
Aber nicht nur das Umfeld der Unternehmen ist im Wandel begriffen, auch die gesetzliche Unfallversicherung muss sich anpassen. Im letzten Jahr hat der Deutsche Bundestag grundlegende Reformen beschlossen. Die BGW hatte sich bereits im Vorfeld aktiv eingebracht. So konnten die ursprünglichen – für unsere versicherten Unternehmen wesentlich ungünstigeren – Pläne zur Neugestaltung der Lastenverteilung zwischen den einzelnen Berufsgenossenschaften noch maßgeblich beeinflusst werden. Dennoch bleibt eine bittere Pille, denn von den schließlich verabschiedeten Veränderungen ist leider auch die BGW betroffen. Wie sich das auf die lange Zeit so außerordentlich stabilen und niedrigen Beiträge auswirkt, muss sich noch zeigen – hier wartet eine neue Herausforderung auf uns. Als eine von zukünftig nur noch neun Berufsgenossenschaften wird die BGW jedenfalls auch weiterhin eine wesentliche Rolle spielen.
Die BGW ist heute gut aufgestellt. Sie hat sich über die Jahre hinweg zu einem starken Partner für die versicherten Unternehmen entwickelt. Sie wird sich auch in Zukunft aktiv für »ihre« Branchen einsetzen.
Autor(en): Prof. Dr. Gerhard Mehrtens


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