BGW mitteilungen - Ausgabe 1/2009

Tierarzpraxis

Keine Angst vor großen Tieren

Foto: Carsten Rehder und Christina Zöllner impfen einen braunen Ziegenbock. Tierarztbesuch bei einer Ziegenfamilie

Auch die Beschäftigten in Tierarztpraxen sind bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) unfallversichert. Vom Arbeitsalltag mit großen Tieren erzählt die folgende Reportage. Sie zeigt auch, welche Rolle der Gesundheitsschutz der Beschäftigten spielt.

Kurz vor acht Uhr ist Lagebesprechung. Ein Blick auf das sonnige Wetter und der Tierarzt Carsten Rehder (42) und seine tiermedizinische Fachangestellte Christina Zöllner (20) sind sich einig: Nach dem Dauerregen der letzten Tage steht heute endlich die Visite bei einer Galloway-Rinderherde auf dem Programm. Denn neben Katzen, Hunden, Kaninchen und Vögeln, die Rehder in seiner Kleintierpraxis in Preetz (bei Kiel) behandelt, gehören zu seinen Patienten auch große Vierbeiner wie Rinder, Pferde, Esel, Ziegen und Lamas.

Bevor sie sich auf den Weg zu den robusten Rindern mit dem dunklen Zottelfell machen, schlüpfen die beiden in ihre mit Stahlkappen verstärkten Gummistiefel und packen neben Spritzen und Medikamenten auch zwei große, bedrohlich aussehende Zangen ein. »Damit werden wir gleich die etwa sechs Monate alten Bullenkälber kastrieren, indem wir bei ihnen die Samenstränge abklemmen. Vorher müssen wir sie allerdings von der Herde trennen und dorthin treiben, wo wir sie in Ruhe betäuben können«, erklärt Rehder.

Schmerzhafte Tritte

Angst vor dem Umgang mit großen Tieren hat Christina Zöllner nicht, obwohl sie zu Beginn ihrer Ausbildung vor drei Jahren hauptsächlich an die Betreuung von Katzen und Hunden dachte. »Das tägliche Rausfahren war dann aber ein sehr positiver Nebeneffekt. Inzwischen bin ich ein richtiger Rinder-Fan geworden. Es sind ganz tolle Tiere«, schwärmt die junge Frau.

Foto: Tierarzt Carsten Rehder und Mitarbeiterin Christina Zöllner halten den Jungbullen fest, um ihn zu betäuben. Carsten Rehder und Christina Zöllner bei der Arbeit: Der Jungbulle bekommt eine Betäubungsspritze und wird dann in die richtige Position gebracht, damit er kastriert werden kann. Trotz aller Begeisterung weiß sie natürlich auch, dass im Umgang mit Vieh und Pferden Gefahren lauern. Das Tragen von medizinischen Einmalhandschuhen bei Kontakt mit Blut, Sekreten oder Ausscheidungen ist selbstverständlich und auch bei den Kleintieren Pflicht. Bei Großtieren muss jedoch zusätzlich mit schmerzhaften Tritten gerechnet werden. Wie sie sich davor schützt, hat Christina gleich zu Beginn ihrer Ausbildung von ihrem Chef gelernt. So halten zum Beispiel die Stahlkappen in den Gummistiefeln auch einer 500 Kilogramm schweren Kuh stand. Außerdem sollte, wer Pferde behandelt, möglichst nahe bei ihnen stehen, damit ihn ein Tritt nicht mit voller Wucht trifft. Und um sich vor den Beinen eines auf der Seite liegenden Rindes zu schützen, bindet und hält man es mit einem Strick fest.

Und genau das macht Christina Zöllner gerade, nachdem sie den störrischen Galloway-Kälbern immer wieder hinterhergelaufen ist, sie geschoben, gezogen und schließlich, als sie betäubt zu Boden gingen, in die richtige Position gewälzt hat. »Da kommt mir zugute, dass ich regelmäßig mit meinem Hund jogge und deswegen ziemlich fit bin«, sagt sie lachend. Nach knapp anderthalb Stunden ist die Arbeit erledigt, die kleinen Bullen, die jetzt zu Ochsen geworden sind, haben sich taumelnd erhoben und muhen lauthals ihre Geschwister auf der anderen Seite des Zaunes an.

Bevor sie wieder in die Praxis zurückfahren, haben Carsten Rehder und seine Mitarbeiterin noch eine besonders heikle Aufgabe zu erledigen. Auf einem Bauernhof sollen Alpakas gegen Milbenbefall gespritzt werden. Und dabei ist, wie Christina Zöllner aus eigener Erfahrung weiß, erhöhte Vorsicht geboten. Sie erinnert sich: »Nadelstiche finden Alpakas gar nicht witzig und so bespuckten sie uns einmal zielsicher mit jeweils einer Portion Pansensaft. Ausweichen konnten wir zwar nicht mehr, aber wenigstens noch schnell die Augen schließen.«

Gesundheitsschutz in der Tierarztpraxis

Foto: Mitarbeiterin einer Tierarztpraxis wäscht sich die Hände. Ob in der Praxis oder beim Einsatz auf der Weide: Hygiene muss sein. Der Umgang mit den Tieren macht sicher den Reiz der Arbeit in einer Tierarztpraxis aus, ist aber nicht ganz ungefährlich. Hinzu kommen weitere Gesundheitsrisiken, zeigen die Erfahrungen der BGW. Bei ihr sind die Beschäftigten gesetzlich unfallversichert. Selbstständig tätige Tiermediziner können sich freiwillig gegen die Folgen von Arbeits- und Wegeunfällen sowie Berufskrankheiten absichern.

Von allen Berufen im Gesundheitswesen sind Tierärzte und ihre Angestellten am häufigsten von Arbeitsunfällen betroffen. Zumeist handelt es sich um Biss-, Kratz- und Trittverletzungen an Armen und Beinen. Mehr als die Hälfte dieser Unfälle geht auf das Konto von Katzen, in einigem Abstand folgen Hunde, Pferde und Kühe. Glücklicherweise heilen die meisten Verletzungen folgenlos aus. Lediglich in Einzelfällen kommt es zu erheblichen Komplikationen.

Bei den Berufskrankheiten fallen viele Atemwegserkrankungen auf. So kommt es beispielsweise zu allergischen Reaktionen auf Tierhaare oder auf Stäube von Medikamenten und Einstreu. Über die Hälfte aller gemeldeten Berufskrankheiten sind jedoch Hauterkrankungen. Die Themen Hautreinigung, -schutz und -pflege sollten daher in einer Tierarztpraxis stets präsent sein.

Lange Arbeitszeiten, ständige Rufbereitschaft und die Fahrten zu den Patienten kennzeichnen den Arbeitsalltag – permanenter Stress kann zu psychosomatischen Erkrankungen führen und begünstigt Unfälle. Großtierpraktiker gehören zu den Berufsgruppen mit einem hohen Anteil an Fahrtätigkeit. Zeitdruck und Notfälle erhöhen die Risikobereitschaft, dichter Verkehr und ungünstige Witterungsbedingungen steigern die Unfallgefahr zusätzlich.

Welche Gefahrenpotenziale in Tierarztpraxen bestehen und wie sich die Risiken gezielt minimieren lassen, zeigen die Materialien der BGW. Einen Überblick gibt der Brancheneinstieg dieser Website: rechts oben Branche: Tiermedizin wählen. Über die Startseite haben Sie dann unter anderem direkten Zugriff auf die Schriften »BGW kompakt« und »Gefährdungsbeurteilung« für Ihre Branche und können Hautschutzpläne für die Praxis bestellen.

Schnell zum Arzt

  • Mit Katzen auf dem Behandlungstisch ist nicht zu spaßen. Sie beißen nicht nur deutlich häufiger zu als Hunde, sondern in etwa 50 Prozent der Fälle führen Katzenbisse auch zu Infektionen. »Und das kann gefährlich werden«, warnt Dr. Lutz Nickau, Tierarzt bei der BGW, »denn solche Infektionen greifen schnell Sehnen, Gelenke und Nerven an. Dauerschäden oder sogar der Verlust des Fingers können die Folge sein.« Deswegen müssen Tierärzte und ihre Angestellten, wenn sie trotz sofortiger Reinigung und Desinfektion der Wunde später eine Schwellung, Rötung und Schmerzen haben und das typische Pochen einsetzt, sofort zum Arzt oder – nachts – die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchen.

Autor(en): salaction

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