BGW mitteilungen - Ausgabe 1/2007

Krankenhäuser

Gegen Mobbing angehen – Empfehlungen für Krankenhäuser

Mobbing ist im Gesundheitswesen immer weiter verbreitet. In einem Pilotprojekt hat die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) Strategien zur Prävention von Mobbing speziell für Krankenhäuser erprobt.

In der Chirurgie hat der Chefarzt gewechselt. Der bisherige Oberarzt Dr. Meyer kommt mit dem neuen Chef nicht klar; dieser macht keinen Hehl daraus, dass er die Stelle lieber mit einem jüngeren Kollegen seiner Wahl besetzen würde. Oberarzt Dr. Meyer gerät immer häufiger in die Kritik; der neue Chefarzt lässt keine Gelegenheit aus, Dr. Meyers fachliche Kompetenz in Frage zu stellen. Der Oberarzt wird verstärkt zu einfachen Routineoperationen eingeteilt. Nach einem halben Jahr darf er gar nicht mehr operieren. Er arbeitet jetzt in der Notaufnahme. Dr. Meyer beschwert sich bei der Ärztekammer über die seiner Meinung nach unfaire Behandlung.

Mobbing stellt ein zunehmendes Problem in Einrichtungen des Gesundheitswesens dar. Die Ergebnisse des 2002 veröffentlichten »Mobbing-Reports« der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) belegen, dass in Gesundheitsberufen ein 1,6-fach erhöhtes Mobbing-Risiko besteht. Im Durchschnitt aller Berufe ist jeder Neunte mindestens einmal in seinem Arbeitsleben von Mobbing betroffen.

Mobbing macht krank – und verursacht so hohe Kosten für den Betrieb. Im »Mobbing-Report« berichteten etwa 86 Prozent der Befragten mit Mobbing-Erfahrungen über psychische und physische Beeinträchtigungen wie Schlafstörungen, Depressionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Knapp 44 Prozent der von Mobbing Betroffenen wurden arbeitsunfähig; etwa die Hälfte davon war mehr als sechs Wochen lang krank.

Um die Gesundheit der Beschäftigten zu schonen und betriebliche Kosten zu senken, ist es wichtig, Arbeitsplatzkonflikte frühzeitig zu erkennen und so zu bearbeiten, dass Mobbing erst gar nicht entstehen kann. In einem gemeinsamen Pilotprojekt mit drei Kliniken haben die BGW und die Ärztekammer Nordrhein mögliche Wege des Konfliktmanagements und der Prävention von Mobbing in Krankenhäusern erprobt. Daraus ist eine Handlungsempfehlung für Kliniken entstanden, die konkrete Hilfestellung zur Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von betrieblichen Maßnahmen gibt.

Grafik: Mobbing als Spitze des Eisbergs

Mobbing ist nur die Spitze des Eisbergs

Mobbing-Handlungen passieren nicht aus heiterem Himmel. Bevor es zu Mobbing kommt, liegt im Betrieb schon längere Zeit einiges im Argen. Es herrscht ein Klima der Konfliktvermeidung, der Angst vor negativer Veränderung, des schlechten Vorgesetztenverhaltens und der unklaren Arbeitsabläufe. Dieser »Nährboden« hat insgesamt sehr ungünstige Auswirkungen auf den Betrieb – und Mobbing ist dabei nur die Spitze des Eisbergs, das Problem beginnt schon viel früher (siehe Abbildung).

Eine sinnvolle Prävention muss ansetzen, lange bevor Mobbing überhaupt entsteht. Es muss gelingen, ein Betriebsklima zu schaffen, in dem Konflikte gelöst werden und sich Mitarbeiter akzeptiert und wertgeschätzt fühlen. Die eigentliche Mobbing-Prävention besteht also darin, eine Konfliktlösungs-Kultur im Unternehmen aufzubauen. Tipps dazu liefert die neu entwickelte Handlungsempfehlung der BGW für Krankenhäuser.

Mobbing zum Thema machen

Mit gezielter interner Öffentlichkeitsarbeit und der Sensibilisierung der Mitarbeiter zeigt eine Klinikleitung, dass ihr das Thema wichtig ist und Mobbing nicht akzeptiert wird. Wenn »Mobber« mit Sanktionen rechnen müssen, haben antisoziales Verhalten und Mobbing kaum eine Chance.

Maßnahmen sind zum Beispiel:

  • Stellungnahmen von Klinikleitung und Interessenvertretung zur Bedeutung des partnerschaftlichen Umgangs am Arbeitsplatz
  • Verankerung eines Mobbing- und Diskriminierungsverbots im Leitbild der Klinik
  • Thematisierung im jährlichen Mitarbeitergespräch
  • Artikelreihe in der Klinikzeitung, Vortrag auf der Betriebsversammlung
  • Aufnahme des Themas Mobbing und Diskriminierung in der routinemäßigen Mitarbeiterbefragung

Gute Führung kann Mobbing verhindern

Einen wichtigen Beitrag zur Prävention von Mobbing leistet die Führungskraft. Gute Führung lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Faire und konfliktfähige Vorgesetzte haben zufriedene Mitarbeiter. Dabei fällt eine gute Führungskraft genauso wenig vom Himmel wie ein kompetenter Facharzt. Führung kann und sollte gelernt werden.

Zur Prävention von Mobbing sollten Führungskräfte

  • klare Zuständigkeiten schaffen und Rückmeldung über Arbeitsergebnisse geben
  • Mitarbeiter an Entscheidungen beteiligen
  • selbst Vorbild im Umgang mit Konflikten sein
  • Signale für Missstimmungen im Team wahrnehmen und darauf reagieren
  • ansprechbar sein für Konflikte und Probleme auch selbst ansprechen

Dabei sollten sich die Führungskräfte nicht scheuen, weitere Hilfe anzufordern. Je länger sie einem Ausgrenzungs- oder Mobbing-Prozess tatenlos zuschauen, umso negativer werden die Folgen für den Betroffenen, aber auch für die Abteilung sein.

Anlaufstellen bei Konflikten

Eine hilfreiche Maßnahme zur Verbesserung der Konfliktkultur ist der Aufbau einer Konfliktberatungsstelle. Dieser Schritt muss allerdings gut vorbereitet werden und braucht einen langen Atem. Damit das Angebot angenommen wird, muss die Konfliktberatung freiwillig und unparteiisch erfolgen und Verschwiegenheit garantiert sein.

Konfliktberater geben Rat und Unterstützung bei Differenzen am Arbeitsplatz. Wenn die Konfliktberatung keine einvernehmliche Klärung erzielt, sollte in der nächsten Stufe ein Schlichtungsverfahren vorgesehen werden. Möglich sind innerbetriebliche Schlichtungsstellen oder die Einbindung eines externen Mediators.

Ansatzpunkte zur Prävention von Mobbing

  • Öffentlichkeitsarbeit im Betrieb zur Verhinderung von Mobbing und Diskriminierung
  • Entwicklung und Verabschiedung einer Betriebsvereinbarung zum partnerschaftlichen Umgang miteinander im Krankenhaus
  • Schulungen von Führungskräften zum Thema Kommunikation, Umgang mit Arbeitsplatzkonflikten und Mobbing
  • Qualifizierung von Beschäftigten zu betrieblichen Ansprechpartnern (Konfliktlotsen) zur Klärung von Arbeitsplatzkonflikten
  • Aufbau einer ständigen, hausinternen Beratungsstelle als Anlaufstelle bei Arbeitsplatzkonflikten und Mobbing-Vorfällen
  • Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Beratungsstelle im Konfliktmanagement und in der Prävention von Mobbing

Ratschläge für Betroffene

Wenn Sie das Gefühl haben, gemobbt zu werden, sollten Sie zunächst die eigene Situation genau analysieren. Hilfreich sind zum Beispiel folgende Fragen:

  • Wodurch und durch wen fühle ich mich beeinträchtigt?
  • Was könnte sich dahinter verbergen?
  • Welche Lösungen halte ich für denkbar?

Haben Sie Ihren Standpunkt geklärt, stehen Ihnen folgende Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung:

  • Tagebuch führen
  • Vertrauenspersonen als Ratgeber oder Zeugen suchen
  • den Widersacher direkt ansprechen – aber nur gut vorbereitet!
  • die Konfliktberatungsstelle oder den Vorgesetzten einschalten
  • Betriebsrat/Personalrat und/oder Personalabteilung einschalten
  • externe Hilfe einholen
  • rechtliche Schritte erst einleiten, wenn alle anderen Maßnahmen versagt haben

Interessierte Kliniken können die Handlungsempfehlung »Konfliktmanagement und Mobbingprävention« (TP-KmMo4U) bestellen oder herunterladen.

Autor(en): Pamela Ostendorf